Die Ökonomie des Krieges (II) – Abschreckung und Wehrpflicht

Rütliweise in der Schweiz. Es ist der 1. August 1941. Der Präsident des Schweizer Parlaments wartet auf einem Podest vor Abordnungen aller Kantone auf das Ankommen eines wichtigen Gastes. Abordnungen von Soldaten in grauen Uniformen stehen Spalier. Auf einen Befehl ihres Kommandeurs springen sie plötzlich ins Achtung, als ein schwarzer Mercedes mit Standarten auf der Motorhaube auftaucht. Als der Wagen anhält packt ein Windstoß die Standarten und dreht sie parallel zum Beobachter. Die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wird deutlich sichtbar, als Adolf Hitler aussteigt um im zweiten Rütlischwur die Schweiz endlich nach 650 Jahren wieder heim ins Reich zu holen.

Nach einem kurzen Militärischen Konflikt hatten die Schweizer Streitkräfte im letzten Jahr kapituliert, nachdem die Regierung wegen massiver innerer Streitigkeiten auf eine Mobilisierung verzichtet hatte, um Deutschland nicht zu provozieren. Festungsbauten waren die Jahre davor nicht erfolgt, da Politiker sie als Geldverschwedung abgetan hatten. „Brot statt Bunker! Weder Deutschland, noch Frankreich sind eine Bedrohung für uns.“
Guisans Kriegstreiberei hatte zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst zum Jahreswechsel 1938/39 geführt, während das massive Wachstum der Frontenbewegung das Land im Inneren geschwächt hatte.

26/07/1944. Als die USS Iowa langsam in die Bucht von Tokio einläuft, schießen die beiden größten Schlachtschiffe der Welt, Yamato und Musashi, je 21 Salven Salut, um das offizielle Inkrafttreten des Friedens- und Freundschaftsvertrages zu bezeugen.
Nachdem der Kaiser 1941 einen Überraschungsangriff als eines Samurais unwürdig verboten hatte, war die Kriegserklärung an die USA volle drei Tage vor dem Abfeuern des ersten Gewehrs erfolgt. Die Erklärung hatte dabei langatmig die angebliche Ungerechtigkeit gegenüber des Kaiserreichs erklärt. Der nur zwei Wochen vorher zum Botschafter ernannte Admiral Yamamoto Isoroku hatte in den folgenden Tagen großartiges rhetorisches Geschick bewiesen, als er der amerikanischen Presse ein aufs andere Mal erklärte, wieso Japan durch die USA zu diesem Schritt gezwungen wurde. Seine geschickt geschliffenen Worte hatten große Sympathie auf Seiten der Amerikaner geschaffen, die sich lieber auf Deutschland konzentrieren wollten, das der japanischen Kriegserklärung nicht nur gefolgt war, sondern umgehend mit dem Versenken von Schiffen vor der Ostküste begonnen hatte. Dabei fielen mehrere Passagierschiffe den deutschen Torpedos zum Opfer, die Überlebenden wurden von den Ubooten aus mit Maschinengewehren im Wasser beschossen, die Rettungsboote gezielt versenkt, damit möglicht viele Menschen ertrinken.

Der Krieg hatte trotz des deutlichen industriellen Ungleichgewichts zugunsten der Japaner begonnen, das Kriegsglück sich aber mehr und mehr in Richtung der USA verschoben. Zu groß war das Kräfteungleichgewicht. Als der japanischen Heeres- und Marineleitung nach einer großen verlorenen Seeschlacht klar wurde, dass ein militärischer Sieg nicht zu gewinnen sein würde, fühlte man vorsichtig in Richtung eines Verhandlungsfriedens vor. Dabei hatte die Propaganda Japans so gut gewirkt, dass die amerikanische Öffentlichkeit mehrheitlich glaubte, die Japaner seien eigentlich von den USA falsch behandelt und daher zum Krieg getrieben worden. Es gäbe also keinen Grund, Japan mit aller Kraft in die Knie zu zwingen. Vielmehr gab es sogar Stimmen, die den Wert einiger Inseln im Pazifik so gering bewerteten, dass man sie doch durchaus den Japanern überlassen könnte, wenn das Resultat davon wieder gute Beziehungen wären. Die verbissene Gegenwehr der Japaner bei den wenigen amphibischen Landungen der Amerikaner hatten ihr Übriges getan, um der amerikanischen Öffentlichkeit zu zeigen, dass ein militärischer Sieg über Japan enorm teuer werden würde. Viele stellten daher offen die Frage: „Warum?
Am Ende wurde de facto ein weißer Friede mit Rückkehr zum status quo ante bellum geschlossen, zumal sich Japan als Kämpfer gegen den chinesischen Faschismus erklären konnte, hatte Deutschland doch Chinas Armee ausgebildet und gute Kontakte zu Chiang Kai-Shek unterhalten. Dies ermöglichte den japanischen Unterhändlern zu erreichen, dass die amerikanischen Sanktionen von vor dem Krieg aufgehoben wurden und Japan Ziel, China zu ordnen akzeptiert wurde.
Nach gewonnen Seeschlachten konnten sich die Amerikaner also als Sieger fühlen und hatten ihre westliche Flanke gesichert, war die japanische Marine doch arg geschwächt worden, während amerikanische Werften Schiff auf Schiff produziert hatten. In Japan hatte man dagegen alles erreicht, was das einflussreiche Heer wollte. Die Rohstoffe flossen wieder und der Krieg in China würde nun endlich zu gewinnen sein.

Absurde Szenarien? Vielleicht. Aber nicht völlig undenkbar. Sie zeigen, was vielleicht passiert wäre, wenn der der Kosten-Nutzen Faktor meines ersten Beitrags zu dem Thema Ökonomie des Krieges sich durch den unterschiedlichen Kampfeswillen beider Seiten verändert hätte. Eine Schweiz ohne Bereitschaft zu kämpfen wäre vom Dritten Reich unterworfen worden, ein die USA nicht mit Pearl Harbor zur Weißglut treibendes Japan hätte auf eine USA hoffen können, die zu Verhandlungen bereit gewesen wäre.

Demonstrierter Kampfeswillen ist entsprechend enorm wichtig für die Verteidigung einer Nation, da er abschreckend wirkt. Finnland hat dieses Verständnis 2014 eindrucksvoll belegt. Als Russland die Ukraine überfiel, war die unmittelbare militärische Gegenreaktion dieses Nachbarn Russlands simpel. Sie bestand aus Papier. Aus einem einfachen Brief. Einen Brief vom Verteidigungsministerium, der an alle 900.000 ehemaligen Soldaten im Wehralter verschickt wurde. Ein einziger Brief zeigte Russland damit durch die Blume: „Wenn Ihr das mit uns versucht, werden wir 900.000 Mann aufbieten, um uns zu wehren!““ Angesichts der gemeinsamen militärischen Vergangenheit war dieser eine Brief eine glaubwürdige und effektive Drohung. Finnland zeigte mit diesem Brief, dass es mit seinen 900.000 im Ernstfall einberufenen Soldaten das Land verteidigen und damit die russischen Kosten eines Angriffs enorm nach oben treiben würde. Dass Finnland Russland je militärisch besiegen könnte, glauben weder die Russen, noch die Finnen. Darum geht es jedoch auch gar nicht.

Finnland muss nicht in der Lage sein, in Moskau einzumarschieren, wenn es einen Krieg vermeiden will. Es muss noch nicht einmal in der Lage sein, einen russischen Einmarsch in Helsinki vermeiden zu können. Es muss ausschließlich stark genug sein, um einen russischen Einmarsch in Helsinki zu teuer in russischen Verlusten zu machen. Dies reicht völlig für eine militärische Abschreckung aus.

Wehrpflicht in Deutschland

Dies sei in den Kontext zur aktuellen Debatte um eine WehrpflichtDienstpflicht gebracht. Eine Dienstpflicht ist selbstverständlich abzulehnen. Hier geht es tatsächlich, wie der Name mit erfrischender Ehrlichkeit zeigt, um einen Reichsarbeitsdienst 2.0, der nur über die Maskerade einer Wehrpflicht erfolgen soll. Denn das, was gefordert wird, hat mit einer tatsächlichen Wehrpflicht wenig zu tun. Laut CIA World Factbook erreichen in Deutschland jährlich 405.438 Männer und 384.930 Frauen das wehrfähige Alter. Physisch sind davon etwa 90% im weitesten Sinne zu gebrauchen. Nicht jeder ist zu 30km Märschen in der Lage, aber im Falle eines Levée en masse wären 90% kampfbereit zu machen.
Würde also eine Wehrpflicht von einem Jahr bestehen, würde Deutschland über Nacht ein stehendes Heer von etwa 700.000 Mann haben. Selbst bei kürzeren Dienstzeiten wäre die von Deutschland völkerrechtlich anerkannte Obergrenze der Streitkräfte von 370.000 Mann (davon maximal 345.000 Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte) erreicht oder überschritten.
Daher geht es bei der aktuellen Dienstpflicht also eben nicht um eine Wehrpflicht, sondern um genau diesen Reichsarbeitsdienst, weil nur jene eingezogen werden würden, die laut „hier“ rufen. Der Rest würde als von Steuergeldern bezahlter Billigarbeiter in die Sozialbereiche geschickt werden.

Wer nicht glaubt, dass die Bürger Eigentum des Staates sind und dieser daher sklavenhaltergleich frei über sie verfügen darf, muss eine solche Dienstpflicht ablehnen. Freie Bürger dürfen nicht dazu gezwungen werden, als billige Arbeitskräfte in Altenheime zu gehen. Doch dies ist kein Argument gegen eine echte Wehrpflicht.

Eine echte Wehrpflicht kann Sinn machen

Ich sage immer gerne, dass Militärausgaben entweder die wichtigsten oder die dümmsten Ausgaben eines Staates sind. Ein Dazwischen ist kaum möglich. Wer keinerlei militärische Bedrohung hat, der braucht schlicht keine Streitkraft. Denn wenn man davon ausgeht, dass die eigenen Soldaten niemals kämpfen werden, dann ist ein Militär nur eine verdammt teure Karnevalsgruppe. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, bei dem nicht etwa sinnvolle Tätigkeiten wie Rasen mähen durchgeführt werden, sondern stattdessen noch mehr Geld für hohe Löhne und teures Gerät verschwendet wird. Meine Wahlheimhat Panama hat dies erfreulicherweise eingesehen und verzichtet auf Streitkräfte. Wer hier Uniform trägt, ist Polizist oder Grenzschützer.
Besteht jedoch eine echte militärische Bedrohung, so sind Militärausgaben der wichtigste Ausgabenpunkt überhaupt eines Staates. Wenn Taiwan wegen zu schwachen Militärs in 5-10 Jahren von Rotchina erobert wird, so werden 23 Millionen Chinesen ihre Freiheit verlieren. Alles nur, weil der Staat aktuell sein Geld lieber für Sozialprogramme ausgibt, als für den Selbsterhalt.

Wenn also beurteilt wird, dass die militärischen Bedrohungen, sei es durch Russland, Rotchina und den staatlichen oder nichtstaatlichen Dschihad groß genug sind, dass eine militärische Abwehr vorbereitet werden muss, dann muss auch das entsprechende Militär geschaffen werden.

Dies allein, die militärische Sicherung der individuellen Freiheiten, rechtfertigt eine Wehrpflicht. Dies allein, und eben nicht „so bekommt die Bundeswehr wieder gute Rekruten“, „der Zivildienst wird schmerzlich vermisst“, „das hat noch keinem geschadet“ oder „da lernen sie was fürs Leben“ kann zur Rechtfertigung dienen, die eigenen Bürger für eine kurze Zeit de facto zu versklaven.

Würde es aber unter solchen Umständen zu einer Wehrpflicht kommen, so müsste sie fair sein. Dann dürfte es kein Drücken mehr geben, keinen Zivildienst. Es dürfte noch nicht einmal ein Ausmustern geben. Denn beides war oft genug eine Farce. Mein bester Freund machte Zivildienst, indem er dem Kreiswehrersatzamt gegenüber erklärte, er könne aus Gewissensgründen keine Waffe anfassen. Gleichzeitig war er im Schützenverein. Er hatte schlicht keine Lust auf das Militär. Während ich tauglich gemustert wurde, wurden die besten Sportler der Klasse ausgemustert. Sie waren zwar „fit wie ein Turnschuh“, hatten aber als Fußballspieler vor Jahren mal einen Kreuzbandriss gehabt, was für eine sichere Ausmusterung genügte.

Wenn eine Wehrpflicht kommen würde, so müssten alle eingezogen werden, ohne Unterschied. Israel findet eine Verwendung für unter dem Down-Syndrom leidende Freiwillige. Andere Streitkräfte haben Querschnittsgelähmte aufgenommen. Irgendjemand muss schließlich auch hinter dem Telefon sitzen, UvD machen oder die Wäscherei betreiben.

Wer auch nach einem sicheren Einziehen noch immer kein Gewehr anfassen möchte, der soll während dieser Zeit eben ein gleich schweres Eisenrohr mit sich herumtragen.

Eine solche Wehrpflicht würde, wie oben gezeigt, rund 700.000 Menschen beiden Geschlechts jährlich in Uniform bringen. Deutschland braucht nicht derart viele Soldaten. Entsprechend müsste eine solche Wehrpflicht auf drei Monate Grundausbildung beschränkt werden. Anschließend würde das Land theoretisch irgendwann einen Brief wie Finnland an über 36.000.000 Menschen verschicken können. (Laut CIA-Factbook sind aktuell in Deutschland 18.529.299 Männer und 17.888.543 Frauen im wehrfähigen Alter (16-49)).

Würden für diese Menschen auch die notwendigen Waffen vorgehalten werden, so hätte Deutschland damit ein Abschreckungspotential, das jeden staatlichen Angriff mit nicht-ABC Waffen ausschließen würde.
Drei Monate sind dabei kurz genug, dass es die Jugend nicht allzu lange vom Arbeiten abhält, es raubt den Menschen nur drei Monate ihres Lebens (und natürlich ist das ein Raub von Lebenszeit). Gleichzeitig ist es lange genug, um den so ausgebildeten wenigstens eine rudimentäre Kampfkraft zu verleihen, die damit allerdings schon deutlich höher ist, als bei vielen außereuropäischen Streitkräften. Im Besonderen, wenn diese Reservisten dann durch gut ausgebildete Unteroffiziere und Offiziere geführt werden. Diese ließen sich in der Folge dann tatsächlich leichter werben, denn wer die verpflichtende Grundausbildung überstanden hat, weiß, was ihn erwartet und ob es ihm taugt. Er weiß auch, dass er das meiste Unangenehme bereits hinter sich gelassen hat und wie sehr es ihm ge- oder missfallen hat.

Aus freiheitlicher Sicht hätte es zudem den Vorteil, dass anschließend fast jeder Bürger eine passable Ausbildung an Schusswaffen hätte und so die sich gegen Waffen richtende Stimmung in Deutschland nicht mehr auf 70 Millionen Menschen stützen könnte, die noch nie eine Schusswaffe in der Hand hatten. Würde ich nun ernsthaft beabsichtigen, die Libertären unter meinen Lesern zu überzeugen, so könnte man noch eine anschließende Übernahme der Ordonnanzwaffen durch die Wehrpflichtigen ermöglichen, wie es in der Schweiz der Fall ist. Dort herrscht schließlich auch nicht Mord- und Totschlag, obwohl hunderttausende Sturmgewehre in Privathaushalten lagern. In der Folge hätte nach der Ausbildung jeder, der sich nicht als gemeingefährlich oder geisteskrank erwiesen hat, sein Sturmgewehr zu Hause. Dann wäre durch so eine Wehrpflicht nicht nur der Staat gegen äußere Bedrohungen, sondern auch das Individuum gegen Tyrannei des eigenen Staates effektiv geschützt.

Das wären wenigstens Gründe für eine echte Wehrpflicht. Zu erklären, man bräuchte das Militär wieder als Schule der Nation, ist absurd. Beim Militär kommen weitgehend ausgereifte Menschen an, die in wenigen Monaten nicht zum verantwortungsvollen und ordentlichen Menschen werden, nur weil sie Uniform tragen. Zu solchen Menschen werden sie in den Jahren davor.

Atlantic Resolve: Amerikanische Panzer sichern den Frieden.

Als Anfang 2017 das 3rd Armored Brigade Combat Team der US-Army über deutsche Häfen nach Osteuropa verlegt wurde, schimpfte eine Allianz aus aufrichtig Friedensbewegten, Antiamerikanern und Fans der russischen Despotie über die Provokation gegen Russland und die Kriegstreiberei der USA. Tatsächlich ist die Verlegung jedoch das genaue Gegenteil: Sie sichert den Frieden.

Kriege werden begonnen und eskalieren, weil eine Seite die Konsequenzen für kontrollierbar und im Rahmen ihrer Fähigkeiten eingrenzbar hält. Als Saddams Armee 1990 in Kuwait einmarschierte, ging er eben nicht davon aus, dass eine breite Allianz unter der Führung der USA mit hunderttausenden Soldaten seine Armee, die noch nicht einmal die durch Revolution und Embargo geschwächten iranischen Streitkräfte schlagen konnte, in Stücke schießen würde. Er war davon überzeugt, dass er die Konsequenzen seiner Invasion des südlichen Nachbarlandes würde kontrollieren und eingrenzen können.

Sichert den Frieden: Ein amerikanische M1A2 Abrams Kampfpanzer.
US-Army Photo

Der Koreakrieg begann, weil Nordkorea, die Volksrepublik China und die Sowjetunion glaubten, die USA würden sich nicht einmischen oder sich ihr Engagement kontrollierbar in Grenzen halten. Die USA wiederum überschritten den 38. Breitengrad nur, weil sie glaubten die Reaktion der Rotchinesen wäre kalkulier- und kontrollierbar. Ein Russland, das glaubt es könne Grüne Männchen ohne gravierende Konsequenzen nach Estland schicken, könnte damit den Bündnisfall in der NATO auslösen.

Wenn die USA jedoch eine Truppe von kaum 4.000 Mann in die östlichen Länder der NATO verlegt, wird Russland davon nicht bedroht. Diese 4.000 Mann sind noch nicht einmal in der Lage, sich selbst auch nur im Ansatz lange genug zu verteidigen, bis Verstärkung eintrifft, wenn Russland eine ernst gemeinte Offensivoperation durchführt.

Ihr tatsächlicher militärischer Nutzen ist vielmehr der, dass sie Russland deutlich machen, die Konsequenzen militärischer Abenteuer in Richtung der baltischen NATO-Staaten werden sich nicht beliebig eingrenzen und lokal beschränken lassen. Sie zeigen Russland, dass es im Falle eines Angriffs die USA garantiert mit in einen Krieg hineinziehen wird. Weil es dann eben nicht mehr nur um ein Land geht, das der durchschnittliche Amerikaner nicht auf der Landkarte finden kann, sondern weil dann US-Soldaten getötet wurden, was eine Antwort verlangt. Diese Soldaten dienen also offen sichtbarer Stolperdraht.

Dass Russland von diesen wenigen Soldaten nicht bedroht werden kann, weiß man sowohl im russischen Verteidigungsministerium, wie auch im Kreml. Russland ist lokal drückend überlegen und kann wegen der kurzen Kommunikationswege seine Land- und Lufteinheiten fast nach Belieben zum Einsatz gegen die in den Grenznationen stehenden NATO-Einheiten werfen. Allerdings weiß man dort auch, dass man die baltischen Staaten nun definitiv nicht mehr nach Belieben bedrohen und herumschubsen kann.

Kritische Stimmen aus Russland zur Truppenverlegung, die in Richtung Säbelrasseln, Eskalation oder Ähnliches gehen, zeugen daher nicht von aufrichtigen Sorgen bezüglich einer militärischen Bedrohung. Sie zielen vielmehr auf die europäische und amerikanische Öffentlichkeit. Diese soll mit solchen Aussagen beeinflusst werden und den Verteidigungswillen der NATO schwächen. Wie man sieht, nicht gänzlich ohne Erfolg. Denn tatsächlich sorgen die US-Soldaten mit ihrer blanken Präsenz dafür, dass Russland eben keine militärischen Abenteuer wagen wird, die außer Kontrolle geraten und einen großen Krieg beginnen können. Sie sichern daher den Frieden, auch für Russland.

Entsprechend sind solche Beiträge entweder durch völlige Unkenntnis der Materie gekennzeichnet, was peinlich wäre, oder als klares Bekenntnis dazu, dass das despotische Russland gefälligst seine demokratischen Nachbarländer nach Belieben erpressen können soll:

Wenn von den gleichen Leuten nicht ein Wort des Protestes zu hören ist, wenn Russland unangekündigte „Snap Exercises“, also überraschend durchgeführte Großübungen, mit mehr als 100.000 Mann durchführt, bei denen die Invasion von Nachbarländern geübt wird, so spricht das für sich.

 

 

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Syrien-Krieg: Wie Assad sich selbst unverzichtbar für die Welt machte

Die für Assad kämpfenden Truppen haben Aleppo nach mehreren Jahren erobert. Nun gilt seit wenigen Tagen in weiten Teilen Syriens ein Waffenstillstand. Mit Russlands Hilfe hat sich das Regime Assad nicht nur stabilisiert, sondern seine Kontrolle über das Land wieder ausgeweitet. Schon im Herbst 2011 war Assads Regime nicht mehr zu retten und Obama und Merkel forderten ihn zum Rücktritt auf. 2013 war man sich einig, dass Assad weg müsse und noch im Herbst 2015 erklärte Obama, dass Assad nicht „zurückkehren dürfe“. Beim Aushandeln des Waffenstillstands waren die USA nun gar nicht mehr beteiligt.

Was zum einen eine blamable Desavouierung der USA durch ein viel schwächeres Russland ist, hat seine Wurzeln nicht zuletzt auch in der mangelhaften Unterstützung der syrischen Opposition. Der Grund hierfür ist einfach: die Angst vor Islamisten. Zunehmend weitere Teile der Öffentlichkeit und Entscheider halten Assad für das kleinere Übel, im Vergleich zur Islamistischen Opposition. Damit geht Assads Plan vollständig auf.

Für das Assad-Regime war es von Beginn des Konfliktes klar, dass ein Sieg im Kampf gegen die Aufständischen im eigenen Land vor allem auch auf der Propaganda-Front erreicht werden musste. Gaddafis Versuch, die Aufstände in seinem Land rein militärisch niederzuschlagen, endete bekanntlich mit einem Eingreifen eines Militärbündnisses unter Führung Frankreichs und Großbritanniens. Wenn sein Regime also ein fremdes Eingreifen verhindern wollte, dann musste es sicherstellen, dass die Rebellen als schlechtere Alternative zu dem Assad-Regime dastehen.

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Warum ein Putsch scheitert

Es liegen noch nicht einmal im Ansatz alle Informationen über den Putschversuch in der Türkei vor, schon glauben alle zu wissen, wer dahinter steht. Natürlich nicht die Putschisten. Nein, bekannte „Experten“ erklären, Erdogan habe es selbst angezettelt und wer sonst vehement gegen jede Verschwörungstheorie wettert behauptet nun mit dem Brustton der Überzeugung, der Präsident eines NATO-Landes habe einen Putsch gegen sich selbst inszeniert. Andere zeigen, dass ihr Hass auf die NATO inzwischen das Niveau des großen Antisemitismus erreicht hat, der ebenfalls hinter jeden Ereignis ja eine jüdische Weltverschwörung sehen kann. So gibt es allen Ernstes Thesen im Internet, die NATO habe die Putschisten angestachelt, um eine nun wieder erfolgende Annäherung zwischen Russland und Erdogan zu torpedieren. Bei Großereignissen wie diesen ist es üblich, dass sich jeder mit ihnen beschäftigt und sich fast jeder dazu äußert, selbst wenn er von den relevanten Thematiken keinerlei Ahnung hat.

Nun ist es viel zu früh zu erklären, was die Hintergründe des Putschversuches gewesen sein sollen. Es gibt noch fast keine Informationen über die beteiligten Einheiten und erst Recht keine über die verantwortlichen Köpfe. All jenen, die ihr Heil generell in Verschwörungstheorien suchen, kann ich ohnehin niemals überzeugende Argumente liefern. Wer Ockhams Rasiermesser für das Gerät zum Trimmen von Barthaaren eines gewissen „Ockham“ hält und seine eigene Intuition für einen gerichtsfesten Beweis, dem kann ich nicht helfen. Aber es gibt genügend Menschen die das Vorgehen der Putschisten einfach nicht verstehen und daher mangels Verständnis an eine Verschwörung (über die der Putschisten hinaus, was natürlich eine Verschwörung war) glauben. Diesen will ich hier einen Erklärungsansatz liefern. Da es aber zu früh für eine Erklärung ist und sich einige meiner Aussagen in der Zukunft als falsch heraus stellen können, kann ich nicht genug betonen, dass es ein Erklärungsansatz ist. Es ist eine theoretische Abhandlung, keine Schilderung von Fakten. Es ist Spekulation, denn mehr ist anhand der Informationslage ohnehin nicht möglich.

Warum (1)

 

Die Grundlagen eines Putsches

Bei einem Militärputsch verschwören sich Offiziere darin, die Regierung abzusetzen. Dabei sind jedoch viele Umstände zu beachten. In Streitkräften mit einem gefestigtem Korpsgeist kann eine Vorbereitung völlig anders ablaufen als in den türkischen Streitkräften vor dem 15. Juli 2016. In Ägypten setzte das Militär beispielsweise Mohammed Mursi eine Frist, in der er ihre Forderungen zu erfüllen habe. Man erklärte also ganz offen von Seiten der Militärführung: „Tue was wir wollen, oder wir putschen.“ Als er es nicht tat, wurde geputscht. Möglich war dies nur, weil das Militär ohne jeden Zweifel hinter seiner militärischen Führung stand und der Putsch von der obersten Führung der Streitkräfte durchgeführt wurde. Dass es nennenswerte Zahlen an Überläufern geben könnte, stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Feldmarschall as-Sisi befahl den Putsch und die Soldaten gehorchten. Ähnlich war es beispielsweise auch beim Putsch von General Augsto Pinochet in Chile oder den zahlreichen Putschen in Thailand. Militärs mit geschlossenem und gefestigtem Korpsgeist und intakter Befehlskette führten Militärputsche durch, bei denen sie einfach befahlen und ihre Befehle befolgt wurden.

In all diesen Fällen gab es häufig nicht einmal Verschwörungen. Es gab keine geheimen Abmachungen in nennenswertem Umfang. Teilweise wurde der Putsch gar Tage voraus angekündigt. Möglich war dies, weil das Militär jeweils eine so gefestigte Struktur hatte, dass es als ausgeschlossen angesehen wurde, Teile der Streitkräfte würden die Putschisten vor Beginn ihrer Ausführung ausschalten oder gar der Polizei eine Verhaftung erlauben.

Dies war in der Türkei nicht so. Seitdem die AKP 2002 in der Türkei die Wahl gewonnen hatte, hat sie mit Hilfe der von der EU geforderten Demokratisierungsbestrebungen den kemalistischen Korpsgeist des Militärs unterhöhlt. Nach und nach wurde die Macht des Militärs gebrochen und es in steigendem Maße unter zivile Kontrolle gestellt. Dazu kamen zwei wesentliche Ereignisse. Zum einen die Ergenekon-Verschwörung, bei der hunderte oppositionelle Führungskräfte verhaftet wurden, darunter viele hohe Offiziere. Sie sollten einen Putsch vorbereitet und einen tiefen Staat gebildet haben. Nachdem ein Teil zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt wurde, hob das oberste Gericht alle Urteile auf, da die Verschwörung nie bewiesen wurde. Die Betroffen waren aber dennoch nicht nur über Jahre als Hochverräter diskreditiert, sondern zum Teil auch über Jahre in Haft oder Untersuchungshaft. Die Personen wurden also nicht nur aus dem Verkehr gezogen, sondern auch eine glaubhafte Drohkulisse erzeugt, was passiert, sollte man sich der Planung eines Putsches verdächtig machen. Mehrere Urteile mit lebenslangen Freiheitsstrafen, wegen des vorgeworfenen Planens eines Putsches, zeigten, was an Haft zu erwarten sein würde. Dies konnte nur einschüchternd auf das Militär wirken, zumal die Verhaftungen eben durch die Streitkräfte geduldet wurden. Ein Brigadegeneral oder Obrist mit dem Wunsch nach einem kemalistischen Umsturz musste zusehen, wie seine vermuteten Gesinnungsgenossen verhaftet, gedemütigt und lebenslang hinter Gittern verschwanden, während keiner seiner Kameraden in Uniform etwas dagegen zu tun wagte. Die Ergenekon-Affaire musste sich als effektive Abschreckung erweisen!

Der andere Faktor ist, dass die AKP-Regierung inzwischen dem Militär das genommen hat, was ihm so lange den Erhalt des kemalistischen Korpsgeistes ermöglicht hat. Sie hat den türkischen Streitkräften das Recht genommen, die Offiziere selbst auszuwählen und zu befördern. Diese seit vielen Jahrzehnten geltende Praxis hatte es ermöglicht, dass kemalistische Generäle dafür sorgten, dass jeder Führungsnachwuchs ebenfalls kemalistisch war. Wer es nicht war, wurde entweder nie Offizier oder nie befördert und blieb daher bis zu seinem Ausscheiden aus den Streitkräften bedeutungslos. Indem die Regierung der Türkei diese Praxis jedoch beendete, begann die kemalistische Orientierung der Streitkräfte zu zerfallen. ,Über Nacht konnten deshalb natürlich keine islamistischen Generäle auftauchen, aber der Weg zur Islamisierung der Streitkräfte wurde eröffnet. Gleichzeitig wurde Offizieren deutlich gemacht, dass eine strikte Einhaltung kemalistischer Prinzipien nun nicht mehr für die eigene Karriere erforderlich war, was ebenfalls dem Zerfall des kemalistischen Korpsgeistes förderlich war.

Als nun die Putschisten von 2016 ihre Tat zu planen begannen, standen sie vor völlig anderen Grundlagen als alle vorhergehenden Putschisten in der Türkei. Anders als früher, würde ein Putsch nicht mehr durch die oberste Führung der Streitkräfte durchgeführt werden. Anders als früher wäre wohl auch das nur scherzhafte Ansprechen eines Putsches nicht etwa folgenlos geblieben, sondern hätte drastische Folgen für die eigene Karriere und höchstwahrscheinlich sogar für die eigene Freiheit gehabt. Jeder, den man eventuell einweihen konnte, könnte der Regierung und den Behörden von den Plänen erzählen, diese damit zum Scheitern und die Putschisten hinter Gitter bringen. Es musste also die Zahl der Mitwisser auf ein Minimum reduziert werden. Schon gestern hatte ich spekuliert, dass ich es führ wahrscheinlich halte, der Putsch sei von Batallionsebene aus begonnen worden, also vorrangig von den Dienstgraden Major bis Oberst. Mich würde daher nicht verwundern, wenn wir am Ende erfahren, dass die Putschisten eine gemeinsame Vergangenheit haben, beispielsweise dass sie zu weiten Teilen eines Jahrgangs einer Militärakademie oder einer Weiterbildung entstammen. Um so einen Putsch unter den Bedingungen von 2016 zu planen, braucht man absolut vertrauenswürdige Partner und die hat man vor allem bei langer gemeinsamer Geschichte.

Die Zahl der Putschisten war also eingeschränkt. Der von mir vermutete Dienstgrad der Putschisten war hoch genug um eigenständig Kommandos zu geben, allerdings jeweils wohl kaum über mehr als etwa 1.000 Mann.

Obristen können durchaus erfolgreich putschen, aber nur unter anderen Bedingungen. Putsche durch Obristen sind oft genug erfolgreich, wenn das Militär sich hinter ihrem Ziel vereinigt und wenn ihre Maßnahme dem Willen wesentlicher bestimmender Teile des Volkes entspricht oder wenn die Entmachteten keinen Widerstand leisten. 1960 gab es keinen Widerstand in der Türkei durch die Entmachteten. Gaddafi war erfolgreich, weil jeder König Idris weghaben wollte, Nasser war erfolgreich, weil jeder König Faruq loswerden wollte. Keine dieser Bedingungen war hier gegeben.

 

Wie man einen Putsch durchführt

Wir wissen noch nichts über die Motive der Putschisten. Daher kann ich nicht oft genug betonen, dass dies hier eine Spekulation ist und keine Darstellung von Fakten. Es ist der Versuch einer logischen Erklärung anhand von Erkenntnissen über vergangene Militärputsche und über militärische Vorgehensweisen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wegen der oben genannten Umstände gab es also nur wenige eingeweihte Putschisten. Mich würde es nicht wundern, wenn die Zahl irgendwo zwischen 6 und 15 Obristen liegen dürfte. Man hatte also keinen ausreichend hohen Dienstgrad zur Verfügung um das Kommando über größere Einheiten zu haben, beispielsweise eine ganze Armee oder gar eine ganze Teilstreitkraft, während man gleichzeitig auch nur eine sehr beschränkte Anzahl an Soldaten zur Verfügung hatte. Die Putschisten sahen nun in den vergangen Monaten eine immer offener ausgelebte autokratische Praxis des türkischen Staatspräsidenten, der trotz seiner eigentlich rein repräsentativen Funktion de facto einfach die Macht usurpiert hatte. Während also die Demokratie ohnehin bereits im Argen lag, schritten die Islamisierungstendenzen der AKP-Regierung ohne Unterlass fort und der von der AKP-Regierung lange Zeit mit bewusstem und geradezu demonstrativem Ignorieren unterstütze IS begann, das Land mit einer Terrorwelle zu überziehen. Währenddessen dürfte es auch in der Türkei nicht wenigen Menschen klar sein, dass der nun fast schon als Bürgerkrieg zu beschreibende Konflikt in den kurdisch besiedelten Gebieten im Osten des Landes ebenfalls nicht nur vermeidbar gewesen wäre, sondern geradezu gezielt von Erdogan vom Zaum gebrochen wurde, um seine Macht im Lande zu sichern und verstärken. Während die kemalistischen Offiziere (ich nehme einfach mal an, dass sie es waren) zusahen, wie ihr Land den Terrorstaat nebenan durch weitgehendes Ignorieren von Schmuggel und Rekrutierung unterstützte, sahen sie die Fundamente sowohl von Kemalismus wie auch von der Demokratie in Windeseile erodieren, während zeitgleich Kameraden in einem völlig sinnlos begonnen Bürgerkrieg gegen die Kurden fielen und die Islamisten des IS ihre Landsleute ermordeten. Permanent unter der Bedrohung einer Entdeckung der eigenen Putschpläne stehend, entschlossen sie sich zu handeln. Ihre Wahl dürfte gewesen sein, ihr Bestes in einer Stunde der Not ihres Landes zu versuchen oder einzupacken und zu hoffen, dass die kommende Diktatur des Erdogan niemals von ihren Putschplänen erfahren würde, um sie so auch ohne durchgeführten Putsch lebenslang zu inhaftieren. Wenn wir von dieser Sicht ausgehen, war es das einzig logische, zu handeln. Sie versuchten den großen Wurf, egal wie klein ihre Chancen auch waren. Weil sie keine andere Wahl mehr sahen.

Man hört, der Putsch sei stümperhaft durchgeführt worden. Nun liegen bei weitem nicht alle Informationen vor, aber ich will dies nach meinem aktuellen Kenntnisstand bestreiten! Wenn meine Vermutung von nur einer Handvoll Obristen stimmt und diese alle das Kommando über ein Bataillon gehabt haben sollten, dann hätten sie einige tausend Soldaten befehligt, nicht mehr. Da man nicht jeden Koch mit einem Gewehr in der Hand zum Putschen schicken kann, waren die verfügbaren Kräfte, also wen man tatsächlich auf die Straße schicken kann, entsprechend noch einmal deutlich kleiner. Wenn man sich im Zugzwang sieht und nicht über genug Personal verfügt, dann muss man das Beste daraus machen und dies haben die Putschisten getan. Denn, das einzige worauf sie hoffen konnten war, dass sich nicht eingeweihte Offiziere mit ihren Einheiten beteiligen würden. Alles andere würden ihre beschränkten Kräfte verhindern. Um die Beteiligung anderer Einheiten zu erreichen, muss man diesen zeigen, dass man es ernst meint. Um Unentschlossene wenigstens von dem Versuch einer Niederschlagung des Putsches abzuhalten, muss man Stärke beweisen und abschrecken. Beides wurde versucht.

Die Sperrung der Bosporusbrücken ist unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Auf den Bildern war zu sehen, dass die Putschisten nur eine Fahrspur gesperrt hatten. Darüber hinaus hatten sie nur auf zwei von drei der Brücken eine Fahrspur gesperrt. Was also sollte diese Aktion überhaupt? Ganz einfach: Sie sollte ein Zeichen setzen. Mit dem Besetzen von zentralen Verkehrsknotenpunkten wie diesen Brücken war der Putsch nicht mehr zu ignorieren. Damit wurde jedem Offizier einer nicht beteiligten Einheit klar, was los war. Ein ernsthafter Versuch einer Sperrung wurde also gar nicht unternommen, würde er unter einem Angriff durch Loyalisten ohnehin zusammenbrechen. Wie sehr der erste Teil dieses Plans funktionierte, haben wir alle gesehen. Die Bilder von Soldaten und Panzern auf den Brücken gingen um die Welt. Jeder Offizier der türkischen Streitkräfte wusste, was Sache ist. Dass das ausgelöste Verkehrschaos eine Reaktion erschweren würde, dürfte ein positiver Nebeneffekt gewesen sein.

Um einen Putsch erfolgreich durchzuführen, muss man die Reaktionsmöglichkeiten der bestehenden Ordnung möglichst ausschalten oder zumindest einschränken. Dies wurde gemacht. Das Parlament wurde blockiert und bombardiert. Es wurden Soldaten geschickt um Erdogan zu verhaften und laut seiner Aussage wurde sein Aufenthaltsort kurz nach seinem Verlassen ebenfalls bombardiert. Mit ihren beschränkten Ressourcen – ich gehe ja nur von wenigen Bataillonen aus – versuchten die Putschisten also das Möglichste zu erreichen. Sie versuchten Erdogan auszuschalten und das Parlament in seiner Handlungsfähigkeit einzuschränken. Wenn man schon nicht alle verhaften können würde, und ein Sturm auf das Parlament wurde ja gar nicht versucht, würde man sie wenigstens in die Schutzräume treiben, wo ihre Möglichkeiten zur Kommunikation eingeschränkt sein würden. Die Verhaftung Erdogans hätte geklappt, hätte man den  Bereich um seinen Aufenthaltsort umfangreicher absperren können, wofür mehr Soldaten nötig gewesen wären. Sie hätte geklappt, wenn man mit eigenen Kampfflugzeugen oder eigener Luftabwehr die Evakuierung hätte verhindern können. Doch diese Möglichkeiten standen nicht zur Verfügung. Man versuchte also wohl einen Bombenangriff in den ersten Momenten der Verwirrung, bevor die loyalen Teile des Militärs reagieren würden, während man einen Trupp Soldaten zur Verhaftung schickte.

Durch Angriffe auf den Militärgeheimdienst sollte dieser paralysiert werden und seine überlegenen Kommunikationsmittel dem Dienst der Loyalisten entzogen werden. Die Festnahme des Generalstabschefs sollte verhindern, dass dieser vor das Fernsehen tritt oder per Funk direkt Befehle zur Niederschlagung gibt. Ich würde, ohne die Fakten zu kennen, hier wetten, dass der Generalstabschef von den ihn festnehmenden Soldaten gefragt wurde, ob er sich an dem Putsch beteiligen wolle und ihn gar führen wolle, dass er aber ablehnte. Indem aber das Militär im Rahmen der eigenen Möglichkeiten „enthauptet“ wurde, sollte die Kommandostruktur aufgeweicht werden, was ein Überlaufen von anderen Einheiten erleichtern würde. Gleichzeitig würde ein solches Ausschalten der Militärführung die Koordinierung der Gegenwehr extrem erschweren und die Reaktionszeiten verlängern. Dies zeigt, dass die Putschisten wohl zu Beginn über einige Flugzeuge verfügten, diese aber sehr schnell vom Himmel verschwanden, sobald der Rest des Militärs seine Flugzeuge und Flugabwehr aktivierte und auf den vorhanden Militärflughäfen seine Kontrolle konsolidierte.

Ein weiterer Faktor zum Garantieren des Erfolgs eines Putsches ist das Besetzen von Verkehrsknotenpunkten, um die Bewegungsmöglichkeiten von Loyalisten und den Köpfen der Regierung einzuschränken, damit diese sich nicht mehr konzentrieren können. Mit den geringen vorhanden Kräften wurde dies versucht. Sowohl die Flughäfen von Ankara, wie auch der von Istanbul wurden besetzt. Als jedoch loyalistische Zivilisten und Polizeistreitkräfte nach der Aufforderung von Erdogan zu diesen Orten eilten, hätten die schwachen Kräfte der Putschisten in die zumeist unbewaffnete Menge schießen müssen, um die Menschen trotz ihrer geringen Zahl aufzuhalten. Da zu diesem Zeitpunkt bereits klar war, dass sich nicht das ganze Militär geschlossen hinter die Putschisten stellt, wurde fast überall darauf verzichtet und die geringen Kräfte der Putschisten ergaben sich oder rückten freiwillig ab, als die Tötung ihrer unbewaffneten Landsleute sich als einzige Alternative dazu erwies. Nicht zuletzt auch, weil die einfachen Soldaten ja nicht vorab informiert wurden, sie würden putschen. Sie folgten schlicht ihren Befehlshabern und fanden sich unvermittelt als Aufständische gegen die Regierung wieder. Um weitere Verkehrsknotenpunkte zu besetzen, also Autobahnkreuze, Eisenbahnknotenpunkte und Ähnliches, waren die Kräfte der Putschisten schlicht zu schwach.

Um erfolgreich zu putschen, muss man nicht nur die Verkehrsknotenpunkte besetzen, sondern auch die Kommunikation lahmlegen, damit sich die Loyalisten überhaupt nicht organisieren können. Dies wurde im Ansatz versucht, indem man es tatsächlich schaffte, soziale Netzwerke (Twitter, Facebook und wohl auch Youtube) zu sperren, was für die Schwäche der Putschisten eine beeindruckende Leistung ist, mussten sie doch genau wissen, wo eine solche landesweite Sperrung zu erreichen ist und diese auch durchführen. Die Sperrung zeigt, dass der Versuch des Abschneidens der Kommunikation durchaus ernsthaft versucht wurde, zumindest im Rahmen der Möglichkeiten. Darüber hinaus besetzte man das staatliche Fernsehen. Dort ließ man eine Erklärung verlesen, wonach man den Säkularismus wiederherstellen würde und verhängte eine Ausgangssperre. Angesichts geringer eigener Kräfte konnten nicht alle Fernsehsender auf einmal besetzt werden, bei CNN Türk versuchte man es ja etwas später noch zusätzlich. Da ein staatlicher Sender am schnellsten mit der Organisation eines Widerstandes beginnen würde, unterliegt er doch der Kontrolle der Regierung gegen die gerade geputscht wird, war er natürlich das erste Ziel. Indem man dort seine Erklärung verlesen lassen würde, würde man zudem klar machen, dass es kein Scherz oder Internet-Hoax ist, seine Ernsthaftigkeit beweisen und zugleich das ganze Land erreichen. Man würde die Möglichkeiten schaffen, dass andere Einheiten ebenfalls überlaufen konnten.

Der Plan war, wenn wir meine Annahme der verfügbaren Möglichkeiten akzeptieren, weder schlecht, noch dumm, noch unprofessionell. Er war den Umständen entsprechend und musste mit der Hoffnung arbeiten, er würde als Fanal gelten, der die Gegner Erdogans zu den Waffen ruft.

Nachtrag: „Der prominente türkische Autor und Journalist Ahmet Sik bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass die Regierung von dem Plan Wind bekam und die Umstürzler sich zum Handeln gezwungen sahen, bevor ihre Vorbereitungen abgeschlossen waren.“ so die Wirtschaftswoche. Dies wäre in der Tat eine sehr plausible Erklärung.

 

Warum ein Putsch scheitert

Das Problem der Putschisten war also, dass sie ziemlich sicher nur dem zweiten Glied der Offiziersränge entsprangen. Ansonsten hätte sich auch ein ranghoher General gefunden, der seinen Namen für den Putsch hergegeben hätte. Da dieser aber wohl nicht zur Verfügung stand, wurde die Erklärung der Putschisten ohne die Nennung der Offiziere verlesen. Ihre geringe Anzahl machte den ganzen Putsch davon abhängig, dass sich andere Einheiten nach Bekanntwerden des Putsches sofort an die Seite der Putschisten stellen würden. Wäre Erdogan verhaftet worden, wäre dies vielleicht sogar passiert. Die Absetzung von 29 Obristen und inzwischen einer zweistelligen Zahl an Generälen deutet zumindest darauf hin, dass die AKP-Regierung immerhin bei etwa 60 hohen Offizieren und Kommandeuren von Einheiten (nicht jeder dieses Dienstgrades kommandiert allerdings eine eigene Einheit) eine Gefahr sah. Hätten sich all diese Offiziere mit ihren Einheiten beteiligt, wäre es vielleicht anders ausgegangen.

Die Putschisten führten also ein Vabanque-Spiel. Vermutlich, weil sie keine andere Wahl mehr sahen. Mit ihren Putschplänen waren sie ohnehin bereits verdammt und die Gelegenheit schien günstig. Wäre der Putsch von der militärischen Seite her erfolgreich gewesen, wäre er nämlich auch politisch erfolgreich gewesen. Denn auch wenn die einhellige Meinung ist, im 21. Jahrhundert dürfe kein Putsch mehr passieren, so waren die äußeren Umstände für das 21. Jahrhundert geradezu perfekt. Erdogans Verhalten hat in den letzten Monaten immer mehr ausländische Partner vor den Kopf gestoßen, während die Türkei selbst auch unter einer Militärregierung unangreifbar wirkt. Wäre es unter normalen Umständen zu einem Putsch gekommen, wären harte Sanktionen durch den Westen und nach dessen Vorbild anschließend auch durch andere wichtige Staaten die Folge gewesen. Die Mitgliedschaft der Türkei in der NATO wäre suspendiert worden und man hätte versucht, die  Putschisten mit enormem wirtschaftlichen Druck zum Einknicken zu bewegen. Indem aber Russland wieder von der NATO als Bedrohung verstanden wird, könnte die NATO 2016 unmöglich das Mitgliedsland mit der zweitgrößten Armee vor den Kopf stoßen. Man braucht schlicht die türkischen Soldaten für die Verteidigung der NATO. Doch auch ein Blick nach Süden zeigt, wieso die äußeren Umstände geradezu perfekt für einen Putsch waren. Wer will in der Türkei Chaos und einen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Zusammenbruch, ja vielleicht gar einen Bürgerkrieg, wenn man sieht was gerade in Syrien passiert? Niemand hätte das türkische Militär schwächen wollen, auch nach einem Putsch nicht, weil es, und nur es, als Bollwerk gegen die Ausbreitung des IS nach Norden fungiert. Die Rolle der Türkei im Kampf gegen den IS als Bereitsteller von Überflugrechten und Basen ist zu wichtig, als dass man auf sie hätte verzichten können, nur weil die Militärs einen Islamisten, den ohnehin keiner mochte, weggeputscht hätten.

Allerdings waren die Veränderungen und Säuberungen im türkischen Militär bereits zu effektiv gewesen. Wie oben geschildert konnten die Putschisten kein großes Netzwerk aufbauen und die Führung des Militärs wurde nach dem Beginn wohl ziemlich sicher gefragt, lehnte eine Beteiligung aber ab. Die wenigen Einheiten mussten also auf Verstärkung von Überläufern hoffen, wofür sie alles Nötige getan hatten. Allerdings zeigt sich hier, was für eine Verzweiflungstat es war.

Die Urteile bei Ergenekon belegen, dass Putschisten in der Türkei lebenslange Haft droht, jetzt wird ja sogar über die Todesstrafe diskutiert. Ein kemalistischer hoher Offizier mit Kommandogewalt über eine größere Einheit erfuhr also, wie tausende seiner Kameraden in vergleichbarer Position, in der Nacht des Putsches von dem Ereignis. Nachdem er davon erfuhr, musste er sich entscheiden. Wer länger als nur ein, zwei Minuten für die Antwort brauchte, würde sich verdächtig machen, er habe überlegt den Putsch unterstützen zu wollen. Dies könnte ein Grund für die verhafteten Generäle und Obristen sein. In diesen ein, zwei Minuten muss er nun also, selbst wenn er Sympathie hat und einen Putsch eigentlich herbeisehnt, die Entscheidung treffen, ob er sich beteiligt. Er wird darüber nachdenken. Dann wird er die Konsequenzen überdenken. Es ist nicht die Führung des Militärs, sondern nur ein paar des zweiten Glieds. Damit sind die Putschisten massiv in der Unterzahl und ihnen fehlt die eigentliche militärische Legitimation im Sinne der Kommandokette, um so etwas zu befehlen. Jederzeit kann jemand mit höherem Rang kommen und den Soldaten einfach die Rückkehr in die Kasernen oder das Niederlegen der Waffen befehlen. Sie meutern also. Sollte er sich ihnen anschließen, würde er sich höchstwahrscheinlich einer verlorenen Sache anschließen. Die Folge davon wäre sein Tod oder lebenslange Haft. Wenn er sich allerdings nicht beteiligt, was droht ihm dann? Gut, die AKP-Regierung behält die Kontrolle, was für ihn furchtbar ist. Aber wenn ihn dies nicht so weit bringt sein eigenes Leben für die Bekämpfung opfern zu wollen, dann droht ihm: nichts! Sollten die Putschisten erfolgreich sein, würden zu viele Einheiten sich nicht beteiligt haben, als dass er dafür von den Putschisten bestraft werden würde. Ihm würde kein Haft drohen, vermutlich noch nicht einmal die Enthebung von seinem Kommando. Auf der einen Seite wartet also der fast sichere Untergang, auf der anderen Seite wartet der Status Quo. Für die allermeisten Offiziere dürfte die Entscheidung unter diesen Umständen einfach gewesen sein. „Wenn nicht von der Division der Befehl kommt auszurücken, mache ich nichts. Ich warte einfach auf Befehl von oben.“ Damit blieb die Verstärkung für die Putschisten aus und als sich die Gegenwehr organisierte, brach er schnell in sich zusammen.

 

Aber, wie sind all diese Dinge zu erklären?

Es werden Bilder herumgereicht, wonach Erdogans Präsidentenmaschine lange über Istanbul mit eingeschaltetem Transponder kreiste. Dies muss der Beweis sein, dass er es inszeniert hatte. Nein, muss es nicht. Denn der einzige Beleg über die Verfügbarkeit von Kampfflugzeugen mit der Fähigkeit eine Verkehrsmaschine abzufangen für die Putschisten, sind die zu Beginn des Putsches geflogenen „Show of Force“ Flüge im Tiefflug und mit Überschall. Bislang sehe ich noch nicht einmal hier eine eindeutige Bestätigung, dass es wirklich Jets in den Händen von Putschisten waren, allein die Verfügbarkeit von Hubschraubern ist eindeutig belegt. Theoretisch hätten diese Jets im Tiefflug auch Loyalisten sein können, die die Putschisten abschrecken sollten, auch wenn dies unwahrscheinlich ist. Vermutlich waren es Jets in den Händen der Putschisten, doch was bedeutet das? Nicht viel. Nur, dass sie zu Beginn eine Handvoll Jets zur Verfügung hatten. Eine Handvoll von Hunderten, über die die türkische Luftwaffe verfügt. Diese Jets verbrauchen im Überschallflug in niedriger Höhe jedoch so extrem viel Treibstoff, dass ihre Flugzeit eher in Minuten, denn auch nur in halben Stunden anzugeben ist, braucht eine F-16 doch den Nachbrenner um Überschall zu erreichen. Damit waren diese Jets schon nach kurzer Zeit dazu gezwungen, zum Auftanken zu landen. Da wir oben erörtert haben, dass und warum die Putschisten nur über sehr beschränkte personelle Mittel verfügten, ist hier der Zeitpunkt, wo ein erneuter Start mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits durch Loyalisten verhindert wurde. Vielleicht konnten ein paar Jets auch zwei oder gar drei Einsätze fliegen, spätestens dann war jedoch Schluss.

Dies weiß auch der türkische Präsident, wenn nach dem ersten Schock die Informationen wieder halbwegs geordnet zu fließen beginnen. „Herr Präsident, wir haben alle Flugplätze mit Jets wieder unter Kontrolle, keine Jets der Putschisten sind mehr in der Luft.“ Wird ihm anschließend betätigt, dass sich keine Einheit mit Luftabwehrraketen am Putsch beteiligt hat und ist seine Präsidentenmaschine mit Werfern für Düppel und Wärmetäuschkörpern ausgestattet, wovon auszugehen ist, besteht fast kein Risiko mehr. Zumal die Präsidentenmaschine unter Garantie in dieser Nacht von Kampfflugzeugen eskortiert wurde, die ihre Transponder eben nicht eingeschaltet hatten. Wenn ihm also bestätigt wird, dass der Luftraum sicher sei, dann kann er in seiner Präsidentenmaschine starten. Wenn er anschließend über Istanbul kreist bis er die Bestätigung hat, dass der Flughafen wieder unter Kontrolle sei, dann erklärt dies auch die Transponderdaten.

Eine andere Aussage, von der ich gelesen habe, war, dass es ja unmöglich ein Zufall sein könnte, dass er einen Tag nach dem Putsch bereits eine Liste mit 2.700 Richtern habe, die zu entlassen seinen. Stimmt, das war kein Zufall. Dass seine Regierung sehr umfangreiche Listen mit Regimegegnern erstellen kann und erstellt, wissen wir spätestens seit Ergenekon. Dass eine zunehmend diktatorische Regierung unter Erdogan Listen mit Regimegegnern hat, sollte nun wirklich nicht überraschen. Dies war eher zu erwarten. Erst Recht, nachdem das türkische Justizsystem mit seiner Aufhebung der Ergenekon-Urteile der Regierung gezeigt hatte, dass es noch „auf Linie gebracht“ werden muss.

Erdogan profitiert aber doch! Stimmt, das tut er. Aber dies belegt mitnichten seine Komplizenschaft. Dass er die Ereignisse für eine Umgestaltung des Landes weiter in Richtung Diktatur und Neoosmanisches Reich nutzen wird, habe ich gestern bereits kommentiert, bevor die ersten genau dahin gehenden Maßnahmen bekannt wurden. Dass er es jedoch tut, auch dass seine Unterstützer mit wildem Allahu Akbar-Gebrülle und dem Hochhalten des einen Fingers sich wie die Anhänger des IS gebärdeten, dass ein bereits entwaffneter und ergebener Soldat auf einer der Brücken in Istanbul enthauptet wurde, zeigt ja genau, warum die Putschisten ihren Putsch durchführten, wenn es denn tatsächlich echte Kemalisten mit Sorge um ihr Land waren, was aktuell ja noch nicht bestätigt werden kann. Dass er davon profitiert, ist davon unbenommen. Schröder hat von der Oderflut profitiert, deshalb hat er dennoch keine Dämme sprengen lassen und mit chemischen Mitteln Starkregen auslösen lassen, um so gegen Edmund Stoiber zu gewinnen.

Der Putsch kam aber so unerwartet! hört man Leute sagen. Nein, kam er nicht. Schon das ganze Frühjahr über haben weltweit und im Besonderen in den USA Thinktanks vor der Möglichkeit eines Militärputsches in der Türkei gewarnt und seine Möglichkeit erörtert. Überraschend kam der Militärputsch nur für all jene, die sich davor nicht für diesem Thema interessiert hatten. Insidern war die Möglichkeit eines solchen Ereignisses seit langem bewusst! Die AKP selbst wusste ganz genau, dass sie seit 2002 von einem Putsch bedroht war. Genau deshalb führte sie ja die oben genannten Maßnahmen durch. Dass sie daher einen Plan für den Fall eines Putsches in der Schublade hatte, ist nicht nur logisch, alles andere wäre unverantwortbar fahrlässig gewesen. Dass sie also vorbereitet war, ist eigentlich selbstverständlich. Eine Komplizenschaft oder Inszenierung belegt dies aber ebenfalls nicht im Ansatz.

 

Kurzum, wenn wir die aktuell noch sehr dünne Informationslage zugrunde legen: Der Putsch war keineswegs dilettantisch, sondern im Rahmen seiner Möglichkeiten durchaus professionell durchgeführt. Alle vermeintlichen Belege für Verschwörungen sind völlig ausreichend, und erst Recht unter Anwendung von Ockhams Rasiermesser, durch Zufälle, Umstände der Nacht, Umstände militärischer Vorgehensweisen und Technik, sowie den Charakter von Erdogan und seiner Partei zu erklären. Dazu zeigt Erdogan seinen Charakter ja nur zu deutlich, wenn er mehrere hundert Tote und einen Militärputsch allen Ernstes als „Geschenk Gottes“ bezeichnet. Nötig wäre eine Inszenierung nicht gewesen. Denn die Welt hatte längst die neuen Realitäten der Türkei anerkannt, wo ein Präsident sich ohne verfassungsgemäße Grundlage einfach vom Grüßaugust zum Herrscher machte. Angela Merkel war ja zu Verhandlungen mit dem zeremoniellen Staatsoberhaupt angereist, wegen der „Flüchtlingskrise“, nicht etwa zum de jure Entscheider, dem Ministerpräsidenten. Erdogan hatte seine Macht bereits konsolidiert. Der Putschversuch hilft ihm bei dem Ausbau der Macht und der Ausschaltung der Opposition natürlich ungemein, das habe ich gestern erörtert. Aber dass er nutzen daraus ziehen kann, belegt nichts außer seinem Charakter. Dazu wäre es ein politisches Todesurteil und seine Garantie für eine Verhaftung, sollte jemals bekannt werden, dass er den Putsch gegen sich selbst inszeniert hätte. Dann würde er wegen Hochverrats und Mordes vor Gericht kommen und nach seinen möglicherweise bald selbst eingeführten neuen Gesetzen zum Tode verurteilt werden. Nein, ich denke nicht, dass er eine solche Inszenierung nötig gehabt hätte.

Dies heißt nicht, dass eine Inszenierung vollends auszuschließen wäre. Dies heißt nicht, dass man seinen rechten Arm darauf verwetten kann, dass unter Garantie der Geheimdienst nicht von Putschplänen wusste und auch nicht die Putschisten vielleicht ermutigt hätte, um Erdogan den Vorwand für den Umbau des Landes zu geben. Es heißt nur, dass es unwahrscheinlich ist. Es heißt nur, dass man ruhig ansprechen kann, es könnte theoretisch so sein, man sich aber nicht dazu hinreißen lassen sollte, es felsenfest zu behaupten, ohne es nach quellenkritischen Maßstäben belegen zu können.

 

Mein aktuelles Buch befasst sich mit der „Flüchtlingskrise“ und ist hier käuflich zu erwerben: Nein, wir schaffen das nicht!: Warum die aktuelle Flüchtlingskrise zu einer Staatskrise wird

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In Syrien droht der Ausbruch eines wirklich großen Kriegs

Es wird heiß in Syrien. Nach noch unbestätigten Berichten hat jetzt die türkische Artillerie eingegriffen und syrische Kurden nahe Aleppo beschossen. Diese wurden zuletzt von der russischen Luftwaffe unterstützt. Damit rückt die massive Ausweitung des Konflikts näher.

 

Eine sunnitische Militärintervention wird denkbar

Nachdem die russische Luftwaffe mit massiven Bombardements zugunsten der syrischen Regierungstruppen und ihren verbündeten schiitischen Milizen eingegriffen hat, steht Aleppo vor einer Einkreisung. Sollte die Stadt fallen, wäre dies ein dramatischer Schlag gegen die Moral der nicht-IS Rebellen und würde für Syrien das von mir 2014 und 2015 skizzierte Szenario eintreten lassen, wonach sich der Bürgerkrieg, wie durch Assad geplant, nach der Niederlage der (moderaten und islamistischen) Rebellen zu einem Krieg zwischen der Assad-Diktatur und dem IS verwandeln würde. Da Syrien hierbei auf die Sympathie oder gar die Unterstützung anderer Staaten zählen könnte, würde am Ende das inzwischen völlig von Teheran abhängige Regime den Sieg davontragen. Dies würde den Schiitischen Halbmond vollständig und sicher unter iranische Kontrolle bringen.

Die schiitisch-persische Regionalmacht, die sich inzwischen damit brüstet vier arabische Hauptstädte (Bagdad, Damaskus, Beirut und Sanaa) in ihren Händen zu haben, hätte damit ihren Einfluss in dem von amerikanischen Einfluss zunehmend verwaisten Nahen Osten massiv ausgeweitet. Damit wäre nicht nur die Türkei von den sunnitischen Kernländern, auf die sie Einfluss auszuüben versucht, abgetrennt, Saudi-Arabien wäre zugleich eingekreist. Dazu kommt, dass der inzwischen zum Erzfeind der meisten sunnitischen Staaten gewordene alawitische Assad an der Macht bleiben würde, obwohl beide Staaten seine Entmachtung mit ihrer Hilfe für die syrischen Rebellen vorangetrieben haben.

Dass dazu eine Konsolidierung der kurdischen Herrschaft der „syrischen PKK“ der PYD auch in Syrien für die Türkei völlig inakzeptabel ist, erklärt sich dazu von selbst. Die Türkei bezeichnet sie als Terroristen. Aktuell haben die kurdischen Truppen der YPG/YPJ  in Syrien jedoch weitestgehend einen Waffenstillstand mit der Assad-Regierung, dazu kommt eine Kooperation mit Russland. Dass die syrischen Kurden sich daher längst eine Anerkennung ihrer Autonomie von der Regierung Assad ausbedingt haben, darf man wohl als sicher annehmen. Damit wären aber die türkischen Kurdengebiete von der iranischen Grenze bis zum Mittelmeer an Gebiete angrenzend, die in kurdischer Hand sind, was dem Separatismus in der Türkei enormen Aufwind verschaffen wird. Während man sich in der Türkei an die kurdischen Autonomiegebiete im Irak inzwischen gewöhnen konnte, sähe die Türkei eine von der PKK/PYD gehaltene Region an ihrer Grenze als nicht akzeptable Bedrohung.

Kommt dazu eine Einkreisung Aleppos, wird die Situation für die sunnitischen Regionalmächte noch unerträglicher. Dies nicht zuletzt auch, da eine Einkreisung aller Wahrscheinlichkeit eine Wiederholung des bereits mehrfach in Syrien praktizierten Aushungerns der Bevölkerung bedeuten würde. Diese ist nicht nur klar ein Kriegsverbrechen, es wäre gerade für die Türkei auch nicht akzeptabel zuzusehen, wie hunderttausende Menschen nur rund 30 Kilometer Luftlinie von der türkischen Grenze entfernt vom Hungertod bedroht sind. Verschärft würde die Lage dazu dadurch, dass eine Belagerung von Aleppo aller Wahrscheinlichkeit nach durch eine anhaltende Bombardierung mit Artillerie und der russischen Luftwaffe begleitet wäre. Die Russen sehen diese als ein Erfolgsrezept, das sie unter der Verursachung von zehntausenden zivilen Opfern in nur wenigen Wochen Grozny hat erobern lassen, während die syrischen Streitkräfte nicht genug Mannstärke haben, um einen anhaltenden Häuserkampf riskieren zu wollen. Während ihnen die Soldaten fehlen, sind jedoch mehr als ausreichend schwere Waffen zur Verfügung.

Wenn es also dazu kommt, dass die syrische Opposition in wenigen Tagen vor einer strategisch entscheidenden Schlacht steht, wird eine Militärintervention sunnitischer Staaten zunehmend wahrscheinlicher. Offiziell vermutlich gegen den IS gerichtet, um allen Beteiligten eine Wahrung des Gesichts zu ermöglichen, würden die Interventionstruppen ihre Hauptaufgabe jedoch in der Erhaltung der mehrheitlich sunnitischen Opposition gegen Assad sehen. Wie auch für alle anderen Beteiligten in Syrien, wäre der IS nur völlig zweitrangig, weil man sich von jeder Seite sicher zu sein glaubt, dass man ihn relativ einfach überwinden wird, ist erst der international akzeptable Gegner, also die Rebellen oder die syrische Regierung, erledigt. Saudi-Arabien hat bereits seine Bereitschaft zur Intervention erklärt, die Türkei scheint aktuell noch auf eine amerikanische Führung einer Intervention zu warten. An einer solchen wird sich die Türkei jedoch beteiligen, so Erdogan.

 

Russland wird nicht tatenlos zusehen

Wenn tatsächlich eine Militärintervention zur Unterstützung der syrischen Opposition erfolgt, werden Russland und der Iran nicht tatenlos zusehen können. Wenn die Opposition durch sunnitische Truppen stabilisiert wird, stehen diese in direkter Konfrontation mit syrischen Regierungstruppen, iranischen Revolutionsgarden und russischen Truppen. Dazu kommen natürlich noch die hier irrelevanten mit der syrischen Regierung verbündeten Milizen und Terrororganisationen wie der Hisbollah.

Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov - AirTeamImages [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0), CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)], via Wikimedia Commons
Russische SU-34. Flugzeuge dieses Typs sind in Syrien im Einsatz. By Oleg V. Belyakov – AirTeamImages [CC BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 or GFDL 1.2], via Wikimedia Commons
Kommt es nach einer Intervention nicht zu einem raschen Waffenstillstand, auf den eine Machtübergabe der Regierung Assad folgt, so sind direkte militärische Auseinandersetzungen zwischen den Truppen der beteiligten Nationen nur noch eine Frage der Zeit. Putin wird es sich schon alleine innenpolitisch nicht leisten können, als Verlierer dazustehen. Der Iran hat dagegen bereits zu viel investiert, um das so hart „erarbeitete“ einfach so aufzugeben. Ohne ihn gäbe es Assad ja schon seit Jahren nicht mehr und der Bürgerkrieg wäre längst vorbei. Damit droht eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen dem nuklear hochgerüsteten Russland und der Türkei, die Teil der NATO ist.

In diesem Zusammenhang sind auch die militärischen Großübungen Russlands zu sehen, die das Land im Südwesten, also durch die der Türkei am nächsten stehenden Truppen, durchgeführt hat. Auch dass russische Bomber inzwischen mit ASM (Anti-Schiff-Raketen), die gegen die syrische Opposition und den IS völlig nutzlos sind, gefilmt wurden, passt in dieses Bild. Putin scheint ernsthaft gewillt zu sein, zumindest einen großen militärischen Konflikt glaubhaft anzudrohen.

 

Russlands strategischen Vorteile

Russland hat dabei durchaus strategische Vorteile. Während seine Truppen in Syrien abgeschnitten wären, da kein Nachschub mehr durch den Bosporus käme und eine Luftversorgung durch die Türkei bedroht werden würde, hat er dennoch noch einige Asse im Ärmel. Sollten nämlich russische Truppen in Syrien gegen türkische Soldaten kämpfen, so wäre die Frage tatsächlich gerechtfertigt, ob dies überhaupt einen Bündnisfall bedeuten würde. Solange die Türkei auf ihrem Territorium selbst nicht angegriffen würde, sondern nur Truppen von ihr außerhalb von Nordamerika und Europa, wäre Artikel 5 wohl tatsächlich nicht anwendbar. Dazu könnte die Türkei nur wenige Truppen in Richtung Syrien schicken, weil sie die Grenze in Richtung Armenien, Iran und Georgien vor einem möglichen russischen Angriff schützen müsste. Ergänzend käme die Drohung mit dem enormen russischen nuklearen Arsenal, die wohl die meisten NATO-Staaten schon aus purer Angst von einem Anerkennen des Bündnisfalles abhalten würden. Wird die Türkei jedoch so alleine gelassen, wird der Bündniszusammenhalt der NATO als Ganzes geschwächt, was für Russland inzwischen ein strategisches Ziel ist.

In diesem Zusammenhang muss noch nicht einmal erwähnt werden, dass Russland in so einem Szenario enormen Druck ausüben kann, indem es die baltischen Staaten bedroht. Diese sind militärisch binnen weniger Tage zu überrennen, wonach die NATO kaum noch Optionen hätte, die neben einem monatelangen Krieg auch einen Einsatz russischer Nuklearwaffen nicht als wenigstens potentielle Option bedeuten. Dass Russland erhebliche Vorteile in einem selektiven Einsatz derselben sieht, habe ich bereits in der Vergangenheit erklärt.

Der Einsatz russischer Nuklearwaffen und auch ein Angriff konventioneller russischer Truppen auf das Baltikum wäre dabei jedoch einfach zu verhindern. Es müsste lediglich ein Präsident im Weißen Haus sein, der keinen Zweifel daran ließe, dass er den Knopf drücken würde. Denn so, und nur so, funktioniert die nukleare Abschreckung. Nur wenn die Gegenseite felsenfest davon überzeugt ist, dass sie bei einer eigenen Aggression im Feuer der nuklearen Sonnen verglüht, bleibt die Aggression aus. Dieses zynische System hat den ganzen Kalten Krieg über die Front zwischen NATO und Warschauer Pakt friedlich gehalten. Ob der bislang völlig unglaubwürdige Barack Obama in seinem letzten Amtsjahr dazu jedoch plötzlich im Stande wäre, darf mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

 

Was passieren wird, ist völlig unklar

Was in den nächsten Tagen und Wochen passieren wird, ist völlig unklar. Der Einsatz türkischer Artillerie gegen syrische Kurden, die mit russischer Luftunterstützung vorgerückt waren und zusammen mit Assads Truppen kurz davor sind Aleppo einzuschließen, ist de facto bereits eine Intervention. Ob und wann die Truppen der Türkei, Saudi-Arabiens, der Vereinigten Arabischen Emirate, Bahreins und vielleicht auch Ägyptens (das sich inzwischen weitgehend saudischen Initiativen anschließt) syrischen Boden betreten, ist ebenfalls unklar. Die syrische Regierung hat zumindest bereits angekündigt, die Soldaten würden nur in Särgen nach Hause kommen. Dass sich Russland bei einer solchen Intervention zurückzieht, scheint unwahrscheinlich. Ob sich dann auch iranische reguläre Truppen beteiligen macht wohl keinen großen Unterschied mehr.

Denn wenn nicht umgehend ein Friedensschluss erfolgen würde, der aktuell völlig unwahrscheinlich ist, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis es zu offenen Kriegshandlungen der Beteiligten kommen würde. Dass diese auf Syrien isoliert blieben, dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Die arabischen Golfanreiner haben alle noch Rechnungen mit dem Iran offen, darunter auch territoriale Dispute, die so zu regeln wären.

 

Ein Krieg wäre zu verhindern gewesen

Dabei wäre dieses Szenario leicht zu verhindern gewesen. Hätte Obama seine Truppen nicht vorschnell und gegen den Ratschlag seines eigenen Militärs aus dem Irak abgezogen, gäbe es den IS heute nicht. Hätten die USA der Regierung Assad mit einer Intervention gedroht, sollte sie nicht einen Übergang ermöglichen, wäre der Bürgerkrieg vermutlich nie eskaliert. Bei einem glaubwürdigen Präsidenten hätte Assad ein luxuriöses Exil immer dem Galgen vorgezogen. Denn wenn ein glaubwürdiger Präsident der USA droht, dann retten Diktatoren in der Regel lieber ihre eigene Haut.

So war es auch 2003, als die USA unter George W. Bush den Irak befreiten, nachdem sie Saddam Hussein vorwarfen an Massenvernichtungswaffen zu arbeiten. Von der Entschlossenheit der USA beeindruckt, gab Gaddafi noch im gleichen Jahr sein eigenes Waffenprogramm auf. Die Aussicht irgendwann einmal die Bombe zu haben war es schlicht nicht wert, eine Invasion durch die USA zu riskieren. Stattdessen gibt es heute einen US-Präsidenten, der Angst vor der eigenen Courage hat und glaubt, alles Übel komme von den USA selbst. Der rote Linien zeichnet, nur um sie dann selbst zu ignorieren, wurden sie überschritten.

Auch der inzwischen immer stärker aufflammende innerislamische Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten wurde in seiner jetzigen Größenordnung erst durch den Rückzug der USA aus dem Nahen Osten ermöglicht, der ein Machtvakuum geschaffen hat, das nun eine ganze Reihe regionaler Mächte auszufüllen versucht. Dabei hätte man es auch hier besser wissen können. Eine Region ohne Hegemon gibt es nie. Wenn sich der etablierte Hegemon daher zurückzieht, muss er für eine sichere Nachfolge sorgen, soll kein großer Kampf um die Krone ausbrechen.

 

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Assads Meisterwerk

Die USA überlegen nun, die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS), früher auch Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS), auch in Syrien anzugreifen. Erste Aufklärungsflüge finden wohl bereits statt. Damit ginge Assads strategischer Plan für den Bürgerkrieg völlig auf. Der Westen droht ihm letztendlich zu helfen, die Rebellion niederzuschlagen.

Fahne des Islamischen Staates
Fahne des Islamischen Staates

Für das Assad-Regime war es von Anfang an klar, dass ein Sieg im Kampf gegen die Aufständischen im eigenen Land vor allem auch auf der Propagandafront erreicht werden musste. Gaddafis Versuch, die Aufstände in seinem Land rein militärisch niederzuschlagen, endete bekanntlich mit einem Eingreifen eines Militärbündnisses unter Führung Frankreichs und Großbritanniens.
Wenn sein Regime also ein fremdes Eingreifen verhindern wollte, dann musste es sicherstellen, dass die Rebellen als schlechtere Alternative zu dem Assad-Regime dastehen.

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Die Ökonomie des Krieges

Adam Smith erkannte schon im 18. Jahrhundert, dass der freie Markt die natürliche Wirtschaftsform ist. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis und regulieren sich selber. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, von Kosten und Nutzen trifft allerdings nicht nur bei Wirtschaftsgütern zu, sondern auch bei Kriegen und Konflikten.

Krieg und Konflikte

Auch Kriege sind in ökonomische Normen zu sehen

Letztendlich ist auch jeder Krieg und jede von einer Seite mutwillig herbeigeführte Krise eine Handlung im Rahmen eines Marktes. Zwar braucht ein Kriegstreiber nicht unbedingt eine Nachfrage um sein Angebot, den Krieg, zu „verkaufen“. Wohl aber muss auch er immer ein Verhältnis von Kosten und Nutzen in Betracht ziehen. Gemeint sind hier keineswegs (nur) finanzielle Faktoren, sondern vielmehr ein ganzes Konglomerat an Faktoren.

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Aragorn ist ein richtig mieser militärischer Anführer

Lasst und ehrlich sein: Aragorn ist ein richtig schlechter militärischer Führer, der seine Erfolge im Ringkrieg wohl mehr dem Glück als seinen Fähigkeiten zu verdanken hat!

 

Persönliche Courage bedeutet keine militärischen Fähigkeiten

Bevor wir den König von Gondor hemmungslos kritisieren, soll ihm zunächst Anerkennung zuteil werden. Was seine individuellen Fertigkeiten mit Schwert und Bogen angeht, dürfte ihm keiner von uns gewachsen sein. Wie er sich mutig allen möglichen Gegnern in den Weg stellte, ob es nun Warg, Uruk-Hai, Orks oder Nazgul waren, verdient größte Hochachtung. Ich hätte mir wohl bei jedem dieser Gegner die Hosen voll gemacht. Allerdings sind individuelle Fertigkeiten mit dem Kriegsgerät und großer Mut kein Automatismus, wenn es um die Frage der Fähigkeiten als militärischer Anführer geht.
„Aragorn ist ein richtig mieser militärischer Anführer“ weiterlesen