MANPADS im Kontext

Der frühere russische Vize-Premier Alfred Koch glaubt, der jüngste russische Abzug aus Syrien hänge damit zusammen, dass die Rebellen nun über „Stinger“ (gemeint waren wohl MANPADS im Allgemeinen) verfügten. Die Diskussion auf dem Profil des Journalisten Boris Reitschuster zeigte, dass die Allgemeinheit beschränkte Kenntnisse über dieses Waffensystem verfügt.

 

Was sind MANPADS?

Durch einzelne Personen tragbare Waffensysteme zum Abschuss von Flugobjekten werden MANPADS, also „Man Portable Air Defense System“ genannt. Mit einem einfachen Visier auf dem tragbaren Startgerät werden die Waffen auf das Luftziel ausgerichtet, bis der in der Rakete befindliche Sensor das Ziel erfasst hat. Dann feuert der Schütze die Rakete ab, die aus dem Abschuss- und Transportbehälter ausgestoßen wird. Nach wenigen Metern zündet ein Raketentreibsatz, der die Luftabwehrrakete beschleunigt, aber wegen der geringen Größe der Rakete schon nach wenigen Sekunden wieder ausgebrannt ist. Dabei kann die Luftabwehrrakete eine Geschwindigkeit von Mach 2 bis Mach 2,5 erreichen. Mit ihrem Infrarotsensor (es gibt auch andere Systeme, die jedoch für untrainiertes Personal völlig ungeeignet sind) erfasst die Rakete dabei das Ziel und ist in der Lage Kurskorrekturen selbständig vorzunehmen, um das Ziel zu verfolgen. Erreicht sie das Ziel, zündet der Aufschlagzünder und eine kleine Sprengladung beschädigt das Flugzeug im Idealfall schwer genug, dass es abstürzt. Was leicht klingt, ist in der Realität jedoch merklich anders.

SA-7 MANPADS
SA-7 MANPADS

 

Wie effektiv sind MANPADS?

Was sich in obiger Beschreibung wie ein perfektes System anhört, ist in der Realität deutlich weniger furchteinflößend. Das hat mehrere Gründe:

  1. Reichweite: Der Laie liest beispielsweise bei Wikipedia, dass die FIM-92A Stinger eine Reichweite von 6 Kilometer und eine Bekämpfungshöhe von 3,5 Kilometer habe. Dabei ignoriert er gerne, dass das „maximal“ nicht grundlos davor steht. Während er sich die Reichweite einer solchen Rakete wie eine Walze vorstellt, entspricht sie vielmehr einem Kegel. Einem sehr flachen Kegel.
    Die abgefeuerte Rakete hat nur einen kleinen Treibsatz, der ihr nur eine beschränkte Energie für die Fortbewegung verleiht. Ist der Treibsatz ausgebrannt fliegt sie noch ein paar Sekunden weiter, Kraft ihrer Massenträgheit. Gleichzeitig fällt jedoch auch die Geschwindigkeit rapide ab, nicht zuletzt wegen des enormen Luftwiderstands bei Überschallgeschwindigkeit. Je höher die Rakete aufsteigen muss, desto weniger weit reicht sie aber auch. Ein weiterer Faktor ist, dass jede Kurskorrektur der Rakete ebenfalls gewaltige Energiemengen frisst.
    Das heißt, ihre „maximale Bekämpfungshöhe“ erreicht die Rakete überhaupt nur, wenn sie fast senkrecht nach oben geschossen wird und einfach nur aufsteigen kann. Ihre maximale Reichweite erreicht sie nur, wenn sie einer sehr flachen Flugbahn direkt auf das Ziel zufliegt. Schon einen Kilometer vom Abschussort entfernt ist die maximale Bekämpfungshöhe um hunderte Meter niedriger.
  2. Das Ziel ist keine einfache Beute: Besonders effektiv sind solche Waffen nur, solange sich der Gegner noch nicht darauf eingestellt hat. Dann gelingt der Hisbollah schon auch einmal ein Treffer mit einer ASM auf einem israelischen Kriegsschiff, weil dieses seine Abwehr gegen Flugkörper überhaupt nicht eingeschaltet hatte. Dies geschieht beispielsweise, weil man nicht das Risiko eingehen will, versehentlich eigene Flugzeuge abzuschießen. Täuschkörperwerfer sind mitunter abgestellt, weil man keine Bedrohung am Boden erwartet, die Täuschkörper auch Geld kosten und zudem am Boden Gebäude und Felder in Brand stecken können.
    Hat sich der Gegner jedoch auf die neue Bedrohung eingestellt, kann er ihre Gefährlichkeit merklich reduzieren. Mit Störkörpern und aktiven Abwehrsystemen IRCM (Infrared Countermeasure) und DIRCM (Directional Infrared Counter Measures) können Flugzeuge und Hubschrauber die Erfassung verhindern oder bereits abgeschossene Raketen täuschen. Abwehrmanöver können im Verbund mit bordeigenen Gegenmaßnahmen die Rakete zum Abreißen der Zielerfassung bewegen, eine mit den Abwehrmanövern verbundene Beschleunigung des Flugzeugs kann dieses auch schlicht aus der Reichweite der Rakete bringen.
    Mit anderen Flugprofilen kann eine Erfassung durch den Schützen verhindert werden, weil dieser für die Zielerfassung qualvolle Sekunden braucht. Bricht dabei der Sichtkontakt ab, muss er von vorne anfangen, wenn das Ziel wieder ins Blickfeld kommt. Wird die Hitzesignatur beim Anflug aus der Sonne heraus oder durch die Tragflächen ausreichend verdeckt, kann der Schütze das Flugzeug erst beim Abflug erfassen, während es Sekunde um Sekunde die Distanz erhöht und damit die Effektivität der Rakete verringert.
    Andere Flugtaktiken können auch die Zeit im gefährdeten Luftraum verhindern, beispielsweise durch hohen Anflug, Verringern der Flughöhe direkt über dem Ziel und anschließendem sofortigen Wiederaufstieg.
    Hubschrauber und langsam fliegende Flugzeuge haben oft auch Schützen mit schwerem Maschinengewehr in der geöffneten Heckklappe sitzen, der einen potentiellen MANPADS-Schützen visuell ausmachen und umgehend mit Unterdrückungsfeuer/Deckungsfeuer belegen kann, damit er nicht zielen kann.
  3. Der Schütze: Selbst ein geübter Schütze braucht etwa eine halbe Minute, bis er die Rakete abgefeuert hat. Diese Zeit über muss er sich ein Stück weit exponieren und zudem das Ziel visuell in direkter Linie erfassen können. Die Exponierung kann aus der Luft (oder über Schützen auf dem Boden) zur Bekämpfung des MANPADS-Schützen genutzt werden, während die visuelle Erfassung durch Flugprofile und gewählte Tageszeiten und Wetterumstände ebenfalls beeinflusst werden kann. Ein Jet im Tiefstflug mit hoher Geschwindigkeit ist so nur sehr schwer zu bekämpfen, weshalb auch die Sowjets in Afghanistan so zu fliegen begannen.
  4. Die Waffenwirkung: Da die Rakete nur einen kleinen Sprengsatz in sich trägt, können durch MANPADS beschädigte Flugzeuge oft genug noch kontrolliert landen und sind dabei mitunter sogar noch reparabel.

Entsprechend ist die tatsächliche Effektivität dramatisch geringer, als es sich Manche vorstellen oder als ich es auch selbst beispielsweise noch in meinen Schulbüchern über den Afghanistankrieg lesen konnte. Die Kampfjet-Verluste der Sowjetunion in Afghanistan waren auch nach dem Auftauchen der Stinger nämlich keineswegs verheerend. Tatsächlich verlor die deutsche Bundesluftwaffe im gleichen Zeitraum mehr Flugzeuge beim Training, als die Sowjets durch Feindeinwirkung in Afghanistan!

MANPADS sind so etwas wie Panzerfäuste gegen Flugzeuge, weshalb sie in Deutschland auch Fliegerfaust genannt werden. Die Effektivität ist dabei vergleichbar. In der Theorie nicht schlecht und eine gute Waffe, in der Praxis aber nur ein Notbehelf mit beschränkter Nützlichkeit, wenn der Gegner sich darauf einstellt und seine Taktiken entsprechend anpasst. Einen Luftraum „sperren“ können MANPADS daher mitnichten. Gerade weil Jets zu schnell aus dem Wirkungsbereich von MANPADS fliegen können, sind sie daher nur ordentlich effektiv gegen tief und nah am Schützen fliegende Helikopter, langsame und tief fliegende Flugzeuge sowie startende und landende Flugzeuge, unter deren Flugschneise der Schütze sehr nah am Flugplatz ist. IRCM und DIRCM verringern jedoch auch hier die Effektivität. Es hat schon seinen guten Grund, warum Streitkräfte zur Luftabwehr auch noch über andere Waffen als MANPADS verfügen.

Kurzum: Es gibt kein perfektes Waffensystem. Es gibt nur Waffensysteme, die die „Kosten“ erhöhen. Also den Aufwand, den Materialeinsatz und die Verluste. Kann man diese „Kosten“ schultern, weil das zu erreichende Ziel als wichtig genug eingesetzt wird, dann wird man mit ausreichendem Materialeinsatz auch dann noch sein Ziel erreichen.

 

Zieht sich Russland wegen MANPADS zurück?

Kurz: Nein, garantiert nicht! 

Wenn die Rebellen signifikante Mengen an MANPADS erhalten, wird der Tiefflug für die Russische Luftwaffe gefährlicher, aber keineswegs unmöglich. Für CAS (Close Air Support), den Russland in Syrien typischerweise mit Mi-24 Hubschraubern und Su-25 Flugzeugen geflogen ist, wird es gefährlicher. Allerdings sind beide Systeme auch schon heute erheblich durch die überall in Syrien und dem Irak verfügbaren ZU-23-2 (Flugabwehr-Maschinenkanonen) verwundbar, mit denen der IS die irakischen Kampfhubschrauber bereits 2014 dramatisch dezimiert hatte. Auch überschwere Maschinengewehre sind für beide Fluggeräte nicht ungefährlich.

Während also CAS gefährlicher wird, aber auch dort Technik und Taktik die Gefährdung beschränken können, sind höher fliegende Flugzeuge überhaupt nicht betroffen. Wie bislang auch könnten die russischen Su-30, Su-35, Su-34, Su-24, Tu-160 und Tu-22M3 aus mittlerer bis großer Höhe ihre Bomben abwerfen. Smartbombs kann die russische Luftwaffe ebenfalls problemlos oberhalb der Reichweite von MANPADS ausklinken und selbst seine Eisenbomben kann die russische Luftwaffe dank des SVP-24-Systems (das an Bord des Flugzeugs anhand einer Vielzahl von Daten den perfekten Abwurfzeitpunkt errechnet und die Bombe dann automatisch ausklinkt um sie mit größtmöglicher Genauigkeit abzuwerfen) mit akzeptabler Genauigkeit einsetzen. „Close“ Air Support, also der Beschuss von Stellungen die beispielsweise nur 50 Meter vor den eigenen Truppen liegen, wird damit ohne Smartbombs schwieriger, aber auch nicht unmöglich. Erst recht nicht, wenn Russland im Fall einer zu kurz geflogenen Bombe keine eigenen Soldaten tötet, sondern „nur syrische“ und daher weniger sorgsam agiert. Smartbombs können ohnehin weiter eingesetzt werden.

Ebenfalls verhindern MANPADS nicht, dass Artillerie weiter in die Kämpfe eingreift, auch um kämpfende Truppen direkt zu unterstützen. Artilleriebeobachter oberhalb der Reichweite der MANPADS, sei es in Flugzeugen, Hubschraubern oder Drohnen können diese Raketen genauso wenig verhindern, wie eine Feuerleitung vom Boden oder die Artilleriegranaten selbst.

Wollte also Russland der syrischen Regierung weiter helfen, so könnte es dies problemlos. Auch militärisch. Zumal MANPADS keineswegs perfekte Systeme sind und es unwahrscheinlich ist, dass Russland keinerlei Verluste zu akzeptieren bereit ist. Im Gegenteil. Sein militärisches Engagement in Georgien, der Ukraine und Syrien zeigt ja gerade, dass es sehr wohl bereit ist, mit Blut für seine Ziele zu bezahlen.

Übrigens: Die ersten FIM-92 Stinger sind in Syrien bereits 2012 in Rebellenhand aufgetaucht. Der Islamische Staat hatte spätestens im Sommer 2014 auch moderne MANPADS aus syrischen Beständen erbeutet. Das Auftauchen von MANPADS ist also keineswegs etwas Neues. Dazu kommt, dass eine allzu großzügige Lieferung sehr unwahrscheinlich ist. Sie würde praktisch garantieren, dass ein Teil der Systeme im Untergrund verschwinden und schon in nächster Zukunft außerhalb Syriens und des Iraks auf Passagierflugzeuge abgefeuert werden würden. Das will jedoch keiner der Waffenlieferanten für die syrische Opposition leichtfertig riskieren.

 

Der wahrscheinliche Grund

Höchstwahrscheinlich hat Russland einfach seine Ziele erreicht. Assads Herrschaft ist bis auf Weiteres gesichert, Russland hat nicht nur seinen Marinestützpunkt in Tartus gesichert, sondern verfügt nun sogar auch noch über eine Luftwaffenbasis in Syrien. Obama hat unterdessen aufgegeben, Assads Abdankung als Bedingung für einen Frieden in Syrien zu stellen. Warum also sollte sich Russland unnötig weiter engagieren? Zumal die russischen Regierungsmedien melden, dass die russischen Luftstreitkräfte sehr wohl weiter Luftangriffe fliegen.

 

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