Über den Wert von Flugzeugträgern

Nachdem der chinesische Flugzeugträger Liaoning in den letzten Tagen gleich mehrfach durch die Presse ging, scheint es allerhöchste Zeit zu sein, einmal grundlegende Dinge zu Flugzeugträgern zu kommentieren. Flugzeugträger ist nämlich bei Weitem nicht gleich Flugzeugträger.

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Was ist ein Flugzeugträger?

Nach der Definition des Washingtoner Flottenabkommens von 1923 sind Flugzeugträger Schiffe, auf denen Flugzeuge starten und landen können. Da es zur damaligen Zeit noch keine Hubschrauber gab, erforderte diese Fähigkeit ein langes Flugdeck. Theoretisch wären heute also Schiffe schon ab etwa Korvettengröße Flugzeugträger, da sie oftmals wenigstens einen Bordhubschrauber mit sich tragen. Gängig dürfte hingegen die Definition sein, wonach Flugzeugträger Schiffe sind, deren Hauptzweck der Einsatz ihrer Flugzeuge ist. Doch auch hier kann durchaus gestritten werden, sind doch viele kleinere Flugzeugträger als LHD oder LHA klassifiziert. Der Einfachheit halber soll hier eine Definition verwendet werden, die Flugzeugträger als „through-deck-carrier“ definiert, also als Flugzeugträger mit durchgehendem (von Bug bis Heck) Flugdeck.

Erfahrungen beim Bau machen einen Unterschied bei Flugzeugträgern

Flugzeugträger existieren in der einen oder anderen Form seit fast 100 Jahren. Nur zwei Nationen haben seit Anbeginn dieser Zeit immerzu Flugzeugträger der einen oder anderen Form betrieben, die USA und Großbritannien. Während zu Anfang noch ein Deck am Bug und ein Deck am Heck verwendet wurden, entwickelte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit das durchgehende Flugdeck. Nach dem zweiten Weltkrieg kam das angewinkelte Flugdeck hinzu, das ein gleichzeitiges Starten und Landen von konventionellen Flugzeugen ermöglichte.
Im Laufe dieser fast 100 Jahre haben die Flugzeugträger betreibenden Nationen eine Vielzahl an Erfahrungen sammeln können. Diese Erfahrungen führten zu den oben genannten, offensichtlichen, Änderungen in der Bauweise, aber auch zu zahllosen weiteren nicht genannten Modifikationen. Gerade diese Modifikationen sind aber ein Teil dessen, was einen effektiven Flugzeugträger ausmacht. Als Beispiel hierfür soll der Zweite Weltkrieg dienen. Während die Flugzeugträger der japanischen Kriegsmarine geschlossene Hangars hatten, hatten die der Amerikaner teilweise geöffnete. Dies machte die Wartung von Flugzeugen auf hoher See in den Amerikanischen ungemütlicher, erlaubte aber gleichzeitig eine stete Durchlüftung. Gleichzeitig hatten die US-Flugzeugträger ein CO2-System an Bord, mit dem die Treibstoffleitungen für Flugbenzin geflutet werden konnten. Dies führte dazu, dass das hoch brennbare Flugbenzin nicht im ganzen Schiff verteilt sein musste, sobald ein Betankungsvorgang abgeschlossen war. Auf japanischer Seite fehlte eine solche Einrichtung. Die Folge davon war, dass sich die  japanischen Schiffe nach Treffern mit Benzindämpfen füllten, die dazu auch wegen der geschlossenen Hangars nicht abziehen konnten. Die Folge waren Explosionen der Benzindämpfe, welche u.a. zum Verlust der Shōkaku führten. Die Amerikaner hatten solche Probleme nicht.
Solch bauliche Nachteile sind ganz entscheidend für die Schlagkraft von Flugzeugträgern. Während man bei der Konstruktion von Flugzeugträgern einiges aus frei verfügbaren Quellen lernen kann, sind andere Erfahrungen nicht veröffentlicht. Beispielhaft zeigte sich das, als britische MI6-Agenten dabei erwischt wurden, als sie versuchten den im Bau befindlichen französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle auszuspähen. Selbst die verbündeten und befreundeten Nationen Großbritannien und Frankreich teilen nicht alle Informationen. Newcomer wie China müssen dabei zwangsläufig gewaltige Informationsdefizite haben.

Doktrin und Ausbildung sind entscheidend

Doktrin und Ausbildung der Besatzung sind ein weitere Faktor, wieso Flugzeugträger nicht gleich Flugzeugträger ist. Auch hier soll der Zweite Weltkrieg im Pazifik als Beispiel dienen. Während die amerikanischen Flugzeugträger ihre Kampfgeschwader auch an Deck parkten, war dies in Japan unüblich. Der stete Mangel an Flugzeugen machte es schlicht unsinnig, die Flugzeuge der Bordgeschwader der theoretischen Gefahr des Abrutschens von Deck auszusetzen. Während die Wiederbewaffnung von Flugzeugen nach dem Einsatz bei den US-Trägern in der Regel an Deck erfolgte, sah die japanische Doktrin ein Verbringen in die Hangars vor. Dass damit unnötige Zeit verloren ging, erklärt sich von selbst. Entsprechend waren die japanischen Geschwader nicht so schnell wieder einsatzbereit wie die amerikanischen – ein gravierender Nachteil in einer Schlacht mit mehreren Angriffswellen!
Während auf japanischer Seite eine wirkliche Koordinierung der CAP (Combat Air Patrol, also der Verteidigung der Flotte durch Jagdflugzeuge) fehlte, waren die amerikanischen CAPs zentral geleitet und mit Radarunterstützung koordiniert. Gerade in Verbindung mit der Ermangelung von Radar erwies sich dies als gravierender Nachteil in der Schlacht um Midway. Ein weiteres Beispiel für die Schwäche der Doktrin zeigte sich aber auch in der im Frieden gerne missachteten Schadenskontrolle an Bord der Schiffe. Während in der japanischen Marine spezielle Schadensbekämpfungstrupps vorgesehen waren, erhielt jeder amerikanische Matrose eine grundlegende Ausbildung in der Brandbekämpfung und Leckbekämpfung. Während also die japanischen Schiffe nur eine beschränkte Anzahl an Spezialisten hatten, konnte jeder US-Soldat an Bord des Schiffes sofort mit der Kontrolle der Schäden beginnen. Dies sparte wertvolle Zeit und führte auch dazu, dass mehr Leute zur Verfügung waren und nicht ein einzelner Bombentreffer in einen Bereitschaftsraum die ganze Schadensbekämpfungscrew ausschalten konnte.
Auch an einer weiteren Stelle macht die Besatzung den Unterschied: Wenn es um die Effektivität der Einsätze geht. Eine routinierte Besatzung, die von Jahrzehnten Erfahrungsschatz im Betrieb von Bordgeschwadern profitiert, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine höhere Zahl an Kampfeinsätzen per Tag ermöglichen. Eingespielte Teams ermöglichen es, auch auf weite Distanzen schlagkräftige Angriffswellen zu senden, weil eben nicht wegen langsamer Taktung beim Start der einzelnen Flugzeuge die zuerst gestarteten bereits eine große Menge an Treibstoff beim Warten über der Flotte verbrannt haben.
Doch auch die Piloten selbst sind der Doktrin der jeweiligen Streitkräfte unterworfen. Bei Unterschieden kann auch dies einen erheblichen Unterschied in der Schlagkraft ausmachen, wenn z.B. die Doktrin nur große koordinierte Angriffe vorsieht. In einem solchen Fall würden kampfbereite Flugzeuge warten müssen, bis die Masse der Flugzeuge zum Einsatz bereitsteht. Dies kann die entscheidende Zeit kosten. Im umgekehrten Fall kann es hingegen dazu führen, dass die in kleinen Gruppen ankommenden Flugzeuge jeweils nicht in der Lage sind die feindliche Abwehr zu überwinden und hierbei ohne Effekt aufgerieben werden. Für eine wirkliche gute Doktrin ist daher neben einer soliden wissenschaftlichen Vorarbeit vor allem eines unschätzbar: Kampferfahrung.

Blut ist der beste Lehrmeister

Eine wissenschaftliche Herangehensweise ist sicherlich elementar für das Entwerfen von effektiven Ausbildungsprogrammen und zum Erstellen einer erfolgreichen Doktrin. Wieweit Ausbildung und Doktrin die angelegten Erwartungen jedoch auch im Gefecht erfüllen, kann sich erst in diesem beweisen. Zu einem gewissen Grad kann dies in Kriegsspielen simuliert werden, die dabei jedoch immer angelegten Regeln schränken den Wert jedoch zu einem gewissen Grad ein. Eine in der Theorie wunderbar funktionierende Doktrin kann durch einen unerwartet agierenden Gegner völlig nutzlos werden. Daher ist für die tatsächliche Kampfkraft der „scharfe Einsatz“ elementar. Dieser ist jedoch bei einigen Betreibern von Flugzeugträgern, vor allem bei China, nicht erfolgt. Entsprechend ist es keine zu gewagte These, dass die tatsächliche Schlagkraft enttäuschen könnte. Auch die Brasilianer, die China bei der Entwicklung ihrer Flugzeugträger-Erfahrungen geholfen haben, können keine Kampferfahrung vorweisen. Chinas potentielle Gegner, allen voran die USA, hingegen schon.

Auch die Technik selbst kann den Unterschied machen

Zuletzt ist natürlich auch die verfügbare Technik ein wichtiges Element in der Schlagkraft von Flugzeugträgern. Leistungsfähige Katapulte können die auf sie abgestimmten Flugzeuge mit höherer Waffenlast in die Luft bringen, während größere Flugzeugträger Kapazitäten für spezielle Tankflugzeuge haben. Auch wenn die J-15 der Chinesen ein vielversprechendes Modell zu sein scheint und die Serienproduktion wohl bereits anläuft, ist die Frage berechtigt, wieweit sie in Fragen von Bewaffnung und Avionik mit den Flugzeugen der USN mithalten kann.
Kleinere Flugzeugträger haben häufig nur einen Flugzeugaufzug, was den Transport von Flugzeugen aus dem Hangar langsamer macht als bei großen Trägern. Unter Umständen kann auch ein eigentlich auf Hubschrauber ausgelegter Flugzeugträger Probleme bei den Abmessungen der Flugzeuge bekommen, wenn diese kaum noch oder gar nicht mehr auf den Aufzug passen sollten. Es ist nur logisch, dass ein wirklich knapp passender Aufzug den Transport verlangsamt, da ein sorgfältiges Rangieren benötigt wird.

Last but not Least: Die Trägerkampfgruppe und Admirale

Ein Flugzeugträger mag für sich ein eindrucksvolles Gerät sein, doch auch wenn man alle zuvor genannten Probleme überwunden hat, bleibt die Frage der Kampfgruppe selbst. Das Zusammenspiel der Schiffe um den Flugzeugträger ist mindestens so entscheidend wie der Flugzeugträger selbst. Ob in Fragen der Luftraumüberwachung, der Uboot-Abwehr (ASW) oder der Luftabwehr – immer ist der Flugzeugträger auch auf die Unterstützung seiner Begleitschiffe angewiesen. Fehlen hier die speziell darauf zugeschnittenen Schiffe, fehlen die Erfahrungswerte bei ihrem Entwurf, fehlt die Erfahrung in gemeinsamen Operationen – immer wird die Schlagkraft des Flugzeugträgers massiv leiden. Doch auch für so triviales wie ausreichenden Nachschub an Munition und Treibstoff muss stets gesorgt sein, was eine sorgfältige Logistik mit unattraktiven Schiffen wie Flottenversorgern erfordert. Die Effizienz ihres Einsatzes ist wiederum eine Frage von Erfahrung, Doktrin und Übung. Auch hier dürfte auf chinesischer Seite noch enormer Nachholbedarf bestehen.
Zuletzt sollte man auch eines nicht vergessen: die Admirale. Sowohl die Luftoperationen wie auch der Einsatz der Schiffe selbst erfordert eine zentrale Kontrolle durch entsprechend kompetente Offiziere. Da China seinen ersten Flugzeugträger betreibt ist auch hier ein gewisser Zweifel die Kompetenz der Admirale betreffend durchaus angebracht.

Abschließend ist zu sagen, dass China mit der Liaoning einen nominell sicher eindrucksvollen Flugzeugträger in Dienst gestellt hat. Wieweit er sich aber im „scharfen Schuss“ tatsächlich gegen erfahrene Gegner bewährt, wird sich zeigen müssen. Ein Einsatz ist aktuell nur unter Deckung landgestützter Systeme denkbar, was seinen tatsächlichen Wert gewaltig verringert. Sein Einsatzbereich ist damit auf die Umgebung des chinesischen Festlandes beschränkt, womit er zu einem vorgeschobenen Flugfeld wird, nicht mehr. Einem vorgeschobenen Flugfeld, das noch dazu von einem einzigen Uboot versenkt werden kann… Eine übergroße Aufregung ist ensprechend nicht angebracht.

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