Deshalb brach die Afghanische Armee zusammen

Die Gründe für den schnellen Zusammenbruch der ANA (Afghan National Army) werden zunehmend deutlicher.

  1. Massiver Fertigkeitsverlust durch den vollständigen Abzug der Amerikaner, vor allem in Bezug auf C4ISR, aber auch was Logistik und Luftunterstützung angeht.
  2. Zerrüttung der Verhältnisse, weil der Abzug aus politischen Gründen vor dem 11. September stattfinden sollte – und damit zum Höhepunkt der Kampfsaison.
  3. In der Folge eine erhebliche Demoralisierung der Streitkräfte.
  4. Essentielle Probleme: miserable Soldatenqualität, Desertion und „Gespenstersoldaten“
  5. Taliban wurden zur Alternative für viele
  6. Privat ausgehandelte Kapitulationen gegen Bezahlung
  7. Politischer Verrat und Feigheit
  8. Verselbständigter Zusammenbruch

Im Moment des völligen Zusammenbruchs lag es nahe, den praktisch nicht existierenden Widerstand der Afghanen gegen den Blitzkrieg der Taliban zu kritisieren. Auch ich habe mich daran beteiligt. Dies war kurzsichtig und damit deutlich zu eindimensional. Wie so oft ist das Problem jedoch vielschichtiger.

Die Zahlen variieren, aber es sind wohl mindestens 50-65.000 Soldaten und Polizisten der ANA und ANP (Afghan National Police) in den letzten 20 Jahren im Kampf gegen die Taliban gefallen. Hätten alle sofort aufgegeben und sich ergeben, wäre es nicht zu dieser Zahl gekommen, vollständige Feiglinge können sie also nicht sein, zumal die Taliban mehrheitlich ja ebenfalls Afghanen sind und sich als zähe und gute Kämpfer erwiesen haben. Feigheit oder völlige Unfähigkeit zu Kämpfen können also nicht der Grund für den Zusammenbruch gewesen sein. Daher lohnt es sich, den Zusammenbruch zu analysieren und die wahrscheinlichen und bekannten Gründe zusammenzutragen.

1. Massiver Fertigkeitsverlust durch den vollständigen Abzug der Amerikaner, vor allem in Bezug auf C4ISR, aber auch was Logistik und Luftunterstützung angeht.

Auch wenn die ANA über Kampfpanzer, Artillerie, Flugzeuge und Hubschrauber verfügt haben mag, so war sie doch noch immer weit davon entfernt, als eigenständige Streitmacht fungieren zu können. In allen Bereichen war die ANA auf Hilfe der USA angewiesen. Ohne ausländische „Contractor“, je nach Einsatz als Söldner oder Vertragsarbeiter zu verstehen, konnten die Flugzeuge und Hubschrauber nicht mehr gewartet werden, womit die Einsatzbereitschaft der fliegenden Einheiten der afghanischen Streitkräfte einem ständigen Verfall unterlagen. Ohne die technischen Fertigkeiten der USA waren Kommunikation und Feindaufklärung massiv erschwert, was ein zeitnahes und effektives Reagieren beeinträchtigte.

Es ist ein berechtigter Kritikpunkt, wenn man sich fragt, warum die ANA nach 20 Jahren noch nicht in der Lage war, ohne fremde Hilfe zu kämpfen, ja sogar noch immer Flugzeugmechaniker aus dem Ausland brauchte. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es sich bei Afghanistan um ein Land mit enorm hoher Analphabetismusrate von über 50% handelt und nennenswerte Qualitäten im Schulwesen in den letzten Jahrzehnten kaum bestanden. Ein computerisiertes Waffensystem aus dem Ende des 20. Jahrhunderts zu warten ist dabei jedoch nichts mehr, was man mittels „learning by doing“ beherrschen kann. Fehlen die ausreichend gebildeten Rekruten, so ist es schlicht unmöglich, wie in Punkt vier näher erläutert wird.

Wenn dies wie eine billige Entschuldigung klingt, so sollte man sich ins Gedächtnis rufen, wie selbst die hoch entwickelten NATO-Staaten auf die USA angewiesen sind. Als Frankreich und Großbritannien sich 2011 für ein militärisches Eingreifen in Libyen entschieden, war dies keine Entscheidung, die von den USA über die Maßen erbeten wurde. Die USA mussten sich jedoch faktisch beteiligen, weil selbst die beiden Atommächte Frankreich und Großbritannien nicht über alle benötigten Fertigkeiten verfügten. Gleichfalls ist selbst das hochgerüstete Südkorea weiterhin militärisch von den US-Fertigkeiten abhängig, wie natürlich auch Deutschland. Gründe dafür sind in den exorbitanten Preisen modernster Systeme zu sehen die viele Staaten vor die Wahl stellt, auf gewisse Fertigkeiten zu verzichten oder sich in Bezug auf diese auf einen Verbündeten zu verlassen.

Der Verlust dieser Fertigkeiten schwächte damit die Kampfkraft der afghanischen Streitkräfte erheblich und demoralisierte entsprechend.

2. Zerrüttung der Verhältnisse, weil der Abzug aus politischen Gründen vor dem 11. September stattfinden sollte – und damit zum Höhepunkt der Kampfsaison.

Verloren gehende Fertigkeiten kann man ausgleichen und ersetzen, aber man braucht Zeit und Möglichkeiten dazu. Als Joe Biden ins Weiße Haus einzog, erbte er ein Abkommen mit den Taliban, wonach die USA abziehen würden und ein Kompromiss zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung vorgesehen war. Ein solches Abkommen war von Beginn an unwahrscheinlich und basierte auf einer großen Menge Optimismus, um nicht „Naivität“ zu sagen, vonseiten von Bidens Amtsvorgänger Donald Trump.

Statt auf ein Abkommen einzuwirken, das nur unter großem Druck, vor allem militärischen Druck, auf die Taliban überhaupt eine Chance gehabt hätte, erklärte Biden im April 2021, also genau zum Beginn der Kampfsaison, dass die USA zum 11. September des gleichen Jahres das Land verlassen haben würden. Zum Zeitpunkt des Beginns der Kämpfe erklärte der Präsident der USA also, während dieser einen Saison würden alle Fertigkeiten aus Afghanistan abgezogen werden. Ohne die USA zog auch der Rest seine Soldaten ab und ohne die USA flohen auch die „Contractor“ aus dem Land. Um die Lage der USA im Land zu verdeutlichen, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der letzte US-Soldat vor 18 Monaten in Afghanistan im Gefecht fiel. Ob man dessen eingedenk wirklich jeden Soldaten so schnell abziehen musste, verdeutlicht diese rein politische und keineswegs notwendige Entscheidung.

Afghanischer Soldat

Aus politischen Gründen, des „schönen Datums wegen“ wurde den Afghanen nicht einmal die Ruhepause des Winters 2021/22 gegönnt. Zeit, die man beispielsweise zum Einführen einer Wehrpflicht, zum Wiederaufstellen von Milizen o.ä. hätte nutzen können. Kabul hatte, so indische Webseiten, militärische Hilfe aus Indien erbeten. Schon die Nordallianz sei von indischen Kampfflugzeugen aus Tadschikistan unterstützt worden. Mit mehr Zeit und demonstrierter Kampfbereitschaft hätte sich hier möglicherweise Ersatz für die USA gefunden.

Dies erinnert fatal an den Waffenstillstand des 1. Weltkriegs, als 3.000 Soldaten völlig unnötig fielen, damit die Politiker den Waffenstillstand am „11.11. um 11:11 Uhr“ in Kraft treten lassen konnten.

3. In der Folge eine erhebliche Demoralisierung der Streitkräfte.

Carl von Clausewitz schrieb in „Vom Kriege“, in Kapitel 1 über die Natur des Krieges auf Seite 6f:

Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir unsere Anstrengung nach
seiner Widerstandskraft abmessen; diese drückt sich durch ein Produkt aus, dessen Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die Größe der vorhandenen
Mittel und die Stärke der Willenskraft.

Nominell waren die afghanischen Truppen zu Beginn des Jahres stärker als die Taliban, sowohl in der Mannstärke, als auch in der Ausrüstung. Der Abzug der Amerikaner führte jedoch zu einer Demoralisierung, aus den oben genannten Gründen. Nach von Clausewitz wurde es also zunehmend schwerer, den Gegner niederzuwerfen, weil die Willenskraft aufseiten der ANA fehlte, während die Taliban hoch motiviert waren. Sie wussten, dass es nach dem Abzug der Alliierten nur noch eine Frage der Zeit sein müsste, waren also siegesgewiss. Sie hatten die „Stärke der Willenskraft“, die der ANA genommen wurde.

4. Essentielle Probleme: miserable Soldatenqualität, Desertion und Gespenstersoldaten

Die „Islamische Republik Afghanistan“, also das westlich gestützte Afghanistan, hatte keine Wehrpflicht, sondern war eine Armee von Freiwilligen. Dies hatte fundamentale Auswirkungen auf die Kampfkraft und Zusammensetzung der Armee.

Im Land sind über 50% Analphabeten und die Armee kämpft seit langem einen Krieg gegen Landsleute, die behaupten, das Land verbessern zu wollen, wobei sie große Verluste erleidet. Der nicht allzu üppige Sold wurde zuletzt immer unregelmäßiger bezahlt, es gibt Berichte, wonach Soldaten und Polizisten bis zu neun Monate lang keinen Sold erhalten hatten. Unter solchen Umständen gewinnt man naturgemäß einige hochmotivierte Patrioten, die ihr Land verbessern wollen, als Rekruten, gerne mit ausreichender Schulbildung. Diese stellten Teile des Offizierskorps, der Piloten der Luftwaffe und die Kommandoeinheiten, wobei sich gerade letztere viel Respekt bei den verbündeten Streitkräften erworben hatten.

Leider war dies jedoch nicht die Masse der Rekruten, die oftmals mangels Alternativen in die Armee eintraten. Am Ende stellten Schwachsinnige, Analphabeten, Drogensüchtige und Kriminelle einen wesentlichen Teil der Mannschaftsdienstgrade. Dies wurde in zahllosen Berichten und Dokumentationen aus dem Kriegsgebiet festgehalten. Dabei verfügte die Armee noch über besseres Menschenmaterial, als die Polizei, von der gesagt wurde, dass nicht wenige Polizisten unmittelbar nach dem Erhalt ihrer Uniformen illegale Checkpoints zum Ausrauben der Passanten errichtet haben sollen.

Angesichts dieser Umstände, hoher Verluste, fallender Moral und ausbleibender Zahlungen war die ANA massiv von Desertion betroffen. Dem Vernehmen nach musste sie unfassbare 25 % der Mannstärke pro Jahr durch Desertion einbüßen. Nicht wenige davon fanden sich anschließend als Söldner bei der Gegenseite wieder – wo der Sold zuverlässig und regelmäßig floss.

Grund dafür war die im Land grassierende Korruption, die aus politischen Motiven geduldet worden sein muss. So soll mindestens 30 % der nominellen Stärke, örtlich sogar bis zu 70 % der Mannstärke aus sogenannten „Gespenster-“ oder „Geistersoldaten bestanden haben. Also Soldaten, die nur auf dem Papier existierten, damit ihre Vorgesetzten deren Sold für sich in Anspruch nehmen konnten. Wenn also die afghanische Armee 185.000 oder 300.000 Mann stark war, so ist der geneigte Leser in der Lage selbst auszurechnen, wie viele der Soldaten jeweils überhaupt nicht existierten.

Wenn also eine nominell starke Einheit mit der Bewachung einer Provinz beauftragt war, war sie in der Realität möglicherweise sogar numerisch erheblich schwächer als die Taliban, was angesichts ausbleibender Luftunterstützung bei fallender Moral die sichtbaren Folgen hatte.

5. Taliban wurden zur Alternative für viele

Zuletzt wirklich stabil war Afghanistan unter dem Shah, der auch nicht etwa durch eine Revolution eines verhassten Volkes beseitigt wurde, sondern durch den Militärputsch eines machtgierigen königlichen Verwandten. Als Monarch konnte er seine inhärente Legitimation dazu nutzen, die verschiedenen Stämme mit ausreichend Autonomie zufriedenzustellen und gleichzeitig mittels persönlicher Beziehungen die Anführer an sich zu binden. Eine zentralistische demokratische Regierung hatte in einer solch tribalen Gesellschaft erhebliche Autoritätsprobleme, gibt ein Stamm seine Unterstützung alle paar Jahre wechselnden Regierungen doch nur wegen Blutsbande oder finanzieller Unterstützung. Dies erleichterte die Korruption im ganzen Land, weil das Ermöglichen derselben faktische Bezahlung der unterschiedlichen Interessen darstellte. Es mag die Korruption geradezu erfordert haben, um alle Begehrlichkeiten zufriedenzustellen. Hier dürfte ein Grund dafür zu sehen sein, warum gegen die oben genannten „Gespenstersoldaten“ nicht nennenswert vorgegangen wurde, wäre doch ein einfacher Appell der entsprechenden Einheiten Beweis genug gewesen.

Die enorme Korruption auf allen Ebenen der afghanischen Gesellschaft, die durch das stets nachfließende Geld aus dem Ausland ermöglicht und lukrativ wurde, und dabei das Land zerfraß, hatte naturgemäß ihre Folgen im Inneren. Die generell ohnehin radikal-islamisch denkende afghanische Gesellschaft mag in wesentlichen Teilen den Methoden der Taliban nicht zugestimmt haben, die dem zugrunde liegende Ideologie ist der Gesellschaft jedoch nicht vollends fremd.

Sieht man sich den Widerstand gegen den IS im Irak an, so waren es dort vor allem andere Ethnien, die Kurden, und andere Konfessionen, die Schiiten, die einen wesentlichen Teil der Truppen und aufgestellten Freiwilligenverbände stellten, die den IS zurückschlugen. Vor dem Einschreiten der Amerikaner 2001 war der verbliebene Gegner der Taliban in Afghanistan die Nordallianz, die vor allem aus nicht-Paschtunen bestand, die gegen die paschtunischen Taliban kämpften.

Aus dem Irak sind Anekdoten bekannt, wo beispielsweise ein Taxifahrer aus Mossul zwei jezischischen Sexsklavinnen bei der Flucht geholfen haben soll. Er soll ihnen gesagt haben, er empfände den IS als Befreier von dem schiitischen Joch aus Bagdad, aber was sie mit den Jeziden machen, sei dann doch nicht in Ordnung.

Diese Beispiele zeigen einen Erklärungsansatz, warum die Herrschaft der Taliban für zu viele nicht das schlimmste gewesen sein mag, versprach es doch die Korruption zu beseitigen, räuberische ANP auszuschalten und den endlosen Krieg durch friedliche Ordnung zu ersetzen. Wenn die Alternative jedoch nicht zwingend das völlige Ende ist, sondern sogar punktuelle Verbesserungen verspricht, zersetzt es die Wehrkraft. Dies dürfte ebenfalls einen Anteil gehabt haben, auch wenn es zu einfach ist, es darauf zu schieben, ansonsten wären nicht die dramatischen Bilder von Kabul entstanden, wo sich Menschen in ihrer Verzweiflung außen an Flugzeuge klammerten.

6. Privat ausgehandelte Kapitulationen gegen Bezahlung

Das 3rd Commando Kandak der afghanischen Kommandos war in Kandahar stationiert, als ein Journalist von Vice unbeabsichtigt die Einheit begleitete, weil der militärische Zusammenbruch um ihn herum stattfand. Er berichtet eindringlich und zeigt mit Aufnahmen, wie die afghanischen Elitesoldaten begannen, sich um den Flughafen einzugraben, um dort ihr letztes Gefecht gegen die Taliban zu schlagen. Die anderen lokalen Einheiten der ANA waren desertiert, hatten kapituliert, waren übergelaufen oder untergetaucht. Anders als die normalen Einheiten der ANA waren die Kommandotruppen jedoch ernstzunehmende und gute Soldaten, mit signifikanter Kampfkraft.

Doch: statt dort kämpfend unterzugehen, erhielten die Soldaten Nachricht, dass man an höherer Stelle einen „Waffenstillstand“ ausgehandelt habe, der den Abzug der Soldaten vom Flughafen unter Zurücklassung allen schweren Geräts bedeutete. Die Aufnahmen zeigen dann Transportflugzeuge der ANA, die die Soldaten und den Journalisten ausfliegen.

Was von den Beteiligten „Waffenstillstand“ genannt wurde, war in der Realität eine Kapitulation, die weiter oben in der Befehlskette beschlossen wurde. Es könnte in diesem Fall eine militärische Logik dahinter gestanden haben, wie beispielsweise das Erhalten der Truppe zur Verteidigung Kabuls, allerdings bedeutete dieser Rückzug doch massive Verluste an Material, das weitgehend funktionstüchtig in die Hände der Taliban gefallen sein dürfte. Doch selbst wenn man in diesem Fall rationale militärische Gründe suchen mag, so wäre dies eher eine Ausnahme gewesen.

Der große Reichtum der Taliban, die wohl über ein Budget von 1,6 Mrd USD verfügten, legt in einem zutiefst korrupten Land nahe, dass im Rahmen einer allgemeinen Demoralisierung viele Kommandeure gegen einen Geldkoffer die Seiten gewechselt oder zumindest den Abzug durchgeführt haben. Auch hier hat wieder die tribale Struktur Afghanistans eine Rolle gespielt, bei der die Bindung und Verpflichtung dem eigenen Stamm gegenüber deutlich höher und wichtiger ist, als die zur Zentralregierung. Sobald die Zentralregierung dem Untergang geweiht scheint, ist ein Kämpfen um des Kämpfens willen zunehmend unsinnig, weil man sich eben nicht Präsident Ghani im fernen Kabul, sondern den eigenen Leuten verpflichtet fühlt, deren Leben geschont werden soll. Die Washington Post legt diesbezüglich nahe, dass wohl auch viele einfach lieber auf die Gewinnerseite, die durch den Abzug der USA festzustehen schien, wechseln wollten.

Oft seien Stammesälteste zu den in den Städten ausharrenden Soldaten gegangen und haben diesen im Auftrag der Taliban gesagt: „Die Ungläubigen sind besiegt und ziehen ab, jetzt besiegen wir auch Euch. Ihr könnt jetzt kapitulieren und Euch geschieht kein Leid oder wir töten Euch alle.“ Als keine Berichte von Massakern an kapitulierenden ANA-Soldaten auftauchten, fiel die Wahl allzu vielen verzweifelten Soldaten ohne Hoffnung leicht.

7. Politischer Verrat und Feigheit

US-Präsident Biden erbte die stolze Zahl von 2.500 US-Soldaten in Afghanistan, die ihren letzten Gefallen im Gefecht 18 Monate vorher erlitten hatten. Eine Notwendigkeit zum schnellen Abzug bestand also nicht. Doch um das symbolische Datum des 11. Septembers 2021 einzuhalten, entzog er der afghanischen Regierung zum Höhepunkt der Kampfsaison die Unterstützung, wohl wissend, dass dies auch alle Verbündeten und Contractor abziehen würde.

In Bagram sind die US-Truppen den Meldungen zufolge über Nacht abgezogen, ohne die afghanischen Truppen vor Ort überhaupt zu informieren. Sie schalteten den Strom ab und der afghanische Kommandeur vor Ort erfuhr zwei Stunden nach dem Abzug der US-Truppen von deren Flucht. Kann man einen Verbündeten besser demoralisieren?

Auf diesen Verrat eines Verbündeten – die Islamische Republik Afghanistan war immerhin offiziell als „major non-NATO ally“ eingestuft, folgte der Verrat in Afghanistan. An verschiedenen Stellen konnte ich lesen, dass die Regierung Ghani sich um die Entwaffnung der Milizen bemüht habe, auch wenn ich es nicht hinreichend bestätigen konnte. Erklären ließe sich dies nur mit einer völligen Fehleinschätzung, wonach Machtkämpfe innerhalb der Anti-Taliban-Front als größere Bedrohung gesehen wurde, als die Taliban selbst. Auch soll Ghanis Regierung ihr Möglichstes getan haben, um das Aufstellen von Milizen der schiitischen Hazara zu erschweren.

Als der Vormarsch der Taliban an Fahrt gewann, gab es seitens der Regierung keinerlei Versuche, die Bevölkerung zu mobilisieren, von denen mir bekannt wäre. Dem Vernehmen nach hat zumindest die Stadtbevölkerung erhebliche Angst vor den Taliban. Dass Lautsprecherwagen Freiwillige gesucht hätten, um Milizen zur Verteidigung der Städte aufzustellen, wurde nicht berichtet. Dies wäre aber eine Aufgabe der Regierung gewesen, hätte sie ernsthaft um ihr Land kämpfen wollen.

Als die Taliban Kabul erreichten flüchtete der Präsident ins Ausland und überließ dem Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi die Kontrolle – und damit das Desaster. Nicht völlig ohne Bedeutung dürfte dabei sein, dass der afghanische Präsident garantiert über die US-Staatsbürgerschaft verfügt, Multimillionär ist und nun eine glorreiche Zukunft als hoch bezahlter Redner in seiner Funktion als „letzter demokratischer Präsident Afghanistans“ erwarten darf. Als es um die Zukunft seines Landes und seine persönliche Zukunft ging, war das Hemd näher, als die Hose. Sein Argument, dass seine Flucht Blutvergießen in Kabul verhindert habe, mag valide sein, wäscht jedoch den faden Beigeschmack seines Hintergrundes nicht vollends aus.

Der zurückgelassene Mohammadi hat seinen Hintergrund im Pandschir-Tal und im Widerstand gegen die Taliban. Während diese in die Stadt einmarschierten und jeder Verteidigungswille im Zuge der Flucht des Präsidenten zusammenbrechen musste, überließ Ghani seine Verbündeten den Wölfen. Hätte Mohammadi nicht die Flucht ins Pandschir-Tal geschafft, so wäre er möglicherweise bereits hingerichtet oder auf dem Weg in den Tod. Da er jetzt dort den Widerstand organisiert, während das Tal von den Taliban eingeschlossen ist, verzögert er sein Schicksal möglicherweise nur um ein paar Monate.

8. Verselbständigter Zusammenbruch

Dieser letzte Punkt ist einfach erklärt. Wenn der Kampfeswille ausreichend fällt, „brechen“ Einheiten. Moral ist essentiell im Krieg, schließlich wird vom Soldaten erwartet, dass er sich dem Tod stellt und tötet. Beides widerspricht dem Selbsterhaltungs- und Fluchttrieb, muss also widernatürlich erzwungen werden. Eine gebrochene Einheit kann noch über Mannstärke und Material verfügen, ohne den Willen zu deren Einsatz die Schlacht jedoch vorbei.

Sieht man sich die obigen Aufzählungen an, so kann es wenig verwundern, dass sich die Entwicklung ab einem bestimmten Zeitpunkt verselbständigte. Irgendwann war alle Hoffnung vorbei und jeder Soldat, und jeder potentielle Freiwillige, musste sich fragen, ob er in den sicheren Tod gehen wollte, ohne damit wenigstens noch etwas erreichen zu können. Jetzt noch zu fallen würde noch nicht einmal mehr etwas bewirken, wieso also noch kämpfen? Schlussendlich will niemand der letzte Soldat sein, der fällt.

Zivilisten in den Städten wären möglicherweise bereit gewesen, in großer Zahl gegen die Taliban zu kämpfen, aber vonseiten einer zutiefst korrupten Regierung und völlig demoralisierten und überlaufenden Offizieren wurden keine Anstrengungen mehr unternommen, das noch zu organisieren. Dass die Stadtbevölkerung mit Bratpfannen und Nudelhölzern zum Stadtrand läuft, während die Soldaten ihre Uniform ablegen und untertauchen, ist eine unrealistische Erwartung.

Der Artikel geht dabei noch nicht einmal auf taktische Fehler ein, wie beispielsweise eine Zersplitterung der Einheiten in Gebieten, die von den Taliban eingeschlossen und damit von Luftversorgung abhängig waren.

All das erklärt den Zusammenbruch des Widerstands gegen die Taliban und zeigt, dass es keineswegs universale Feigheit war. Ein solches Urteil tut den Betroffenen Unrecht. Nicht zuletzt, weil sich nun der Widerstand im Pandschir-Tal formiert, was eben zeigt, dass sehr wohl noch Afghanen bereit sind zu kämpfen, sogar noch aus erheblich dramatischerer Situation, als vor einigen Tagen.

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Dann gewinnen die Taliban eben

gray concrete building on top of hill

Update 19.08.2021:
Ich habe in diesem vorschnellen Kommentar sowohl den afghanischen Streitkräften, als auch den Afghanen selbst Unrecht getan und zu hart geurteilt. Auch wenn Kritik angemessen ist, ist das einfache abtun, sie seien alles Feiglinge und hätten nichts Besseres verdient unangemessen, ja böse und dumm. Ich lasse den Eintrag stehen, weil ich zwar Fehler mache, aber zu ihnen stehen kann.
Einen wesentlichen Anteil daran, hatte diese Rede des britischen Veteranen und Abgeordneten Tom Tugendhat, „Those who have never fought for the colors they fly should be careful to critisize those who have.“ Also: „Wer nie für seine Landesfarben gekämpft hat sollte vorsichtig mit der Kritik an denen sein, die es getan haben.“ Er hat Recht.

Hier habe ich versucht, die Gründe für den Zusammenbruch der ANA zu sammeln, der eben weit mehr als nur einfache Feigheit und „die wollen ja die Taliban“ ist.

Update Ende.

Die Taliban haben den Krieg in Afghanistan in wenigen Wochen für sich entschieden. Noch mag es einige Widerstandsnester geben, deren Fall ist jedoch eher eine Frage von Tagen, denn Wochen. Damit übernimmt die Terrororganisation wieder die Herrschaft im Land, nachdem sie 2001 von der Macht und weitgehend aus dem Land gejagt worden war.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gab es keine Alternative zu einer Militäraktion gegen die Taliban, nachdem diese dem Planer der Anschläge, Osama bin Laden, Unterschlupf gewährt hatten und seine Auslieferung verweigerten. In einer Verkehrung der Umstände kollabierten damals die Streitkräfte der Taliban unter der Offensive der Nordallianz, die mit kleinen Gruppen westlicher Spezialkräfte und umfangreichen Luftangriffen unterstützt wurden. Nachdem die Taliban de facto besiegt und das Land unter Kontrolle der neuen Regierung in Kabul war, ging der Westen an das sogenannte „Nation Building“, den Aufbau eines neuen Staatswesens.

Ursprünglich unterstützte ich diesen Einsatz ausreichend stark, dass ich mich beim Kreiswehrersatzamt nach Abschluss meines Studiums unter Nennung meiner PK (Personenkennziffer zur Identifikation von Bundeswehrangehörigen) meldete, um gemäß Ezra Pounds „Wenn ein Mann nicht bereit ist für seine Überzeugungen Risiken einzugehen, dann taugen entweder sie nichts oder er.“ meinen Anteil zu leisten. Dass ich heute nicht traurig bin, nie eine Rückmeldung erhalten zu haben, erklärt sich dabei wohl von selbst.

Während die Taliban langsam wieder an Stärke gewannen und zunächst nur einen klassischen Guerillakrieg mit kleineren Angriffen und Anschlägen und anschließendem Untertauchen führten, wandelte sich der Krieg nach einigen Jahren zunehmend dahingehend, dass die Taliban langsam, aber sicher, wieder Kontrolle über Territorium übernahmen. Trotz Gegenoffensiven, auch unter dem Einsatz zusätzlicher NATO-Soldaten, konnte dieser Trend nicht mehr dauerhaft umgekehrt werden.

Schon der US-Präsident Obama hatte 2012 angekündigt, ein weitgehender Abzug der US-Truppen sei für 2014 geplant, was den Taliban unmissverständlich mitteilte, dass seinen starken westlichen Feinden die Geduld ausgeht und man sie einfach aussitzen können würde. Gleichzeitig hätten die Afghanen damit jedoch genug Vorwarnzeit gehabt, ihre Streitkräfte ernsthaft kampffähig zu machen. Doch selbst das durch einfache Appelle lösbare Problem der sogenannten „Gespenstersoldaten”, also Soldaten, die nur auf dem Papier existieren, damit ihre Vorgesetzten ihr Gehalt kassieren können, wurde niemals adressiert. Obamas beiden Nachfolger, Donald Trump und Joe Biden, setzten diese Politik fort, indem sie den vollständigen Abzug auf den Weg brachten.

Angesichts der sich stetig verschlechternden Sicherheitslage hätte Deutschland seinen Ortskräften schon seit Jahren das Ausreisen ermöglichen sollen, wie 2015 von mir im Monatsmagazin „Liberal“ gefordert. Dass nun eine Terrororganisation mit steinzeitlichem Zivilisationsgrad die Herrschaft übernimmt, ist tragisch und die ersten Beispiele der Siegerjustiz sind wohl schon zu beobachten. Dennoch sollte man über den Sieg der Taliban nicht allzu viele Tränen vergießen.

Mein Artikel im März 2015 in „Liberal“

Ähnlich schlecht ausgerüstete und ähnlich motivierte Kämpfer des Islamischen Staates hatten 2014 den Irak an den Rand des Zusammenbruchs geführt, selbst die Hauptstadt schien im Juni 2014 von der Einnahme durch die Steinzeitislamisten bedroht. Doch als der Irak unter einem vergleichbaren Blitzkrieg wie dem der Taliban heute zu implodieren drohte, standen hunderttausende irakische Männer auf, bildeten die PMF und schlugen den IS mit Unterstützung aus dem Ausland zurück. In beiden Fällen waren gut ausgerüstete Militäreinheiten nach Jahren Ausbildung durch NATO-Soldaten angesichts von Sandalenträgern im Kaftan kollabiert und hatten ihrem weit schwächeren Feind als einzige Widerstandsleistung einen Berg an erbeuteten Waffen hinterlassen.

Anders als 2014 im Irak will in Afghanistan offensichtlich jedoch fast keiner die Taliban bekämpfen. Wo waren die Freiwilligen, die Gräben um Kabul aushuben und um Waffen betteln, damit sie die Taliban zurückschlagen können? Wo waren die Milizen, die lieber sterben, als ihr Dorf, ihr Tal oder ihre Stadt den Barbaren mit den schwarzen Turbanen zu überlassen?

Nach 20 Jahren Militärausbildung durch die besten Soldaten der Welt, nach über 100 Milliarden Militärhilfe in der Form von Waffen, Ausrüstung und Ausbildung fiel die nominell weit stärkere afghanische Armee in sich zusammen, während das Volk keine Ambition zeigte, an ihre Stelle zu treten. Zwanzig Jahre lang bereicherte sich eine Clique an den westlichen Hilfen und suhlte sich in seiner Korruption, darauf vertrauend, dass die NATO es schon richten wird, während das Volk sich seinem Schicksal offensichtlich ergeben hat. Genug junge Männer und genug Waffen für eie Levée en masse hätte es ja im Land gegeben. Sofern denn der Wille dagewesen wäre.

Wenn die Afghanen jedoch kein ausreichendes Interesse am Abwenden einer Herrschaft der Taliban zeigen, warum sollte man dann weitere Milliarden hineinpumpen und pommersche Grenadiersknochen liefern?

Wenn die Afghanen nicht einmal selbst für sich kämpfen wollen, warum sollten „wir“ es dann tun? Es bleibt folglich nur Rückzug oder die offizielle Kolonialisierung, denn wenn man die bewiesene Unwilligkeit des Kampfes gegen die Taliban betrachtet, so kann man nur konstatieren, dass sie entweder die Talibanherrschaft wollen oder unmündig sind, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen und daher weiterhin angeleitet werden müssen. Sprich, kolonialisiert werden müssen. Ein Deutsch-Ostafrika wurde schließlich auch nicht durch die Einheimischen im Ersten Weltkrieg verteidigt, sondern durch die „Schutztruppe“, nur verstärkt durch lokale Söldner.

Solange man aus politischen Gründen ignoriert, dass die Taliban vom pakistanischen Geheimdienst ISI angeleitet, unterstützt und geführt werden und Pakistan statt als Feind, als Verbündeten behandelt, so lange sind die Taliban aber ohnehin nicht vollständig zu besiegen.

Deutschland sollte seine Ortskräfte evakuieren und anschließend die Grenzen für Afghanen schließen. Wer die Taliban nicht mag, der kann sich ja im Ausland zum Soldaten ausbilden lassen und dann mit anderen die Rückeroberung beginnen.

Wenn Afghanistan nun jedoch wieder zum Hort des Terrorismus wird, muss man eben zeitgemäß darauf reagieren. Nicht durch Invasion und einen weiteren Versuch von „Nation Building“, sondern durch eine Rückkehr zu dem einst bewährten Konzept der Strafexpedition. Sollten erneut internationale Terroristen ihre Basis am Hindukusch haben, kann man sich ja an dem Bonmot von Hilaire Belloc orientieren und sagen: „Whatever happens, we have the strategic bomber and they have not.“

Das afghanische Volk hat mit seiner völligen Passivität in den letzten Wochen sein Schicksal gewählt. Wir sollten das respektieren und akzeptieren.

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737-Absturz/Abschuss: Der Iran zeigt, wie Krisen-PR nicht geht

Seit heute, 09.01.2020, kursieren Bilder, die Wrackteile mit Perforierungen zeigen, die auf Schrapnelle hindeuten. Fotos, die von der Absturzstelle stammen sollen, zeigen Teile einer Luftabwehrrakete, die von einer iranischen Tor-M1-Batterie verschossen worden sein soll.

Schon in meinem Beitrag gestern zum iranischen Angriff auf durch die US-Streitkräfte genutzte Basen im Irak hatte ich darüber spekuliert, dass ein versehentlicher Abschuss durch die iranische Luftabwehr die wahrscheinlichste Absturzursache sei.

Was ich nicht verstehen kann, ist, wie ein Staat wie der Iran glauben kann, er könnte den Abschuss einer Verkehrsmaschine voller ausländischer Bürger vertuschen.

Das ganze Verhalten war von Anfang an ein Schuldeingeständnis. Der Versuch, sich aus der Affaire zu lügen, die Blackboxen nicht zu übergeben, dann sie als fehlerhaft zu erklären, dann das Wrack mit Bulldozern zu bearbeiten…

Wie konnten die ernsthaft glauben, sie könnten damit davonkommen? Alles, was sie damit erreichen, ist das internationale Ansehen des Landes noch mehr zu beschädigen und die Länder mit Opfern an Bord gegen sich aufzubringen.

In militärischen Konflikten passieren Fehler. Der für den Abschuss verantwortliche Offizier hat garantiert nicht auf Befehl der Regierung eine Zivilmaschine abgeschossen, sondern ist entweder falschen Einsatzvorschriften gefolgt oder hat eigenständig gehandelt. In beiden Fällen hätte man Verantwortliche, die man bestrafen kann und die ein zivilisiertes Land bestrafen würde.

Ein offenes Eingeständnis, nachdem die Ursache klar wurde, also wohl Minuten nach dem Abschuss, wäre im Sinne einer Schadensbegrenzung das einzig Richtige gewesen. Ein Regierungssprecher, der vor Gram zerfressen vor die Kameras tritt, eine volle Aufklärung, ein zur Rechenschaft ziehen der Verantwortlichen und eine Entschädigung der Opferfamilien ankündigt, hätte im Endeffekt ein verantwortungsvolles Land präsentiert, das einen Fehler gemacht hat.

Das ist die Kernessenz der Krisen-PR. Zu erkennen, wann man sich nicht mehr herausreden kann, sondern Verantwortung übernehmen und sich entschuldigen muss. Wieso der Iran dazu zu dumm ist, ist mir ein Rätsel.

Supermani ist tot

Qasem Soleimani ist tot.

Der Kommandeur der Quds-Force war einer der profiliertesten Staatsterroristen des Nahen Ostens. Seine Truppen sind für Terroranschläge rund um den Globus verantwortlich und es gibt keine radikale schiitische Gruppe, die nicht Unterstützung durch ihn erhalten hätte.

Er gehörte zu den Unterzeichnern des Briefes an Präsident Khatami 1999, in dem eine gewaltsame Niederschlagung der Studentenproteste gefordert und alternativ ein Militärputsch angedroht wurde.

Es kann also nicht verwundern, dass nicht nur im Irak, in Syrien und in Libanon Menschen über seinen Tod jubeln, sondern auch aus dem Iran Freude zu vernehmen ist.

Der Mann war ein Schlächter und Staatsterrorist – aber auch ein Genie. Es soll auf seinen Plan und seine Initiative zurückzuführen sein, dass die Regierung Assad nun wieder fest im Sattel sitzt, die massiv gestiegene militärische Schlagkraft der Hisbollah wird seiner Beratung zugerechnet, er war nicht nur bei zahlreichen Gefechten als Beobachter und Berater anwesend, sondern übernahm immer wieder auch das Kommando schiitischer Milizen im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Wegen seiner Rolle und weil er praktisch überall zu sein und überall entscheidenden Einfluss zu haben schien, wurde er auch scherzhaft, aber anerkennend „Supermani“ genannt.

Die Hellfire (vermutlich), die sein Leben beendete, hatte er seit langem verdient und auch wenn man seinen unzweifelhaften militärischen Fähigkeiten Anerkennung zollen muss, so ist seine Tötung gerechtfertigt und überfällig gewesen. Sie ist, wie andere vor mir bereits kommentiert haben, größer, bzw. wichtiger, als die Tötung von Osama bin Laden und al-Baghdadi zusammen.

Wenn das deutsche Feuilleton nun mit seinen Phrasen um sich wirft; „Eskalation“, „Spirale der Gewalt“, „Flächenbrand“, so mag das im Kern durchaus eine berechtigte Angst sein. Der Iran wird sich nun überlegen, wie er auf die Tötung dieser wichtigen Person antworten wird. Aber der Schaden, den sein Fehlen anrichtet, wurde von der US-Führung ganz offensichtlich als größer angesehen, als eventuelle Racheakte des Irans.

Für die Menschen der Region scheint es heute ein guter Tag zu sein. Eine der gefährlichsten Menschen des Nahen Ostens ist tot.

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Ein Militärschlag gegen den Iran ist extrem schwierig. Trump bleiben nur schlechte Optionen

Eine Drohne diesen Typs wurde abgeschossen

Zuletzt habe ich erklärt, wieso der Iran anhand der vorliegenden Belege unzweifelhaft für die Angriffe auf Tanker verantwortlich war. Zumindest, soweit die Informationen bislang vorlagen.

In diesem Artikel erkläre ich, dass der Iran es sich aktuell leisten kann, die USA ein Stück weit zu provozieren, weil seine strategische Lage im Bezug auf die USA überraschend gut ist, sodass der Iran einen US-Angriff nicht unmittelbar zu befürchten hat. Nicht zuletzt auch, weil Trump wohl einer der wenigen US-Präsidenten der jüngeren Geschichte wäre, dem ein neuer Krieg nicht einmal kurzfristig die Zustimmung anschieben würde, sondern vielmehr eine zweite Amtszeit verhindern würde.

Update: Noch bevor der Artikel auf meiner Facebook-Seite gepostet wird, gibt es Neuigkeiten: Trump hatte wohl tatsächlich bereits einen Militärschlag in Gang gesetzt, der jedoch noch vor der Durchführung wieder abgebrochen wurde. War der Abbruch als Zeichen gedacht, um dem Iran ein letztes Mal vor Augen zu führen, dass in den USA jemand sitzt, der das Eskalationsspiel mitspielt? Statt den ganzen Artikel zu löschen oder mit seiner Veröffentlichung bis zu weiteren Nachrichten zu warten, lasse ich ihn wie geplant, von diesem Update abgesehen. Denn meine Grundaussagen halte ich für weiterhin richtig und gültig. Dass nämlich ein Militärschlag eine verdammt schlechte Idee ist, auch für die Interessen der USA, weil das Ganze nicht mit einem isolierten Militärschlag enden würde, sondern Gegenschläge des Irans praktisch garantiert wären. Dass der Artikel zu aktuellen Ereignissen geschrieben wurde und natürlich nur aufgrund der zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Erkenntnissen formuliert wurde, ist an dem Datum der Veröffentlichung erkennbar. Gegebenenfalls werden entsprechend später eben neue Gedanken formuliert. Update ende.

Abschuss einer US-Drohne

In der Nacht zum 20. Juni 2019 schoss der Iran eine amerikanische Drohne vom Typ MQ-4C Triton ab, die sich laut amerikanischen Angaben zu keinem Zeitpunkt in iranischem Hoheitsgebiet befand. Der Iran behauptete dagegen, dass die Drohne zum Zeitpunkt des Abschusses neun Meilen von der iranischen Küste, also innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone und damit in iranischem Hoheitsgebiet gewesen sei.

Eine MQ-4C Triton ist eine bis auf fast 20 Kilometer Flughöhe fliegende Drohne zur maritimen Langstreckenaufklärung. Sowohl das Einsatzprofil der maritimen Aufklärung, als auch die Sensoren an Bord machen daher einen Einsatz im iranischen Hoheitsgebiet extrem unwahrscheinlich und die US-Aussage daher glaubwürdig.

Denkbar wäre ein Flug in iranisches Hoheitsgebiet nur unter wenigen Umständen. Zumindest theoretisch wäre denkbar, dass die Iraner erneut GPS-Daten manipuliert haben, und so die Drohne selbst in iranisches Hoheitsgebiet gelockt haben. Diese Methode, also eine Drohne per GPS-Manipulation umzuleiten, soll laut iranischen Angaben die Methode zur Erbeutung der RQ-170 Stealthdrohne 2011 gewesen sein. In diesem Fall hätte der Iran bewusst die Gelegenheit geschaffen, um die USA ein weiteres Mal vorzuführen oder gar um sie zu einem Militärschlag zu provozieren. Wie weit interne Navigationsmittel eine solche Fehlleitung verhindern und diese Methode ausschließen können, kann ich nicht sicher genug sagen. Ich halte es aber für wahrscheinlich.

Wer glaubt, die Amerikaner würden einen Krieg provozieren wollen – als ob dafür die Angriffe auf Tanker nicht schon ausreichen würden – der könnte ein bewusstes Steuern in den iranischen Luftraum zum Zwecke der Herbeiführung eines Abschusses vermuten.

Allerdings ist die Drohne so groß wie ein kleines Verkehrsflugzeug und dank signifikanter RCS (Radar Cross Section = Radarrückstrahlung) durchaus durch leistungsfähige Radargeräte zu orten, derer es viele in der Region gibt. Hätte sich die Drohne also tatsächlich in iranischem Hoheitsgebiet aufgehalten, so sollte das in Kürze bewiesen sein, da bei weitem nicht jedes Radargerät der Region in US-Händen ist. Angesichts des Einsatzprofils, der Beweisbarkeit und des provokativen iranischen Verhaltens zuletzt, halte ich die US-Angabe für glaubwürdiger.

Trump schreckt vor unmittelbarer Reaktion zurück

Nachdem nun also ein US-Militärflugzeug, wenngleich auch ein unbemanntes, abgeschossen wurde, ruderte Donald Trump nach ersten Warnungen zurück. Vielleicht sei es ja ein Versehen gewesen, vielleicht habe auf iranischer Seite jemand ohne Erlaubnis eigenmächtig gehandelt.

Die Absichten des Irans zeigten sich jedoch umgehend, als ein iranischer General stolz den Abschuss verkündete, was zumindest nach Außen keine Zweifel an einem absichtlichen und gewollten Abschuss lässt.

Vonseiten des Irans wurde also die Chance eines gesichtswahrenden Ausgangs bewusst abgelehnt. Wie geht es nun also weiter?

Die USA müssen auf die Provokationen reagieren

Wenn das nationale Prestige der USA in der ganzen Region und letztendlich weltweit nicht leiden soll, müssen die USA auf diese fortwährenden Provokationen reagieren. Dabei geht es nicht nur um diesen abstrakten Begriff „Prestige“. Es geht nicht um eine vermeintliche nationale Ehre derentwegen sich zu sterben wohl eher nicht lohnt. Eher müsste man den Begriff als Glaubwürdigkeit verstehen.

Viele Konflikte brechen nur deshalb nicht aus, weil die Beteiligten ein Eingreifen der USA befürchten. Gegner der USA sehen von ernsten Provokationen ab, weil sie eine militärische Antwort der Supermacht fürchten. Zeigt der Iran aber, dass er den USA auf der Nase herumtanzen kann, so lädt dies zur Nachahmung ein. Dies muss Trump vermeiden, was ihm auch voll und ganz bewusst ist. Schließlich hatte er selbst Obama immer wieder als schwachen Präsidenten kritisiert, weil sein Vorgänger eben nicht ausreichend auf Provokationen regierte und seine eigenen roten Linien folgenlos überschreiten ließ.

Ein Krieg ist keine gute Idee

In meinem letzten Artikel zum Thema hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass ein Krieg der USA gegen den Iran eigentlich nur schlechte Optionen für die USA enthält.

Ein Militärschlag gegen den Iran wäre eine politische Katastrophe für die USA, wenn nicht wenigstens die lokalen Verbündeten alle mit im Boot sind.

Die USA brauchen kein Öl aus dem Golf, wohl aber ihre Verbündeten Südkorea, Japan und Taiwan (und viele weitere verbündete oder befreundete Staaten).
Die USA haben einige Basen, die bedroht werden können, aber diese liegen in fast jedem Staat der Umgebung, womit diese Staaten unweigerlich in einen Krieg mit hineingezogen werden würden.
Die USA können nicht von den ballistischen Raketen des Irans erreicht werden, wohl aber Kuwait, Saudi-Arabien, UAE, Bahrein, Katar, Jordanien und Israel.

Insofern ist es durchaus möglich, dass Trump aktuell auf Zeit spielt, während seine Diplomaten daran arbeiten, die anderen Nationen für einen Militärschlag mit ins Boot zu holen. Ein Militärschlag ohne Rücksprache mit den anschließend von iranischen Gegenschlägen betroffenen Nationen wäre auch ein unfassbarer politischer Fehler.

Luftschläge alleine reichen nicht aus

Der Iran ist alleine mit Luftschlägen nicht zu besiegen und eine Bodenoffensive ist eigentlich auch mit den Verbündeten vor Ort ausgeschlossen. Einen „Sieg“ kann diese Allianz daher nur mit einem Regime-Change erreichen und der muss vom Iran selbst ausgehen, weil keiner eine Million Soldaten auf 1-2 Jahrzehnte in den Iran schicken und die dann zu erwartenden Verluste durch Guerilla-Angriffe verkraften will.

Was also bleibt ist eine potentielle Luftkampagne zur Verringerung der offensiven Schlagkraft des Irans, damit verbunden Schläge gegen die Luftabwehr, die militärische Kommando- und Infrastruktur, sowie natürlich gegen die Atomanlagen.

Das alles, während dann iranische Raketen über den Persischen Golf fliegen, die militärische und zivile Schifffahrt im Persischen Golf und der Straße von Hormus angegriffen wird, die irakischen schiitischen Milizen US-Truppen angreifen, die Hisbollah seine sechsstellige Zahl Raketen auf Israel abfeuert und die Houthi ihre Angriffe auf Öleinrichtungen in Saudi-Arabien intensivieren…

Jede Militäraktion müsste daher mit einem erzwungenen wirtschaftlichen Kollaps verbunden sein, also mit härtesten Sanktionen, einem Abschnüren von den internationalen Währungssystemen und wohl einer möglichst umfassenden Blockade, damit das Regime ohne Öleinnahmen und ohne fremde Hilfe pleite geht, wonach es dann, in den Augen der Planer, wohl hoffentlich durch einen Aufstand der iranischen Bevölkerung hinweggefegt werden würde.

Ob dies möglich ist, sowohl in der Umsetzung, ob die Verbündeten mit im Boot sind und wie hoch man die Chancen auf einen Erfolg einschätzt, müssen die USA zwingend vor einem Militärschlag klären. Auch, ob die Türkei dabei trotz der gerade herrschenden erheblichen Spannungen mit den USA mitmacht. Nicht zuletzt auch, weil all diese Maßnahmen theoretisch auch das iranische Volk hinter dem Regime vereinen und es so stabilisieren könnten, während die geostrategischen Gegner der USA, Russland und Rotchina, wegen der enormen Bindung von US-Ressourcen praktisch freie Hand woanders hätten.

Der Iran hat gute Karten

Selbst unter besten Bedingungen würde also eine andauernde Militäraktion gegen den Iran mit hohen Verlusten, hohen Kosten und gewaltigen diplomatischen Verstimmungen einhergehen. Davon abgesehen, dass sich eine solche Militäraktion wohl über Monate hinziehen würde.

Durch den Abschuss der Drohne, durch die Angriffe seiner Milizen im Irak auf Ölanlagen und die amerikanische Botschaft, durch die Angriffe auf Tanker, durch die Unterstützung der Luftabwehr der Houthis (die gerade selbst eine amerikanische Drohne abgeschossen haben, was laut US-Angaben nur mit iranischer Hilfe möglich war) und deren Angriffe auf Saudische Einrichtungen hat der Iran eine deutliche Nachricht nach Washington und auf die Arabische Halbinsel geschickt:

Er hat den USA und seinen arabischen Verbündeten gezeigt, dass der persische Löwe Zähne hat, die beißen können – und dass er bereit ist, diese auch zu benutzen.

Trump, dessen Verhandlungsstrategie mit Schurkenstaaten aus maximalem militärischen Druck als Weg zu einer Verhandlungslösung besteht, findet nun plötzlich einen Spieler am Kartentisch, der auf seinen Bluff hin seine Karten nicht auf den Tisch wirft, sondern mit einer Erhöhung des eigenen Einsatzes sagt, die Karten sehen zu wollen. Dies wäre angesichts der Vergangenheit durchaus erwartbar gewesen, hat der Iran doch schon in der Vergangenheit eine enorm hohe Bereitschaft gezeigt, Verluste in militärischen Konflikten in Kauf zu nehmen, wie ein Blick auf den Ersten Golfkrieg mit dem Irak zeigt.

Für Trump, ist dies der wohl schlimmstmögliche Ausgang. Sollte es zum Krieg kommen, würde die Weltwirtschaft unter den massiv steigenden Ölpreisen leiden und damit die US-Wirtschaft direkt vor seiner angestrebten Wiederwahl schwächen. Dies würde ihm das beste Argument für seine Wiederwahl aus der Hand schlagen.

Dutzende oder gar Hunderte tote US-Soldaten würden seine Anhänger massiv verärgern, die ihn zumindest in Teilen gerade wegen seines Versprechens keine weiteren Kriege mehr zu wollen gewählt hatten. Gleichzeitig wäre es vollständig in der Hand des Irans, ein Ende des Krieges zu bestimmen, da auch Militärschläge keine vollständige Vernichtung der iranischen Offensivfähigkeiten erreichen würden und der Iran so jederzeit weitere Angriffe auf US-Einrichtungen, US-Verbündete und Schiffe im Persischen Golf durchführen könnte. Nicht die USA, sondern der Iran würde bestimmen, wann der Konflikt beendet ist. Was vor der US-Wahl an sich völlig inakzeptabel für Trump sein muss.

Diplomatisch wäre ein Krieg mit dem Iran wegen seiner Folgen für die US-Verbündeten und -Freunde eine Katastrophe, zumal eine Unterstützung aller Betroffenen praktisch ausgeschlossen ist, erst Recht eine über Monate oder gar Jahre dauernde Unterstützung.

Den USA bleiben nur schlechte Optionen

Wie schon im Artikel über die Tankerangriffe geschrieben: Der Iran ist in der deutlich besseren Position und kann sich daher seine Provokationen leisten, während die USA eigentlich um jeden Preis einen Krieg verhindern wollen sollten.

Da laut US-Angaben die neuerlichen Sanktionen gegen den Iran hoch effektiv sind, dürften die iranischen Provokationen weitergehen, bis eine amerikanische Entscheidung erzwungen ist. Hier bleiben nur drei Optionen:

  • Die USA schaffen es, eine volle militärische Konfrontation zu vermeiden, ohne dabei schwach auszusehen, bis die Sanktionen den Iran in die Knie gezwungen haben, was aber nicht zuletzt dank bereits angekündigter chinesischer und wohl zu erwartender russischer Hilfe unwahrscheinlich ist.
  • Die USA geben nach und schwächen die Sanktionen ab, womit der Iran seinerseits die USA in die Knie gezwungen hätte. Das würde die US-Position im Nahen Osten erheblich schwächen.
  • Die militärische Eskalation führt zu einem Militärschlag und anschließend wohl mindestens zu einem Kleinkrieg. Ein Einknicken der Iraner nach ein paar Luftangriffen auf symbolische Ziele scheint angesichts des bisherigen iranischen Verhaltens ausgeschlossen zu sein – und genau deshalb macht der Iran auch, was er eben gerade macht. Dies schließt Trumps Wiederwahl praktisch aus und endet wohl ebenfalls mit einem Sieg des Irans.

Sofern ich hier nicht eine Option vergessen habe, hat der Iran also fast alle Karten in der Hand. Umso mehr, wenn er tatsächlich Hilfe aus Russland und der Volksrepublik China erhält, was wegen deren geopolitischen Konkurrenz zu den USA sehr wahrscheinlich ist. Wollen Russland und Rotchina es, dürfte der Iran wohl auch die US-Sanktionen eine Weile überdauern können, während er die USA – und damit Trump – mit einem asymmetrischen Kleinkrieg vor den Augen der Weltöffentlichkeit vorführt.

Erneut: Sofern ich nicht eine Option übersehen habe, dürfte Trump nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera haben. Einen guten Ausgang aus der Konfrontation mit dem Iran scheint kaum mehr möglich zu sein. Und genau deshalb spricht auch alles dafür, dass der Iran die Tanker tatsächlich angegriffen und die Drohe tatsächlich außerhalb seines Hoheitsgebietes abgeschossen hat. Weil es ihm in die Hände spielt und so eine für den Iran positive Entscheidung ermöglicht, bevor die Sanktionen eine zuungunsten des iranischen Regimes erzwingen.

Es bleibt nur zu hoffen, dass die USA auf irgendeine Art und Weise schaffen, einen Ausweg zu finden, der beide Seiten das Gesicht wahren lässt. Allerdings wird dies mit jedem vergangen Tag und mit jedem Angriff des Irans unwahrscheinlicher.

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Tankerangriffe: Der Iran war es

Darauf deutet zumindest aktuell tatsächlich alles hin.

Erneut sind Tanker knapp außerhalb der Straße von Hormuz angegriffen worden, dieses Mal auf der Fahrt und auf See. Die veröffentlichten Bilder sind dabei eindeutig.

In dem Video kann man eindeutig und unzweifelhaft ein iranisches Gashti-Klasse Patrouillenboot erkennen, das von der Außenwand eines Tankers ein Objekt entfernt.

Die typischen Rillen der Trittfläche am Bug ist auf dem Video erkennbar, genauso wie die charakteristische Bugform und die Maschinenwaffe an der richtigen Position.

Screenshot
I

Die Bilder von einem der beschädigten Tanker bestätigen ebenfalls die offiziellen Meldungen:

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Deutlich ist rechts eine Art kleine „Pyramide“ zu erkennen, während der links markierte Schaden vor nicht allzu groß und noch dazu über der Wasseroberfläche ist.

Die Position des Schadens schließt eine Seemine genauso aus, wie einen Torpedo. Oberhalb der Wasserlinie könnten nur Projektile, ob aus Rohrwaffen oder Raketen ein Schiff auf diese Art beschädigen – oder eben eine Haftmine.

Haftminen müssen tragbar sein und haben daher ein Maximalgewicht. Die größte mir ad hoc bekannte Haftmine ist die von der Wehrmacht gegen das Fort Eben Emael eingesetzte mit einem Gesamtgewicht von 50 Kilogramm, die jedoch aus zwei Teilen bestand, die auf dem Ziel zusammengesetzt werden mussten.

Gut auf dem Bild zu erkennen ist die Form einer Halbkugel. Da Haftladungen mit Hohlladungen funktionieren und nicht auf Aerodynamik, sondern auf geringes Gewicht angewiesen sind, ist ihre Form normalerweise grob die einer Halbkugel, eines Kegels oder einer Pyramide. Dies ist auch bei der deutschen Hafthohlladung des Zweiten Weltkriegs erkennbar:

Das veröffentlichte Bild ist nicht zu gut, man kann jedoch deutlich eine Pyramide erkennen. Da eine dort angebrachte Hohlladung leicht genug sein muss, um sie zu tragen und von einem schwankenden kleinen Boot anzubringen, dürfte ihr Gewicht nicht höher als 20 kg sein, was die Sprengwirkung nicht nur einschränkt, sondern auch den auf dem Bild sichtbaren Schaden erklären würde.

Hohlladungen sind darüber hinaus auf die Penetration des Ziels ausgelegt. Sie erzeugen einen Metallstachel, der sich durch die vor der Hohlladung liegende Panzerung bohrt. Statt also Energie für die Zerstörung der Panzerung selbst zu verschwenden, entsteht ein eher kleines Loch, während auf der anderen Seite der Panzerung idealerweise größerer Schaden entsteht. Je nach Konstruktion, Zielbeschaffenheit und Sprengladung ist entsprechend natürlich auch ein Schaden auf der Außenseite zu beobachten.

Taucher könnten Hafthohlladungen im Hafen anbringen, wobei dann der Schaden unter der Wasserlinie entstehen würde. Ist das Schiff jedoch unterwegs, fällt eine Montage per Taucher praktisch aus, da zu schwierig und riskant. Entsprechend würden Hohlladungen von einem kleinen Boot aus angebracht, was die Höhe über der Wasserlinie erklärt.

Die Bilder belegen also eindeutig das, was dem Iran vorgeworfen wird. Es sieht nach Haftminen aus, das Boot ist eines der iranischen Gashti-Klasse und der Schaden entspricht dem, was man von einer Haftmine erwarten dürfte.

Warum sollte der Iran das machen?

„Der Iran hat überhaupt keinen logischen Grund das zu machen!“ werden Sie jetzt zahlreich in den sozialen Medien lesen können. Der Golf von Tonking wird beschworen und den Amerikanern die Inszenierung eines Kriegsgrundes vorgeworfen. Ein solches Ereignis ist natürlich der passende Anlass, damit Verschwörungstheoretiker und Antiamerikaner aus allen Löchern kommen.

Natürlich. Vielleicht haben Mossad oder CIA ja ein Gashti-Klasse Boot nachgebaut. Vielleicht ist das Video von einer Übung des Irans oder gleich direkt eine am Computer erzeugte Fälschung. Wenn man Verschwörungstheoretiker ist, dann glaubt man per Definition ja nicht an vorgelegte Beweise, weshalb auch Bildbelege nicht überzeugen werden. Doch während Verschwörungstheoretiker, die gerne auch mal an eine Fälschung der Mondlandung glauben, keine wirkliche Aufmerksamkeit verdienen, ist die Frage an sich durchaus legitim. Wieso sollte der Iran so dumm sein?

Der Iran glaubt, Trump verstanden zu haben und ist sich seiner geopolitischen Lage bewusst.

Der Iran ist seit Jahren in Syrien militärisch aktiv und hat dabei das amerikanische Engagement und die amerikanische Entschlossenheit (bzw. deren Fehlen) aus nächster Nähe beobachten können. Während Obama sich völlig als Papiertiger erwies und iranische Erpressungen mit einer großen Summe Dollar in Bar und der Aufhebung von Sanktionen belohnte, war der Luftschlag seines Nachfolgers Trump gegen das Syrische Militär wegen des Einsatzes von Chemiewaffen „Mehr Schein als Sein„. Nachdem also einmal ein paar Flugzeugwracks zerstört wurden, wurden in Syrien fleißig weiter Chemiewaffen eingesetzt, ohne dass es Konsequenzen gehabt hätte.

Dies zeigt einem aufmerksamen Beobachter, dass es dem US-Präsident um gute Presse, um schöne Bilder und um die Außenwirkung geht. Es geht darum, dass er als starker Präsident auftreten und die Falken in seinem Heimatland beruhigen kann. Es geht ihm mitnichten um eine nachhaltige Veränderung des Verhaltens des syrischen Regimes oder um eine nachhaltige Einflussnahme.

Und während die geopolitischen Realitäten eine vollständige Umsetzung von Trumps Isolationismus verhindern, so zeigt auch sein angekündigter Rückzug aus Syrien erneut, dass Trump möglichst wenig in der Region agieren möchte. Und erinnern Sie sich an die Ankündigungen, man halte sich auch in Venezuela militärische Optionen offen? Haben Sie die letzten Tage noch etwas davon gehört?

Der Iran hat es also mit einem US-Präsidenten zu tun, der vor allem gerne bellt aber wirklich gar keine Lust hat, auch zu beißen. Trump liebt den Bluff und die Kulturnation Iran hat abseits aller religiösen Apokalyptiker, die glauben, mit möglichst großem Leid auf Erden die Rückkehr des 12. Imams herbeiführen zu können, hochgebildete und intelligente Fachleute. Dass im Iran Trumps Aussagen und seine Veröffentlichungen genauestens studiert werden und wurden, ist Gewissheit. Daher weiß man auch, dass Trump es liebt, laut und pompös zu sein, um Eindruck in Verhandlungen zu schinden.

In seinem von mir nicht gelesenen Buch „The Art of the Deal“ soll Trump sinngemäß sagen: „Man verlangt in einer Verhandlung das Doppelte von dem, was man will. Wenn man dann am Ende 51 Prozent bekommt, hat man gewonnen, während die Gegenseite sich toll fühlt, weil sie einem so viele Zugeständnisse abgerungen hat.“ In dieser Linie ist das laut angekündigte Verlegen eines Flugzeugträgers in die Region, dem Vernehmen nach als Reaktion auf den Iran. Tatsächlich war es ungewöhnlich, dass kein Flugzeugträger dort war, weil die USA normalerweise immer dort einen hatten. Wenn also eine Routineverlegung durch die USA groß aufgebauscht wird, dann weiß der Iran, dass man in Washington vor allem auf Show aus ist. Dass hier wieder einmal die Taktik versucht wird, die Trump auch mit Nordkorea versucht hat. Erst eine maximale Drohkulisse aufbauen, um dann Zugeständnisse zu erreichen. Man weiß, dass hier ein Hund ist, der gerne bellt. Syrien hat gezeigt, dass Trump nicht beißen will und wenn, dann bestenfalls nur so kneift, dass es nicht blutet. Nordkorea zeigt, dass die Handlungen bezüglich des Irans einem Muster folgen.

Der Iran ist sich sicher, dass Trump keine Lust auf einen Krieg zwischen den USA und dem Iran hat, ja diesen unter keinen Umständen will.

Ein Krieg wäre auch in der Tat keine gute Idee. Während eine Ausschaltung des Atomprogramms wünschenswert wäre, um eine iranische Bombe zu verhindern, ist eine dauerhafte Ausschaltung des Atomprogramms nur mit einer Besetzung des Landes zu schaffen, da viele Anlagen gegen Luftangriffe gesichert wurden. Luftangriffe würden das Programm daher zurückwerfen und verlangsamen, es aber nicht ausschalten. Anders als im Irak oder in Syrien gibt es im Iran nicht den einen Reaktor, der nach seiner Bombardierung das gesamte Programm beendet. Vielmehr sind es dutzende Anlagen, teils sehr tief unter der Erde.

Wollte man also sicherstellen, dass das Atomprogramm wirklich beendet ist, so müssten Soldaten am Boden die Anlagen zerstören und im ganzen Land nach weiteren versteckten Anlagen suchen. Dies geht naturgemäß nur am Boden. In einem Land, das mehr als viermal so groß ist, wie Deutschland. Das über eine anspruchsvolle Geographie verfügt und theoretisch eine siebenstellige Zahl seiner Bürger bewaffnen kann, von denen die USA einen fanatischen Widerstand erwarten müssen.

Dass die iranischen Streitkräfte besiegt werden können, steht außer Frage. Genauso würden die US-Truppen in das Land einfallen und es besetzen können. Kontrollieren würden sie es jedoch zu keinem Zeitpunkt, während ein gewaltiger Guerillakrieg gegen sie geführt wird. Während praktisch alle verfügbaren Landstreitkräfte im Iran gebunden wären.

Gleichzeitig läuft ein Drittel aller Öltransporte und ein Drittel aller Gastransporte durch die Straße von Hormuz, die so eng ist, dass selbst Rohrartillerie die Schiffe beschießen und versenken kann. Dabei verfügt der Iran jedoch auch über von LKW einsetzbare ASM (Anti-Schiff-Raketen) mit mehreren hundert Kilometer Reichweite. In der Reichweite seiner ballistischen Raketen liegen nicht nur viele wichtige US-Basen, sondern auch ein großer Teil der exportierenden Erdölfelder.

Der Iran bereitet sich seit Jahrzehnten darauf vor, genau diese Umstände zu seinen Gunsten zu nutzen. Er verfügt über die Mittel, um die Ölfelder, Gasfelder, Raffinieren, Verladeterminals und US-Basen anzugreifen. Er verfügt über hunderte kleine Boote, die Angriffe auf Tanker durchführen können und dabei in so großer Zahl angreifen können, dass eine Verteidigung übersättigt würde. Sie verfügen über Minen zum Sperren der Straße von Hormuz, über konventionell betriebene Uboote, die auch US-Kriegsschiffe gefährden können, wie auch ihre ASM.

Sollte Trump also einen Krieg beginnen, so würden die Ölexporte aus dem persischen Golf weitgehend stoppen, bis die iranische Küste und die Seestreitkräfte neutralisiert sind. Dies würde höchstwahrscheinlich auch Invasionen des Küstenstreifens und der iranischen Inseln vor der Küste erfordern, was tote US-Soldaten bedeuten würde, während es gleichzeitig keine dauerhafte Lösung erzeugen würde.

Der Iran könnte in einem Krieg massiv militärisch geschwächt werden, der von ihm angerichtete Schaden an den USA und ihren Verbündeten wäre jedoch enorm. Gleichzeitig würde der Ölpreis explodieren, was nicht nur das US-Wirtschaftswachstum abwürgen und Trumps Chancen auf eine Wiederwahl praktisch beenden würde, es würde auch wieder frisches Geld in die Kassen Russlands spülen. Geld, mit dem Russland wieder militärisch aktiv werden könnte. Am Ende müssten sich die USA zurückziehen, während in Teheran womöglich noch immer die gleichen Leute an der Macht wären, die nun auch noch einen offenen militärischen Sieg gegen die USA reklamieren könnten.

Ein Angriff der USA auf den Iran würde Trump daher die Wiederwahl kosten, Russland stärken, weitere russische militärische Abenteuer ermöglichen, die Verbündeten der USA massiv schwächen und die US-Wirtschaft abwürgen.

All das weiß man in Teheran.

Wenn man das bedenkt, wie groß ist dann noch das Risiko für den Iran, wenn seine Revolutionsgarde mit ein paar kleineren Angriffen die USA provoziert? Mit den Angriffen zeigen die Iraner, dass sie fähig und willens sind, den Ölfluss zu stoppen oder extrem zu verteuern. Sie zeigen der aufmerksam zusehenden arabischen und islamischen Öffentlichkeit, dass sie es wagen – und am Ende wohl erfolgreich wagen – gegen den „großen Satan“ USA aufzustehen. Sie zeigen, dass sie es schaffen, gegen die USA zu bestehen.

Dazu soll Kushners Friedensplan für den Palästinenserkonflikt in Kürze vorgelegt werden. An Frieden ist jedoch nicht zu denken, wenn ein Krieg mit dem Iran droht. Noch weniger, wenn der Iran erfolgreich gegen die USA aufsteht und stehenbleibt. Wieso sollte die arabische Straße Zugeständnisse gegen Israel akzeptieren, wenn der Iran es schafft, den USA zu trotzen?

Das Verhalten stärkt die Position des Iran im geopolitischen Konflikt mit Saudi-Arabien erheblich. Es zeigt allen Muslimen der Region, wer der wirklich starke islamische Staat ist und verhindert einen Frieden mit Israel, dessen Zerstörung der Iran als einzige Nation der Region ernsthaft anstrebt. Und dies sollte erklären, wieso der Iran „so dumm sein sollte, Tanker anzugreifen“. Der Iran will Trumps Karten sehen und „callt den Bluff“. Er zeigt, dass er, der Iran, tatsächlich bereit ist, zu den Waffen zu greifen, sollte es nötig sein. Dass der Bluff bei ihm nicht wirken wird. Weil der Iran eben gerade nicht dumm ist, sondern schlau. Möglicherweise zu schlau für Trump.

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„Was sollen nur 2.000 Soldaten in Syrien schon ausrichten?“

Wer mich länger liest, dürfte wenig davon überrascht sein, dass ich Trumps Entscheidung zum überhasteten Rückzug aus Syrien für katastrophal halte. Ich habe in der Vergangenheit darüber geschrieben, dass Interventionen zwar falsch sein können, dass es aber auch dramatisch negative Folgen haben kann, wenn sie unterbleiben.

Hier soll es jedoch um die gerade ständig zu hörende Aussage gehen, was denn nur 2.000 Soldaten ausrichten sollen. Kurz gesagt: alles!

Diese 2.000 Soldaten haben selbst noch nicht einmal gegen den IS gekämpft und entsprechend auch nur vier Gefallene in 2 Jahren zu beklagen gehabt. Sie waren dort, um einheimische Kräfte auszubilden und zu koordinieren. Und um sie in Gefechten gegebenenfalls mit Artillerie und Luftangriffen zu unterstützen. Dies erhöht die Schlagkraft von lokalen Kräften um ein Vielfaches.

Es waren kurdische und mit diesen verbündete arabische Kräfte, die mit US-Unterstützung den Großteil des IS-Gebietes im Norden Syriens befreit haben. Die US-Truppen leisteten dabei Feuerunterstützung und koordinierten die Kräfte, was den Ausschlag gab.

2.000 Mann sind mehr als genug um Einfluss zu nehmen und die kurdische Selbstverwaltungszone zu halten, wenn sie einheimische Milizen koordinieren, ihnen mittels Artillerie und Luftwaffe beistehen. Dazu fungieren sie als Stolperdraht. Sind irgendwo Soldaten mit Stars and Stripes auf dem Oberarm, so weiß der Angreifer, dass ein Angriff auf diese Truppen einen Gegenschlag der stärksten Militärmacht der Welt wahrscheinlich macht. Sollten iranische Truppen also diese 2.000 Mann angreifen und tatsächlich überwältigen können, was angesichts der Stärke der US-Luftwaffe, auch in der Region, alles andere als wahrscheinlich ist, so wüsste der Iran, dass er im Persischen Golf und aus der Luft über dem Iran eine Antwort erhalten würde. Eine Antwort, die so schmerzhaft wäre, dass ein möglicher Sieg über US-Truppen in Syrien es nicht wert wäre. (Siehe auch Die Ökonomie des Krieges)

Pro-Assad Kräfte haben es übrigens einmal zusammen mit russischen Söldnern versucht, die US-Kräfte in Syrien anzugreifen. Sie wurden aufgerieben.

Darüber hinaus sind die Truppen in Syrien ein Faustpfand, das den USA ein Mitspracherecht garantierte. Trump kritisierte Obama für seine Schwäche dem Iran gegenüber und wegen seiner fehlenden Unterstützung Israels. Er selbst wird Israel ein Syrien in iranischer Hand mit iranischen Terrorgruppen am Golan hinterlassen. Mit US-Truppen im Rojava hätte Trump sein angebliches Verhandlungsgeschick nutzen können, um nicht nur die eigenen kurdischen und arabischen Verbündeten vor Ort nicht den Türken und Assad ans Messer zu liefern, sondern auch, um einen Abzug der iranischen Truppen und Milizen und eine Pufferzone zum Golan auzuhandeln. Stattdessen hinterlässt er Israel ein Syrien, das gefährlicher für es ist, als unter Obama.

Und wer glaubt, eine fehlende US-Einmischung würde Friede, Freude, Eierkuchen bringen, verkennt die Realität. Es gibt keine Welt ohne Hegemon. Ein Rückzug der USA aus dem Nahen Osten hinterlässt ein Vakuum, das andere aufzufüllen suchen und werden. Diese werden darum kämpfen, was wir ja bereits seit Jahren beobachten können, und sich ihre lokale Vorherrschaft mit Hilfe russischer oder chinesischer Oberherrschaft sichern. Zu glauben, eine Welt mit russischem oder rotchinesischem Hegemon sei besser, als eine mit US-amerikanischem, kann wohl kaum jemand ernsthaft glauben, der Westliche Werte schätzt.

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Die Ökonomie des Krieges (II) – Abschreckung und Wehrpflicht

Rütliweise in der Schweiz. Es ist der 1. August 1941. Der Präsident des Schweizer Parlaments wartet auf einem Podest vor Abordnungen aller Kantone auf das Ankommen eines wichtigen Gastes. Abordnungen von Soldaten in grauen Uniformen stehen Spalier. Auf einen Befehl ihres Kommandeurs springen sie plötzlich ins Achtung, als ein schwarzer Mercedes mit Standarten auf der Motorhaube auftaucht. Als der Wagen anhält packt ein Windstoß die Standarten und dreht sie parallel zum Beobachter. Die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wird deutlich sichtbar, als Adolf Hitler aussteigt um im zweiten Rütlischwur die Schweiz endlich nach 650 Jahren wieder heim ins Reich zu holen.

Nach einem kurzen Militärischen Konflikt hatten die Schweizer Streitkräfte im letzten Jahr kapituliert, nachdem die Regierung wegen massiver innerer Streitigkeiten auf eine Mobilisierung verzichtet hatte, um Deutschland nicht zu provozieren. Festungsbauten waren die Jahre davor nicht erfolgt, da Politiker sie als Geldverschwedung abgetan hatten. „Brot statt Bunker! Weder Deutschland, noch Frankreich sind eine Bedrohung für uns.“
Guisans Kriegstreiberei hatte zu seiner Entlassung aus dem Militärdienst zum Jahreswechsel 1938/39 geführt, während das massive Wachstum der Frontenbewegung das Land im Inneren geschwächt hatte.

26/07/1944. Als die USS Iowa langsam in die Bucht von Tokio einläuft, schießen die beiden größten Schlachtschiffe der Welt, Yamato und Musashi, je 21 Salven Salut, um das offizielle Inkrafttreten des Friedens- und Freundschaftsvertrages zu bezeugen.
Nachdem der Kaiser 1941 einen Überraschungsangriff als eines Samurais unwürdig verboten hatte, war die Kriegserklärung an die USA volle drei Tage vor dem Abfeuern des ersten Gewehrs erfolgt. Die Erklärung hatte dabei langatmig die angebliche Ungerechtigkeit gegenüber des Kaiserreichs erklärt. Der nur zwei Wochen vorher zum Botschafter ernannte Admiral Yamamoto Isoroku hatte in den folgenden Tagen großartiges rhetorisches Geschick bewiesen, als er der amerikanischen Presse ein aufs andere Mal erklärte, wieso Japan durch die USA zu diesem Schritt gezwungen wurde. Seine geschickt geschliffenen Worte hatten große Sympathie auf Seiten der Amerikaner geschaffen, die sich lieber auf Deutschland konzentrieren wollten, das der japanischen Kriegserklärung nicht nur gefolgt war, sondern umgehend mit dem Versenken von Schiffen vor der Ostküste begonnen hatte. Dabei fielen mehrere Passagierschiffe den deutschen Torpedos zum Opfer, die Überlebenden wurden von den Ubooten aus mit Maschinengewehren im Wasser beschossen, die Rettungsboote gezielt versenkt, damit möglicht viele Menschen ertrinken.

Der Krieg hatte trotz des deutlichen industriellen Ungleichgewichts zugunsten der Japaner begonnen, das Kriegsglück sich aber mehr und mehr in Richtung der USA verschoben. Zu groß war das Kräfteungleichgewicht. Als der japanischen Heeres- und Marineleitung nach einer großen verlorenen Seeschlacht klar wurde, dass ein militärischer Sieg nicht zu gewinnen sein würde, fühlte man vorsichtig in Richtung eines Verhandlungsfriedens vor. Dabei hatte die Propaganda Japans so gut gewirkt, dass die amerikanische Öffentlichkeit mehrheitlich glaubte, die Japaner seien eigentlich von den USA falsch behandelt und daher zum Krieg getrieben worden. Es gäbe also keinen Grund, Japan mit aller Kraft in die Knie zu zwingen. Vielmehr gab es sogar Stimmen, die den Wert einiger Inseln im Pazifik so gering bewerteten, dass man sie doch durchaus den Japanern überlassen könnte, wenn das Resultat davon wieder gute Beziehungen wären. Die verbissene Gegenwehr der Japaner bei den wenigen amphibischen Landungen der Amerikaner hatten ihr Übriges getan, um der amerikanischen Öffentlichkeit zu zeigen, dass ein militärischer Sieg über Japan enorm teuer werden würde. Viele stellten daher offen die Frage: „Warum?
Am Ende wurde de facto ein weißer Friede mit Rückkehr zum status quo ante bellum geschlossen, zumal sich Japan als Kämpfer gegen den chinesischen Faschismus erklären konnte, hatte Deutschland doch Chinas Armee ausgebildet und gute Kontakte zu Chiang Kai-Shek unterhalten. Dies ermöglichte den japanischen Unterhändlern zu erreichen, dass die amerikanischen Sanktionen von vor dem Krieg aufgehoben wurden und Japan Ziel, China zu ordnen akzeptiert wurde.
Nach gewonnen Seeschlachten konnten sich die Amerikaner also als Sieger fühlen und hatten ihre westliche Flanke gesichert, war die japanische Marine doch arg geschwächt worden, während amerikanische Werften Schiff auf Schiff produziert hatten. In Japan hatte man dagegen alles erreicht, was das einflussreiche Heer wollte. Die Rohstoffe flossen wieder und der Krieg in China würde nun endlich zu gewinnen sein.

Absurde Szenarien? Vielleicht. Aber nicht völlig undenkbar. Sie zeigen, was vielleicht passiert wäre, wenn der der Kosten-Nutzen Faktor meines ersten Beitrags zu dem Thema Ökonomie des Krieges sich durch den unterschiedlichen Kampfeswillen beider Seiten verändert hätte. Eine Schweiz ohne Bereitschaft zu kämpfen wäre vom Dritten Reich unterworfen worden, ein die USA nicht mit Pearl Harbor zur Weißglut treibendes Japan hätte auf eine USA hoffen können, die zu Verhandlungen bereit gewesen wäre.

Demonstrierter Kampfeswillen ist entsprechend enorm wichtig für die Verteidigung einer Nation, da er abschreckend wirkt. Finnland hat dieses Verständnis 2014 eindrucksvoll belegt. Als Russland die Ukraine überfiel, war die unmittelbare militärische Gegenreaktion dieses Nachbarn Russlands simpel. Sie bestand aus Papier. Aus einem einfachen Brief. Einen Brief vom Verteidigungsministerium, der an alle 900.000 ehemaligen Soldaten im Wehralter verschickt wurde. Ein einziger Brief zeigte Russland damit durch die Blume: „Wenn Ihr das mit uns versucht, werden wir 900.000 Mann aufbieten, um uns zu wehren!““ Angesichts der gemeinsamen militärischen Vergangenheit war dieser eine Brief eine glaubwürdige und effektive Drohung. Finnland zeigte mit diesem Brief, dass es mit seinen 900.000 im Ernstfall einberufenen Soldaten das Land verteidigen und damit die russischen Kosten eines Angriffs enorm nach oben treiben würde. Dass Finnland Russland je militärisch besiegen könnte, glauben weder die Russen, noch die Finnen. Darum geht es jedoch auch gar nicht.

Finnland muss nicht in der Lage sein, in Moskau einzumarschieren, wenn es einen Krieg vermeiden will. Es muss noch nicht einmal in der Lage sein, einen russischen Einmarsch in Helsinki vermeiden zu können. Es muss ausschließlich stark genug sein, um einen russischen Einmarsch in Helsinki zu teuer in russischen Verlusten zu machen. Dies reicht völlig für eine militärische Abschreckung aus.

Wehrpflicht in Deutschland

Dies sei in den Kontext zur aktuellen Debatte um eine WehrpflichtDienstpflicht gebracht. Eine Dienstpflicht ist selbstverständlich abzulehnen. Hier geht es tatsächlich, wie der Name mit erfrischender Ehrlichkeit zeigt, um einen Reichsarbeitsdienst 2.0, der nur über die Maskerade einer Wehrpflicht erfolgen soll. Denn das, was gefordert wird, hat mit einer tatsächlichen Wehrpflicht wenig zu tun. Laut CIA World Factbook erreichen in Deutschland jährlich 405.438 Männer und 384.930 Frauen das wehrfähige Alter. Physisch sind davon etwa 90% im weitesten Sinne zu gebrauchen. Nicht jeder ist zu 30km Märschen in der Lage, aber im Falle eines Levée en masse wären 90% kampfbereit zu machen.
Würde also eine Wehrpflicht von einem Jahr bestehen, würde Deutschland über Nacht ein stehendes Heer von etwa 700.000 Mann haben. Selbst bei kürzeren Dienstzeiten wäre die von Deutschland völkerrechtlich anerkannte Obergrenze der Streitkräfte von 370.000 Mann (davon maximal 345.000 Soldaten der Land- und Luftstreitkräfte) erreicht oder überschritten.
Daher geht es bei der aktuellen Dienstpflicht also eben nicht um eine Wehrpflicht, sondern um genau diesen Reichsarbeitsdienst, weil nur jene eingezogen werden würden, die laut „hier“ rufen. Der Rest würde als von Steuergeldern bezahlter Billigarbeiter in die Sozialbereiche geschickt werden.

Wer nicht glaubt, dass die Bürger Eigentum des Staates sind und dieser daher sklavenhaltergleich frei über sie verfügen darf, muss eine solche Dienstpflicht ablehnen. Freie Bürger dürfen nicht dazu gezwungen werden, als billige Arbeitskräfte in Altenheime zu gehen. Doch dies ist kein Argument gegen eine echte Wehrpflicht.

Eine echte Wehrpflicht kann Sinn machen

Ich sage immer gerne, dass Militärausgaben entweder die wichtigsten oder die dümmsten Ausgaben eines Staates sind. Ein Dazwischen ist kaum möglich. Wer keinerlei militärische Bedrohung hat, der braucht schlicht keine Streitkraft. Denn wenn man davon ausgeht, dass die eigenen Soldaten niemals kämpfen werden, dann ist ein Militär nur eine verdammt teure Karnevalsgruppe. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm, bei dem nicht etwa sinnvolle Tätigkeiten wie Rasen mähen durchgeführt werden, sondern stattdessen noch mehr Geld für hohe Löhne und teures Gerät verschwendet wird. Meine Wahlheimhat Panama hat dies erfreulicherweise eingesehen und verzichtet auf Streitkräfte. Wer hier Uniform trägt, ist Polizist oder Grenzschützer.
Besteht jedoch eine echte militärische Bedrohung, so sind Militärausgaben der wichtigste Ausgabenpunkt überhaupt eines Staates. Wenn Taiwan wegen zu schwachen Militärs in 5-10 Jahren von Rotchina erobert wird, so werden 23 Millionen Chinesen ihre Freiheit verlieren. Alles nur, weil der Staat aktuell sein Geld lieber für Sozialprogramme ausgibt, als für den Selbsterhalt.

Wenn also beurteilt wird, dass die militärischen Bedrohungen, sei es durch Russland, Rotchina und den staatlichen oder nichtstaatlichen Dschihad groß genug sind, dass eine militärische Abwehr vorbereitet werden muss, dann muss auch das entsprechende Militär geschaffen werden.

Dies allein, die militärische Sicherung der individuellen Freiheiten, rechtfertigt eine Wehrpflicht. Dies allein, und eben nicht „so bekommt die Bundeswehr wieder gute Rekruten“, „der Zivildienst wird schmerzlich vermisst“, „das hat noch keinem geschadet“ oder „da lernen sie was fürs Leben“ kann zur Rechtfertigung dienen, die eigenen Bürger für eine kurze Zeit de facto zu versklaven.

Würde es aber unter solchen Umständen zu einer Wehrpflicht kommen, so müsste sie fair sein. Dann dürfte es kein Drücken mehr geben, keinen Zivildienst. Es dürfte noch nicht einmal ein Ausmustern geben. Denn beides war oft genug eine Farce. Mein bester Freund machte Zivildienst, indem er dem Kreiswehrersatzamt gegenüber erklärte, er könne aus Gewissensgründen keine Waffe anfassen. Gleichzeitig war er im Schützenverein. Er hatte schlicht keine Lust auf das Militär. Während ich tauglich gemustert wurde, wurden die besten Sportler der Klasse ausgemustert. Sie waren zwar „fit wie ein Turnschuh“, hatten aber als Fußballspieler vor Jahren mal einen Kreuzbandriss gehabt, was für eine sichere Ausmusterung genügte.

Wenn eine Wehrpflicht kommen würde, so müssten alle eingezogen werden, ohne Unterschied. Israel findet eine Verwendung für unter dem Down-Syndrom leidende Freiwillige. Andere Streitkräfte haben Querschnittsgelähmte aufgenommen. Irgendjemand muss schließlich auch hinter dem Telefon sitzen, UvD machen oder die Wäscherei betreiben.

Wer auch nach einem sicheren Einziehen noch immer kein Gewehr anfassen möchte, der soll während dieser Zeit eben ein gleich schweres Eisenrohr mit sich herumtragen.

Eine solche Wehrpflicht würde, wie oben gezeigt, rund 700.000 Menschen beiden Geschlechts jährlich in Uniform bringen. Deutschland braucht nicht derart viele Soldaten. Entsprechend müsste eine solche Wehrpflicht auf drei Monate Grundausbildung beschränkt werden. Anschließend würde das Land theoretisch irgendwann einen Brief wie Finnland an über 36.000.000 Menschen verschicken können. (Laut CIA-Factbook sind aktuell in Deutschland 18.529.299 Männer und 17.888.543 Frauen im wehrfähigen Alter (16-49)).

Würden für diese Menschen auch die notwendigen Waffen vorgehalten werden, so hätte Deutschland damit ein Abschreckungspotential, das jeden staatlichen Angriff mit nicht-ABC Waffen ausschließen würde.
Drei Monate sind dabei kurz genug, dass es die Jugend nicht allzu lange vom Arbeiten abhält, es raubt den Menschen nur drei Monate ihres Lebens (und natürlich ist das ein Raub von Lebenszeit). Gleichzeitig ist es lange genug, um den so ausgebildeten wenigstens eine rudimentäre Kampfkraft zu verleihen, die damit allerdings schon deutlich höher ist, als bei vielen außereuropäischen Streitkräften. Im Besonderen, wenn diese Reservisten dann durch gut ausgebildete Unteroffiziere und Offiziere geführt werden. Diese ließen sich in der Folge dann tatsächlich leichter werben, denn wer die verpflichtende Grundausbildung überstanden hat, weiß, was ihn erwartet und ob es ihm taugt. Er weiß auch, dass er das meiste Unangenehme bereits hinter sich gelassen hat und wie sehr es ihm ge- oder missfallen hat.

Aus freiheitlicher Sicht hätte es zudem den Vorteil, dass anschließend fast jeder Bürger eine passable Ausbildung an Schusswaffen hätte und so die sich gegen Waffen richtende Stimmung in Deutschland nicht mehr auf 70 Millionen Menschen stützen könnte, die noch nie eine Schusswaffe in der Hand hatten. Würde ich nun ernsthaft beabsichtigen, die Libertären unter meinen Lesern zu überzeugen, so könnte man noch eine anschließende Übernahme der Ordonnanzwaffen durch die Wehrpflichtigen ermöglichen, wie es in der Schweiz der Fall ist. Dort herrscht schließlich auch nicht Mord- und Totschlag, obwohl hunderttausende Sturmgewehre in Privathaushalten lagern. In der Folge hätte nach der Ausbildung jeder, der sich nicht als gemeingefährlich oder geisteskrank erwiesen hat, sein Sturmgewehr zu Hause. Dann wäre durch so eine Wehrpflicht nicht nur der Staat gegen äußere Bedrohungen, sondern auch das Individuum gegen Tyrannei des eigenen Staates effektiv geschützt.

Das wären wenigstens Gründe für eine echte Wehrpflicht. Zu erklären, man bräuchte das Militär wieder als Schule der Nation, ist absurd. Beim Militär kommen weitgehend ausgereifte Menschen an, die in wenigen Monaten nicht zum verantwortungsvollen und ordentlichen Menschen werden, nur weil sie Uniform tragen. Zu solchen Menschen werden sie in den Jahren davor.

Mutti unser

Mutti unser im Kanzleramt,
geheiligt werde deine Zuwanderung.
Dein Reich komme,
Dein Wille geschehe,
wie im Parlament,
so auch in der EU.
Unser täglich Messer gib uns heute.
Und vergib uns unsere Wahl,
wie auch wir vergeben deine Terroristen.
Und fahre uns nicht in Weihnachtsmärkte,
Sondern erlöse uns von den Rechten.
Denn dein ist das Reich
und die Presse
und die Kanzlerschaft in Ewigkeit.

Amen.

 

 

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Die Niederlage Kurdistans ist nur eine Frage der Zeit

Die Kurden im Irak stehen vor der noch ein Stück weit entfernten, aber wohl unvermeidbaren Niederlage.

 

Referendum mit gewissen Ausgang aber ungewisser Zukunft

Mit ihrem Referendum, von dem all ihre Unterstützer abgeraten haben, ja das jeder Unterstützer verhindern wollte, haben sie nicht nur die Integrität des Iraks in Frage gestellt. Sie haben auch in Gebieten abstimmen lassen, die sie nach der Schwäche der Zentralregierung 2014 vor den anrückenden IS-Schlächtern besetzt haben. Gebiete, die sie zwar beanspruchen und in denen es auch signifikante kurdische Bevölkerungsteile gibt, die jedoch nicht Teil des kurdischen Autonomiegebietes waren.

Die irakische Zentralregierung hatte sich bislang wegen anderer Sorgen zähneknirschend damit abgefunden, dass die Kurden das Gebiet besetzt halten, im Besonderen die Region um Kirkuk mit der Millionenstadt und einem wesentlichen Teil der irakischen Erdölförderung. Indem die kurdische Regierung nun aber auch dort über die Unabhängigkeit hatte abstimmen lassen, musste die irakische Regierung reagieren, wollte sich nicht den faktischen Zustand mit ihrer Passivität auch juristisch anerkennen.

 

Die innerkurdischen Konflikte werden offensichtlich

Während irakische Truppen und schiitische Milizen anrückten (vereinzelte Berichte sprechen auch von der Präsenz von iranischen Revolutionsgarden und sogar regulären iranischen Armeeeinheiten – letzteres scheint jedoch unwahrscheinlich, erste sind wohl nur als Berater dabei), gaben Teile der Peschmerga ihre Positionen auf und übergaben sie den Truppen unter der Kontrolle Bagdads.

Einmal mehr zeigte sich, dass „die Peschmerga“ ein Name sein mag, aber keine einheitliche Streitmacht. Vielmehr sind es Parteimilizen. Während die Partei von PDK mit dem Unabhängigkeitsvotum durchsetzte, boykottierten die Anhänger der anderen großen Partei, der PUK, die Abstimmung mehrheitlich. Es waren dann auch die PUK-Peschmerga, die zumindest teilweise „Verrat“ übten und ihre Stellungen den irakischen Truppen preisgaben, während die PDK-Peschmerga aber wohl auch Teile der PUK-Peschmerga gegen die Truppen Bagdads kämpften.

So aber standen irakische Streitkräfte in Kirkuk binnen nur weniger Stunden, was eine Massenflucht von Kurden aus der Stadt auslöste. Die Preisgabe der Front durch PUK-Einheiten zeigt nicht nur die problematisch einzuschätzende Lage der Peschmerga selbst, die von Loyalitätskonflikten genauso geprägt sind, wie von Rivalitäten. Sie zeigt auch, dass das Misstrauen unter den Ethnien so drastisch ist, dass tausende, wenn nicht zehntausende, Kurden es für nötig halten, vor den Truppen der eigenen Regierung zu fliehen. Denn de jure sind sie nicht Teil des Autonomiegebietes und die anrückenden Truppen wären „ihre“.

 

Ein Autonomiegebiet war im Interesse des Auslands

Die kurdische Lage war bis dahin sehr gut. Ihre Anerkennung war weltweit gestiegen und sie wurden inzwischen so weit akzeptiert, dass ihre Milizen sogar von regulären Truppen aus NATO-Staaten ausgebildet wurden, so auch von Deutschland.

Der Weg dorthin war aber weniger durch eigene Kraft erreicht, sondern vielmehr immer auch ausländischer Intervention geschuldet. 1991 erreichten sie ihre Autonomie, weil die Koalition der UNO unter Führung der USA gerade Saddams Truppen in Kuwait zerschlagen hatten und mit einer Flugverbotszone den Einsatz der verbliebenen irakischen Streitkräfte, inklusive der Luftwaffe, verhinderten.

Ab dann war das Autonomiegebiet ein nützliches Instrument zur Schwächung von Saddam Hussein. Ob durch den Iran, auf dessen Seite die PUK gegen Saddams Regierung gekämpft hatte, oder durch den Westen (vor allem den USA und Israel), die so den Irak Saddams nachhaltig schwächten, indem sie ihm der Kontrolle eines Drittels seines Gebietes beraubten. Auch die Türkei konnte mischte hier mit, wenngleich ihre Ziele vielschichtiger waren.

2003 waren die Kurden die lokalen Verbündeten der USA und kurdische Peschmerga marschierten unter Feuerschutz von US-Kampfjets zusammen mit US-Spezialeinheiten gegen die irakischen Streitkräfte. Im anschließend nicht mehr selbst verwalteten Irak waren die Kurden in der Lage, ihre Situation weiter zu stabilisieren. Dies gelang ihnen so gut, dass sie international zunehmend als Vorbild für den Irak galten, während ihre politische Stabilität und ihre angenommene Verlässlichkeit ihr Ansehen weiter steigen ließ.

Nach der anfänglichen Flucht auch von Peschmerga vor den IS-Kämpfern entwickelten sich die Kurden zu wesentlichen Stützen des Kampfes gegen den Islamischen Staat.

 

Ausländische Unterstützer fehlen für die Unabhängigkeit

Seit 1991 hatten die Kurden also ausländische Unterstützer. Nicht immer offen, nicht immer mit ganzem Herzen. Nicht immer wurden Waffen und Munition geliefert, aber doch immer wieder. Seit 2014 wurden dann sogar durch die Bundeswehr Waffen geliefert.

Jetzt hat Masud Barzani jedoch völlig falsch gepokert. Keiner seiner ausländischen Unterstützer wollte sein Referendum und keiner ist bereit, das Resultat zu akzeptieren. Die Türkei, der Iran und der Irak sind nun plötzlich einig darin, einen kurdischen Staat um jeden Preis zu verhindern. Würde es den Irak doch nicht nur die Autonomiegebiete, sondern weitere Teile des Landes kosten, während der Großteil der Kurden noch nicht einmal im neuen Staat lebt, sondern vor allem in der Türkei und dem Iran. Dort würde der stetig schwelende Aufstand türkischer Unabhängigkeitskämpfer (die teilweise terroristisch vorgehen und entsprechend als Terrororganisation bezeichnet werden) dadurch massiv befeuert werden.

Dass Israel das Referendum als wohl einzige relevante Macht begrüßt, ändert nichts. Israel wird den Kurden nicht helfen. Seine Unterstützung dürfte eher gegen die Kurden ausgelegt werden, die sich damit in den Augen der Nachbarstaaten zum „Büttel der Zionisten“ gemacht haben.

 

Ein Überleben des Autonomiegebiets ist in fremden Händen

Jetzt sind also alle ausländischen Unterstützer weg, alle Nachbarstaaten betreiben eine Blockade und alle sind im Ernstfall sogar bereit, militärisch einzugreifen. Der Luftraum über „Kurdistan“ ist von fremden Kampfflugzeugen kontrolliert, die Landgrenzen durch Staaten, die keine kurdische Eigenstaatlichkeit wünschen. Eine nennenswerte Rüstungsindustrie gibt es nicht, womit die kurdischen Streitkräfte einem längeren konventionellen Konflikt nicht gewachsen sein können.

Dass kurdische Autonomiegebiete am Ende wohl doch noch existieren werden, wird weniger an der kurdischen Stärke liegen, sondern vielmehr an der Selbstbeschränkung der Nachbarn. Sicherlich auch auf Druck westlicher Staaten, aber nicht etwa, weil die Kurden jetzt noch selbst dazu in der Lage wären.

Die irakischen Streitkräfte mögen so schlecht sein, wie sie sind. Ihre numerische und materielle Überlegenheit würde alleine schon mittelfristig reichen. Dass der Iran und die Türkei sich im Zweifelsfall beteiligen würden, besiegelt das Schicksal.

Masud Barzani hat hoch gepokert und verloren. Wir werden sehen, wie genau die Details der Niederlage sein werden. Aber die Niederlage selbst ist nur noch eine Frage der Zeit.

 

Jedem an dem Thema interessierten sei die Facebook-Pinnwand von Thomas von der Osten-Sacken nahegelegt. Er ist ein tatsächlicher und echter Experte für das Gebiet mit Jahrzehnten Erfahrung vor Ort.

 

 

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