Warum bedroht Russland die Ukraine wirklich?

Immer mehr Kampfverbände der russischen Streitkräfte marschieren rund um die Ukraine auf, nun auch an der Nordgrenze zu Belarus. Die Gründe für diese militärische Bedrohung eines Nachbarlandes werden jedoch weitgehend missverstanden. Putin ist kein Möchtegern-Hitler, der die Welt erobern will und selbst sein eigener Aufsatz, der den Ukrainern abspricht, ein eigenes Volk zu sein und damit als ideologische Begründung eines irredentistischen Vorgehens dienen könnte, verkehrt meines Erachtens Ursache und Wirkung. Er dient der Rechtfertigung des als notwendig empfundenen und erzeugt diese Notwendigkeit nicht erst.

Putin ist kein irrationaler Akteur

Eigene Annahmen auf den Feind zu projizieren ist ein Kardinalfehler der Militärwissenschaft. Die Motive für das Vorgehen eines Gegners zu erkennen, erörtern und zu erklären, ist dabei kein Zeigen von Verständnis, kein Billigen der Handlungen, sondern essentiell, um adäquat reagieren zu können. Schon Sun Tsu (Sunzi), der Großmeister der Strategie, der übrigens von russischen Offizieren studiert werden muss, sagte schon vor 2.500 Jahren:

Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen. “

Kommentatoren und Leser machen es sich unheimlich einfach, wenn sie den russischen Despoten Putin zu einem Wiedergänger Hitlers oder Stalins erklären; zu einem Dschingis Khan, der einfach nur die Gunst der Stunde nutzen um sein Reich zu erweitern. Während Russland unter Putin bar jeder moralischer Einschränkungen agiert, ist das Verhalten aber dennoch klar rational und aufgrund von strategischen Überlegungen bestimmt.

Der russische Präsident war hoher Offizier von KGB und FSB; Geopolitik und -Strategie waren daher Teil seiner Ausbildung. Während man Putin sicher sehr vieles vorwerfen kann, sollte man nicht den Fehler machen, ihm Dummheit zu unterstellen. Er weiß genau, was er hier tut und was mögliche Konsequenzen sind.

Geographie ist Geopolitik: Russlands strategische Bedrohungen

Russland mag sich von den Grenzen des Baltikums bis nach Wladiwostok am Japanischen Meer erstrecken, von Bedeutung ist jedoch nur der europäische Teil Russlands. Sollte China die ungleichen Verträge von 1858 und 1860 militärisch revidieren und die Äußere Mandschurei, also das Gebiet östlich der Volksrepublik hin zum Japanischen Meer besetzen, so würde Russland zwar einige Rohstoffquellen und ein paar Städte verlieren, es wäre strategisch jedoch nicht bedroht.

In Europa fand jedoch, so Putin 2005 selbst, „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ statt: der Zerfall der Sowjetunion. Dies bedeutete nicht nur einen Machtverlust durch ein um 40 % kleineres Staatsgebiet und rund 100 Millionen weniger Menschen, für den Kern der Sowjetunion, Russland, führte es langfristig zu einer erheblich verschlechterten Sicherheitslage.

Anders als im in zwei Weltkriegen besiegten Deutschland hat man in Russland dem Krieg nicht abgeschworen und glaubt so naiv wie in der BRD, dass wenn man selbst keinen Krieg führt, dies auch niemand sonst tun wird. Russland ist kein Teil des Westens und war es auch nie. Krieg ist immer eine künftige Möglichkeit, auch völlig ohne eigene Aggression. Daher muss der Staat sich darauf vorbereiten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat Russland jedoch seine wichtigste Waffe zum Besiegen von Invasoren aus dem Westen verloren: Die Weite des Raumes. Wann immer ein Invasor aus dem Westen besiegt wurde, ob es nun Napoleon oder Hitler war, wurde die fast unermessliche Weite des russischen Raumes genutzt, um dem Vorstoß des Feindes die Wucht zu nehmen, indem man Land gegen Zeit tauscht. Immer längere Kommunikationslinien, die durch Partisanen und Truppen mit Guerilla-Taktiken bedroht werden, wurden mit einer Politik der verbrannten Erde verbunden, um dem Feind das Heranführen von Nachschub zu erschweren, eine Versorgung aus dem Land zu verunmöglichen und ihn durch zerstörte Infrastruktur zu verlangsamen.

Während die einmarschierende Streitkraft langsam aber stetig ausblutet, verkürzen sich unterdessen die russischen Kommunikationslinien. Reserven, wie auch neu aufgestellte Truppen, haben Zeit sich zu versammeln und ausgebildet zu werden. Diese Taktik hat gegen zwei der ambitioniertesten Feldherren der jüngeren Geschichte, Napoleon und Hitler, funktioniert.

Heute ist Estland nicht nur unabhängig, es ist auch Teil der Nato geworden. Mit dem Auto erreicht man zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels das Zentrum von Sankt Petersburg in nur zweieinhalb Stunden.

Quelle: Google Maps

Vom ukrainischen Hluchiw ist das Zentrum Moskaus in rund sieben Stunden per Auto zu erreichen.

Quelle: Google Maps

Die Zeiten, in denen die Weite des russischen Raums die beiden Herzen Russlands, Sankt Petersburg und Moskau, schützen konnte, sind mit der Unabhängigkeit des Baltikums, von Belarus und der Ukraine vorbei.

Wenn man die Brille der naiven Deutschen ablegt, die fest zu glauben scheinen, dass Krieg abgeschafft wurde, so erkennt man, wieso der Kreml über diese Veränderung der strategischen Lage besorgt ist.

Strategie bedeutet langfristiges denken

Die NATO ist ein defensives Bündnis. Sie hat weder die Absicht, noch die innere Struktur für einen Überfall auf Russland. Russische Sorgen könnten daher aus dem Westen als lächerlich, unbegründet und absurd bezeichnet werden. Ein Staatslenker mit einem Verantwortungsgefühl für das langfristige Wohlergehen seines Landes muss jedoch potentielle Veränderungen der Weltlage bedenken. Für Russen ist dies umso mehr von Bedeutung, als für sie der Zerfall der Sowjetunion tatsächlich eine traumatisierende Veränderung der geostrategischen Lage bedeutet und zudem die Unbeständigkeit aller gefühlten Gewissheiten belegt.

Nichts hat die geographische Sicherheit Russlands mehr verändert – und verschlechtert – als der Zerfall der UdSSR. Dies darf nicht so missverstanden werden, dass der normale Russe dem KGB, den Gulags und der sowjetischen Unterdrückung nachtrauert. Während all dies die Sowjetunion war, bedeutete sie doch genau diese Tiefe des Raumes, die oben erwähnt wurde.

Ein russischer Präsident, der sich nicht in die Arme des Westens werfen und eigene Interessen denen der EU und der NATO (und damit den USA) unterwerfen will, komme was wolle, muss daher zumindest in einer gerne auch fernen Zukunft auf eine echte Bedrohung aus dem Westen vorbereitet sein.

Als jemand, der Putins Intelligenz für gegeben hält, würde es mich nicht im Geringsten wundern, wenn er im privaten Zwiegespräch unter voller Verschwiegenheit sagen würde, dass die NATO natürlich Russland gerade nicht bedroht. Aber, und das ist das Entscheidende, dies könnte sich irgendwann durchaus ändern.

Russland kann keine Ukraine in der NATO dulden

Ein NATO-Beitritt der Ukraine steht nicht mehr unmittelbar bevor und wurde möglicherweise dauerhaft mit der Annexion der Krim verhindert, zumindest, bis Kiew einen Verzicht auf die Halbinsel erklären würde, was zu unseren Lebzeiten aber wohl eher unwahrscheinlich ist. Dazu dienen die beiden „Separatisten-Republiken“ dazu, dass die Ukraine in einem permanenten militärischen Konflikt ist. Nichts, was die meisten NATO-Mitglieder in ihrem Bündnis haben wollen.

Inzwischen ist jedoch nicht nur eine Mehrheit der Ukrainer für den NATO-Beitritt, die Aggressionen Russlands haben auch dazu geführt, dass die demokratische Ukraine im Westen viele Sympathien gewonnen hat. Sympathien, die dazu führen können, dass man dem zweitgrößten Land Europas die Sicherheit in den Armen der NATO anbieten möchte.

Sollte die Ukraine jedoch der NATO beitreten, wäre die ohnehin bereits verschlechterte geostrategische Lage Russlands untragbar. Nicht nur, dass die Ukraine als Nachbarland direkt an das russische Kernland angrenzt, Russland und die Ukraine teilen 1974 km gemeinsame Grenze. Vom Osten des Landes sind es nur 400km nach Wolgograd, wo der Verkehr auf der Wolga unterbrochen und der russische Kaukasus vom Rest des Landes abgeschnürt werden kann. Russland könnte daher im Besonderen an der Ostgrenze der Ukraine im Kriegsfall kein Territorium gegen Zeit tauschen.

Eine Ukraine in der NATO würde auf Dauer zudem zu Stationierungen von NATO-Truppen führen, gerade wenn sich die Beziehungen (weiter) verschlechtern. Russland, das gerade einmal das BIP von Kanada hat, müsste darauf mit massiven Truppenstationierungen reagieren. Selbst wenn nur 100 Soldaten je Kilometer stationiert werden würden, was weitaus zu wenig ist, um einen überraschenden und entschlossenen Vorstoß aufzuhalten, wären das alleine 200.000 Mann nur als Garnison an der Grenze. Verbunden mit der notwendigen Logistik, den notwendigen mobilen Reserven und Luftstreitkräften zur Unterstützung, sowie den Kosten für die Infrastruktur würde eine solche Situation die russischen Möglichkeiten schlicht überschreiten.

Die russischen Streitkräfte wären damit entweder in ihre Gänze zum Dasein als Garnisonstruppen an der ukrainischen Grenze verdammt, was alle anderen Grenzen entblößt und Russland dazu jede Fähigkeit zur Projizierung militärischer Macht woanders nimmt, oder aber Russland müsste seine Streitkräfte massiv aufstocken. Bei einer überalternden Gesellschaft, und einer alleine letztes Jahr um eine Million (!) geschrumpften Bevölkerung ist dies nichts anderes als eine Garantie des Staatsbankrotts.

Russland hat damit praktisch keine andere Wahl, als einen Beitritt der Ukraine mit allen Mitteln zu verhindern!

Dass Putin jetzt handelt, hängt dabei mit der Unterstützung der Ukraine aus dem Westen zusammen. Als russische Truppen zusammen mit Söldnern und Freiwilligen 2014 gegen die Ukrainische Armee kämpfte, waren die ukrainischen Streitkräfte ein Papiertiger, dessen Material eher Altmetall, denn Kriegsgerät war. Nur eine von drei Panzerabwehrraketen detonierte überhaupt, wenn sie einen russischen Panzer traf. Die anderen zwei Mal exponierte sich der ukrainische Schütze, gab seine Position dem Feind bekannt, ohne auch nur eine Chance, Schaden anzurichten. Jetzt wurden in den letzten Jahren, und gerade in den letzten Tagen, mehrere tausend (!) hochmoderne Panzerabwehrraketen geliefert, die auch gegen die modernsten russischen Panzer effektiv sind. Diese Waffenlieferungen, verbunden mit Ausbildung, finden nun seit fast acht Jahren statt und intensivieren sich weiter. Je länger Putin wartet, desto teurer wird eine Invasion der Ukraine. Wo heute vielleicht 10 oder 15.000 Gefallene erwartet werden könnten, sind es in fünf Jahren schon 20 oder 25.000. Das setzt Russland unter Zugzwang.

Russlands langfristige strategische Notwendigkeit: Die Karpaten

Angesichts anhaltender wirtschaftlicher Schwäche und der schrumpfenden Bevölkerung ist eine Neutralisierung oder Einverleibung der Ukraine keinesfalls alles, was Russland aus strategischer Sicht benötigt. Mangels Möglichkeiten zum Unterhalt einer Armee von mehreren Millionen Mann bleibt Russland mittelfristig nur eine Verkürzung der Frontlinie in Richtung Westen.

Die osteuropäische Tiefebene, die in Polen beginnt und bis zum Ural reicht, hat außer Flüssen keine nennenswerten geographischen Barrieren, die militärische Großverbände aufhalten können. Soll ohne eine substantielle Vergrößerung seiner Landstreitkräfte die Zahl der Soldaten je Kilometer Grenze im Westen stabilisiert werden, muss die Grenze verkürzt werden. Dazu muss jedoch nicht nur die Ukraine, sondern auch Belarus und das Baltikum unter Kontrolle gebracht werden. Ob dies mittels Annexion, Bündnis oder freundlich eingestellter Regierung geschieht, ist im Prinzip zweitrangig. Auf Dauer wird eine russische Regierung, ob unter Putin oder nicht, ist dabei irrelevant, an diesem Ziel arbeiten – weil sie daran arbeiten müssen.

„Lage der osteuropäischen Tiefebene und ihrer Landschaften“. Maximilian Dörrbecker CC BY-SA 2.5

All dies heißt nicht, dass man das russische Verhalten goutieren müsste oder dass die Ukraine als souveräner Staat nicht das Recht auf eine selbstbestimmte Außenpolitik hätte, die auch die Wahl eines Bündnisses einschließt. Es erklärt jedoch, wieso Russland tatsächlich Krieg riskieren und verheerende Sanktionen in Kauf nehmen könnte.

Ob es angesichts dessen aber im Interesse der NATO und Deutschlands ist, die Ukraine in die NATO zu holen, ist eine andere Frage. Eine Frage, die hier in Kürze in einem eigenen Artikel erörtert werden wird.

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