Claas Relotius: Der Spiegel bekam, was er wollte

Es erscheinen gerade im Minutentakt neue Artikel über einen der größten Betrugsfälle der jüngeren Geschichte des Journalismus. Selbst meine Idee, einen Relotiuspreis für besonders kreative Journalisten mit hohem moralischen Sendungsbewusstsein auszurufen, ist mir von Henryk Broder zumindest ansatzweise bereits vorweggenommen worden.

Von Flüchtlingskindern, denen Angela Merkel (wie Heilige oder Propheten) im Traum erscheint, von Flüchtlingen die Geld finden und es zurückgeben, von jungfräulichen Trump wählenden Bürgermeistern, die noch nie das Meer gesehen haben und auf Facebook mit ihrer Frau am Meer posieren… er legte selbst der letzten Überlebenden der NS-Widerstandsgruppe Weiße Rose in den Mund, sie bete nie, nun bete sie aber gegen die AfD.

Von mir daher nur zwei Sachen:

Der Spiegel versucht, seriös zu sein

Im Unterschied zu vielen „alternativen Medien“ oder gar russischer Staatspropaganda, versucht der Spiegel seriös zu sein. Der Fall wird aufgearbeitet, auch wenn er garantiert dramatische finanzielle Folgen haben wird. Vielmehr hätte man mit Relotius auch einfach ein Schweigeabkommen schließen und den Fall verschwinden lassen können.

So würden es viele „alternative Medien“ machen, während Staatsmedien im Osten das Thema gleich ganz unterdrücken würden.

Das ändert nichts daran, dass ich den Spiegel als Drecksblatt empfinde. Was mich zum zweiten Punkt führt.


Der Spiegel wollte belogen werden

Den Amerika-Korrespondenten des Blattes, Marc Pitzke, nenne ich seit vielen Jahren „Anti-Amerikakorrespondent„. Das Blatt hat unter anderem solche Schlagzeilen veröffentlicht:

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Wohlgemerkt: „erwidert“!

Relotius konnte sein Spiel überhaupt nur treiben, weil er genau das schrieb, was im Verlagshaus feste Überzeugung und grundliegendes Weltbild ist. Dass Trump-Wähler alles Iditioten sind weiß man dann dort genauso, wie dass „Flüchtlinge“ tatsächlich alle nur aus aufrechten Motiven gekommen sind, dass die AfD die nächste NSDAP ist und dass Merkel die Reinkarnation von Jesus Christus ist, wenn es um Migration geht.

Relotius gab in der Redaktion wunderschön geschriebene Texte ab, die den Überzeugungen seiner Chefs ensprachen. Daher wurden sie gedruckt und auf aufwendige Überprüfung verzichtet. Wieso auch, man wusste ja, dass das Gesagte der Realität entspricht.

Oder anders gesagt: Claas Relotius hat seinen Job gemacht. Er war nur etwas zu engagiert dabei.

An sich sollte daher keiner den Relotius-Skandal brauchen, um dieses Produkt unsinnigen Baummordes zu lesen. Wer aber das präsentierte Weltbild teilt, den wird der Spiegel mit seinen Gegenmaßnahmen garantiert überzeugen können. Denn im Grunde genommen wissen die Leser ja, dass Relotius doch Recht hatte. Oder wie es Alexander Wendt so schön satirisch geschrieben hat:

Wie aus guten Kreisen verlautet, haben Medienmitarbeiter der Millennial-Generation Konsequenzen aus dem Fall Claas…

Posted by Alexander Wendt on Friday, December 21, 2018

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