Afghanistan: Niederlage auf Ansage

Nur ein einziges Mal hat die Bundeswehr gekämpft, für ein halbes Jahr in Kundus, wo sie sich als wenig gefechtsfähig erwies. US-Truppen haben sie rasch wieder abgelöst. Hochrangige afghanische Politiker spotten über die deutsche Armee. Dass sie zu kämpfen verlernt habe. Deutsche Kommandeure stellen die Sicherheit ihrer Soldaten über die Sicherheit des Landes. So lautet auch der Marschbefehl aus Berlin. Mittlerweile haben sie sich ganz in ihrem Camp bei Masar-i-Scharif eingeigelt. Die meisten Soldaten sehen während ihrer Zeit in Afghanistan keinen einzigen Afghanen. Deutsche Offiziere, die den Krieg nur aus Simulationen und vom oberpfälzischen Truppenübungsplatz kennen, beraten den afghanischen Generalstab in Sachen Kriegsführung. 
Ich habe schon vor vielen Jahren geschrieben, dass der Krieg verloren sei und man nur noch die Niederlage hinauszögere. Wer nicht bereit ist, einen Krieg um jeden Preis zu gewinnen, der muss sich darauf vorbereiten, ihn zu verlieren. Und der wird ihn höchstwahrscheinlich auch verlieren, wenn die Gegenseite ihn unbedingt gewinnen will, was auch immer es kostet.
 
Ich erinnere mich an den Winter 2001/2002, als man das Bild vermittelte, in Afghanistan würde es bald eine pluralistische westliche Demokratie geben. Als ob es nur noch eine Frage von Monaten, höchstens wenigen Jahren wäre, dass es in Kabul ein Viertel gebe, das für seine Schwulenbars bekannt sei und dass im Stadtpark schon bald ein FKK-Bereich eingerichtet werde.
 
Wer aber mit größtmöglichen Erwartungen in einen Krieg zieht und ihn mit kleinstmöglichen Mitteln führt, der garantiert das Scheitern. Wenn Deutschland (und der Westen) nicht bereit war, (zehn-)tausende Soldaten notfalls auch über Jahrzehnte in dem Land zu lassen, es zu seinem pluralistischen Glück zu zwingen und dabei unzählige eigene Soldatenleben und zig Milliarden zu versenken, dann hätte man die Ziele niedriger stecken sollen. Man hätte vielleicht einfach die Nordallianz zum Sieg bomben sollen und sie anschließend machen lassen sollen, was sie eben tut. Völlig egal, was das ist, solange nur keine Terroristen mehr von dort kommen.
 
Denn jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Land wieder unter Kontrolle einer islamistischen Regierung ist. Ob diese dann freiwillig auf einen Export ihrer Ideologie und Kämpfer in den Westen verzichtet, ist zwar möglich, aber alles andere, als sicher.

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So sieht verlieren aus

Dass der Krieg in Afghanistan verloren war, wurde in dem Moment offiziell eingestanden, als der Westen unter Führung der USA erklärte, die Truppen abzuziehen, obwohl die Taliban nicht besiegt waren. Ab dann fiel zwar jeder Soldat umsonst, aber dies war der Preis, den die NATO und ihre Verbündeten zu zahlen bereit waren, in dem Versuch das Gesicht zu wahren.

 

Wie die Lage wirklich ist, kann man in dieser Dokumentation sehen.

 

 

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Buchrezension: Im Meer schwimmen Krokodile

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Zug nach Rom. Sie packen Ihre Laptop aus und fangen an zu arbeiten, als sich gegenüber ein junger Mann niederlässt. Seine Kleidung ist abgetragen. Er riecht so, als habe er eine Woche nicht geduscht. Seine Gesichtsform und seine Haut zeigen, dass er aus dem Nahen oder mittleren Osten kommt. Ein „Flüchtling“ also, ein illegaler Einwanderer. Dummerweise haben Sie eine Platzkarte und können sich so nicht wegsetzen, immerhin haben Sie ja für diese Karte bezahlt, damit Sie ihren Sitzplatz haben.

Sie arbeiten also so vor sich hin, als der junge Kerl auf einmal anfängt und „Rum please“ sagt. Sie schauen ihn verstört an. Will der Junge wirklich Rum von mir? fragen Sie sich. Sie sagen: „Keinen Rum!“ und arbeiten weiter. Kurz darauf verlangt er wieder nach Rum. Wieder lehnen Sie ab, doch Sie werden langsam sauer. Immer wieder verlangt der junge Mann nach Rum, bis Ihnen schließlich der Kragen platzt. Sie brüllen ihn an: „Keinen Rum!“ aber haben dann doch Mitleid und gehen zum Zugrestaurant. Sie kaufen ihm eine falsche Coca Cola und kommen zurück. Mit einem „Keinen Rum! Cocoa Cola“ stellen Sie die Flasche vor ihm ab. Es wird noch eine Weile dauern, bis Sie bemerken, dass der Junge eigentlich nur nach Rom will und nicht um Rum bittet.

Was sich nacherzählt weit weniger lustig anhört, ist eine Szene aus „Im Meer schwimmen Krokodile„, in dem Fabio Geda einen afghanischen Flüchtling seine Geschichte erzählen lässt und  abgesehen von wenigem Nachfragen ihn praktisch ungehindert erzählen lässt. „Buchrezension: Im Meer schwimmen Krokodile“ weiterlesen

Die Schlacht um Kundus

Die ad hoc Offensive der afghanischen Regierungstruppen gegen Kundus ist bislang nicht von Erfolg gekrönt. Die vor zwei Tagen in die Hände der Taliban gefallene Stadt ist somit noch immer durch die Gruppe besetzt.

Kurzeinschätzung:

Der Angriff der Taliban war offensichtlich sehr gut geplant. Nicht nur, dass sie es geschafft haben 2.000 Kämpfer zu konzentrieren, ohne dass ihre Absicht dabei von den Geheimdiensten der Afghanen und ihrer Verbündeten entdeckt oder als gefährlich genug erkannt wurden, der Angriff war auch taktisch gut geplant. „Die Schlacht um Kundus“ weiterlesen

Kundus ist gefallen

 

Kundus ist in die Hände der Taliban gefallen. Wo deutsche Soldaten noch vor wenigen Jahren ein gewaltiges Feldlager mit Flughafen betrieben, sind die letzten afghanischen Soldaten in wilder Flucht getürmt, sofern sie nicht gefangen genommen oder getötet wurden.

Das Ganze war absehbar. Schon 2010 hatten die internationalen Kräfte erklärt, sie würden ihre Kampftruppen 2013/14 abziehen. Zu einem Zeitpunkt, als in Afghanistan noch immer und wieder Teile des Staatsgebietes de facto von den Taliban kontrolliert wurden. „Kundus ist gefallen“ weiterlesen

Demokratie in Afghanistan

Trotz einer Einschüchterungskampagne der Taliban, die 39 Selbstmordattentate in den letzten zwei Monaten vor dem Wahltag verübten und massive Angriffe auf die Wähler ankündigten, sind heute 60% aller wahlberechtigten Afghanen wählen gegangen. In teilweise langen Schlangen standen die Wähler an, um ihre Stimme abzugeben.

Das alles in einem Land, dessen Bevölkerung – so die „öffentliche Meinung“ in Deutschland – die Demokratie gar nicht will, nicht braucht und nicht zu ihr in der Lage ist. Selbst der höchstwahrscheinlich durch Wahlfälschung wiedergewählte Hamid Karzai hält sich an die Verfassung und gibt die Macht ab.

CC BY 2.0)
Gedenkstein für die für die Freiheit, Sicherheit und Zukunft Afghanistans gefallenen Soldaten der Koalition und der Afghanischen Streitkräfte. Foto: isafmedia via flikr (CC BY 2.0)

Demokratie dank Soldaten

Auch wenn in dem Land weiß Gott vieles falsch läuft, von der Todesstrafe für Konvertiten hin zur Unterdrückung von Frauen, so hat es nun doch eine wohl sogar halbwegs funktionierende Demokratie, deren Wähler sie so sehr zu schätzen wissen, dass sie sogar trotz Terroranschlägen in größeren Zahlen wählen gehen, als in Deutschland die meisten Wahlen an die Urnen locken.

Dieser Tag und dieses Ereignis sollte jeden mit Demut erfüllen, der aus dem heimischen Deutschland große Sprüche über andere Menschen reißt und ihnen die Fähigkeit zur Demokratie mit einem schlichten „Die brauchen einen starken Mann. Demokratie funktioniert da nicht“ abspricht. Dieser Tag sollte auch all die Peaceniks mit Scham erfüllen, die Soldaten Mörder nennen, während diese „Mörder“ unter Einsatz ihres Lebens anderen Menschen die Möglichkeit geben, über ihr eigenes Schicksal zu bestimmen.

An einem Tag wie heute sollte man den Soldaten aller beteiligten Nationen seinen Respekt zollen und ihnen die Dankbarkeit zeigen, die sie verdienen. 3.205 von ihnen sind auch dafür gefallen, dass die Afghanen wählen gehen dürfen. Über 23.000 wurden teils schwer verwundet und werden teilweise ihr Leben lang gezeichnet sein. Wir sollten ihnen für ihren Einsatz danken!

Die Stärke der Schwäche

Hamid Karzai läuft scheinbar immer mehr politisch Amok. Er kann sich nicht entschließen ein Truppenabkommen mit den USA zu schließen, obwohl sein Land die Hilfe der Amerikaner gegen die Taliban noch auf Jahre benötigen wird. Gleichzeitig werden 65 Terroristen aus der Haft entlassen, obwohl viele von ihnen das Blut westlicher Soldaten an ihren Händen haben. Was also treibt den Präsidenten Afghanistans zu solch scheinbar irrationalen Aktionen?

Hamid Karzai 2006-09-26

Schwache Staaten haben, unter gewissen Umständen, eine eigene Stärke. Die freie Marktwirtschaft ist der Naturzustand der Wirtschaftsordnung. Und in der Tat, so wie zwei Steinzeitmenschen wohl kaum an Quoten dachten, so wirken die Gesetze des Marktes auch weit über das Augenscheinliche hinaus. In besonderen Fällen kann ein Land wegen einer spezifischen Nachfrage anderer Länder eine ganz eigene Stärke entwickeln, die rein gar nichts mit den konventionellen Maßstäben für die Bewertung der Stärke einer Nation, beispielsweise Wirtschaftskraft, Innovationsfähigkeit, Militärmacht oder politische Stabilität zu tun haben.

„Die Stärke der Schwäche“ weiterlesen