Tankerangriffe: Der Iran war es

Darauf deutet zumindest aktuell tatsächlich alles hin.

Erneut sind Tanker knapp außerhalb der Straße von Hormuz angegriffen worden, dieses Mal auf der Fahrt und auf See. Die veröffentlichten Bilder sind dabei eindeutig.

Limpet Mine Attack in the Gulf of Oman: JUNE 13, 2019

Video recorded by a U.S aircraft of an Islamic Revolutionary Guard Corps (IRGC) Gashti Class patrol boat and crew removing an unexploded limpet mine from the M/T Kokuka Courageous. M/T Kokuka Courageous suffered an explosion while operating in the Gulf of Oman causing 21 crew members to abandon ship and later get rescued by the U.S. Navy's Arleigh Burke-class guided missile destroyer USS Bainbridge (DDG 96).

Posted by U.S. Navy on Thursday, June 13, 2019

In dem Video kann man eindeutig und unzweifelhaft ein iranisches Gashti-Klasse Patrouillenboot erkennen, das von der Außenwand eines Tankers ein Objekt entfernt.

Die typischen Rillen der Trittfläche am Bug ist auf dem Video erkennbar, genauso wie die charakteristische Bugform und die Maschinenwaffe an der richtigen Position.

Screenshot
I

Die Bilder von einem der beschädigten Tanker bestätigen ebenfalls die offiziellen Meldungen:

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Deutlich ist rechts eine Art kleine „Pyramide“ zu erkennen, während der links markierte Schaden vor nicht allzu groß und noch dazu über der Wasseroberfläche ist.

Die Position des Schadens schließt eine Seemine genauso aus, wie einen Torpedo. Oberhalb der Wasserlinie könnten nur Projektile, ob aus Rohrwaffen oder Raketen ein Schiff auf diese Art beschädigen – oder eben eine Haftmine.

Haftminen müssen tragbar sein und haben daher ein Maximalgewicht. Die größte mir ad hoc bekannte Haftmine ist die von der Wehrmacht gegen das Fort Eben Emael eingesetzte mit einem Gesamtgewicht von 50 Kilogramm, die jedoch aus zwei Teilen bestand, die auf dem Ziel zusammengesetzt werden mussten.

Gut auf dem Bild zu erkennen ist die Form einer Halbkugel. Da Haftladungen mit Hohlladungen funktionieren und nicht auf Aerodynamik, sondern auf geringes Gewicht angewiesen sind, ist ihre Form normalerweise grob die einer Halbkugel, eines Kegels oder einer Pyramide. Dies ist auch bei der deutschen Hafthohlladung des Zweiten Weltkriegs erkennbar:

Das veröffentlichte Bild ist nicht zu gut, man kann jedoch deutlich eine Pyramide erkennen. Da eine dort angebrachte Hohlladung leicht genug sein muss, um sie zu tragen und von einem schwankenden kleinen Boot anzubringen, dürfte ihr Gewicht nicht höher als 20 kg sein, was die Sprengwirkung nicht nur einschränkt, sondern auch den auf dem Bild sichtbaren Schaden erklären würde.

Hohlladungen sind darüber hinaus auf die Penetration des Ziels ausgelegt. Sie erzeugen einen Metallstachel, der sich durch die vor der Hohlladung liegende Panzerung bohrt. Statt also Energie für die Zerstörung der Panzerung selbst zu verschwenden, entsteht ein eher kleines Loch, während auf der anderen Seite der Panzerung idealerweise größerer Schaden entsteht. Je nach Konstruktion, Zielbeschaffenheit und Sprengladung ist entsprechend natürlich auch ein Schaden auf der Außenseite zu beobachten.

Taucher könnten Hafthohlladungen im Hafen anbringen, wobei dann der Schaden unter der Wasserlinie entstehen würde. Ist das Schiff jedoch unterwegs, fällt eine Montage per Taucher praktisch aus, da zu schwierig und riskant. Entsprechend würden Hohlladungen von einem kleinen Boot aus angebracht, was die Höhe über der Wasserlinie erklärt.

Die Bilder belegen also eindeutig das, was dem Iran vorgeworfen wird. Es sieht nach Haftminen aus, das Boot ist eines der iranischen Gashti-Klasse und der Schaden entspricht dem, was man von einer Haftmine erwarten dürfte.

Warum sollte der Iran das machen?

„Der Iran hat überhaupt keinen logischen Grund das zu machen!“ werden Sie jetzt zahlreich in den sozialen Medien lesen können. Der Golf von Tonking wird beschworen und den Amerikanern die Inszenierung eines Kriegsgrundes vorgeworfen. Ein solches Ereignis ist natürlich der passende Anlass, damit Verschwörungstheoretiker und Antiamerikaner aus allen Löchern kommen.

Natürlich. Vielleicht haben Mossad oder CIA ja ein Gashti-Klasse Boot nachgebaut. Vielleicht ist das Video von einer Übung des Irans oder gleich direkt eine am Computer erzeugte Fälschung. Wenn man Verschwörungstheoretiker ist, dann glaubt man per Definition ja nicht an vorgelegte Beweise, weshalb auch Bildbelege nicht überzeugen werden. Doch während Verschwörungstheoretiker, die gerne auch mal an eine Fälschung der Mondlandung glauben, keine wirkliche Aufmerksamkeit verdienen, ist die Frage an sich durchaus legitim. Wieso sollte der Iran so dumm sein?

Der Iran glaubt, Trump verstanden zu haben und ist sich seiner geopolitischen Lage bewusst.

Der Iran ist seit Jahren in Syrien militärisch aktiv und hat dabei das amerikanische Engagement und die amerikanische Entschlossenheit (bzw. deren Fehlen) aus nächster Nähe beobachten können. Während Obama sich völlig als Papiertiger erwies und iranische Erpressungen mit einer großen Summe Dollar in Bar und der Aufhebung von Sanktionen belohnte, war der Luftschlag seines Nachfolgers Trump gegen das Syrische Militär wegen des Einsatzes von Chemiewaffen „Mehr Schein als Sein„. Nachdem also einmal ein paar Flugzeugwracks zerstört wurden, wurden in Syrien fleißig weiter Chemiewaffen eingesetzt, ohne dass es Konsequenzen gehabt hätte.

Dies zeigt einem aufmerksamen Beobachter, dass es dem US-Präsident um gute Presse, um schöne Bilder und um die Außenwirkung geht. Es geht darum, dass er als starker Präsident auftreten und die Falken in seinem Heimatland beruhigen kann. Es geht ihm mitnichten um eine nachhaltige Veränderung des Verhaltens des syrischen Regimes oder um eine nachhaltige Einflussnahme.

Und während die geopolitischen Realitäten eine vollständige Umsetzung von Trumps Isolationismus verhindern, so zeigt auch sein angekündigter Rückzug aus Syrien erneut, dass Trump möglichst wenig in der Region agieren möchte. Und erinnern Sie sich an die Ankündigungen, man halte sich auch in Venezuela militärische Optionen offen? Haben Sie die letzten Tage noch etwas davon gehört?

Der Iran hat es also mit einem US-Präsidenten zu tun, der vor allem gerne bellt aber wirklich gar keine Lust hat, auch zu beißen. Trump liebt den Bluff und die Kulturnation Iran hat abseits aller religiösen Apokalyptiker, die glauben, mit möglichst großem Leid auf Erden die Rückkehr des 12. Imams herbeiführen zu können, hochgebildete und intelligente Fachleute. Dass im Iran Trumps Aussagen und seine Veröffentlichungen genauestens studiert werden und wurden, ist Gewissheit. Daher weiß man auch, dass Trump es liebt, laut und pompös zu sein, um Eindruck in Verhandlungen zu schinden.

In seinem von mir nicht gelesenen Buch „The Art of the Deal“ soll Trump sinngemäß sagen: „Man verlangt in einer Verhandlung das Doppelte von dem, was man will. Wenn man dann am Ende 51 Prozent bekommt, hat man gewonnen, während die Gegenseite sich toll fühlt, weil sie einem so viele Zugeständnisse abgerungen hat.“ In dieser Linie ist das laut angekündigte Verlegen eines Flugzeugträgers in die Region, dem Vernehmen nach als Reaktion auf den Iran. Tatsächlich war es ungewöhnlich, dass kein Flugzeugträger dort war, weil die USA normalerweise immer dort einen hatten. Wenn also eine Routineverlegung durch die USA groß aufgebauscht wird, dann weiß der Iran, dass man in Washington vor allem auf Show aus ist. Dass hier wieder einmal die Taktik versucht wird, die Trump auch mit Nordkorea versucht hat. Erst eine maximale Drohkulisse aufbauen, um dann Zugeständnisse zu erreichen. Man weiß, dass hier ein Hund ist, der gerne bellt. Syrien hat gezeigt, dass Trump nicht beißen will und wenn, dann bestenfalls nur so kneift, dass es nicht blutet. Nordkorea zeigt, dass die Handlungen bezüglich des Irans einem Muster folgen.

Der Iran ist sich sicher, dass Trump keine Lust auf einen Krieg zwischen den USA und dem Iran hat, ja diesen unter keinen Umständen will.

Ein Krieg wäre auch in der Tat keine gute Idee. Während eine Ausschaltung des Atomprogramms wünschenswert wäre, um eine iranische Bombe zu verhindern, ist eine dauerhafte Ausschaltung des Atomprogramms nur mit einer Besetzung des Landes zu schaffen, da viele Anlagen gegen Luftangriffe gesichert wurden. Luftangriffe würden das Programm daher zurückwerfen und verlangsamen, es aber nicht ausschalten. Anders als im Irak oder in Syrien gibt es im Iran nicht den einen Reaktor, der nach seiner Bombardierung das gesamte Programm beendet. Vielmehr sind es dutzende Anlagen, teils sehr tief unter der Erde.

Wollte man also sicherstellen, dass das Atomprogramm wirklich beendet ist, so müssten Soldaten am Boden die Anlagen zerstören und im ganzen Land nach weiteren versteckten Anlagen suchen. Dies geht naturgemäß nur am Boden. In einem Land, das mehr als viermal so groß ist, wie Deutschland. Das über eine anspruchsvolle Geographie verfügt und theoretisch eine siebenstellige Zahl seiner Bürger bewaffnen kann, von denen die USA einen fanatischen Widerstand erwarten müssen.

Dass die iranischen Streitkräfte besiegt werden können, steht außer Frage. Genauso würden die US-Truppen in das Land einfallen und es besetzen können. Kontrollieren würden sie es jedoch zu keinem Zeitpunkt, während ein gewaltiger Guerillakrieg gegen sie geführt wird. Während praktisch alle verfügbaren Landstreitkräfte im Iran gebunden wären.

Gleichzeitig läuft ein Drittel aller Öltransporte und ein Drittel aller Gastransporte durch die Straße von Hormuz, die so eng ist, dass selbst Rohrartillerie die Schiffe beschießen und versenken kann. Dabei verfügt der Iran jedoch auch über von LKW einsetzbare ASM (Anti-Schiff-Raketen) mit mehreren hundert Kilometer Reichweite. In der Reichweite seiner ballistischen Raketen liegen nicht nur viele wichtige US-Basen, sondern auch ein großer Teil der exportierenden Erdölfelder.

Der Iran bereitet sich seit Jahrzehnten darauf vor, genau diese Umstände zu seinen Gunsten zu nutzen. Er verfügt über die Mittel, um die Ölfelder, Gasfelder, Raffinieren, Verladeterminals und US-Basen anzugreifen. Er verfügt über hunderte kleine Boote, die Angriffe auf Tanker durchführen können und dabei in so großer Zahl angreifen können, dass eine Verteidigung übersättigt würde. Sie verfügen über Minen zum Sperren der Straße von Hormuz, über konventionell betriebene Uboote, die auch US-Kriegsschiffe gefährden können, wie auch ihre ASM.

Sollte Trump also einen Krieg beginnen, so würden die Ölexporte aus dem persischen Golf weitgehend stoppen, bis die iranische Küste und die Seestreitkräfte neutralisiert sind. Dies würde höchstwahrscheinlich auch Invasionen des Küstenstreifens und der iranischen Inseln vor der Küste erfordern, was tote US-Soldaten bedeuten würde, während es gleichzeitig keine dauerhafte Lösung erzeugen würde.

Der Iran könnte in einem Krieg massiv militärisch geschwächt werden, der von ihm angerichtete Schaden an den USA und ihren Verbündeten wäre jedoch enorm. Gleichzeitig würde der Ölpreis explodieren, was nicht nur das US-Wirtschaftswachstum abwürgen und Trumps Chancen auf eine Wiederwahl praktisch beenden würde, es würde auch wieder frisches Geld in die Kassen Russlands spülen. Geld, mit dem Russland wieder militärisch aktiv werden könnte. Am Ende müssten sich die USA zurückziehen, während in Teheran womöglich noch immer die gleichen Leute an der Macht wären, die nun auch noch einen offenen militärischen Sieg gegen die USA reklamieren könnten.

Ein Angriff der USA auf den Iran würde Trump daher die Wiederwahl kosten, Russland stärken, weitere russische militärische Abenteuer ermöglichen, die Verbündeten der USA massiv schwächen und die US-Wirtschaft abwürgen.

All das weiß man in Teheran.

Wenn man das bedenkt, wie groß ist dann noch das Risiko für den Iran, wenn seine Revolutionsgarde mit ein paar kleineren Angriffen die USA provoziert? Mit den Angriffen zeigen die Iraner, dass sie fähig und willens sind, den Ölfluss zu stoppen oder extrem zu verteuern. Sie zeigen der aufmerksam zusehenden arabischen und islamischen Öffentlichkeit, dass sie es wagen – und am Ende wohl erfolgreich wagen – gegen den „großen Satan“ USA aufzustehen. Sie zeigen, dass sie es schaffen, gegen die USA zu bestehen.

Dazu soll Kushners Friedensplan für den Palästinenserkonflikt in Kürze vorgelegt werden. An Frieden ist jedoch nicht zu denken, wenn ein Krieg mit dem Iran droht. Noch weniger, wenn der Iran erfolgreich gegen die USA aufsteht und stehenbleibt. Wieso sollte die arabische Straße Zugeständnisse gegen Israel akzeptieren, wenn der Iran es schafft, den USA zu trotzen?

Das Verhalten stärkt die Position des Iran im geopolitischen Konflikt mit Saudi-Arabien erheblich. Es zeigt allen Muslimen der Region, wer der wirklich starke islamische Staat ist und verhindert einen Frieden mit Israel, dessen Zerstörung der Iran als einzige Nation der Region ernsthaft anstrebt. Und dies sollte erklären, wieso der Iran „so dumm sein sollte, Tanker anzugreifen“. Der Iran will Trumps Karten sehen und „callt den Bluff“. Er zeigt, dass er, der Iran, tatsächlich bereit ist, zu den Waffen zu greifen, sollte es nötig sein. Dass der Bluff bei ihm nicht wirken wird. Weil der Iran eben gerade nicht dumm ist, sondern schlau. Möglicherweise zu schlau für Trump.

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In Syrien droht der Ausbruch eines wirklich großen Kriegs

Es wird heiß in Syrien. Nach noch unbestätigten Berichten hat jetzt die türkische Artillerie eingegriffen und syrische Kurden nahe Aleppo beschossen. Diese wurden zuletzt von der russischen Luftwaffe unterstützt. Damit rückt die massive Ausweitung des Konflikts näher.

 

Eine sunnitische Militärintervention wird denkbar

Nachdem die russische Luftwaffe mit massiven Bombardements zugunsten der syrischen Regierungstruppen und ihren verbündeten schiitischen Milizen eingegriffen hat, steht Aleppo vor einer Einkreisung. Sollte die Stadt fallen, wäre dies ein dramatischer Schlag gegen die Moral der nicht-IS Rebellen und würde für Syrien das von mir 2014 und 2015 skizzierte Szenario eintreten lassen, wonach sich der Bürgerkrieg, wie durch Assad geplant, nach der Niederlage der (moderaten und islamistischen) Rebellen zu einem Krieg zwischen der Assad-Diktatur und dem IS verwandeln würde. Da Syrien hierbei auf die Sympathie oder gar die Unterstützung anderer Staaten zählen könnte, würde am Ende das inzwischen völlig von Teheran abhängige Regime den Sieg davontragen. Dies würde den Schiitischen Halbmond vollständig und sicher unter iranische Kontrolle bringen.

Die schiitisch-persische Regionalmacht, die sich inzwischen damit brüstet vier arabische Hauptstädte (Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa) in ihren Händen zu haben, hätte damit ihren Einfluss in dem von amerikanischen Einfluss zunehmend verwaisten Nahen Osten massiv ausgeweitet. Damit wäre nicht nur die Türkei von den sunnitischen Kernländern, auf die sie Einfluss auszuüben versucht, abgetrennt, Saudi-Arabien wäre zugleich eingekreist. Dazu kommt, dass der inzwischen zum Erzfeind der meisten sunnitischen Staaten gewordene alawitische Assad an der Macht bleiben würde, obwohl beide Staaten seine Entmachtung mit ihrer Hilfe für die syrischen Rebellen vorangetrieben haben.

Dass dazu eine Konsolidierung der kurdischen Herrschaft der „syrischen PKK“ der PYD auch in Syrien für die Türkei völlig inakzeptabel ist, erklärt sich dazu von selbst. Die Türkei bezeichnet sie als Terroristen. Aktuell haben die kurdischen Truppen der YPG/YPJ  in Syrien jedoch weitestgehend einen Waffenstillstand mit der Assad-Regierung, dazu kommt eine Kooperation mit Russland. Dass die syrischen Kurden sich daher längst eine Anerkennung ihrer Autonomie von der Regierung Assad ausbedingt haben, darf man wohl als sicher annehmen. Damit wären aber die türkischen Kurdengebiete von der iranischen Grenze bis zum Mittelmeer an Gebiete angrenzend, die in kurdischer Hand sind, was dem Separatismus in der Türkei enormen Aufwind verschaffen wird. Während man sich in der Türkei an die kurdischen Autonomiegebiete im Irak inzwischen gewöhnen konnte, sähe die Türkei eine von der PKK/PYD gehaltene Region an ihrer Grenze als nicht akzeptable Bedrohung.

Kommt dazu eine Einkreisung Aleppos, wird die Situation für die sunnitischen Regionalmächte noch unerträglicher. Dies nicht zuletzt auch, da eine Einkreisung aller Wahrscheinlichkeit eine Wiederholung des bereits mehrfach in Syrien praktizierten Aushungerns der Bevölkerung bedeuten würde. Diese ist nicht nur klar ein Kriegsverbrechen, es wäre gerade für die Türkei auch nicht akzeptabel zuzusehen, wie hunderttausende Menschen nur rund 30 Kilometer Luftlinie von der türkischen Grenze entfernt vom Hungertod bedroht sind. Verschärft würde die Lage dazu dadurch, dass eine Belagerung von Aleppo aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine anhaltende Bombardierung mit Artillerie und der russischen Luftwaffe begleitet wäre. Die Russen sehen diese als ein Erfolgsrezept, das sie unter der Verursachung von zehntausenden zivilen Opfern in nur wenigen Wochen Grozny hat erobern lassen, während die syrischen Streitkräfte nicht genug Mannstärke haben, um einen anhaltenden Häuserkampf riskieren zu wollen. Während ihnen die Soldaten fehlen, sind jedoch mehr als ausreichend schwere Waffen zur Verfügung.

Wenn es also dazu kommt, dass die syrische Opposition in wenigen Tagen vor einer strategisch entscheidenden Schlacht steht, wird eine Militärintervention sunnitischer Staaten zunehmend wahrscheinlicher. Offiziell vermutlich gegen den IS gerichtet, um allen Beteiligten eine Wahrung des Gesichts zu ermöglichen, würden die Interventionstruppen ihre Hauptaufgabe jedoch in der Erhaltung der mehrheitlich sunnitischen Opposition gegen Assad sehen. Wie auch für alle anderen Beteiligten in Syrien, wäre der IS nur völlig zweitrangig, weil man sich von jeder Seite sicher zu sein glaubt, dass man ihn relativ einfach überwinden wird, ist erst der international akzeptable Gegner, also die Rebellen oder die syrische Regierung, erledigt. Saudi-Arabien hat bereits seine Bereitschaft zur Intervention erklärt, die Türkei scheint aktuell noch auf eine amerikanische Führung einer Intervention zu warten. An einer solchen wird sich die Türkei jedoch beteiligen, so Erdogan.

 

Russland wird nicht tatenlos zusehen

Wenn tatsächlich eine Militärintervention zur Unterstützung der syrischen Opposition erfolgt, werden Russland und der Iran nicht tatenlos zusehen können. Wenn die Opposition durch sunnitische Truppen stabilisiert wird, stehen diese in direkter Konfrontation mit syrischen Regierungstruppen, iranischen Revolutionsgarden und russischen Truppen. Dazu kommen natürlich noch die hier irrelevanten mit der syrischen Regierung verbündeten Milizen und Terrororganisationen wie der Hisbollah.

Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov - AirTeamImages [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)], via Wikimedia Commons
Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov – AirTeamImages [CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
Kommt es nach einer Intervention nicht zu einem raschen Waffenstillstand, auf den eine Machtübergabe der Regierung Assad folgt, so sind direkte militärische Auseinandersetzungen zwischen den Truppen der beteiligten Nationen nur noch eine Frage der Zeit. Putin wird es sich schon alleine innenpolitisch nicht leisten können, als Verlierer dazustehen. Der Iran hat dagegen bereits zu viel investiert, um das so hart „erarbeitete“ einfach so aufzugeben. Ohne ihn gäbe es Assad ja schon seit Jahren nicht mehr und der Bürgerkrieg wäre längst vorbei. Damit droht eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen dem nuklear hochgerüsteten Russland und der Türkei, die Teil der NATO ist.

In diesem Zusammenhang sind auch die militärischen Großübungen Russlands zu sehen, die das Land im Südwesten, also durch die der Türkei am nächsten stehenden Truppen, durchgeführt hat. Auch dass russische Bomber inzwischen mit ASM (Anti-Schiff-Raketen), die gegen die syrische Opposition und den IS völlig nutzlos sind, gefilmt wurden, passt in dieses Bild. Putin scheint ernsthaft gewillt zu sein, zumindest einen großen militärischen Konflikt glaubhaft anzudrohen.

 

Russlands strategischen Vorteile

Russland hat dabei durchaus strategische Vorteile. Während seine Truppen in Syrien abgeschnitten wären, da kein Nachschub mehr durch den Bosporus käme und eine Luftversorgung durch die Türkei bedroht werden würde, hat er dennoch noch einige Asse im Ärmel. Sollten nämlich russische Truppen in Syrien gegen türkische Soldaten kämpfen, so wäre die Frage tatsächlich gerechtfertigt, ob dies überhaupt einen Bündnisfall bedeuten würde. Solange die Türkei auf ihrem Territorium selbst nicht angegriffen würde, sondern nur Truppen von ihr außerhalb von Nordamerika und Europa, wäre Artikel 5 wohl tatsächlich nicht anwendbar. Dazu könnte die Türkei nur wenige Truppen in Richtung Syrien schicken, weil sie die Grenze in Richtung Armenien, Iran und Georgien vor einem möglichen russischen Angriff schützen müsste. Ergänzend käme die Drohung mit dem enormen russischen nuklearen Arsenal, die wohl die meisten NATO-Staaten schon aus purer Angst von einem Anerkennen des Bündnisfalles abhalten würden. Wird die Türkei jedoch so alleine gelassen, wird der Bündniszusammenhalt der NATO als Ganzes geschwächt, was für Russland inzwischen ein strategisches Ziel ist.

In diesem Zusammenhang muss noch nicht einmal erwähnt werden, dass Russland in so einem Szenario enormen Druck ausüben kann, indem es die baltischen Staaten bedroht. Diese sind militärisch binnen weniger Tage zu überrennen, wonach die NATO kaum noch Optionen hätte, die neben einem monatelangen Krieg auch einen Einsatz russischer Nuklearwaffen nicht als wenigstens potentielle Option bedeuten. Dass Russland erhebliche Vorteile in einem selektiven Einsatz derselben sieht, habe ich bereits in der Vergangenheit erklärt.

Der Einsatz russischer Nuklearwaffen und auch ein Angriff konventioneller russischer Truppen auf das Baltikum wäre dabei jedoch einfach zu verhindern. Es müsste lediglich ein Präsident im Weißen Haus sein, der keinen Zweifel daran ließe, dass er den Knopf drücken würde. Denn so, und nur so, funktioniert die nukleare Abschreckung. Nur wenn die Gegenseite felsenfest davon überzeugt ist, dass sie bei einer eigenen Aggression im Feuer der nuklearen Sonnen verglüht, bleibt die Aggression aus. Dieses zynische System hat den ganzen Kalten Krieg über die Front zwischen NATO und Warschauer Pakt friedlich gehalten. Ob der bislang völlig unglaubwürdige Barack Obama in seinem letzten Amtsjahr dazu jedoch plötzlich im Stande wäre, darf mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

 

Was passieren wird, ist völlig unklar

Was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird, ist völlig unklar. Der Einsatz türkischer Artillerie gegen syrische Kurden, die mit russischer Luftunterstützung vorgerückt waren und zusammen mit Assads Truppen kurz davor sind Aleppo einzuschließen, ist de facto bereits eine Intervention. Ob und wann die Truppen der Türkei, Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahreins und vielleicht auch Ägyptens (das sich inzwischen weitgehend saudischen Initiativen anschließt) syrischen Boden betreten, ist ebenfalls unklar. Die syrische Regierung hat zumindest bereits angekündigt, die Soldaten würden nur in Särgen nach Hause kommen. Dass sich Russland bei einer solchen Intervention zurückzieht, scheint unwahrscheinlich. Ob sich dann auch iranische reguläre Truppen beteiligen macht wohl keinen großen Unterschied mehr.

Denn wenn nicht umgehend ein Friedensschluss erfolgen würde, der aktuell völlig unwahrscheinlich ist, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis es zu offenen Kriegshandlungen der Beteiligten kommen würde. Dass diese auf Syrien isoliert blieben, dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Die arabischen Golfanreiner haben alle noch Rechnungen mit dem Iran offen, darunter auch territoriale Dispute, die so zu regeln wären.

 

Ein Krieg wäre zu verhindern gewesen

Dabei wäre dieses Szenario leicht zu verhindern gewesen. Hätte Obama seine Truppen nicht vorschnell und gegen den Ratschlag seines eigenen Militärs aus dem Irak abgezogen, gäbe es den IS heute nicht. Hätten die USA der Regierung Assad mit einer Intervention gedroht, sollte sie nicht einen Übergang ermöglichen, wäre der Bürgerkrieg vermutlich nie eskaliert. Bei einem glaubwürdigen Präsidenten hätte Assad ein luxuriöses Exil immer dem Galgen vorgezogen. Denn wenn ein glaubwürdiger Präsident der USA droht, dann retten Diktatoren in der Regel lieber ihre eigene Haut.

So war es auch 2003, als die USA unter George W. Bush den Irak befreiten, nachdem sie Saddam Hussein vorwarfen an Massenvernichtungswaffen zu arbeiten. Von der Entschlossenheit der USA beeindruckt, gab Gaddafi noch im gleichen Jahr sein eigenes Waffenprogramm auf. Die Aussicht irgendwann einmal die Bombe zu haben war es schlicht nicht wert, eine Invasion durch die USA zu riskieren. Stattdessen gibt es heute einen US-Präsidenten, der Angst vor der eigenen Courage hat und glaubt, alles Übel komme von den USA selbst. Der rote Linien zeichnet, nur um sie dann selbst zu ignorieren, wurden sie überschritten.

Auch der inzwischen immer stärker aufflammende innerislamische Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten wurde in seiner jetzigen Größenordnung erst durch den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten ermöglicht, der ein Machtvakuum geschaffen hat, das nun eine ganze Reihe regionaler Mächte auszufüllen versucht. Dabei hätte man es auch hier besser wissen können. Eine Region ohne Hegemon gibt es nie. Wenn sich der etablierte Hegemon daher zurückzieht, muss er für eine sichere Nachfolge sorgen, soll kein großer Kampf um die Krone ausbrechen.

 

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Darum drückt Saudi-Arabien den Ölpreis

Von Seiten des saudischen Ölministers kommen eindeutige Aussagen. Man kümmere sich nicht darum, wie weit der Ölpreis fallen werde. Selbst wenn er auf 20 Dollar je Fass stürzen sollte, Saudi-Arabien wird seine Förderung nicht vermindern. Dies alles, obwohl auch Saudi-Arabiens Produktionskosten vermutlich bei etwa 25 Dollar liegen, das Land aber einen Preis von 94 Dollar für einen ausgeglichenen Staatshaushalt benötigt. Das bedeutet, auch wenn das Öl selbst noch mit Gewinn verkauft wird, reißt der niedrige Preis dennoch ein Loch in das saudische Budget – und die Saudis weiteten ihre Förderung sogar noch aus. Doch wieso machen sie das? Um wichtig für die USA zu bleiben und um den Iran in die Knie zu zwingen.

 

Dumpingpreise helfen nicht gegen Fracking

Es gibt Theorien, Saudi-Arabien würden mit dem niedrigen Ölpreis die amerikanische Förderung aus Schieferschichten, das sogenannte Fracking, austrocknen wollen. Dies ist zwar die tatsächliche Auswirkung, da die Förderkosten dort bei niedrigen Ölpreisen unterschritten werden, aber dennoch wohl eher eine Milchmädchenrechnung. Sofern nämlich nicht die Propagandakampagnen gegen Fracking durch die konventionellen Förderländer erfolgreich sind, wird die Förderung von Öl und Gas mittels Hydraulic Fracking zwar stoppen, nach einem Preisanstieg aber wieder beginnen. Durch niedrige Preise wird ja weder die dafür notwendige Technologie vergessen, noch die vorhandenen Energieträger „schlecht“ – sie sind ja keine verderbliche Ware. Natürlich würden solch einem Stopp der Förderung Firmen zum Opfer fallen, doch die Mehrzahl der Unternehmen würde überleben, während gleichzeitig die Möglichkeit für andere entstünde, in diesem Bereich tätig zu werden.

Erdöl ist der Treibstoff der Weltwirtschaft.
Erdöl ist der Treibstoff der Weltwirtschaft.

 

 

Es geht um Einfluss in den USA

In diesem Zusammenhang wird auch geschrieben, Saudi-Arabien würde seine Marktanteile in den USA erhalten wollen. Dies dürfte richtig sein. Allerdings nicht zwingend, weil dies ein gutes Geschäft für das Königreich ist, sondern aus politischen Erwägungen. Selbst wenn die Saudis bei ihren Verkäufen in den Vereinigten Staaten noch Geld machen, sind die politischen Renditen weit wichtiger.

Saudi-Arabien leidet massiv unter der Abwendung der USA aus dem Nahen Osten. Der alte Deal „Öl für Sicherheit“ scheint in Frage zu stehen. Im wahabitischen Königreich ist man schwer enttäuscht, weil die USA sich im Aufstand gegen Assad in Syrien derart herausgehalten haben, dass man sich selbst gezwungen sah, massiv einzugreifen. Obamas Akzeptanz von Mohammed Mursi, dem ägyptischen Prösidenten der Muslimbrüder, war für Saudi-Arabien genauso inakzeptabel wie die amerikanische Reaktion auf den Putsch durch das ägyptische Militär gegen den Islamisten, der sein Land gerade in eine radikalislamische Diktatur umzuwandeln versuchte.

Inaktivität verbunden mit Handlungen die das Königreich als falsch ansieht haben dazu geführt, dass sich das Königshaus gezwungen sah, selbst immer mehr zu einem Akteur zu werden, statt nur aus dem Hintergrund die Fäden zu spinnen. Nicht zuletzt deshalb musste sich das Land aus der Deckung wagen und die neue ägyptische Regierung finanzieren.

Die USA mögen heute, dank Fracking, in der Lage sein ihren eigenen Bedarf an Öl zu decken, importieren aber nach wie vor Öl aus Saudi-Arabien. Solange also die Saudis ihre Marktanteile behalten, bleiben sie ein wichtiger Versorger der Vereinigten Staaten, was ihnen Gewicht in Washington gibt und geben muss. Auch wenn eine Autarkie möglich ist, ist die Umsetzung doch ein zeitaufwendiger und teurer Prozess, so dass die Interessen und Belange der Saudis dank ihrer Marktanteile in den USA von Belang bleiben müssen.

 

Die iranische Bedrohung

Doch es geht nicht nur darum, einen Fuß in der Tür Washingtons zu behalten. Gerade das Zurückweichen der Amerikaner am Golf und die Perspektive auf einen Atom-Deal mit dem Iran, der ihm nach Ansicht vieler regionaler Player, wie Israel und Saudi-Arabien, die Kernwaffe ermöglichen würde, ist für die Saudis eine Horrorvorstellung. Die immer wieder aufkommenden Gerüchte einer zu erwartenden Toleranz israelischer Überflüge im Falle einer Angriffe auf die iranischen Atomanlagen zeigen die Besorgnis der sunnitischen Macht gegenüber den Schiiten aus Teheran genauso wie die immer wieder aufkommenden Spekulationen, die Saudis könnten selber nach Kernwaffen greifen und ihre ballistischen Raketen mit nuklearen Sprengköpfen aus Pakistan ausstatten.

Die Rivalität und der Gegensatz zwischen den beiden Staaten zeigt sich dabei über den ganzen arabischen Raum. In Syrien findet ein Stellvertreterkrieg zwischen der vom Iran gestützten Assad-Regierung und der durch die Sunniten gestützten FSA und radikalere Gruppen wie Jaysh al-Islam statt, die von Saudi-Arabien und andere sunnitische Golfmonarchien unterstützt werden.

Der Iran dagegen unterstützt nicht nur das alawitische Regime von Basher al-Assad, dessen Sekte dem schiitischen Islam zugerechnet wird. Sein Regime wäre ohne Ausbilder aus den iranischen Revolutionären Garden, die die NDF aufgebaut haben und das Regime mit Waffen, Kämpfern, Treibstoff und Geld stützen, möglicherweise längst gefallen. Ein weiterer Klientelstaat ist der Teil des Libanons, der durch die schiitische Hisbollah kontrolliert wird, die massiv von iranischer Unterstützung abhängig ist. Die Hisbollah erhält den Großteil ihrer Waffen aus dem Iran, in der Regel über die Syrische Grenze. Ohne Assad wäre diese mächtige Waffe des Irans von wesentlichen Teilen ihres Waffennachschubs abgeschnitten. Kisten mit Gewehren und Panzerfäusten mögen sich weiter in ihr Gebiet schmuggeln lassen, SCUD-Raketen eher nicht. Der Irak schließt den schiitischen Halbmond, und damit die Landbrücke zu Assad und zur Hisbollah, ab und ist seit Nuri al-Maliki ein Verbündeter des Iran. Spätestens seit den Erfolgen des Islamischen Staats ist er von dem Schiitischen Bruder so abhängig, dass er de facto zu einem Klientelstaat des Irans geworden ist.

Im Norden findet Saudi-Arabien also einen Ring aus regionalen Playern, die de facto Marionetten des Irans sind. Sein nur durch das rote Meer getrennte Nachbarland Ägypten hatte sich unter dem Muslimbruder Mursi ebenfalls dem Iran angenähert. Während eine Übernahme Bahreins durch Schiiten und damit den Iran nur mit Waffengewalt bislang verhindert werden konnte, greifen nun die schiitischen Houthi nun auch noch im südlichen Nachbarland Jemen nach der Macht. Saudi-Arabien sieht sich damit im Prinzip eingekreist und weiß hinter jeder schiitischen Bewegung den langen Arm Teherans.

 

Der Iran soll in die Knie gezwungen werden

Dieses Gefühl einer Einkreisung, die noch nicht einmal völlig von der Hand zu weisen ist, ist nicht nur der Grund für die Annäherung Saudi-Arabiens an den vermeintlichen Erzfeind Israel und Kooperation mit dem Land, die sogar bis hin zu gemeinsamen Kriegsplänen gehen soll. Sie ist auch Grund für die Waffenkäufe Saudi-Arabiens, die in Deutschland solche Panik ausgelöst haben. Tatsächlich könnten iranische Panzerkolonnen aber wohl binnen zwei bis drei Stunden den Südirak durchqueren und an der saudischen Grenze stehen.

Während Saudi-Arabien zwar den Vormarsch des Irans aufhalten möchte, hat das Königreich kein Interesse an einem militärischen Konflikt. Mit dem Ölpreis hat es nun ein Mittel gefunden, das sich als hoch effektiv erweisen könnte. Die iranische Wirtschaft ist noch mehr von den Rohstoffpreisen abhängig als die des saudischen Königreichs, zumal der Iran eben nicht gleichzeitig über vergleichbaren Reichtum zum Abfedern verfügt. Schon während der hohen Ölpreis wüteten in der „Islamischen Republik“ Inflation und Wirtschaftskrise. Ein Ölpreis um 60 Dollar oder noch niedriger, wird die Hilfe, die der Iran seinen schiitischen Glaubensbrüdern geben kann, schnell zusammenschmelzen lassen.

 

Der große Kollateralnutzen

Während es also Saudi-Arabien um den über 1.000 Jahre alten innerislamischen Bürgerkrieg geht, profitiert der Rest der Welt unheimlich davon. Der Einbruch der Ölpreise senkt nämlich nicht nur weltweit die Transportkosten und macht damit die Produktion effektiver und kostengünstiger. Er sorgt auch für eine erhöhte Kaufkraft der Konsumenten. Während so der Wohlstand und die Wirtschaftsleistung in den Industrienationen und den konsumierenden Ländern steigen, bricht den Erdölproduzenten das Einkommen weg. Da das Schicksal Erdöl jedoch vor allem unter das Territorium von Despotien und Diktaturen gelegt hat, können diese nun plötzlich ihre Rüstungsprogramme, ihre Sozialprogramme zum Erkaufen der Ruhe und ihre staatsterroristischen Programme nicht mehr finanzieren. Betrachtet man die nennenswerten Exportländer für Erdöl, bleiben ja nur Norwegen und Kanada, denen man mit gutem Gewissen den Rohstoff abkaufen kann. Beide Staaten sind aber diversifiziert genug, dass der Preisverfall beim Erdöl ihre Volkswirtschaften nicht erheblich schädigt. Da der geringe Preis auch nur die Produzenten schädigt und dem Rest nutzt, profitiert eine gewaltige Mehrheit der Welt von dem Preisverfall.

Nach den Sanktionen bekommt Russland nun auch mit einem verfallenden Ölpreis eine weitere Quittung für einen Überfall auf die Ukraine, was ganz im Sinne der USA sein dürfte und auch im ganzen Westen Zufriedenheit auslösen dürfte. Da ein Aggressor für seine Aggression nicht belohnt werden darf, ist diese Bestrafung von Putins Diktatur ein willkommenes Ergebnis, das von den Saudis vielleicht zwingend beabsichtigt war, aber wohl mindestens als erfreuliches Nebenprodukt ihrer Preispolitik gesehen wird, während sie so erneut den Amerikanern gegenüber ihre Wichtigkeit beweisen können. Immerhin ist es auch Russland, das Syrien und den Iran im Weltsicherheitsrat und mit Waffenlieferungen stützt und gestützt hat.

Doch es kommt noch besser. Saudi-Arabien hat in den letzten Jahrzehnten wesentliche Teile seines Wohlstands in die Förderung des sogenannten „Islamismus“ gesteckt. Streng orthodoxe Moscheen wuchsen in Regionen mit bis dahin überzeugt säkularen oder moderaten Muslimen aus dem Boden, was inzwischen seine Wirkung zeigt. Während es einmal galt, „Die Religion der Albaner ist das Albanertum“, kämpfen heute Kosovo-Albaner auf Seiten des Islamischen Staats für eine Variante des Islams aus den Zeiten Mohammeds. Indem nun aber Saudi-Arabien den Ölpreis nach unten treibt, muss es dadurch entstehende Loch in seinem Budget füllen. Das so verbrauchte Geld kann nicht mehr in eine Förderung des religiösen Extremismus fließen. An dieser Stelle macht Saudi-Arabien nun effektiv nichts anderes, als eine Subvention unserer verringerten Energiekosten. Statt also den ideologischen Weg für die nächsten Terroristen zu bereiten, führt bezahlt Saudi-Arabien einen Teil unserer Tankrechnung. Da sage mal einer, ein zwischenstaatlicher Gegensatz sei ausschließlich schlecht…