Trumps Militärschlag auf Syrien: Mehr Show als Effekt

Mit steigender Informationslage wird immer deutlicher, dass es bei dem amerikanischen Angriff auf die Shayrat-Luftwaffenbasis weniger um einen militärischen Nutzen, als um Show ging. Dazu passt, dass Trump seinen rotchinesischen Amtskollegen Xi-Jinping beim Schokoladenkuchen zusammen mit der chinesischen Führungsriege über den Angriff informierte.

 

Die militärischen Zusammenhänge

In einer Diskussion auf Facebook noch vor dem amerikanischen Militärschlag hatte ich argumentiert, dass ein Ausschalten der syrischen Luftwaffe nur mit Flugzeugen der amerikanischen Streitkräfte, nicht aber mit Marschflugkörpern gehe. Mindestens 16 Luftwaffenbasen sind aktuell durch die SAAF in Gebrauch, mit mindestens 355 befestigten Sheltern für Flugzeuge, Dazu noch sieben weitere zivile Flughäfen, von denen mehrere ebenfalls militärisch genutzt werden und nicht von Luftwaffenbasen aus operierenden Hubschraubern.

Indem Trump einen Einsatz von BGM-109 Tomahawk wählte, nutzte er eine Waffe, die inhärente Vor- und Nachteile hat. Der offensichtliche Vorteil ist, dass abgeschossene Flugkörper nicht zu gefallenen US-Soldaten oder gar propagandistisch auszuschlachtenden Gefangenen führen können. Gleichzeitig sind Marschflugkörper durch ihre Bauweise jedoch nur mit einer beschränkten Schlagkraft ausgestattet. Die Tomahawk kann zwar weit und sehr tief fliegen, was einerseits das Risiko der abschießenden Plattform (also hier des die Tomahawk startenden Schiffes) verringert und andererseits ein Abfangen erschwert. Gleichzeitig opfert die Tomahawk damit aber kinetische Schlagkraft, weil sie in nur Unterschall fliegt und auch nur wenig kinetische Energie in einem Stürzen auf das Ziel aufnehmen kann, wie auch Sprengkraft durch ihre beschränkte Größe. Damit wird der Flugkörper vor allem gegen ungepanzerte oder leicht gepanzerte Ziele effektiv.

Eine BGM-109 Tomahawk. Waffen dieses Typs kamen zum Einsatz.

Dies erklärt, wieso weit weniger Ziele getroffen wurden, als Flugkörper abgeschossen, weil möglicherweise einzelne Ziele von gleich mehreren Flugkörpern angegriffen wurden. Es erklärt aber auch, wieso Bilder aufgetaucht sind, die scheinbar völlig unbeschädigte Flugzeuge in HAS (Hardened Aircraft Shelter; Flugzeugbunker) nach dem Angriff auf dem Gelände fotografiert wurden. Während ungeschützte Gebäude von den Flugkörpern pulverisiert werden konnten, wäre dies bei geschützten Zielen schon merklich schwerer.

 

Militärschlag auf Sparflamme

Indem die USA Russland vorwarnten, konnte Russland sein Personal und Material abziehen, was einen unmittelbaren militärischen Konflikt mit Russland vermeiden half. Um aber eine Evakuierung der russischen Soldaten zu ermöglichen, muss die Vorwarnung mindestens eine Stunde, eher mehrere Stunden vorher erfolgt sein. Dies musste zwangsläufig die Effektivität des Einsatzes massiv beschränken, da Russland die syrische Regierung natürlich umgehend informiert hat. Diese hatte damit nicht nur Zeit, ihr (wertvolles) Personal weitgehend in Sicherheit zu bringen, sondern auch alles mobile wertvolle Material. Jedes bedingt startbereite, nicht einmal einsatzbereite, syrische Flugzeug dürfte entsprechend vorher abgehoben haben, wenn sich ein Pilot dafür gefunden hat. Hochwertiges Gerät und Material dürfte, sofern mobil, entweder von der Basis entfernt oder zumindest verstreut oder in Bunker gebracht worden sein. Während also von 20 zerstörten Flugzeugen die Rede ist, dürften die meisten davon Wracks oder nicht flugfähig gewesen sein, zumal die Bilder vom Flughafen ja unbeschädigte Flugzeuge in den HAS zeigen. Somit wurden entweder nicht alle HAS angegriffen oder aber nur die im Freien stehenden Flugzeuge zerstört. Die Flugzeuge, die das Giftgas abgeworfen haben, sind somit ziemlich sicher nicht zerstört worden.

Doch damit nicht genug. Die amerikanischen Kriegsschiffe haben zwar 59 Flugkörper abgeschossen, jedoch keineswegs ihre Magazine damit geleert. Während also einige Gebäude zerstört wurden, deren Wert ich ohne geheimdienstliche Informationen unmöglich einschätzen kann (theoretisch könnten es auch nur leere Lagerhäuser gewesen sein), war der Angriff ganz bewusst auf Sparflamme gehalten. Die Gebäude können durchaus wichtige Werkstätten und Ersatzteillager enthalten haben, die schwer ersetzlich sind und künftige Einsätze massiv erschweren. Allerdings verzichtete das US-Militär nicht nur bewusst auf einen Beschuss von Gebäuden, die Chemiewaffen enthalten könnten, sondern auch auf eine Zerstörung der Luftabwehr auf dem Gelände. Noch nicht einmal die Startbahnen und Taxiways wurden zerstört. Gerade für die letzten beiden Dinge sind die Marschflugkörper aber hervorragend geeignet, um nicht zu sagen: dafür sind sie eigentlich da.

Tatsächlich wurde aber nicht ein Marschflugkörper eingesetzt, der die betonierten Startbahnen dank Submunition mit Kratern überzieht, weshalb binnen 24 Stunden schon wieder Einsätze der SAAF von dem Flughafen geflogen wurden. Auch die Luftabwehr wurde unangetastet gelassen, was völlig untypisch für so einen Angriff ist. Normalerweise wären Startbahn und Luftabwehr Ziele mit hoher Priorität, weil sie die Flugzeuge vor Ort halten, aus der Luft angreifbar und damit in einem zweiten Schlag sicher zerstörbar machen würden. Eine ausgeschaltete Luftabwehr würde einen solchen zweiten Angriff dann auch ermöglichen. Würde man es also ernst gemeint haben, so hätte man zumindest die Voraussetzungen schaffen müssen, um anschließend die Arbeit mit Flugzeugen zu vollenden. Diese sind im Gegensatz zu Marschflugkörpern nämlich in der Lage, schwere panzerbrechende Bomben einzusetzen, die HAS samt Inhalt zuverlässig pulverisieren.

Wäre es den USA tatsächlich um eine Zerstörung des Angriffspotentials mit Chemiewaffen von diesem Flughafen gegangen, hätten sie jedoch Flugzeuge einsetzen müssen, womit sie mit den B-2 Tarnkappenbombern das richtige Gerät haben. Ein Angriff durch sie hätte auf der Luftwaffenbasis keinen Stein auf dem anderen gelassen. Darauf wurde jedoch verzichtet.

 

Es ging um Show

Indem der Militärschlag also mit einer Hand auf dem Rücken geführt wurde und dazu auf eine wirkliche Ausschaltung des Flughafens, auch nur für kurze Zeit, verzichtet wurde, stellt sich die Frage: Wieso?

Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt hier fast nur eine Antwortmöglichkeit: Es ging um die Show, nicht um den tatsächlichen militärischen Effekt. Es ging darum, der Welt und dem eigenen Land zu zeigen, dass man bereit ist, das Militär einzusetzen. Gleichzeitig wollte man aber, so paradox das klingen mag, ganz offensichtlich so wenig wie möglich zerstören. Man hätte nämlich erheblich größeren Schaden anrichten können. Von Seiten der USA hatte man jedoch offensichtlich nicht vor, den Flughafen dauerhaft oder auch nur für ein paar Tage wirklich auszuschalten. Man hatte möglicherweise (hier fehlen mir schlicht noch alle nötigen Informationen über den genauen Wert der zerstörten Gebäude) noch nicht einmal die Absicht, die syrische Luftwaffe nennenswert zu schwächen. Es war, so wenig mir das persönlich gefallen mag, wohl nur ein großer Zirkus. Darauf deutet zumindest für mich alles hin.

Doch wieso? Erklären kann ich mir das nur, und hier geht es ins völlig Spekulative, mit Trumps Charakter. Würde man mich fragen, was ihn ausmacht, so würde ich sagen: „Die pompöse Show und die Überzeugung, alles hervorragend aushandeln zu können.“ Indem die syrische Luftwaffe möglicherweise nicht nennenswert geschwächt wurde, hat er ihre Fähigkeit den IS zu bekämpfen, wo er laut eigener Aussage in der Vergangenheit ja das Hauptverdienst der syrischen Streitkräfte sah, nicht verringert. Indem er Russland vorgewarnt hat, hat er einen unnötigen Konflikt mit Putin vermieten. Indem er angegriffen hat, hat er seine prinzipielle Bereitschaft zu Militärschlägen der Welt und den eigenen Kritikern gegenüber bewiesen. Damit hat er seine Verhandlungsposition gestärkt, ohne gleichzeitig zu viel Porzellan zu zerschlagen, was spätere Verhandlungen erleichtert. Gleichzeitig hat er sich der Welt gegenüber als starker Mann präsentiert. Das könnte zumindest die Logik dahinter gewesen sein.

Andere werfen Trump vor, er habe den Luftschlag nur durchgeführt, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken, vor denen er steht. So ist seine Einreisebeschränkung gleich mehrfach von Gerichten kassiert worden und Obamacare wurde bislang nicht ersetzt.

 

Der Angriff war nicht ohne Kosten

Ob Trump allerdings die Spielregeln nach eigenem Gusto bestimmen darf, wird sich noch zeigen müssen. Tatsächlich hat Russland bereits drastisch reagiert. Es hat angekündigt, Syrien mit moderner Luftabwehr beliefern zu wollen, es hat den „heißen Draht“ zur Vermeidung von Konflikten im Luftraum über Syrien abgeschaltet und es droht im Falle weiterer Luftschläge mit militärischen Konsequenzen durch die russische Luftabwehr in Syrien. Von Syrien selbst darf nun nicht mehr erwartet werden, dass es seine Luftabwehr inaktiv lässt, wenn alliierte Kampfflugzeuge über seinem Territorium aktiv sind. Bislang sind die syrischen Kapazitäten noch beschränkt, aber auf Dauer kann dies dennoch nicht nur zu einzelnen Abschüssen führen, es würde auch die Kosten massiv erhöhen. Wenn alliierte Flugzeuge künftig Geleitschutz brauchen und Raketen gegen Luftabwehr mitführen müssen, verringert dies die Kapazität an Bomben, die die jeweiligen Flugzeuge gegen den Islamischen Staat zum Einsatz bringen können und erfordert daher mehr Einsätze oder mehr Flugzeuge. Beides würde die Kosten des Einsatzes merklich erhöhen. Ob es angesichts dieser Reaktionen nicht sinnvoller gewesen wäre, die angerichteten politischen Konsequenzen wenigstens durch einen stärkeren militärischen Nutzen, also einen tatsächlich wirklich effektiven Militärschlag, zu rechtfertigen, muss als berechtigte Frage gelten.

 

Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass die Informationslage aufgrund der zeitlichen Nähe beschränkt ist und der Artikel daher spekulativer Natur ist. Ich schließe es keineswegs aus, dass mir völlig widersprechende Tatsachen noch ans Licht kommen.

 

 

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Trumps Militärschlag gegen Syrien könnte eine Rückbesinnung auf die Strafexpedition sein

Trump könnte hier dank Mattis das Konzept anwenden, von dem ich das erste Mal vor etwa 10 Jahren geschrieben habe, als sich die Intervention im Irak als sehr problematisch erwies, um es vorsichtig zu sagen. Nämlich einen Rückgriff auf die Geschichte in Form einer Strafexpedition.

Mattis ist bekanntermaßen ein extremer Vielleser, der weit über 5.000 Bücher verschlungen haben soll und der seinen Offizieren Leselisten gegeben hat, die diese abzuarbeiten hatten. Seiner Aussage nach wiederholt sich im Krieg alles, es gebe nichts neues. Caesar würde vom Widerstand im Irak nicht überrascht sein, war meines Wissens eine Aussage von ihm.

 

Die Strafexpedition scheint den heutigen Umständen besser zu entprechen

Wenn man in einen Konflikt eingreifen oder mit dem Fehlverhalten einer Diktatur unzufrieden ist, bieten sich natürlich wirtschaftliche Optionen, aber eben auch militärische. Hier ist die Invasion keineswegs die einzige Option. Erst Recht nicht, wenn man eben nicht in der Lage ist, sie bis zum Ende durchzuziehen, weil einem der Willen oder die Mittel dazu fehlen.

Früher hat man beim Fehlverhalten von Staaten oder Stämmen daher das Mittel der Strafexpedition angewandt. Man demonstrierte dem Gegner die überlegene eigene Militärmacht, um ihn damit sowohl für Fehlverhalten zu bestrafen, als auch um ihn damit einzuschüchtern und zu Zugeständnissen zu bewegen.

Syrien ist im Moment tatsächlich ein völliges Chaos, das ohne massives Truppenaufgebot von außen nicht zu beheben ist. Übrigens auch dann nicht, wenn man nicht anschließend bereit ist, längere Zeit im Land zu bleiben und währenddessen Verluste durch Terroristen oder Guerilla zu akzeptieren.

Die USA sind, erst Recht unter Trump, nicht dazu willens. Von den Arabern kann man momentan ebenfalls nicht erwarten, dass beispielsweise der GCC 200.000 oder mehr Soldaten bereitstellt um das Land zu befrieden.

Also ist das bestmöglich machbare, den Beteiligten zu vermitteln, dass Handlungen durch sie zu Kosten führen können, die sie nicht bereit sind zu bezahlen. (Siehe dazu „Die Ökonomie des Krieges“ von mir).

Wenn der Angriff mit Marschflugkörpern jetzt, sagen wir mal, 20 Flugzeuge und große Vorräte an Munition, Treibstoff und sonstigem Material zerstört hat, dann weiß Assad ab sofort, dass der Einsatz von Chemiewaffen zu Kosten führt. Kosten, die ihm angesichts des Nutzens des Einsatzes zu hoch sein sollten. Womit er künftige Angriffe unterlassen sollte.

Auf diese Art und Weise kann man Diktaturen oder nichtstaatliche Akteure immer wieder mit steigender Eskalation unter Druck setzen, bis sie ihr Verhalten angepasst haben.

 

Die USA selbst haben erfolgreiche Strafexpeditionen durchgeführt

Die USA selbst haben solche Einsätze gleich zu Beginn ihrer Geschichte bereits durchgeführt – und das erfolgreich: Die Barbareskenkriege. Dies waren, ohne jetzt nachzuschlagen, meines Wissens die ersten Auslandseinsätze der US-Streitkräfte überhaupt. Nachdem der erste Barbareskenkrieg nicht ausreichend erfolgreich war, klärte der Zweite die Frage, ob man amerikanische Schiffe überfallen und ihre Besatzung und Passagiere versklaven dürfe dauerhaft. Man durfte es nicht.

Ein solches Verhalten würde ich mir übrigens auch von Deutschland wünschen. Wenn ich lese, dass Deutschland der Terrororganisation Islamischer Staat Geld gibt, damit eine Geisel freikommt, dann drehen sich mir die Zehennägel auf. Zwar wird die eine Person befreit, gleichzeitig aber vermittelt, dass sich die Geiselnahme von Deutschen finanziell lohnt. An sich müsste auf solche Geiselnahmen ein Einsatz des KSK erfolgen, der in einer Art Strafexpedition in einem gezielten Angriff dem IS derart großen materiellen und personellen Schaden zufügt, dass dieser künftig um Deutsche einen Bogen macht. Denn, wie in „Die Ökonomie des Krieges“ erklärt, jede Handlung in einem Konflikt folgt einer Kosten-Nutzen Rechnung. Wenn die Kosten hoch genug sind, dass der erworbene Nutzen sie nicht mehr rechtfertigt, unterlässt man die Aktion. Man müsste dazu kein Gebiet besetzen, sondern lediglich nachts einfliegen, entsprechend viele Kämpfer töten und entsprechend viel Material zerstören, um sich anschließend zurückzuziehen.

Ich bin gespannt, ob Trump das künftig öfter machen wird und wie es sich bewährt.

 

 

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Die Logik hinter dem Einsatz von C-Waffen in Syrien

Von Seiten der Assad- und Putin-Apologeten läuft gerade wieder die Propagandamaschinerie oder zumindest die Tastatur heiß. Sie erklären, dass Assad ja keinen Nutzen von einem Angriff mit Chemiewaffen habe, diese nichts bringen, er ohnehin gerade am gewinnen sei und es daher die Rebellen gewesen sein müssten. Das ignoriert völlig den Nutzen solcher Einsätze für die Assad-Regierung.

 

Genug Terror bricht Widerstand

Martin van Creveld hat erläutert, dass es zum Brechen einer Widerstandsbewegung zwei erfolgreiche Methoden gibt. Die nordirische und die syrische:

Die nordirische ist, mit genügend Soldaten ins Land zu gehen und dort einfach so lange zu bleiben, und so lange Verluste zu akzeptieren, bis den Widerständlern die Geduld ausgeht und sie sich zu einer friedlichen Lösung bringen lassen.

Die syrische Methode wurde 1982 in Hama praktiziert. Als die Muslimbruderschaft einen Aufstand gegen die Regierung von Hafiz al-Assad, den Vater von Bashar al-Assad, begann, schlug er mit seltener Brutalität zu. Bis zu 40.000 Menschen wurden getötet, unter anderem mit Luftangriffen und Artillerie. Anschließend war der Widerstand der Muslimbruderschaft über Jahrzehnte gebrochen. Wenn van Creveld gerade Syrien anführt, so darf davon ausgegangen werden, dass die syrische Regierung aus dieser erfolgreich praktizierten Methode zur Niederschlagung von Aufständen gelernt hat.

Bashar al-Assad. Photo: Fabio Rodrigues Pozzebom Cc-by-3.0-br

 

 

Bashar al-Assad wendet „Hama-Methoden“ seit Jahren an

Dies erklärt die vorrangige Bombardierung von nicht verteidigten Wohnvierteln, Märkten und Krankenhäusern. Mit einer Terrorkampagne soll nicht nur der Widerstand gebrochen werden, sie verfolgt auch einen anderen Zweck: Den Zivilisten wird gezeigt, dass sie nur in dem Gebiet sicher sind, das von der syrischen Regierung kontrolliert wird. Dort finden ja keine Luftangriffe statt, aber auch keine Angriffe mit Chemiewaffen. Mit genügend Terror lässt sich also die Hoffnung begründen, nicht nur lokal einen Widerstand zu brechen, sondern den Gegnern die Basis ihres Widerstands zu entziehen, was noch immer die erfolgreichste Voraussetzung für die Niederschlagung eines Aufstandes ist.

Chemiewaffen haben einen militärischen Nutzen, weil sie in Bunker, Gräben, Keller etc. eindringen können, in denen man vor Artillerie und Bomben geschützt ist. Dies im Besonderen, wenn der Einsatz selten und ein Schutz daher nicht vorhanden oder nicht bereit ist. Natürlich werden aber 70 Tote Assad den Krieg nicht gewinnen.

Allerdings haben die Waffen jedoch einen dramatischen psychologischen Effekt, den wir gerade ja weltweit sehen können. So zynisch es klingen mag: Wenn Asssad 400.000 seiner „eigenen Leute“ mit Raketen, Bomben, Granaten und Kugeln tötet, jammert die Welt vielleicht ein wenig, „aber das ist halt eben so.“ Wenn er dagegen 70 mit Chemiewaffen tötet, ist die Empörung groß.

Die bisherigen syrischen Einsätze von Chemiewaffen haben, im Vergleich mit dem großen Ganzen, numerisch praktisch keine Todesopfer verursacht. Aber sie haben enorme moralische Auswirkungen, weshalb die USA jetzt eingegriffen haben.

Dieser moralische Effekt wirkt jedoch nicht nur auf westliche Journalisten und Staatschefs. Er wirkt auch auf die Betroffenen. Es ist in höchstem Maße furchteinflössend. Kugeln und Granaten sind schlimm, aber normal. Gas ist etwas anderes, weil man es nicht sehen kann und es heimtückischer wirkt. Das ist das Gleiche, wie mit Fukushima. Strahlung wirkt auch ganz besonders böse, völlig egal ob sie überhaupt jemanden tötet.

Wenn das Regime grausam genug ist, darf Assad hoffen, dass die Zivilisten nicht nur die Rebellen nicht mehr unterstützen, sondern sie im Ernstfall sogar verjagen und Regierungstruppen zum Einmarsch auffordern, um kein Ziel mehr zu werden.

Darüber hinaus ist der Kampf einer Widerstandsbewegung noch nicht einmal durch eine Kontrolle des Gebietes zu brechen, wie man zuletzt anschaulich im Irak zur Zeit der amerikanischen Besatzung sehen konnte. Eine Widerstandsbewegung besiegt man, indem man ihr die Ressourcen entzieht oder ihren Willen bricht. Mit einem Einsatz von Giftgas könnte Assad zeigen, dass den Rebellen niemand helfen wird und er tun und lassen könne, was er will. Dies würde seine Wirkung nicht verfehlen, da es den Rebellen und den sie unterstützenden Zivilisten in aller Deutlichkeit sagen würde, dass es keine Hoffnung gibt. Dies könnte ein großer Schritt hin zum Sieg sein.

 

„Warum gerade jetzt?“ stellt sich nicht

„Warum gerade jetzt?“, kann man bei den Apologeten lesen. Ganz einfach: Weil erst vor wenigen Tagen der Außenminister der USA die Position der Regierung Trump dargelegt hat, wonach Assad im Amt bleiben könne. Dass direkt danach Giftgas eingesetzt wurde, wurde Trump entsprechend auch unmittelbar von Außenpolitikern vorgeworfen. Schließlich habe er mit dem Kommentar seines Außenministers zu Assad diesem praktisch grünes Licht gegeben.

Doch nicht nur das. Trump hatte schon während seines Wahlkampfes Diktatoren wie Assad oder Saddam Hussein als Bollwerke gegen den Terrorismus gepriesen. Während des Bürgerkriegs, noch vor seiner Präsidentschaft, hat er sich immer wieder gegen eine Intervention ausgesprochen. Er hatte sogar explizit darauf hingewiesen, dass die Rote Linie von Barack Obama falsch gewesen sei und eine mögliche Intervention nach deren überschreiten unterbleiben sollte. „The only reason President Obama wants to attack Syria is to save face over his very dumb RED LINE statement. Do NOT attack Syria,fix U.S.A.“ Noch einmal zum Mitschreiben: Er sagte ganz ausdrücklich, dass auch nach dem erfolgten Giftgasangriff in Ghouta 2013 mit bis zu 1.729 Toten kein Militärschlag erfolgen solle!  Immer wieder schrieb er, Syrien sei nicht das Problem der USA und man solle sich daraus fernhalten. Dies ist der Assad-Regierung natürlich bekannt.

Fassen wir also zusammen: Der gegenwärtige Präsident hat 2013 immer wieder erklärt, eine Intervention sei falsch, man solle Syrien abschreiben, aus Syrien fernbleiben. Er hat erklärt, das Ziehen einer roten Linie beim Einsatz von Chemiewaffen sei falsch und auch bei deren Überschreitung und erfolgten Angriffen mit Massenvernichtungswaffen solle keine militärische Intervention erfolgen. Im Wahlkampf hat er das Assad-Regime gelobt. Sein Außenminister hat erklärt, dass Assad im Amt bleiben könne.

Wieso sollte also Bashar al-Assad Hemmungen haben, diese Waffen einzusetzen? Aus welchem Grund sollte er nicht wissen, dass aus Washington keine ernstzunehmende Reaktion erfolgen würde?

 

 

 

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Bürgerkrieg in Syrien: 500.000 Tote und das alles für Nichts

Die New York Times meldet, Russland habe einen langfristigen Vertrag für seine Marinebasis in Tartus und einen Militärflughafen in Syrien unterzeichnet. Zum gleichen Zeitpunkt wurde bekannt, dass der stellvertretende türkische Premierminister Mehmet Simsek die Akzeptanz seines Landes für ein Verbleiben von Bashar al-Assad in Aussicht gestellt habe. Damit scheint Assads Verbleib in seinem Amt gesichert und sein Sieg im Bürgerkrieg nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Am Ende werden mehr als 500.000 Menschen getötet worden sein. Millionen wurden vertrieben und sind geflohen, das Land ist zerstört.

Die Lehre daraus könnte sein, aber das hätte man auch schon vorher wissen können, dass man nur in Ländern interveniert, in denen man die Intervention auch zu Ende bringen kann und will. Ob man nun selbst in solche Staaten einmarschiert oder die Opposition nur ermutigt und mit Waffen beliefert. Hätte Obama den Oppositionellen von Anfang an gesagt, dass die USA ihnen nicht helfen und dabei zusehen werden, wie man sie abschlachtet, wäre das Ganze vermutlich weitaus unblutiger ausgegangen, wie im Iran 2009. Denn am Ende steht auch jetzt wieder die Assad-Diktatur. Nur dass sie jetzt zwischen Leichenbergen steht. Die Millionen Menschen, die das Land verlassen haben, werden sich wohl auf viele Jahre nicht zurück trauen. Obama sei Dank.

Weiterlesen hier auf The Germanz.

 

 

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Syrien-Krieg: Wie Assad sich selbst unverzichtbar für die Welt machte

Die für Assad kämpfenden Truppen haben Aleppo nach mehreren Jahren erobert. Nun gilt seit wenigen Tagen in weiten Teilen Syriens ein Waffenstillstand. Mit Russlands Hilfe hat sich das Regime Assad nicht nur stabilisiert, sondern seine Kontrolle über das Land wieder ausgeweitet. Schon im Herbst 2011 war Assads Regime nicht mehr zu retten und Obama und Merkel forderten ihn zum Rücktritt auf. 2013 war man sich einig, dass Assad weg müsse und noch im Herbst 2015 erklärte Obama, dass Assad nicht „zurückkehren dürfe“. Beim Aushandeln des Waffenstillstands waren die USA nun gar nicht mehr beteiligt.

Was zum einen eine blamable Desavouierung der USA durch ein viel schwächeres Russland ist, hat seine Wurzeln nicht zuletzt auch in der mangelhaften Unterstützung der syrischen Opposition. Der Grund hierfür ist einfach: die Angst vor Islamisten. Zunehmend weitere Teile der Öffentlichkeit und Entscheider halten Assad für das kleinere Übel, im Vergleich zur Islamistischen Opposition. Damit geht Assads Plan vollständig auf.

Für das Assad-Regime war es von Beginn des Konfliktes klar, dass ein Sieg im Kampf gegen die Aufständischen im eigenen Land vor allem auch auf der Propaganda-Front erreicht werden musste. Gaddafis Versuch, die Aufstände in seinem Land rein militärisch niederzuschlagen, endete bekanntlich mit einem Eingreifen eines Militärbündnisses unter Führung Frankreichs und Großbritanniens. Wenn sein Regime also ein fremdes Eingreifen verhindern wollte, dann musste es sicherstellen, dass die Rebellen als schlechtere Alternative zu dem Assad-Regime dastehen.

Weiterlesen auf The-Germanz

 

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MANPADS im Kontext

Der frühere russische Vize-Premier Alfred Koch glaubt, der jüngste russische Abzug aus Syrien hänge damit zusammen, dass die Rebellen nun über „Stinger“ (gemeint waren wohl MANPADS im Allgemeinen) verfügten. Die Diskussion auf dem Profil des Journalisten Boris Reitschuster zeigte, dass die Allgemeinheit beschränkte Kenntnisse über dieses Waffensystem verfügt.

 

Was sind MANPADS?

Durch einzelne Personen tragbare Waffensysteme zum Abschuss von Flugobjekten werden MANPADS, also „Man Portable Air Defense System“ genannt. Mit einem einfachen Visier auf dem tragbaren Startgerät werden die Waffen auf das Luftziel ausgerichtet, bis der in der Rakete befindliche Sensor das Ziel erfasst hat. Dann feuert der Schütze die Rakete ab, die aus dem Abschuss- und Transportbehälter ausgestoßen wird. Nach wenigen Metern zündet ein Raketentreibsatz, der die Luftabwehrrakete beschleunigt, aber wegen der geringen Größe der Rakete schon nach wenigen Sekunden wieder ausgebrannt ist. Dabei kann die Luftabwehrrakete eine Geschwindigkeit von Mach 2 bis Mach 2,5 erreichen. Mit ihrem Infrarotsensor (es gibt auch andere Systeme, die jedoch für untrainiertes Personal völlig ungeeignet sind) erfasst die Rakete dabei das Ziel und ist in der Lage Kurskorrekturen selbständig vorzunehmen, um das Ziel zu verfolgen. Erreicht sie das Ziel, zündet der Aufschlagzünder und eine kleine Sprengladung beschädigt das Flugzeug im Idealfall schwer genug, dass es abstürzt. Was leicht klingt, ist in der Realität jedoch merklich anders.

SA-7 MANPADS
SA-7 MANPADS

 

Wie effektiv sind MANPADS?

Was sich in obiger Beschreibung wie ein perfektes System anhört, ist in der Realität deutlich weniger furchteinflößend. Das hat mehrere Gründe:

  1. Reichweite: Der Laie liest beispielsweise bei Wikipedia, dass die FIM-92A Stinger eine Reichweite von 6 Kilometer und eine Bekämpfungshöhe von 3,5 Kilometer habe. Dabei ignoriert er gerne, dass das „maximal“ nicht grundlos davor steht. Während er sich die Reichweite einer solchen Rakete wie eine Walze vorstellt, entspricht sie vielmehr einem Kegel. Einem sehr flachen Kegel.
    Die abgefeuerte Rakete hat nur einen kleinen Treibsatz, der ihr nur eine beschränkte Energie für die Fortbewegung verleiht. Ist der Treibsatz ausgebrannt fliegt sie noch ein paar Sekunden weiter, Kraft ihrer Massenträgheit. Gleichzeitig fällt jedoch auch die Geschwindigkeit rapide ab, nicht zuletzt wegen des enormen Luftwiderstands bei Überschallgeschwindigkeit. Je höher die Rakete aufsteigen muss, desto weniger weit reicht sie aber auch. Ein weiterer Faktor ist, dass jede Kurskorrektur der Rakete ebenfalls gewaltige Energiemengen frisst.
    Das heißt, ihre „maximale Bekämpfungshöhe“ erreicht die Rakete überhaupt nur, wenn sie fast senkrecht nach oben geschossen wird und einfach nur aufsteigen kann. Ihre maximale Reichweite erreicht sie nur, wenn sie einer sehr flachen Flugbahn direkt auf das Ziel zufliegt. Schon einen Kilometer vom Abschussort entfernt ist die maximale Bekämpfungshöhe um hunderte Meter niedriger.
  2. Das Ziel ist keine einfache Beute: Besonders effektiv sind solche Waffen nur, solange sich der Gegner noch nicht darauf eingestellt hat. Dann gelingt der Hisbollah schon auch einmal ein Treffer mit einer ASM auf einem israelischen Kriegsschiff, weil dieses seine Abwehr gegen Flugkörper überhaupt nicht eingeschaltet hatte. Dies geschieht beispielsweise, weil man nicht das Risiko eingehen will, versehentlich eigene Flugzeuge abzuschießen. Täuschkörperwerfer sind mitunter abgestellt, weil man keine Bedrohung am Boden erwartet, die Täuschkörper auch Geld kosten und zudem am Boden Gebäude und Felder in Brand stecken können.
    Hat sich der Gegner jedoch auf die neue Bedrohung eingestellt, kann er ihre Gefährlichkeit merklich reduzieren. Mit Störkörpern und aktiven Abwehrsystemen IRCM (Infrared Countermeasure) und DIRCM (Directional Infrared Counter Measures) können Flugzeuge und Hubschrauber die Erfassung verhindern oder bereits abgeschossene Raketen täuschen. Abwehrmanöver können im Verbund mit bordeigenen Gegenmaßnahmen die Rakete zum Abreißen der Zielerfassung bewegen, eine mit den Abwehrmanövern verbundene Beschleunigung des Flugzeugs kann dieses auch schlicht aus der Reichweite der Rakete bringen.
    Mit anderen Flugprofilen kann eine Erfassung durch den Schützen verhindert werden, weil dieser für die Zielerfassung qualvolle Sekunden braucht. Bricht dabei der Sichtkontakt ab, muss er von vorne anfangen, wenn das Ziel wieder ins Blickfeld kommt. Wird die Hitzesignatur beim Anflug aus der Sonne heraus oder durch die Tragflächen ausreichend verdeckt, kann der Schütze das Flugzeug erst beim Abflug erfassen, während es Sekunde um Sekunde die Distanz erhöht und damit die Effektivität der Rakete verringert.
    Andere Flugtaktiken können auch die Zeit im gefährdeten Luftraum verhindern, beispielsweise durch hohen Anflug, Verringern der Flughöhe direkt über dem Ziel und anschließendem sofortigen Wiederaufstieg.
    Hubschrauber und langsam fliegende Flugzeuge haben oft auch Schützen mit schwerem Maschinengewehr in der geöffneten Heckklappe sitzen, der einen potentiellen MANPADS-Schützen visuell ausmachen und umgehend mit Unterdrückungsfeuer/Deckungsfeuer belegen kann, damit er nicht zielen kann.
  3. Der Schütze: Selbst ein geübter Schütze braucht etwa eine halbe Minute, bis er die Rakete abgefeuert hat. Diese Zeit über muss er sich ein Stück weit exponieren und zudem das Ziel visuell in direkter Linie erfassen können. Die Exponierung kann aus der Luft (oder über Schützen auf dem Boden) zur Bekämpfung des MANPADS-Schützen genutzt werden, während die visuelle Erfassung durch Flugprofile und gewählte Tageszeiten und Wetterumstände ebenfalls beeinflusst werden kann. Ein Jet im Tiefstflug mit hoher Geschwindigkeit ist so nur sehr schwer zu bekämpfen, weshalb auch die Sowjets in Afghanistan so zu fliegen begannen.
  4. Die Waffenwirkung: Da die Rakete nur einen kleinen Sprengsatz in sich trägt, können durch MANPADS beschädigte Flugzeuge oft genug noch kontrolliert landen und sind dabei mitunter sogar noch reparabel.

Entsprechend ist die tatsächliche Effektivität dramatisch geringer, als es sich Manche vorstellen oder als ich es auch selbst beispielsweise noch in meinen Schulbüchern über den Afghanistankrieg lesen konnte. Die Kampfjet-Verluste der Sowjetunion in Afghanistan waren auch nach dem Auftauchen der Stinger nämlich keineswegs verheerend. Tatsächlich verlor die deutsche Bundesluftwaffe im gleichen Zeitraum mehr Flugzeuge beim Training, als die Sowjets durch Feindeinwirkung in Afghanistan!

MANPADS sind so etwas wie Panzerfäuste gegen Flugzeuge, weshalb sie in Deutschland auch Fliegerfaust genannt werden. Die Effektivität ist dabei vergleichbar. In der Theorie nicht schlecht und eine gute Waffe, in der Praxis aber nur ein Notbehelf mit beschränkter Nützlichkeit, wenn der Gegner sich darauf einstellt und seine Taktiken entsprechend anpasst. Einen Luftraum „sperren“ können MANPADS daher mitnichten. Gerade weil Jets zu schnell aus dem Wirkungsbereich von MANPADS fliegen können, sind sie daher nur ordentlich effektiv gegen tief und nah am Schützen fliegende Helikopter, langsame und tief fliegende Flugzeuge sowie startende und landende Flugzeuge, unter deren Flugschneise der Schütze sehr nah am Flugplatz ist. IRCM und DIRCM verringern jedoch auch hier die Effektivität. Es hat schon seinen guten Grund, warum Streitkräfte zur Luftabwehr auch noch über andere Waffen als MANPADS verfügen.

Kurzum: Es gibt kein perfektes Waffensystem. Es gibt nur Waffensysteme, die die „Kosten“ erhöhen. Also den Aufwand, den Materialeinsatz und die Verluste. Kann man diese „Kosten“ schultern, weil das zu erreichende Ziel als wichtig genug eingesetzt wird, dann wird man mit ausreichendem Materialeinsatz auch dann noch sein Ziel erreichen.

 

Zieht sich Russland wegen MANPADS zurück?

Kurz: Nein, garantiert nicht! 

Wenn die Rebellen signifikante Mengen an MANPADS erhalten, wird der Tiefflug für die Russische Luftwaffe gefährlicher, aber keineswegs unmöglich. Für CAS (Close Air Support), den Russland in Syrien typischerweise mit Mi-24 Hubschraubern und Su-25 Flugzeugen geflogen ist, wird es gefährlicher. Allerdings sind beide Systeme auch schon heute erheblich durch die überall in Syrien und dem Irak verfügbaren ZU-23-2 (Flugabwehr-Maschinenkanonen) verwundbar, mit denen der IS die irakischen Kampfhubschrauber bereits 2014 dramatisch dezimiert hatte. Auch überschwere Maschinengewehre sind für beide Fluggeräte nicht ungefährlich.

Während also CAS gefährlicher wird, aber auch dort Technik und Taktik die Gefährdung beschränken können, sind höher fliegende Flugzeuge überhaupt nicht betroffen. Wie bislang auch könnten die russischen Su-30, Su-35, Su-34, Su-24, Tu-160 und Tu-22M3 aus mittlerer bis großer Höhe ihre Bomben abwerfen. Smartbombs kann die russische Luftwaffe ebenfalls problemlos oberhalb der Reichweite von MANPADS ausklinken und selbst seine Eisenbomben kann die russische Luftwaffe dank des SVP-24-Systems (das an Bord des Flugzeugs anhand einer Vielzahl von Daten den perfekten Abwurfzeitpunkt errechnet und die Bombe dann automatisch ausklinkt um sie mit größtmöglicher Genauigkeit abzuwerfen) mit akzeptabler Genauigkeit einsetzen. „Close“ Air Support, also der Beschuss von Stellungen die beispielsweise nur 50 Meter vor den eigenen Truppen liegen, wird damit ohne Smartbombs schwieriger, aber auch nicht unmöglich. Erst recht nicht, wenn Russland im Fall einer zu kurz geflogenen Bombe keine eigenen Soldaten tötet, sondern „nur syrische“ und daher weniger sorgsam agiert. Smartbombs können ohnehin weiter eingesetzt werden.

Ebenfalls verhindern MANPADS nicht, dass Artillerie weiter in die Kämpfe eingreift, auch um kämpfende Truppen direkt zu unterstützen. Artilleriebeobachter oberhalb der Reichweite der MANPADS, sei es in Flugzeugen, Hubschraubern oder Drohnen können diese Raketen genauso wenig verhindern, wie eine Feuerleitung vom Boden oder die Artilleriegranaten selbst.

Wollte also Russland der syrischen Regierung weiter helfen, so könnte es dies problemlos. Auch militärisch. Zumal MANPADS keineswegs perfekte Systeme sind und es unwahrscheinlich ist, dass Russland keinerlei Verluste zu akzeptieren bereit ist. Im Gegenteil. Sein militärisches Engagement in Georgien, der Ukraine und Syrien zeigt ja gerade, dass es sehr wohl bereit ist, mit Blut für seine Ziele zu bezahlen.

Übrigens: Die ersten FIM-92 Stinger sind in Syrien bereits 2012 in Rebellenhand aufgetaucht. Der Islamische Staat hatte spätestens im Sommer 2014 auch moderne MANPADS aus syrischen Beständen erbeutet. Das Auftauchen von MANPADS ist also keineswegs etwas Neues. Dazu kommt, dass eine allzu großzügige Lieferung sehr unwahrscheinlich ist. Sie würde praktisch garantieren, dass ein Teil der Systeme im Untergrund verschwinden und schon in nächster Zukunft außerhalb Syriens und des Iraks auf Passagierflugzeuge abgefeuert werden würden. Das will jedoch keiner der Waffenlieferanten für die syrische Opposition leichtfertig riskieren.

 

Der wahrscheinliche Grund

Höchstwahrscheinlich hat Russland einfach seine Ziele erreicht. Assads Herrschaft ist bis auf Weiteres gesichert, Russland hat nicht nur seinen Marinestützpunkt in Tartus gesichert, sondern verfügt nun sogar auch noch über eine Luftwaffenbasis in Syrien. Obama hat unterdessen aufgegeben, Assads Abdankung als Bedingung für einen Frieden in Syrien zu stellen. Warum also sollte sich Russland unnötig weiter engagieren? Zumal die russischen Regierungsmedien melden, dass die russischen Luftstreitkräfte sehr wohl weiter Luftangriffe fliegen.

 

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Die Flüchtlinge dienen als Waffe

 

Auch wenn der Hinweis auf die „Flüchtlingswaffe” vor allem von rechtsextremen und verschwörungstheoretischen Seiten kommt, so wäre es falsch, eine Nutzung der Einwanderungswelle nach Europa als Waffe a priori auszuschließen.

Nicht nur, dass Griechenlands Verteidigungsminister im März 2015, also noch Monate vor Beginn des Massenansturms, offen damit gedroht hatte, „Flüchtlinge” mit Reisepapieren auszustatten, damit sie nach Deutschland könnten, um so Druck im Streit um die griechischen Schulden auszuüben. Im März 2016 tat es ihm Frankreich nach, als der französische Wirtschaftsminister damit drohte, den im „Dschungel von Calais” befindlichen „Flüchtlingen” die Weiterreise nach Großbritannien zu ermöglichen, sollte sich das Land für einen Austritt aus der EU entscheiden.

Doch während eine Nutzung der „Flüchtlinge” als politisches Druckmittel damit belegt ist, ist es keineswegs so, wie es die üblichen Verdächtigen der Verschwörungstheoretiker wieder einmal sehen, nämlich dass die USA dahinter stehen. Spätestens seit dem Spätsommer 2015 steckt nämlich Russland dahinter.

 

Russland führt mit Flüchtlingen Krieg gegen Europa.

Dass die aktuelle Regierung in Griechenland, gebildet aus Rechts- und Linksradikalen, ein gutes Verhältnis zu Russland hat, ist bekannt. Schon im Januar 2015 schrieb Benjamin Prüfer, dass Putin Griechenland zur Spaltung der EU nutzen würde.

Nach der russischen Aggression gegen die Ukraine hatte auch die EU Sanktionen gegen Russland verhängt, die der russischen Wirtschaft inzwischen massiv schaden. Dabei wirken bislang auch Staaten mit russlandfreundlichen Regierungen wie Ungarn oder Griechenland im Rahmen einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik der EU mit. Spätestens seitdem die wirtschaftliche Macht der EU in Russland so sichtbar geworden ist, ist auch die Spaltung der EU zu einem strategischen Ziel des russischen Machthabers geworden, der sich zuvor wegen der militärischen Impotenz der EU mehr auf das Militärbündnis NATO konzentriert hatte.
Seither nutzt Russland seine aus Medien, Politikern und Parteien bestehende „Fünfte Kolonne” innerhalb der EU, um ihren Zusammenhalt zu schwächen. Dabei werden gerne auch mal Millionenkredite an Europakritische Parteien wie die Front National in Frankreich vergeben, die als Nationalisten überraschenderweise kein Problem damit haben, sich aus dem Ausland finanzieren zu lassen.

Mit der seit dem Sommer 2015 anlaufenden Flüchtlingskrise ist auch der Zusammenhalt innerhalb der EU massiv gefährdet worden, wie in meinem in Kürze erscheinenden Buch zur Flüchtlingskrise gezeigt werden wird. Dazu war auch Merkels Amt als Bundeskanzler zwischenzeitlich massiv gefährdet, auch wenn sie im Moment wieder etwas Luft zu bekommen scheint. Angela Merkel sei der einzige Regierungschef, den Putin respektiere.

Im September 2015 hat Russland mit einer militärischen Intervention in Syrien begonnen. Dabei führte seine Luftwaffe nicht nur Luftnahunterstützung für die syrischen Regierungstruppen durch, vor denen die meisten Syrer fliehen, sondern auch Flächenbombardements, deren militärische Nutzen sehr beschränkt ist und bestenfalls im Verbreiten von Terror gegenüber der Zivilbevölkerung liegt. Dabei wird Russland aber auch vorgeworfen gezielte Bomben einzusetzen, beispielsweise gegen Krankenhäuser.

Die Offensiven der syrischen Regierungstruppen und ihrer Verbündeten, aber auch die gewaltigen Bombardements durch russische Luftstreitkräfte führen inzwischen zu Massen an neuen Flüchtlingen. Im Besonderen die Regierungsoffensive in Richtung Aleppo hat dabei Zehntausende Menschen in die Flucht geschlagen.

All diese Menschen erzeugen einen weiteren Migrationsdruck in Richtung EU, der die EU-kritischen bis EU-feindlichen Parteien innerhalb der EU weiter stärkt, den „Brexit”, also den Austritt Großbritanniens aus der EU, wahrscheinlicher Macht und letztendlich auch an Merkels Stuhl wackelt. Sollte Merkel unter der Flüchtlingskrise stürzen, würde Putin den einzigen Gegenspieler verlieren, den er respektiert. Bei einem Nachfolger könnte er dann wohl alsbald auf ein Ende der Sanktionen hoffen.

Während mit Hilfe von russischen Waffen so neue Flüchtlinge geschaffen und auf den Weg geschickt werden, steuert die staatsnahe und in Staatshand befindliche russische Presse zugleich die Stimmung der Russlanddeutschen in der Bundesrepublik. Als die russische Presse eine erfundene Vergewaltigung eines russlanddeutschen Mädchens durch Migranten verbreitete, die angeblich nicht durch die Polizei verfolgt würde, fanden sich Russlanddeutsche bundesweit zu Demonstrationen zusammen, um ihre Kinder zu schützen. Indem die von Russland gesteuerte Presse so mit Lügen die Russlanddeutschen gegen die Regierung aufbrachte, steigerte sie zugleich die Gefahr von Vigilantismus durch ebendiese.

Dass Russland die Flüchtlinge als politische Waffe gegen die EU einsetzen würde, davor hatte bereits im Oktober 2015 der ukrainische Ministerpräsident gewarnt. Inzwischen sagt auch der NATO-Oberbefehlshaber für Europa, General Philip Breedlove das Gleiche.

 

In der Tat hat Russland wesentliche Zügel für die „Flüchtlingskrise” in der Hand. Seine Waffenlieferungen haben das Regime in Damaskus, vor dem die meisten außer Landes geflohenen Syrer flüchten, über Jahre an der Macht gehalten. Russlandfreundliche Politiker sitzen in Griechenland in der Regierung und führen dort kein Grenzregime, das die Flüchtlinge am Betreten oder Verlassen Griechenlands in Richtung EU hindern würde. EU-kritische und Zuwanderung ablehnende Parteien innerhalb der EU erhalten Unterstützung durch Russland und russische Bomben bringen weitere Flüchtlingsstrome auf den Weg. Es ist hier schlicht offensichtlich, dass es wenigstens ein angenehmer Nebeneffekt der russischen Politik in Syrien ist, dass die EU und Merkels Kanzlerschaft durch sie gefährdet wird. Die Art der Bombardements und die zivilen Ziele machen den Vorwurf einer dahingehenden russischen Absicht praktisch belegbar. Dass inzwischen auch Menschen aus Russland selbst über die Grenze nach Europa geschickt werden, ist nur noch ein weiterer Mosaikstein im ganzen Bild.

Dabei muss es keineswegs endgültig erfolgreich sein. Auch ohne einen fertig abgeschlossenen Erfolg erlangt Russland eine starke Verhandlungsposition, wenn es um ein Ende der Sanktionen gegen seine Wirtschaft geht. „Entweder ihr hebt die Sanktionen auf oder ich schicke noch einmal 500.000 Syrer zu Euch.”

 

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In Syrien droht der Ausbruch eines wirklich großen Kriegs

Es wird heiß in Syrien. Nach noch unbestätigten Berichten hat jetzt die türkische Artillerie eingegriffen und syrische Kurden nahe Aleppo beschossen. Diese wurden zuletzt von der russischen Luftwaffe unterstützt. Damit rückt die massive Ausweitung des Konflikts näher.

 

Eine sunnitische Militärintervention wird denkbar

Nachdem die russische Luftwaffe mit massiven Bombardements zugunsten der syrischen Regierungstruppen und ihren verbündeten schiitischen Milizen eingegriffen hat, steht Aleppo vor einer Einkreisung. Sollte die Stadt fallen, wäre dies ein dramatischer Schlag gegen die Moral der nicht-IS Rebellen und würde für Syrien das von mir 2014 und 2015 skizzierte Szenario eintreten lassen, wonach sich der Bürgerkrieg, wie durch Assad geplant, nach der Niederlage der (moderaten und islamistischen) Rebellen zu einem Krieg zwischen der Assad-Diktatur und dem IS verwandeln würde. Da Syrien hierbei auf die Sympathie oder gar die Unterstützung anderer Staaten zählen könnte, würde am Ende das inzwischen völlig von Teheran abhängige Regime den Sieg davontragen. Dies würde den Schiitischen Halbmond vollständig und sicher unter iranische Kontrolle bringen.

Die schiitisch-persische Regionalmacht, die sich inzwischen damit brüstet vier arabische Hauptstädte (Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa) in ihren Händen zu haben, hätte damit ihren Einfluss in dem von amerikanischen Einfluss zunehmend verwaisten Nahen Osten massiv ausgeweitet. Damit wäre nicht nur die Türkei von den sunnitischen Kernländern, auf die sie Einfluss auszuüben versucht, abgetrennt, Saudi-Arabien wäre zugleich eingekreist. Dazu kommt, dass der inzwischen zum Erzfeind der meisten sunnitischen Staaten gewordene alawitische Assad an der Macht bleiben würde, obwohl beide Staaten seine Entmachtung mit ihrer Hilfe für die syrischen Rebellen vorangetrieben haben.

Dass dazu eine Konsolidierung der kurdischen Herrschaft der „syrischen PKK“ der PYD auch in Syrien für die Türkei völlig inakzeptabel ist, erklärt sich dazu von selbst. Die Türkei bezeichnet sie als Terroristen. Aktuell haben die kurdischen Truppen der YPG/YPJ  in Syrien jedoch weitestgehend einen Waffenstillstand mit der Assad-Regierung, dazu kommt eine Kooperation mit Russland. Dass die syrischen Kurden sich daher längst eine Anerkennung ihrer Autonomie von der Regierung Assad ausbedingt haben, darf man wohl als sicher annehmen. Damit wären aber die türkischen Kurdengebiete von der iranischen Grenze bis zum Mittelmeer an Gebiete angrenzend, die in kurdischer Hand sind, was dem Separatismus in der Türkei enormen Aufwind verschaffen wird. Während man sich in der Türkei an die kurdischen Autonomiegebiete im Irak inzwischen gewöhnen konnte, sähe die Türkei eine von der PKK/PYD gehaltene Region an ihrer Grenze als nicht akzeptable Bedrohung.

Kommt dazu eine Einkreisung Aleppos, wird die Situation für die sunnitischen Regionalmächte noch unerträglicher. Dies nicht zuletzt auch, da eine Einkreisung aller Wahrscheinlichkeit eine Wiederholung des bereits mehrfach in Syrien praktizierten Aushungerns der Bevölkerung bedeuten würde. Diese ist nicht nur klar ein Kriegsverbrechen, es wäre gerade für die Türkei auch nicht akzeptabel zuzusehen, wie hunderttausende Menschen nur rund 30 Kilometer Luftlinie von der türkischen Grenze entfernt vom Hungertod bedroht sind. Verschärft würde die Lage dazu dadurch, dass eine Belagerung von Aleppo aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine anhaltende Bombardierung mit Artillerie und der russischen Luftwaffe begleitet wäre. Die Russen sehen diese als ein Erfolgsrezept, das sie unter der Verursachung von zehntausenden zivilen Opfern in nur wenigen Wochen Grozny hat erobern lassen, während die syrischen Streitkräfte nicht genug Mannstärke haben, um einen anhaltenden Häuserkampf riskieren zu wollen. Während ihnen die Soldaten fehlen, sind jedoch mehr als ausreichend schwere Waffen zur Verfügung.

Wenn es also dazu kommt, dass die syrische Opposition in wenigen Tagen vor einer strategisch entscheidenden Schlacht steht, wird eine Militärintervention sunnitischer Staaten zunehmend wahrscheinlicher. Offiziell vermutlich gegen den IS gerichtet, um allen Beteiligten eine Wahrung des Gesichts zu ermöglichen, würden die Interventionstruppen ihre Hauptaufgabe jedoch in der Erhaltung der mehrheitlich sunnitischen Opposition gegen Assad sehen. Wie auch für alle anderen Beteiligten in Syrien, wäre der IS nur völlig zweitrangig, weil man sich von jeder Seite sicher zu sein glaubt, dass man ihn relativ einfach überwinden wird, ist erst der international akzeptable Gegner, also die Rebellen oder die syrische Regierung, erledigt. Saudi-Arabien hat bereits seine Bereitschaft zur Intervention erklärt, die Türkei scheint aktuell noch auf eine amerikanische Führung einer Intervention zu warten. An einer solchen wird sich die Türkei jedoch beteiligen, so Erdogan.

 

Russland wird nicht tatenlos zusehen

Wenn tatsächlich eine Militärintervention zur Unterstützung der syrischen Opposition erfolgt, werden Russland und der Iran nicht tatenlos zusehen können. Wenn die Opposition durch sunnitische Truppen stabilisiert wird, stehen diese in direkter Konfrontation mit syrischen Regierungstruppen, iranischen Revolutionsgarden und russischen Truppen. Dazu kommen natürlich noch die hier irrelevanten mit der syrischen Regierung verbündeten Milizen und Terrororganisationen wie der Hisbollah.

Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov - AirTeamImages [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)], via Wikimedia Commons
Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov – AirTeamImages [CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
Kommt es nach einer Intervention nicht zu einem raschen Waffenstillstand, auf den eine Machtübergabe der Regierung Assad folgt, so sind direkte militärische Auseinandersetzungen zwischen den Truppen der beteiligten Nationen nur noch eine Frage der Zeit. Putin wird es sich schon alleine innenpolitisch nicht leisten können, als Verlierer dazustehen. Der Iran hat dagegen bereits zu viel investiert, um das so hart „erarbeitete“ einfach so aufzugeben. Ohne ihn gäbe es Assad ja schon seit Jahren nicht mehr und der Bürgerkrieg wäre längst vorbei. Damit droht eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen dem nuklear hochgerüsteten Russland und der Türkei, die Teil der NATO ist.

In diesem Zusammenhang sind auch die militärischen Großübungen Russlands zu sehen, die das Land im Südwesten, also durch die der Türkei am nächsten stehenden Truppen, durchgeführt hat. Auch dass russische Bomber inzwischen mit ASM (Anti-Schiff-Raketen), die gegen die syrische Opposition und den IS völlig nutzlos sind, gefilmt wurden, passt in dieses Bild. Putin scheint ernsthaft gewillt zu sein, zumindest einen großen militärischen Konflikt glaubhaft anzudrohen.

 

Russlands strategischen Vorteile

Russland hat dabei durchaus strategische Vorteile. Während seine Truppen in Syrien abgeschnitten wären, da kein Nachschub mehr durch den Bosporus käme und eine Luftversorgung durch die Türkei bedroht werden würde, hat er dennoch noch einige Asse im Ärmel. Sollten nämlich russische Truppen in Syrien gegen türkische Soldaten kämpfen, so wäre die Frage tatsächlich gerechtfertigt, ob dies überhaupt einen Bündnisfall bedeuten würde. Solange die Türkei auf ihrem Territorium selbst nicht angegriffen würde, sondern nur Truppen von ihr außerhalb von Nordamerika und Europa, wäre Artikel 5 wohl tatsächlich nicht anwendbar. Dazu könnte die Türkei nur wenige Truppen in Richtung Syrien schicken, weil sie die Grenze in Richtung Armenien, Iran und Georgien vor einem möglichen russischen Angriff schützen müsste. Ergänzend käme die Drohung mit dem enormen russischen nuklearen Arsenal, die wohl die meisten NATO-Staaten schon aus purer Angst von einem Anerkennen des Bündnisfalles abhalten würden. Wird die Türkei jedoch so alleine gelassen, wird der Bündniszusammenhalt der NATO als Ganzes geschwächt, was für Russland inzwischen ein strategisches Ziel ist.

In diesem Zusammenhang muss noch nicht einmal erwähnt werden, dass Russland in so einem Szenario enormen Druck ausüben kann, indem es die baltischen Staaten bedroht. Diese sind militärisch binnen weniger Tage zu überrennen, wonach die NATO kaum noch Optionen hätte, die neben einem monatelangen Krieg auch einen Einsatz russischer Nuklearwaffen nicht als wenigstens potentielle Option bedeuten. Dass Russland erhebliche Vorteile in einem selektiven Einsatz derselben sieht, habe ich bereits in der Vergangenheit erklärt.

Der Einsatz russischer Nuklearwaffen und auch ein Angriff konventioneller russischer Truppen auf das Baltikum wäre dabei jedoch einfach zu verhindern. Es müsste lediglich ein Präsident im Weißen Haus sein, der keinen Zweifel daran ließe, dass er den Knopf drücken würde. Denn so, und nur so, funktioniert die nukleare Abschreckung. Nur wenn die Gegenseite felsenfest davon überzeugt ist, dass sie bei einer eigenen Aggression im Feuer der nuklearen Sonnen verglüht, bleibt die Aggression aus. Dieses zynische System hat den ganzen Kalten Krieg über die Front zwischen NATO und Warschauer Pakt friedlich gehalten. Ob der bislang völlig unglaubwürdige Barack Obama in seinem letzten Amtsjahr dazu jedoch plötzlich im Stande wäre, darf mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

 

Was passieren wird, ist völlig unklar

Was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird, ist völlig unklar. Der Einsatz türkischer Artillerie gegen syrische Kurden, die mit russischer Luftunterstützung vorgerückt waren und zusammen mit Assads Truppen kurz davor sind Aleppo einzuschließen, ist de facto bereits eine Intervention. Ob und wann die Truppen der Türkei, Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahreins und vielleicht auch Ägyptens (das sich inzwischen weitgehend saudischen Initiativen anschließt) syrischen Boden betreten, ist ebenfalls unklar. Die syrische Regierung hat zumindest bereits angekündigt, die Soldaten würden nur in Särgen nach Hause kommen. Dass sich Russland bei einer solchen Intervention zurückzieht, scheint unwahrscheinlich. Ob sich dann auch iranische reguläre Truppen beteiligen macht wohl keinen großen Unterschied mehr.

Denn wenn nicht umgehend ein Friedensschluss erfolgen würde, der aktuell völlig unwahrscheinlich ist, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis es zu offenen Kriegshandlungen der Beteiligten kommen würde. Dass diese auf Syrien isoliert blieben, dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Die arabischen Golfanreiner haben alle noch Rechnungen mit dem Iran offen, darunter auch territoriale Dispute, die so zu regeln wären.

 

Ein Krieg wäre zu verhindern gewesen

Dabei wäre dieses Szenario leicht zu verhindern gewesen. Hätte Obama seine Truppen nicht vorschnell und gegen den Ratschlag seines eigenen Militärs aus dem Irak abgezogen, gäbe es den IS heute nicht. Hätten die USA der Regierung Assad mit einer Intervention gedroht, sollte sie nicht einen Übergang ermöglichen, wäre der Bürgerkrieg vermutlich nie eskaliert. Bei einem glaubwürdigen Präsidenten hätte Assad ein luxuriöses Exil immer dem Galgen vorgezogen. Denn wenn ein glaubwürdiger Präsident der USA droht, dann retten Diktatoren in der Regel lieber ihre eigene Haut.

So war es auch 2003, als die USA unter George W. Bush den Irak befreiten, nachdem sie Saddam Hussein vorwarfen an Massenvernichtungswaffen zu arbeiten. Von der Entschlossenheit der USA beeindruckt, gab Gaddafi noch im gleichen Jahr sein eigenes Waffenprogramm auf. Die Aussicht irgendwann einmal die Bombe zu haben war es schlicht nicht wert, eine Invasion durch die USA zu riskieren. Stattdessen gibt es heute einen US-Präsidenten, der Angst vor der eigenen Courage hat und glaubt, alles Übel komme von den USA selbst. Der rote Linien zeichnet, nur um sie dann selbst zu ignorieren, wurden sie überschritten.

Auch der inzwischen immer stärker aufflammende innerislamische Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten wurde in seiner jetzigen Größenordnung erst durch den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten ermöglicht, der ein Machtvakuum geschaffen hat, das nun eine ganze Reihe regionaler Mächte auszufüllen versucht. Dabei hätte man es auch hier besser wissen können. Eine Region ohne Hegemon gibt es nie. Wenn sich der etablierte Hegemon daher zurückzieht, muss er für eine sichere Nachfolge sorgen, soll kein großer Kampf um die Krone ausbrechen.

 

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Assads Sieg bedeutet noch mehr Flüchtlinge

Mit Hilfe von Schiitischen Milizen und schweren russischen Bombardements konnte die Assad-Regierung in den letzten Tagen ihre territoriale Kontrolle um Aleppo herum weiter ausdehnen und ist praktisch kurz davor, die in Aleppo befindlichen Zivilisten und Aufständischen einzukesseln. Ein Sieg in Aleppo würde die Opposition wohl weitgehend zerschlagen und nur noch den Islamischen Staat und Assad übrig lassen. Damit würde genau das passieren, was der syrische Diktator so geplant hatte. Putinfreunde in Deutschland halten das Ganze vermutlich für einen großartigen Plan. Doch während die gleichen Menschen zumeist auch möglichst keine Flüchtlinge in Deutschland haben wollen, sollten Sie sich des Umstands bewusst sein, dass ein Assad-Sieg nur noch mehr Syrer in Deutschland bedeuten wird. Und das dazu auf sehr lange Sicht.

 

Die Syrer fliehen vor Assad

Tatsächlich fliehen nicht nur die meisten Syrer vor Assad und seinen Bombenangriffen, inzwischen aber auch vor den russischen Flächenbombardements, die Mehrheit sieht ein Ende der Assad-Diktatur auch als Bedingung für ihre Rückkehr an. Angesichts der Brutalität des Regimes müssen dazu hunderttausende Aktivisten und Widerstandskämpfer das Schlimmste befürchten, sollte Assad den Krieg gewinnen und ihr aktuell befreites Territorium wieder erobern. In diesem Fall würden nicht nur hunderttausende Menschen zusätzlich fliehen, sehr viele der Geflohenen würden sich auch schlicht nicht mehr nach Syrien zurück trauen. Ein Sieg der Diktatur würde Deutschland und Europa also nicht nur  weitere hunderttausende Flüchtlinge bescheren, es würde eine Rückkehr vieler bislang Gekommener verunmöglichen, nicht zuletzt weil die deutsche Gesetzgebung diesen Geflüchteten dann auch einen dauerhaften Aufenthalt ermöglichen würde. Dies übrigens sogar richtigerweise, denn Syrern zuzumuten von einer siegreichen Assad-Regierung nach der Ankunft verhaftet und gefoltert zu werden, ist nicht tragbar. Wer jedoch von solchen Repressalien tatsächlich bedroht ist, wird weder durch die Bundesregierung herausfindbar sein, noch werden die Betroffenen es oftmals selbst wissen.

Foto Kyle Huynh (CC BY-NC-ND 2.0)
Syrien braucht Freiheit, nicht Assad! Foto: Kyle Huynh (CC BY-NC-ND 2.0)

 

Assad muss besiegt werden

Viele der jetzt hier Befindlichen haben aufrichtige Angst um ihr Leben und wollen in einem System wie dem von Assad nicht mehr leben. Nicht selten sind ihre Häuser zerstört oder für das Aufbringen der Schlepper-Kosten verkauft worden. Die Menschen haben also nicht einmal mehr Besitz, zu dem es sich zurückzukommen lohnt. Haben sie dazu auch in einem nicht mehr im Bürgerkrieg befindlichen Syrien Angst um ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre Freiheit, so werden sie hier bleiben. Verhindern ließe sich dies nur, wenn auch Assad beseitigt wird. Wer also nicht dauerhaft hunderttausende Syrer in Deutschland haben möchte muss erkennen, dass Assads Niederlage eine conditio sine qua non dafür ist. Dass aber ein nicht-Assad Syrien seine Alawitische Diktatur nicht durch eine fundamentalistisch-sunnitische ersetzt, ist keineswegs gewiss. Es ließe sich jedoch beeinflussen. Dazu müsste man aber auch bereit sein, dass sich Deutschland dahingehend engagiert. Mit Isolationismus, Nichtinterventionismus und Putin-Lobpreisungen wird sich nichts an der Situation verbessern und die syrischen Flüchtlinge werden dauerhaft in Deutschland bleiben.

Putin komplettiert Assads Meisterwerk

Die russischen Luftstreitkräfte sind nun offiziell zu Luftangriffen übergegangen. Damit wird Russland Kriegspartei in Syrien. Was bei Angriffen auf den Islamischen Staat zu begrüßen sein könnte, ist tatsächlich jedoch eine Katastrophe für Syrien und komplettiert Assads Meisterwerk.

 

Assad wollte eine möglichst radikale Opposition

In „Assads Meisterwerk“ habe ich beschrieben, wie Assad die Opposition gezielt radikalisierte. Extremisten wurden per Amnestie lange nach Beginn des Aufstands gegen ihn aus Gefängnissen entlassen.  Sobald klar war, dass er es mit einen waschechten Aufstand zu tun hatte den er nicht binnen weniger Tage würde erstücken können, traf seine Regierung eine folgenschwere, aber nicht minder geniale Entscheidung.  „Putin komplettiert Assads Meisterwerk“ weiterlesen