Warum bedroht Russland die Ukraine wirklich?

Immer mehr Kampfverbände der russischen Streitkräfte marschieren rund um die Ukraine auf, nun auch an der Nordgrenze zu Belarus. Die Gründe für diese militärische Bedrohung eines Nachbarlandes werden jedoch weitgehend missverstanden. Putin ist kein Möchtegern-Hitler, der die Welt erobern will und selbst sein eigener Aufsatz, der den Ukrainern abspricht, ein eigenes Volk zu sein und damit als ideologische Begründung eines irredentistischen Vorgehens dienen könnte, verkehrt meines Erachtens Ursache und Wirkung. Er dient der Rechtfertigung des als notwendig empfundenen und erzeugt diese Notwendigkeit nicht erst.

Putin ist kein irrationaler Akteur

Eigene Annahmen auf den Feind zu projizieren ist ein Kardinalfehler der Militärwissenschaft. Die Motive für das Vorgehen eines Gegners zu erkennen, erörtern und zu erklären, ist dabei kein Zeigen von Verständnis, kein Billigen der Handlungen, sondern essentiell, um adäquat reagieren zu können. Schon Sun Tsu (Sunzi), der Großmeister der Strategie, der übrigens von russischen Offizieren studiert werden muss, sagte schon vor 2.500 Jahren:

Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen. “

Kommentatoren und Leser machen es sich unheimlich einfach, wenn sie den russischen Despoten Putin zu einem Wiedergänger Hitlers oder Stalins erklären; zu einem Dschingis Khan, der einfach nur die Gunst der Stunde nutzen um sein Reich zu erweitern. Während Russland unter Putin bar jeder moralischer Einschränkungen agiert, ist das Verhalten aber dennoch klar rational und aufgrund von strategischen Überlegungen bestimmt.

Der russische Präsident war hoher Offizier von KGB und FSB; Geopolitik und -Strategie waren daher Teil seiner Ausbildung. Während man Putin sicher sehr vieles vorwerfen kann, sollte man nicht den Fehler machen, ihm Dummheit zu unterstellen. Er weiß genau, was er hier tut und was mögliche Konsequenzen sind.

Geographie ist Geopolitik: Russlands strategische Bedrohungen

Russland mag sich von den Grenzen des Baltikums bis nach Wladiwostok am Japanischen Meer erstrecken, von Bedeutung ist jedoch nur der europäische Teil Russlands. Sollte China die ungleichen Verträge von 1858 und 1860 militärisch revidieren und die Äußere Mandschurei, also das Gebiet östlich der Volksrepublik hin zum Japanischen Meer besetzen, so würde Russland zwar einige Rohstoffquellen und ein paar Städte verlieren, es wäre strategisch jedoch nicht bedroht.

In Europa fand jedoch, so Putin 2005 selbst, „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ statt: der Zerfall der Sowjetunion. Dies bedeutete nicht nur einen Machtverlust durch ein um 40 % kleineres Staatsgebiet und rund 100 Millionen weniger Menschen, für den Kern der Sowjetunion, Russland, führte es langfristig zu einer erheblich verschlechterten Sicherheitslage.

Anders als im in zwei Weltkriegen besiegten Deutschland hat man in Russland dem Krieg nicht abgeschworen und glaubt so naiv wie in der BRD, dass wenn man selbst keinen Krieg führt, dies auch niemand sonst tun wird. Russland ist kein Teil des Westens und war es auch nie. Krieg ist immer eine künftige Möglichkeit, auch völlig ohne eigene Aggression. Daher muss der Staat sich darauf vorbereiten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Russland jedoch seine wichtigste Waffe zum Besiegen von Invasoren aus dem Westen verloren: Die Weite des Raumes. Wann immer ein Invasor aus dem Westen besiegt wurde, ob es nun Napoleon oder Hitler war, wurde die fast unermessliche Weite des russischen Raumes genutzt, um dem Vorstoß des Feindes die Wucht zu nehmen, indem man Land gegen Zeit tauscht. Immer längere Kommunikationslinien, die durch Partisanen und Truppen mit Guerilla-Taktiken bedroht werden, wurden mit einer Politik der verbrannten Erde verbunden, um dem Feind das Heranführen von Nachschub zu erschweren, eine Versorgung aus dem Land zu verunmöglichen und ihn durch zerstörte Infrastruktur zu verlangsamen.

Während die einmarschierende Streitkraft langsam aber stetig ausblutet, verkürzen sich unterdessen die russischen Kommunikationslinien. Reserven, wie auch neu aufgestellte Truppen, haben Zeit sich zu versammeln und ausgebildet zu werden. Diese Taktik hat gegen zwei der ambitioniertesten Feldherren der jüngeren Geschichte, Napoleon und Hitler, funktioniert.

Heute ist Estland nicht nur unabhängig, es ist auch Teil der Nato geworden. Mit dem Auto erreicht man zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels das Zentrum von Sankt Petersburg in nur zweieinhalb Stunden.

Quelle: Google Maps

Vom ukrainischen Hluchiw ist das Zentrum Moskaus in rund sieben Stunden per Auto zu erreichen.

Quelle: Google Maps

Die Zeiten, in denen die Weite des russischen Raums die beiden Herzen Russlands, Sankt Petersburg und Moskau, schützen konnte, sind mit der Unabhängigkeit des Baltikums, von Belarus und der Ukraine vorbei.

Wenn man die Brille der naiven Deutschen ablegt, die fest zu glauben scheinen, dass Krieg abgeschafft wurde, so erkennt man, wieso der Kreml über diese Veränderung der strategischen Lage besorgt ist.

Strategie bedeutet langfristiges denken

Die NATO ist ein defensives Bündnis. Sie hat weder die Absicht, noch die innere Struktur für einen Überfall auf Russland. Russische Sorgen könnten daher aus dem Westen als lächerlich, unbegründet und absurd bezeichnet werden. Ein Staatslenker mit einem Verantwortungsgefühl für das langfristige Wohlergehen seines Landes muss jedoch potentielle Veränderungen der Weltlage bedenken. Für Russen ist dies umso mehr von Bedeutung, als für sie der Zerfall der Sowjetunion tatsächlich eine traumatisierende Veränderung der geostrategischen Lage bedeutet und zudem die Unbeständigkeit aller gefühlten Gewissheiten belegt.

Nichts hat die geographische Sicherheit Russlands mehr verändert – und verschlechtert – als der Zerfall der UdSSR. Dies darf nicht so missverstanden werden, dass der normale Russe dem KGB, den Gulags und der sowjetischen Unterdrückung nachtrauert. Während all dies die Sowjetunion war, bedeutete sie doch genau diese Tiefe des Raumes, die oben erwähnt wurde.

Ein russischer Präsident, der sich nicht in die Arme des Westens werfen und eigene Interessen denen der EU und der NATO (und damit den USA) unterwerfen will, komme was wolle, muss daher zumindest in einer gerne auch fernen Zukunft auf eine echte Bedrohung aus dem Westen vorbereitet sein.

Als jemand, der Putins Intelligenz für gegeben hält, würde es mich nicht im Geringsten wundern, wenn er im privaten Zwiegespräch unter voller Verschwiegenheit sagen würde, dass die NATO natürlich Russland gerade nicht bedroht. Aber, und das ist das Entscheidende, dies könnte sich irgendwann durchaus ändern.

Russland kann keine Ukraine in der NATO dulden

Ein NATO-Beitritt der Ukraine steht nicht mehr unmittelbar bevor und wurde möglicherweise dauerhaft mit der Annexion der Krim verhindert, zumindest, bis Kiew einen Verzicht auf die Halbinsel erklären würde, was zu unseren Lebzeiten aber wohl eher unwahrscheinlich ist. Dazu dienen die beiden „Separatisten-Republiken“ dazu, dass die Ukraine in einem permanenten militärischen Konflikt ist. Nichts, was die meisten NATO-Mitglieder in ihrem Bündnis haben wollen.

Inzwischen ist jedoch nicht nur eine Mehrheit der Ukrainer für den NATO-Beitritt, die Aggressionen Russlands haben auch dazu geführt, dass die demokratische Ukraine im Westen viele Sympathien gewonnen hat. Sympathien, die dazu führen können, dass man dem zweitgrößten Land Europas die Sicherheit in den Armen der NATO anbieten möchte.

Sollte die Ukraine jedoch der NATO beitreten, wäre die ohnehin bereits verschlechterte geostrategische Lage Russlands untragbar. Nicht nur, dass die Ukraine als Nachbarland direkt an das russische Kernland angrenzt, Russland und die Ukraine teilen 1974 km gemeinsame Grenze. Vom Osten des Landes sind es nur 400km nach Wolgograd, wo der Verkehr auf der Wolga unterbrochen und der russische Kaukasus vom Rest des Landes abgeschnürt werden kann. Russland könnte daher im Besonderen an der Ostgrenze der Ukraine im Kriegsfall kein Territorium gegen Zeit tauschen.

Eine Ukraine in der NATO würde auf Dauer zudem zu Stationierungen von NATO-Truppen führen, gerade wenn sich die Beziehungen (weiter) verschlechtern. Russland, das gerade einmal das BIP von Kanada hat, müsste darauf mit massiven Truppenstationierungen reagieren. Selbst wenn nur 100 Soldaten je Kilometer stationiert werden würden, was weitaus zu wenig ist, um einen überraschenden und entschlossenen Vorstoß aufzuhalten, wären das alleine 200.000 Mann nur als Garnison an der Grenze. Verbunden mit der notwendigen Logistik, den notwendigen mobilen Reserven und Luftstreitkräften zur Unterstützung, sowie den Kosten für die Infrastruktur würde eine solche Situation die russischen Möglichkeiten schlicht überschreiten.

Die russischen Streitkräfte wären damit entweder in ihre Gänze zum Dasein als Garnisonstruppen an der ukrainischen Grenze verdammt, was alle anderen Grenzen entblößt und Russland dazu jede Fähigkeit zur Projizierung militärischer Macht woanders nimmt, oder aber Russland müsste seine Streitkräfte massiv aufstocken. Bei einer überalternden Gesellschaft, und einer alleine letztes Jahr um eine Million (!) geschrumpften Bevölkerung ist dies nichts anderes als eine Garantie des Staatsbankrotts.

Russland hat damit praktisch keine andere Wahl, als einen Beitritt der Ukraine mit allen Mitteln zu verhindern!

Dass Putin jetzt handelt, hängt dabei mit der Unterstützung der Ukraine aus dem Westen zusammen. Als russische Truppen zusammen mit Söldnern und Freiwilligen 2014 gegen die Ukrainische Armee kämpfte, waren die ukrainischen Streitkräfte ein Papiertiger, dessen Material eher Altmetall, denn Kriegsgerät war. Nur eine von drei Panzerabwehrraketen detonierte überhaupt, wenn sie einen russischen Panzer traf. Die anderen zwei Mal exponierte sich der ukrainische Schütze, gab seine Position dem Feind bekannt, ohne auch nur eine Chance, Schaden anzurichten. Jetzt wurden in den letzten Jahren, und gerade in den letzten Tagen, mehrere tausend (!) hochmoderne Panzerabwehrraketen geliefert, die auch gegen die modernsten russischen Panzer effektiv sind. Diese Waffenlieferungen, verbunden mit Ausbildung, finden nun seit fast acht Jahren statt und intensivieren sich weiter. Je länger Putin wartet, desto teurer wird eine Invasion der Ukraine. Wo heute vielleicht 10 oder 15.000 Gefallene erwartet werden könnten, sind es in fünf Jahren schon 20 oder 25.000. Das setzt Russland unter Zugzwang.

Russlands langfristige strategische Notwendigkeit: Die Karpaten

Angesichts anhaltender wirtschaftlicher Schwäche und der schrumpfenden Bevölkerung ist eine Neutralisierung oder Einverleibung der Ukraine keinesfalls alles, was Russland aus strategischer Sicht benötigt. Mangels Möglichkeiten zum Unterhalt einer Armee von mehreren Millionen Mann bleibt Russland mittelfristig nur eine Verkürzung der Frontlinie in Richtung Westen.

Die osteuropäische Tiefebene, die in Polen beginnt und bis zum Ural reicht, hat außer Flüssen keine nennenswerten geographischen Barrieren, die militärische Großverbände aufhalten können. Soll ohne eine substantielle Vergrößerung seiner Landstreitkräfte die Zahl der Soldaten je Kilometer Grenze im Westen stabilisiert werden, muss die Grenze verkürzt werden. Dazu muss jedoch nicht nur die Ukraine, sondern auch Belarus und das Baltikum unter Kontrolle gebracht werden. Ob dies mittels Annexion, Bündnis oder freundlich eingestellter Regierung geschieht, ist im Prinzip zweitrangig. Auf Dauer wird eine russische Regierung, ob unter Putin oder nicht, ist dabei irrelevant, an diesem Ziel arbeiten – weil sie daran arbeiten müssen.

„Lage der osteuropäischen Tiefebene und ihrer Landschaften“. Maximilian Dörrbecker CC BY-SA 2.5

All dies heißt nicht, dass man das russische Verhalten goutieren müsste oder dass die Ukraine als souveräner Staat nicht das Recht auf eine selbstbestimmte Außenpolitik hätte, die auch die Wahl eines Bündnisses einschließt. Es erklärt jedoch, wieso Russland tatsächlich Krieg riskieren und verheerende Sanktionen in Kauf nehmen könnte.

Ob es angesichts dessen aber im Interesse der NATO und Deutschlands ist, die Ukraine in die NATO zu holen, ist eine andere Frage. Eine Frage, die hier in Kürze in einem eigenen Artikel erörtert werden wird.

Mein letztes Buch befasst sich mit der „Flüchtlingskrise“ und ist hier käuflich zu erwerben: Nein, wir schaffen das nicht!: Warum die aktuelle Flüchtlingskrise zu einer Staatskrise wird.

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Die Flüchtlinge dienen als Waffe

 

Auch wenn der Hinweis auf die „Flüchtlingswaffe” vor allem von rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Seiten kommt, so wäre es falsch, eine Nutzung der Einwanderungswelle nach Europa als Waffe a priori auszuschließen.

Nicht nur, dass Griechenlands Verteidigungsminister im März 2015, also noch Monate vor Beginn des Massenansturms, offen damit gedroht hatte, „Flüchtlinge” mit Reisepapieren auszustatten, damit sie nach Deutschland könnten, um so Druck im Streit um die griechischen Schulden auszuüben. Im März 2016 tat es ihm Frankreich nach, als der französische Wirtschaftsminister damit drohte, den im „Dschungel von Calais” befindlichen „Flüchtlingen” die Weiterreise nach Großbritannien zu ermöglichen, sollte sich das Land für einen Austritt aus der EU entscheiden.

Doch während eine Nutzung der „Flüchtlinge” als politisches Druckmittel damit belegt ist, ist es keineswegs so, wie es die üblichen Verdächtigen der Verschwörungstheoretiker wieder einmal sehen, nämlich dass die USA dahinter stehen. Spätestens seit dem Spätsommer 2015 steckt nämlich Russland dahinter.

 

Russland führt mit Flüchtlingen Krieg gegen Europa.

Dass die aktuelle Regierung in Griechenland, gebildet aus Rechts- und Linksradikalen, ein gutes Verhältnis zu Russland hat, ist bekannt. Schon im Januar 2015 schrieb Benjamin Prüfer, dass Putin Griechenland zur Spaltung der EU nutzen würde.

Nach der russischen Aggression gegen die Ukraine hatte auch die EU Sanktionen gegen Russland verhängt, die der russischen Wirtschaft inzwischen massiv schaden. Dabei wirken bislang auch Staaten mit russlandfreundlichen Regierungen wie Ungarn oder Griechenland im Rahmen einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik der EU mit. Spätestens seitdem die wirtschaftliche Macht der EU in Russland so sichtbar geworden ist, ist auch die Spaltung der EU zu einem strategischen Ziel des russischen Machthabers geworden, der sich zuvor wegen der militärischen Impotenz der EU mehr auf das Militärbündnis NATO konzentriert hatte.
Seither nutzt Russland seine aus Medien, Politikern und Parteien bestehende „Fünfte Kolonne” innerhalb der EU, um ihren Zusammenhalt zu schwächen. Dabei werden gerne auch mal Millionenkredite an Europakritische Parteien wie die Front National in Frankreich vergeben, die als Nationalisten überraschenderweise kein Problem damit haben, sich aus dem Ausland finanzieren zu lassen.

Mit der seit dem Sommer 2015 anlaufenden Flüchtlingskrise ist auch der Zusammenhalt innerhalb der EU massiv gefährdet worden, wie in meinem in Kürze erscheinenden Buch zur Flüchtlingskrise gezeigt werden wird. Dazu war auch Merkels Amt als Bundeskanzler zwischenzeitlich massiv gefährdet, auch wenn sie im Moment wieder etwas Luft zu bekommen scheint. Angela Merkel sei der einzige Regierungschef, den Putin respektiere.

Im September 2015 hat Russland mit einer militärischen Intervention in Syrien begonnen. Dabei führte seine Luftwaffe nicht nur Luftnahunterstützung für die syrischen Regierungstruppen durch, vor denen die meisten Syrer fliehen, sondern auch Flächenbombardements, deren militärische Nutzen sehr beschränkt ist und bestenfalls im Verbreiten von Terror gegenüber der Zivilbevölkerung liegt. Dabei wird Russland aber auch vorgeworfen gezielte Bomben einzusetzen, beispielsweise gegen Krankenhäuser.

Die Offensiven der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten, aber auch die gewaltigen Bombardements durch russische Luftstreitkräfte führen inzwischen zu Massen an neuen Flüchtlingen. Im Besonderen die Regierungsoffensive in Richtung Aleppo hat dabei Zehntausende Menschen in die Flucht geschlagen.

All diese Menschen erzeugen einen weiteren Migrationsdruck in Richtung EU, der die EU-kritischen bis EU-feindlichen Parteien innerhalb der EU weiter stärkt, den „Brexit”, also den Austritt Großbritanniens aus der EU, wahrscheinlicher Macht und letztendlich auch an Merkels Stuhl wackelt. Sollte Merkel unter der Flüchtlingskrise stürzen, würde Putin den einzigen Gegenspieler verlieren, den er respektiert. Bei einem Nachfolger könnte er dann wohl alsbald auf ein Ende der Sanktionen hoffen.

Während mit Hilfe von russischen Waffen so neue Flüchtlinge geschaffen und auf den Weg geschickt werden, steuert die staatsnahe und in Staatshand befindliche russische Presse zugleich die Stimmung der Russlanddeutschen in der Bundesrepublik. Als die russische Presse eine erfundene Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens durch Migranten verbreitete, die angeblich nicht durch die Polizei verfolgt würde, fanden sich Russlanddeutsche bundesweit zu Demonstrationen zusammen, um ihre Kinder zu schützen. Indem die von Russland gesteuerte Presse so mit Lügen die Russlanddeutschen gegen die Regierung aufbrachte, steigerte sie zugleich die Gefahr von Vigilantismus durch ebendiese.

Dass Russland die Flüchtlinge als politische Waffe gegen die EU einsetzen würde, davor hatte bereits im Oktober 2015 der ukrainische Ministerpräsident gewarnt. Inzwischen sagt auch der NATO-Oberbefehlshaber für Europa, General Philip Breedlove das Gleiche.

 

In der Tat hat Russland wesentliche Zügel für die „Flüchtlingskrise” in der Hand. Seine Waffenlieferungen haben das Regime in Damaskus, vor dem die meisten außer Landes geflohenen Syrer flüchten, über Jahre an der Macht gehalten. Russlandfreundliche Politiker sitzen in Griechenland in der Regierung und führen dort kein Grenzregime, das die Flüchtlinge am Betreten oder Verlassen Griechenlands in Richtung EU hindern würde. EU-kritische und Zuwanderung ablehnende Parteien innerhalb der EU erhalten Unterstützung durch Russland und russische Bomben bringen weitere Flüchtlingsstrome auf den Weg. Es ist hier schlicht offensichtlich, dass es wenigstens ein angenehmer Nebeneffekt der russischen Politik in Syrien ist, dass die EU und Merkels Kanzlerschaft durch sie gefährdet wird. Die Art der Bombardements und die zivilen Ziele machen den Vorwurf einer dahingehenden russischen Absicht praktisch belegbar. Dass inzwischen auch Menschen aus Russland selbst über die Grenze nach Europa geschickt werden, ist nur noch ein weiterer Mosaikstein im ganzen Bild.

Dabei muss es keineswegs endgültig erfolgreich sein. Auch ohne einen fertig abgeschlossenen Erfolg erlangt Russland eine starke Verhandlungsposition, wenn es um ein Ende der Sanktionen gegen seine Wirtschaft geht. „Entweder ihr hebt die Sanktionen auf oder ich schicke noch einmal 500.000 Syrer zu Euch.”

 

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Putin komplettiert Assads Meisterwerk

Die russischen Luftstreitkräfte sind nun offiziell zu Luftangriffen übergegangen. Damit wird Russland Kriegspartei in Syrien. Was bei Angriffen auf den Islamischen Staat zu begrüßen sein könnte, ist tatsächlich jedoch eine Katastrophe für Syrien und komplettiert Assads Meisterwerk.

 

Assad wollte eine möglichst radikale Opposition

In „Assads Meisterwerk“ habe ich beschrieben, wie Assad die Opposition gezielt radikalisierte. Extremisten wurden per Amnestie lange nach Beginn des Aufstands gegen ihn aus Gefängnissen entlassen.  Sobald klar war, dass er es mit einen waschechten Aufstand zu tun hatte den er nicht binnen weniger Tage würde erstücken können, traf seine Regierung eine folgenschwere, aber nicht minder geniale Entscheidung.  „Putin komplettiert Assads Meisterwerk“ weiterlesen

Ein russischer nuklearer Erstschlag: Das undenkbare Denken

Inzwischen ist es klar: Russland führt eine Invasion in seinem Nachbarland durch. Noch immer nur mit einigen tausend Soldaten und vielleicht 20.000 Söldnern, aber eben mit seinen regulären Streitkräften. Was vor einem Jahr undenkbar schien, ist heute Tatsache. Ein Land in Europa überfällt ein anderes um sein Territorium mit militärischen Mitteln zu erweitern. Der Staatsführer des Landes lügt seine Kollegen offen an. Er verhandelt und erklärt Friedenswünsche, während seine Panzer bereits den Marschbefehl haben. Er bedient sich machiavellistischer Methoden, von denen der Westen fest überzeugt war, sie gehörten in Europa der Vergangenheit an.

Eine Kernwaffe detoniert. Symbolbild.
Eine Kernwaffe detoniert. Symbolbild.

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Sender Gleiwitz in der Ostukraine

Hitler-Vergleiche sollten möglichst sparsam genutzt werden, da sie bei inflatioinärem Gebrauch indirekt das 3. Reich verharmlosen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die russischen Aktionen in der Ostukraine manchen Beobachter mit ungläubig geöffnetem Mund dastehen lassen und Erinnerungen an die späten 30er Jahre wecken. Putin ist auf dem besten Weg den nächsten Krieg, zu provozieren – und die Welt sieht zu.

Russischer Speznaz-Soldat
Unter den Fotobeweisen ist auch dieser russische Speznas-Soldat, erkennbar an dem Abzeichen am Arm. Das Bild mit dem Abzeichen ist 2008 in Georgien aufgenommen worden, Auf den beiden rechten Fotos ist er 2014 in den ostukrainischen Städten Kramatorsk und Slowyansk zu erkennen.

Wo ist noch der Unterschied zu 1938/39?

In zunehmendem Maße stellt sich die Frage, wo noch die Unterschiede zwischen 1938 und 1939 sind. Wie die Tschechoslowakei wurde auch die Ukraine übers Ohr gehauen, nur dass sie dieses Mal mit am Tisch sitzen durfte – was freilich keinen Unterschied machte. Wie seinerseits Hitler, kümmert sich Putin einen Dreck um die schriftliche Vereinbarung, die „Peace in our time“ sichern sollte. Vielmehr hat Russland die Verhandlungen bezüglich der Ukraine wohl nur geführt, um Zeit zu gewinnen. Zeit, in der es keine weiteren Sanktionen geben wird, während einerseits die Separatisten ihre Position in der Ostukraine verfestigen konnten, während die ukrainische Regierung ihre Militäraktion gestoppt hat. Dies erinnert an die viele Jahre dauernden 5+1 Verhandlungen, wo Russland in erster Reihe sitzend lernen konnte, wie Verhandlungen mit dem Westen wunderbar Zeit kaufen können.

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Putins Optionen in der Ostukraine

Mit der Ausrufung der „Souveränen Volksrepublik Donezk“ scheint Russland eine neue Gelegenheit gegeben zu werden, gegen die Ukraine vorzugehen und vielleicht weitere Landesteile abzuspalten. Nachdem es zunächst nach einer Entspannung aussah, eskaliert die Lage nun jedoch wieder.

Wladimir Putin, der Präsident Russlands. Foto: www.kremlin.ru.
Wladimir Putin, der Präsident Russlands. Foto: www.kremlin.ru.

Zunächst die Krim

Ob es langer Hand geplant war und tatsächlich der russische Geheimdienst seine Hände im Spiel hatte, als Scharfschützen Demonstranten auf dem Majidan töteten, ist noch nicht geklärt. Es wird vielleicht auch nie belegt werden. Aktuell deutet es darauf hin, dass es Berkut-Polizisten waren. Sowohl Berkut wie auch SBU sind jedoch massiv mit russischen Agenten unterwandert. Klar war jedoch, dass Russland diese Gelegenheit nutzen würde um die Kontrolle über die Krim zu übernehmen, wie ich es bereits am 01. März 2014 angekündigt habe.

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Warum Russland doch nicht in der Ostukraine einfallen könnte

Ich war gestern etwas vorschnell. Das angebliche Ultimatum passte in das Bild einer Salami-Taktik und die vorhandenen Aussagen machten einen Einmarsch in der Ostukraine durchaus möglich. Auch wenn ich bei der Grundaussage bleibe, dass die Übernahme der Krim nicht Russlands letzte Militäraktion sein wird und Russlands Nachbarn „disziplinieren“ soll und wird, was inzwischen auch die WELT schreibt, so scheint eine Invasion der Ostukraine doch unwahrscheinlich.

Ethnische Russen in der Ukraine
Anteil der ethnisch russischen Bevölkerung in der Ukraine beim Zensus von 2001. Via Wikimedia CC-BY-SA 2.5 by Kuban Kazak

Putin erklärt es bestehe aktuell keine Notwendigkeit für Truppen in der Ukraine

Wie der FOCUS berichtet, hat der russische Präsident auf einer PK erklärt, aktuell bestehe keine Notwendigkeit für Truppen in der Ukraine. Wichtig ist hierbei das Wort „aktuell“, es passt aber zu dem, was man ansonsten findet:

„Warum Russland doch nicht in der Ostukraine einfallen könnte“ weiterlesen