Russlands mögliche Eroberung der Ukraine und ihre Bedeutung.

Vor drei Monaten habe ich eine russische Invasion der Ukraine noch entschieden ausgeschlossen. Inzwischen ist es tatsächlich eine realistische Option. Realistisch genug, dass beispielsweise selbst das neutrale Schweden Truppen auf die strategisch wichtige Insel Gotland verlegt und dort Häfen und Flughäfen militärisch sichert.

Putins Zeitfenster beginnt sich zu schließen

Putin muss in Kürze eine Entscheidung treffen. Sein Erpressungsversuch der NATO ist gescheitert. Ist er bereit, mit leeren Händen abzuziehen? Seine Truppen sind in Bereitschaft, wo er sie nicht ewig halten kann. Er muss in den nächsten Wochen seine Truppen einsetzen oder abziehen. Auch, weil die russische Gaswaffe im Winter deutlich besser wirkt, als im Sommer. Aktuell kann er noch mit dem Schließen der Pipelines, auch von North Stream (1) drohen, was im Winter die Angst vor dem Erfrieren bedeuten würde.

Kommt die Invasion, so ist eine vollständige Eroberung der Ukraine bis zur polnischen Grenze sehr unwahrscheinlich. Auch wenn der östliche, ethnisch mehrheitlich russische, Teil keineswegs per se „pro-Russland“ ist, so war beispielsweise die berüchtigte Freiwilligeneinheit „Azov-Bataillon“ mehrheitlich aus ethnischen Russen gebildet, so ist in diesem Teil deutlich weniger Widerstand zu erwarten, als im ethnisch ukrainischen Teil, der deutlich mehr in Richtung Westen ausgerichtet ist. Militärisch erobern kann Russland die gesamte Ukraine ohne jeden Zweifel. Das Resultat wäre jedoch ein intensiver Partisanenkrieg im Westen, zusätzlich zum garantiert ebenfalls stattfindenden, aber wohl deutlich weniger intensiven, Partisanenkrieg im Osten des Landes.

Realistisch ist daher im Falle einer (weiteren) Invasion (schließlich sind Teile der Ukraine seit 2014 militärisch besetzt) das Erobern einer Landbrücke zur Krim, eventuell die Schwarzmeerküste bis Transnistrien, oder möglicherweise alles östlich des Dnjepr. Allerdings würde dies einen permanenten Krieg mit der Restukraine auslösen, deren Regierung dazu noch nicht einmal ins Exil müsste, sondern militärische Strukturen im eigenen Land aufrechterhalten könnte. Die Ukraine wäre dann durch westliche Waffenlieferungen und Ausbildung zu anhaltendem Kleinkrieg in der Lage. „Pro-Russische Freiwillige“ würden zum Sichern einer solchen Frontlänge unmöglich reichen. Die russische Armee wäre also langfristig gebunden und würde dazu laufende Verluste erleiden. Dies war für mich ein Hauptgrund, keine Invasion zu erwarten.

Chinas einzigartige Chance zu Eroberung von Taiwan

Spannend ist jedoch, was danach kommt. Xi Jinping steht die zweite Wiederwahl bevor, gegen die sich in der Partei erheblicher Widerstand gebildet hat. Der ehemalige Luftwaffengeneral Liu Yazhou hat beispielsweise bei einem Treffen der „Parteiprinzen“ (Kinder der prominenten Mitglieder der Gründungsgeneration) offen Xis Fähigkeit angezweifelt, Taiwan zu besiegen.

Ein Sieg über Taiwan würde Xi unantastbar machen und seine Herrschaft bis zum Lebensende praktisch garantieren. Die Hauptsaison der pazifischen Taifune ist zwischen Juli und November, das Wetter sollte einer Invasion also nicht zwingend im Wege stehen. Ein Sieg der Volksbefreiungsarmee ist inzwischen wahrscheinlich bis fast garantiert. In 18 Kriegsspielen, die den Kampf um Taiwan realistisch simulieren sollten, war das Ergebnis 18-0. Für China.

„Former Deputy Defense Secretary Bob Work, who served under three secretaries before retiring in 2017, has been even more explicit. As he has acknowledged, in the most realistic war games the Pentagon has been able to design simulating war over Taiwan, the score is 18 to 0. And the 18 is not Team USA.“

https://www.defenseone.com/ideas/2021/12/chinas-pla-peasant-army-no-more/360021/

Die Kriegsspiele wurden dabei übrigens in den USA abgehalten, waren also, wenn überhaupt, eher vorteilhaft für die USA ausgelegt. Wenn Russland in die Ukraine einfällt, ist der wohl beste Zeitpunkt für China überhaupt, Taiwan zu erobern. Die USA haben in Afghanistan Gesicht und Vertrauen der Verbündeten verloren und sind so schwach, wie lange nicht mehr. Die USA haben keine Verpflichtung, Taiwan mit Soldaten im Falle eines Angriffs Rotchinas zu unterstützen, auch wenn eine Intervention aufseiten Taiwans immer eine angedeutete Option war.

Biden müsste in diesem Falle also die Entscheidung treffen, einen offenen Krieg mit Rotchina zu beginnen, während Russland bereits Krieg in Europa führt und an den Grenzen der NATO steht. Russland und China gleichzeitig zu besiegen ist inzwischen nicht mehr garantiert im Rahmen der Fähigkeiten der USA. Das alles, während das wirtschaftliche Kartenhaus aus Gelddrucken und „Stimulus-Schecks“ aus Zeiten der China-Virus Bekämpfung wirtschaftlich hart auf dem Boden Realität ankommt.

Russlands einmalige Chance zum Zerschlagen der NATO

Russland sieht die NATO (und die EU) als strategischen Gegner in Europa. Die NATO (wie auch EU) verhindert, dass Mittel- und Westeuropa durch die russische Energie- und Militärmacht beliebig erpresst werden kann und schränkt daher Russlands Handlungsspielraum in Richtung Westen erheblich ein.

Völlig ungeachtet vom chinesischen Vorgehen bleibt daher noch ein weiteres Szenario, das im Bezug auf Russland erörtert werden muss.: Eines davon ist ein Einfall in NATO-Territorium.

Während militärisch der Durchbruch im Suwalki-Gap naheliegen würde, so wäre dieser nur mit regulären Truppen unter erheblichen Einsatz gegen die keineswegs zahnlose polnische Armee zu machen. Weitaus denkbarer wäre daher ein Überschreiten der Grenze in Estland.

Soldaten in Panzerfahrzeugen ohne Hoheitsabzeichen aus Iwangrorod kommend fallen in Narwa ein und erobern die Stadt schnell. Nach einem Sichern der Stadt würden die Truppen noch ein paar strategische Positionen um die Stadt herum besetzen und sich dann eingraben. Iwangorod und Narwa sind praktisch eine Stadt, die nur durch die estnisch-russische Grenze getrennt ist. Narwa ist zu 95 % mit ethnischen Russen besiedelt. Ein solcher Einfall wäre im Rahmen des Ganzen möglicherweise ein für Russland vertretbares Risiko. Ohne Hoheitsabzeichen behauptet Russland einfach wieder, es seien Freiwillige oder man wisse nicht, wer das ist, wie schon in der Ukraine 2014.

Da es ein Angriff auf ein NATO-Land ist, würde Artikel 5 greifen. Dieser erfordert aber Einstimmigkeit. Wenn die russischen Truppen nachweisbar direkt hinter der Grenze gestoppt haben und nur eine „eigentlich sowieso russische Stadt“ gesichert haben, will dann beispielsweise Portugal seine Söhne aus Madeira zum Sterben ins 4.400 km entfernte Narwa schicken? Werden die deutschen Russlandversteher und Peacenics daher den Krieg mit Russland beschließen, obwohl „Russland ja eigentlich nur eine russische Stadt besetzt hat„?

Russlands Militärdoktrin sieht den Ersteinsatz mit Kernwaffen vor, wenn seine konventionellen Truppen unterliegen und der Krieg verloren geht. Jeder Krieg mit Russland kann nach dieser Doktrin also nicht gewonnen werden, ohne dass der Krieg zum Atomkrieg wird. Art. 5 würde jedoch Krieg bedeuten, nicht eine „Intervention zu Befreiung von Narwa“. Dazu würde eine Eroberung der Stadt ohne der Sicherung von Kommunikationslinien ins Baltikum, sowie der Sicherung des Umfeldes wenig Sinn ergeben.

Oder in anderen Worten: Eine Befreiung Narwas würde eine Eroberung Kaliningrads und das Erobern zumindest signifikanter Grenzgebiete vor dem Baltikum, also in Weißrussland und in Richtung Sankt Petersburg erfordern. Sankt Petersburg, die zweite und alte Hauptstadt Russlands, ist nur eine Stunde von Narwa entfernt. Jedes Sichern des Umfeldes von Narwa ist daher praktisch automatisch ein Vorrücken auf die Vororte von Sankt Petersburg. Ist dazu jeder einzelne Bündnispartner bereit? Auch, wenn der Einsatz von Kernwaffen droht?

Wenn nur ein NATO-Mitgliedsstaat nicht dazu bereit ist, kommt es nicht zu Artikel 5 und die NATO ist tot. Aus und vorbei, sie ist wertlos und kann aufgegeben werden. Wenn die USA dann zusammen mit loyalen Verbündeten wie Großbritannien, Kanada und Polen Truppen verlegen, um Narwa zu befreien, könnten die Russen die Stadt einfach wieder verlassen. Putin könnte von einer „meuternden Einheit“ sprechen, deren Kommandeur bestraft wird.

Der Grund für einen Einmarsch in Russland wäre erledigt, der große Krieg mit Russland vermieden. Die NATO wäre dabei aber nun Geschichte. Das wäre ein strategischer Sieg für Russland. Russland würde mit einem solchen Einsatz erstaunlich wenig riskieren, gerade mit einem so unfassbar schwachen Präsidenten wie Biden im Weißen Haus. Ein konventioneller Angriff verlangt keinen nuklearen Gegenschlag, ein sehr beschränkter Einmarsch würde von vielen NATO-Verbündeten keinen Wunsch auf Krieg mit Russland erzeugen und im Zweifelsfall kann er seine „meuternden Soldaten“ abziehen und mit Kernwaffen drohen.

Ach so: China, Japan, Südkorea und Taiwan sind praktisch die weltweite Halbleiterproduktion. Die Schifffahrtslinien für und Güter nach Europa aus, und Öl in Richtung Südkorea und Japan, gehen an Taiwan vorbei. Die Wirtschaftsnationen an Platz zwei (VR China), drei (Japan), zwölf (Südkorea) und 21 (Taiwan) wären also direkt betroffen. Wenn dort Krieg ausbricht, gehen in Europa die Lichter aus.

„Mögest Du in interessanten Zeiten leben.“ soll ein chinesischer Fluch lauten.

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In Syrien droht der Ausbruch eines wirklich großen Kriegs

Es wird heiß in Syrien. Nach noch unbestätigten Berichten hat jetzt die türkische Artillerie eingegriffen und syrische Kurden nahe Aleppo beschossen. Diese wurden zuletzt von der russischen Luftwaffe unterstützt. Damit rückt die massive Ausweitung des Konflikts näher.

 

Eine sunnitische Militärintervention wird denkbar

Nachdem die russische Luftwaffe mit massiven Bombardements zugunsten der syrischen Regierungstruppen und ihren verbündeten schiitischen Milizen eingegriffen hat, steht Aleppo vor einer Einkreisung. Sollte die Stadt fallen, wäre dies ein dramatischer Schlag gegen die Moral der nicht-IS Rebellen und würde für Syrien das von mir 2014 und 2015 skizzierte Szenario eintreten lassen, wonach sich der Bürgerkrieg, wie durch Assad geplant, nach der Niederlage der (moderaten und islamistischen) Rebellen zu einem Krieg zwischen der Assad-Diktatur und dem IS verwandeln würde. Da Syrien hierbei auf die Sympathie oder gar die Unterstützung anderer Staaten zählen könnte, würde am Ende das inzwischen völlig von Teheran abhängige Regime den Sieg davontragen. Dies würde den Schiitischen Halbmond vollständig und sicher unter iranische Kontrolle bringen.

Die schiitisch-persische Regionalmacht, die sich inzwischen damit brüstet vier arabische Hauptstädte (Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa) in ihren Händen zu haben, hätte damit ihren Einfluss in dem von amerikanischen Einfluss zunehmend verwaisten Nahen Osten massiv ausgeweitet. Damit wäre nicht nur die Türkei von den sunnitischen Kernländern, auf die sie Einfluss auszuüben versucht, abgetrennt, Saudi-Arabien wäre zugleich eingekreist. Dazu kommt, dass der inzwischen zum Erzfeind der meisten sunnitischen Staaten gewordene alawitische Assad an der Macht bleiben würde, obwohl beide Staaten seine Entmachtung mit ihrer Hilfe für die syrischen Rebellen vorangetrieben haben.

Dass dazu eine Konsolidierung der kurdischen Herrschaft der „syrischen PKK“ der PYD auch in Syrien für die Türkei völlig inakzeptabel ist, erklärt sich dazu von selbst. Die Türkei bezeichnet sie als Terroristen. Aktuell haben die kurdischen Truppen der YPG/YPJ  in Syrien jedoch weitestgehend einen Waffenstillstand mit der Assad-Regierung, dazu kommt eine Kooperation mit Russland. Dass die syrischen Kurden sich daher längst eine Anerkennung ihrer Autonomie von der Regierung Assad ausbedingt haben, darf man wohl als sicher annehmen. Damit wären aber die türkischen Kurdengebiete von der iranischen Grenze bis zum Mittelmeer an Gebiete angrenzend, die in kurdischer Hand sind, was dem Separatismus in der Türkei enormen Aufwind verschaffen wird. Während man sich in der Türkei an die kurdischen Autonomiegebiete im Irak inzwischen gewöhnen konnte, sähe die Türkei eine von der PKK/PYD gehaltene Region an ihrer Grenze als nicht akzeptable Bedrohung.

Kommt dazu eine Einkreisung Aleppos, wird die Situation für die sunnitischen Regionalmächte noch unerträglicher. Dies nicht zuletzt auch, da eine Einkreisung aller Wahrscheinlichkeit eine Wiederholung des bereits mehrfach in Syrien praktizierten Aushungerns der Bevölkerung bedeuten würde. Diese ist nicht nur klar ein Kriegsverbrechen, es wäre gerade für die Türkei auch nicht akzeptabel zuzusehen, wie hunderttausende Menschen nur rund 30 Kilometer Luftlinie von der türkischen Grenze entfernt vom Hungertod bedroht sind. Verschärft würde die Lage dazu dadurch, dass eine Belagerung von Aleppo aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine anhaltende Bombardierung mit Artillerie und der russischen Luftwaffe begleitet wäre. Die Russen sehen diese als ein Erfolgsrezept, das sie unter der Verursachung von zehntausenden zivilen Opfern in nur wenigen Wochen Grozny hat erobern lassen, während die syrischen Streitkräfte nicht genug Mannstärke haben, um einen anhaltenden Häuserkampf riskieren zu wollen. Während ihnen die Soldaten fehlen, sind jedoch mehr als ausreichend schwere Waffen zur Verfügung.

Wenn es also dazu kommt, dass die syrische Opposition in wenigen Tagen vor einer strategisch entscheidenden Schlacht steht, wird eine Militärintervention sunnitischer Staaten zunehmend wahrscheinlicher. Offiziell vermutlich gegen den IS gerichtet, um allen Beteiligten eine Wahrung des Gesichts zu ermöglichen, würden die Interventionstruppen ihre Hauptaufgabe jedoch in der Erhaltung der mehrheitlich sunnitischen Opposition gegen Assad sehen. Wie auch für alle anderen Beteiligten in Syrien, wäre der IS nur völlig zweitrangig, weil man sich von jeder Seite sicher zu sein glaubt, dass man ihn relativ einfach überwinden wird, ist erst der international akzeptable Gegner, also die Rebellen oder die syrische Regierung, erledigt. Saudi-Arabien hat bereits seine Bereitschaft zur Intervention erklärt, die Türkei scheint aktuell noch auf eine amerikanische Führung einer Intervention zu warten. An einer solchen wird sich die Türkei jedoch beteiligen, so Erdogan.

 

Russland wird nicht tatenlos zusehen

Wenn tatsächlich eine Militärintervention zur Unterstützung der syrischen Opposition erfolgt, werden Russland und der Iran nicht tatenlos zusehen können. Wenn die Opposition durch sunnitische Truppen stabilisiert wird, stehen diese in direkter Konfrontation mit syrischen Regierungstruppen, iranischen Revolutionsgarden und russischen Truppen. Dazu kommen natürlich noch die hier irrelevanten mit der syrischen Regierung verbündeten Milizen und Terrororganisationen wie der Hisbollah.

Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov - AirTeamImages [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)], via Wikimedia Commons
Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov – AirTeamImages [CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
Kommt es nach einer Intervention nicht zu einem raschen Waffenstillstand, auf den eine Machtübergabe der Regierung Assad folgt, so sind direkte militärische Auseinandersetzungen zwischen den Truppen der beteiligten Nationen nur noch eine Frage der Zeit. Putin wird es sich schon alleine innenpolitisch nicht leisten können, als Verlierer dazustehen. Der Iran hat dagegen bereits zu viel investiert, um das so hart „erarbeitete“ einfach so aufzugeben. Ohne ihn gäbe es Assad ja schon seit Jahren nicht mehr und der Bürgerkrieg wäre längst vorbei. Damit droht eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen dem nuklear hochgerüsteten Russland und der Türkei, die Teil der NATO ist.

In diesem Zusammenhang sind auch die militärischen Großübungen Russlands zu sehen, die das Land im Südwesten, also durch die der Türkei am nächsten stehenden Truppen, durchgeführt hat. Auch dass russische Bomber inzwischen mit ASM (Anti-Schiff-Raketen), die gegen die syrische Opposition und den IS völlig nutzlos sind, gefilmt wurden, passt in dieses Bild. Putin scheint ernsthaft gewillt zu sein, zumindest einen großen militärischen Konflikt glaubhaft anzudrohen.

 

Russlands strategischen Vorteile

Russland hat dabei durchaus strategische Vorteile. Während seine Truppen in Syrien abgeschnitten wären, da kein Nachschub mehr durch den Bosporus käme und eine Luftversorgung durch die Türkei bedroht werden würde, hat er dennoch noch einige Asse im Ärmel. Sollten nämlich russische Truppen in Syrien gegen türkische Soldaten kämpfen, so wäre die Frage tatsächlich gerechtfertigt, ob dies überhaupt einen Bündnisfall bedeuten würde. Solange die Türkei auf ihrem Territorium selbst nicht angegriffen würde, sondern nur Truppen von ihr außerhalb von Nordamerika und Europa, wäre Artikel 5 wohl tatsächlich nicht anwendbar. Dazu könnte die Türkei nur wenige Truppen in Richtung Syrien schicken, weil sie die Grenze in Richtung Armenien, Iran und Georgien vor einem möglichen russischen Angriff schützen müsste. Ergänzend käme die Drohung mit dem enormen russischen nuklearen Arsenal, die wohl die meisten NATO-Staaten schon aus purer Angst von einem Anerkennen des Bündnisfalles abhalten würden. Wird die Türkei jedoch so alleine gelassen, wird der Bündniszusammenhalt der NATO als Ganzes geschwächt, was für Russland inzwischen ein strategisches Ziel ist.

In diesem Zusammenhang muss noch nicht einmal erwähnt werden, dass Russland in so einem Szenario enormen Druck ausüben kann, indem es die baltischen Staaten bedroht. Diese sind militärisch binnen weniger Tage zu überrennen, wonach die NATO kaum noch Optionen hätte, die neben einem monatelangen Krieg auch einen Einsatz russischer Nuklearwaffen nicht als wenigstens potentielle Option bedeuten. Dass Russland erhebliche Vorteile in einem selektiven Einsatz derselben sieht, habe ich bereits in der Vergangenheit erklärt.

Der Einsatz russischer Nuklearwaffen und auch ein Angriff konventioneller russischer Truppen auf das Baltikum wäre dabei jedoch einfach zu verhindern. Es müsste lediglich ein Präsident im Weißen Haus sein, der keinen Zweifel daran ließe, dass er den Knopf drücken würde. Denn so, und nur so, funktioniert die nukleare Abschreckung. Nur wenn die Gegenseite felsenfest davon überzeugt ist, dass sie bei einer eigenen Aggression im Feuer der nuklearen Sonnen verglüht, bleibt die Aggression aus. Dieses zynische System hat den ganzen Kalten Krieg über die Front zwischen NATO und Warschauer Pakt friedlich gehalten. Ob der bislang völlig unglaubwürdige Barack Obama in seinem letzten Amtsjahr dazu jedoch plötzlich im Stande wäre, darf mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

 

Was passieren wird, ist völlig unklar

Was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird, ist völlig unklar. Der Einsatz türkischer Artillerie gegen syrische Kurden, die mit russischer Luftunterstützung vorgerückt waren und zusammen mit Assads Truppen kurz davor sind Aleppo einzuschließen, ist de facto bereits eine Intervention. Ob und wann die Truppen der Türkei, Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahreins und vielleicht auch Ägyptens (das sich inzwischen weitgehend saudischen Initiativen anschließt) syrischen Boden betreten, ist ebenfalls unklar. Die syrische Regierung hat zumindest bereits angekündigt, die Soldaten würden nur in Särgen nach Hause kommen. Dass sich Russland bei einer solchen Intervention zurückzieht, scheint unwahrscheinlich. Ob sich dann auch iranische reguläre Truppen beteiligen macht wohl keinen großen Unterschied mehr.

Denn wenn nicht umgehend ein Friedensschluss erfolgen würde, der aktuell völlig unwahrscheinlich ist, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis es zu offenen Kriegshandlungen der Beteiligten kommen würde. Dass diese auf Syrien isoliert blieben, dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Die arabischen Golfanreiner haben alle noch Rechnungen mit dem Iran offen, darunter auch territoriale Dispute, die so zu regeln wären.

 

Ein Krieg wäre zu verhindern gewesen

Dabei wäre dieses Szenario leicht zu verhindern gewesen. Hätte Obama seine Truppen nicht vorschnell und gegen den Ratschlag seines eigenen Militärs aus dem Irak abgezogen, gäbe es den IS heute nicht. Hätten die USA der Regierung Assad mit einer Intervention gedroht, sollte sie nicht einen Übergang ermöglichen, wäre der Bürgerkrieg vermutlich nie eskaliert. Bei einem glaubwürdigen Präsidenten hätte Assad ein luxuriöses Exil immer dem Galgen vorgezogen. Denn wenn ein glaubwürdiger Präsident der USA droht, dann retten Diktatoren in der Regel lieber ihre eigene Haut.

So war es auch 2003, als die USA unter George W. Bush den Irak befreiten, nachdem sie Saddam Hussein vorwarfen an Massenvernichtungswaffen zu arbeiten. Von der Entschlossenheit der USA beeindruckt, gab Gaddafi noch im gleichen Jahr sein eigenes Waffenprogramm auf. Die Aussicht irgendwann einmal die Bombe zu haben war es schlicht nicht wert, eine Invasion durch die USA zu riskieren. Stattdessen gibt es heute einen US-Präsidenten, der Angst vor der eigenen Courage hat und glaubt, alles Übel komme von den USA selbst. Der rote Linien zeichnet, nur um sie dann selbst zu ignorieren, wurden sie überschritten.

Auch der inzwischen immer stärker aufflammende innerislamische Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten wurde in seiner jetzigen Größenordnung erst durch den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten ermöglicht, der ein Machtvakuum geschaffen hat, das nun eine ganze Reihe regionaler Mächte auszufüllen versucht. Dabei hätte man es auch hier besser wissen können. Eine Region ohne Hegemon gibt es nie. Wenn sich der etablierte Hegemon daher zurückzieht, muss er für eine sichere Nachfolge sorgen, soll kein großer Kampf um die Krone ausbrechen.

 

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Ein russischer nuklearer Erstschlag: Das undenkbare Denken

Inzwischen ist es klar: Russland führt eine Invasion in seinem Nachbarland durch. Noch immer nur mit einigen tausend Soldaten und vielleicht 20.000 Söldnern, aber eben mit seinen regulären Streitkräften. Was vor einem Jahr undenkbar schien, ist heute Tatsache. Ein Land in Europa überfällt ein anderes um sein Territorium mit militärischen Mitteln zu erweitern. Der Staatsführer des Landes lügt seine Kollegen offen an. Er verhandelt und erklärt Friedenswünsche, während seine Panzer bereits den Marschbefehl haben. Er bedient sich machiavellistischer Methoden, von denen der Westen fest überzeugt war, sie gehörten in Europa der Vergangenheit an.

Eine Kernwaffe detoniert. Symbolbild.
Eine Kernwaffe detoniert. Symbolbild.

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