Putins Optionen in der Ostukraine

Mit der Ausrufung der „Souveränen Volksrepublik Donezk“ scheint Russland eine neue Gelegenheit gegeben zu werden, gegen die Ukraine vorzugehen und vielleicht weitere Landesteile abzuspalten. Nachdem es zunächst nach einer Entspannung aussah, eskaliert die Lage nun jedoch wieder.

Wladimir Putin, der Präsident Russlands. Foto: www.kremlin.ru.
Wladimir Putin, der Präsident Russlands. Foto: www.kremlin.ru.

Zunächst die Krim

Ob es langer Hand geplant war und tatsächlich der russische Geheimdienst seine Hände im Spiel hatte, als Scharfschützen Demonstranten auf dem Majidan töteten, ist noch nicht geklärt. Es wird vielleicht auch nie belegt werden. Aktuell deutet es darauf hin, dass es Berkut-Polizisten waren. Sowohl Berkut wie auch SBU sind jedoch massiv mit russischen Agenten unterwandert. Klar war jedoch, dass Russland diese Gelegenheit nutzen würde um die Kontrolle über die Krim zu übernehmen, wie ich es bereits am 01. März 2014 angekündigt habe.

Während ich zunächst eine Ausweitung der russischen Intervention befürchtet habe und in meinen Augen auch das Donezbecken und sogar die Südküste um Odessa für mögliche Ziele hielt, hat mich die Argumentation von Stratfor überzeugt, dass eine Invasion der Rest-Ukraine unwahrscheinlich erscheint.

Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze

Während es zunächst auch so aussah, als ob sich Russland mit der Krim zufriedengeben würde, massierte Russland dennoch in der Folgezeit Truppen an den Grenzen der Ukraine. Während in Russland selbst ein Gesetz in Kraft trat das schon den Aufruf zur Sezession mit bis zu drei Jahren Lagerhaft bestraft, wurde ein Gesetz zur Aufnahme von Territorien, auch gegen den Willen des Ursprungslandes selbst, von der Duma beschlossen. Prompt forderte auch das mit Hilfe Russischer Truppen von Moldawien abgespaltete de-facto Regime Transnistrien eine Aufnahme in die russische Förderation. Sein Interesse daran hat Wladimir Putin wohl bereits in einem Telefonat mit Angela Merkel geäußert.

Inzwischen sollen bis zu 50.000 russische Soldaten an der Grenze der Ukraine stehen. Laut Kreml nur für Manöver, tatsächlich aber sind die Truppen zumindest auf eine Invasion vorbereitet, was für sich aber noch keine Absicht belegt. Der Aufbau von Feldlazaretten belegt jedoch eher die Erwartung von Verwundeten als das Stattfinden von Manövern. Dazu sollen Ersatzteile zur Grenze geschafft worden sein, was ebenfalls für Manöver selbst nicht wirklich nötig ist. Auch wenn es Berichte über den Abzug von wenigen hundert Mann gibt, so steht wohl der Großteil der Truppen nach wie vor an der Grenze für einen Einmarsch bereit.

Die wirtschaftliche und militärische Bedeutung der Ukraine für Russland

Die von Stratfor genannte wirtschaftliche Verflechtung der Ostukraine mag Kampfhandlungen dort gefährlich für Russlands wirtschaft machen, die dort ansässigen Firmen sind zugleich aber von enormer Bedeutung für Russlands Militär. Während des Aufbaus der Sowjetunion wurde bei der Etablierung der verschiedenen Betriebe und Zulieferer naturgemäß keine Rücksicht auf die damaligen Teilrepubliken gemacht, die als Standorte ausgewählt wurden.

Dadurch sind auch heute noch alle Militärhubschrauber in russischen Diensten und aus russischer Fertigung auf die Turbinen von Motor Sich angewiesen. Da Triebwerke das Herz eines jeden Flugzeugs sind, wäre ein Lieferembargo durch die Ukraine ein drastisches Problem für Russland. Neben der Lieferung von Turbinen selbst sind aber auch russische Firmen auf zahlreiche Zulieferer aus der Ukraine angewiesen. Ob nun die Flugzeugindustrie, die Teile aus der Ukraine benötigt, der Schiffbau, der ohne die Zulieferer aus dem ukrainischen Mykolayiv massive Probleme bekommen wird, bis hin zu den staatlichen ukrainischen Entwicklungsbüros Pivdenne und Yuzhmash, Russlands Militärindustrie wird ohne die Ukraine geradezu kastriert sein. Gerade die letzten beiden Unternehmen sind sogar für Russlands Atomraketen notwendig, während Yuzhmash für Russlands Raumfahrt essentiell ist.

Doch auch für den Export von Waffen ist die Ukraine in hohem Maße wichtig. Der Großteil der russischen Waffenexporte lief bislang über ukrainische Häfen auf dem Festland. Für Lieferungen in den Nahen Osten und nach Afrika gab es keine kürzere Strecke als aus dem Schwarzen Meer liefernd. Auch wenn ein Verschiffen über St. Petersburg, Murmansk und Wladiwostok möglich ist, stiegen die Liefer- und Versicherungskosten in diesem Falle doch ganz erheblich. Wie weit die Ukraine künftig bei dem Verschicken von russischen Waffen helfen wird, dürfte zurecht fraglich sein.

Die Ukraine ist kein Staat oder aber zumindest eine Förderation

Wladimir Putin soll 2008 zu dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush gesagt haben, dass die Ukraine nicht einmal ein richtiger Staat sei. Inzwischen hat Lawrow erklärt, die Ukraine müsse eine neue Verfassung erhalten, die das Land in einen föderalen Bundesstaat umwandelt.

Neben dem offensichtlichen Herabblicken auf die Ukraine zeigt gerade Lawrows Vorschlag eine Anpassung der russischen Politik an die neuen Gegebenheiten. Nach der Abtrennung der Krim ist klar, dass mit einer ukrainischen Regierung künftig keine Zusammenarbeit mehr möglich sein wird. Selbst eine an sich pro-russische Partei wird sich künftig nicht mehr eng an den Kreml anlehnen können, so lange dieser die Krim besetzt hält. Eine Aufgabe der Halbinsel durch die Ukraine scheint in absehbarer Zeit jedoch völlig undenkbar, egal durch welche Partei. Damit hat Russland sich wegen seiner Handlungen einen Vasallen in einen Feind verwandelt. Um wenigstens noch etwas Einfluss zu sichern, scheint der Vorschlag für die neue Verfassung daher durchaus sinnvoll. Bei möglichst eigenständigen Provinzen könnte Russland einzelnen von ihnen gegenüber Einfluss aufbauen und diese in quasi-Marionetten verwandeln, wenn dort nicht gar ebenfalls Referenden zum Übertritt zu Russland lanciert würden.

Wie weit diese Pläne von Erfolg gekrönt sein werden, ist dabei allerdings unklar, hat Russlands Aggression doch einen Schub von Patriotismus in der Ukraine ausgelöst, der auch die russischsprachigen Teile des Landes erfasst hat. Seine Truppenmassierung könnte in diesem Zusammenhang als Druck gegen die Ukraine für diese neue Verfassung aufgefasst werden. Die mutige Entscheidung der Ukraine, auf diese unverschämte Forderung seinerseits mit der Forderung nach einer Föderalisierung Russlands zu reagieren, dürfte solche eventuell bestehenden Hoffnungen zerschlagen haben.

Und ist der Ruf erst ruiniert…

Wie oben ersichtlich, gäbe es eine Menge Gründe für eine Ausweitung des von Russland kontrollierten Territoriums der Ukraine. Schon jetzt sind Sanktionen in Kraft, würden gesteckte Ziele in der Ukraine in wenigen Tagen erzielt werden, würden diese vielleicht schlimmer werden, am Ende müsste der Westen sich aber dennoch wieder zwischen einem neuen Kalten Krieg und einer Wiederherstellung der Beziehung entscheiden. Wenn es nach der Blaupause von 2008 geht, würden die Sanktionen nach und nach wieder abgebaut werden, wonach Russland sein Staatsgebiet jedoch erheblich ausgeweitet hätte. Zudem könnte Russland mit einem Schließen der nördlichen Nachschubroute nach Afghanistan seinerseits enormen Druck gegenüber der NATO aufbauen, um diese von zu harten Reaktionen nach einer Besetzung abzuhalten. Im Falle einer Schließung bliebe nur noch der Transport über Pakistan, was dem Land ein enormes Potential zur Erpressung der ISAF- und OEF-Nationen gäbe, oder durch Luftversorgung, was ebenfalls finanziell enorm anspruchsvoll wäre. Gleichzeitig könnte Russland die ISS praktisch vollständig lahmlegen, geht aktuell doch nichts ohne russische Sojus-Raketen!

Neben der möglichen Eroberung einer Landbrücke zur Krim oder gar bis Transnistrien würde eine Eroberung der ukrainischen Schwarzmeerküste den verbliebenen Rest des Landes zwar vollends gegen Russland aufbringen, es wäre jedoch einer russischen Erpressung ausgeliefert. Seine Energieversorgung ist momentan von Russland abhängig, ein Hafen für verflüssigtes Erdgas in Odessa soll diese Abhängigkeit in wenigen Jahren verringern oder gar beenden. Würde Russland die ganze Schwarzmeerküste kontrollieren, könnte es nach Belieben das Licht in der restlichen Ukraine an- und abschalten. Eine solche Macht würde das Land effektiv in einen Vasallen des Kreml verwandeln, völlig egal wer nun in Kiew regiert.

Provokationen liefern den Vorwand für einen Einmarsch

Ob die aktuellen Provokationen durch Russland gesteuert sind ist bislang wohl nicht bewiesen, auch wenn es dem Land längst vorgeworfen wird. Dazu ist ein Skype-Mitschnitt des Vordenkers der aktuellen Regierung, Alexander Dugin, aufgetaucht. In diesem instruiert er Separatisten in der Ostukraine zu den Waffen zu greifen. Passend dazu betont der Kreml, man werde seine Bürger auch in Nachbarländern militärisch beschützen, wenn nötig. Die notwendigen Grundlagen für einen Einmarsch wären also geschaffen, wenn sich die, wahrscheinlich durch Russland gesteuerten, Unruhen im Osten der Ukraine noch etwas weiter ausweiten. Dieses Muster hat ja auch schon auf der Krim vortrefflich funktioniert.

Dazu läuft bereits wieder die Propaganda-Maschinerie. So erklärt das staatliche russische RIAN: „Kiew entsendet Blackwater-Söldner zur Unterdrückung der Proteste im Osten der Ukraine„. Nicht nur, dass Blackwater seit Jahren gar nicht mehr existiert, zu glauben die Ukraine bräuchte teuer bezahlte Söldner aus den USA (!) um einige hundert bewaffnete Demonstranten zu verhaften, ist geradezu absurd. Dennoch wird dies im russischen Inland auf aufnahmebereite Leser treffen und im Westen von allen Putin-Apologeten ungeachtet seiner Wahrscheinlichkeit aufgesogen werden.

Auch bei der Krim war von Seiten der russischen Regierung erklärt worden man wolle nicht militärisch intervenieren, wie es Putin und Lawrow nun im Bezug auf die Ostukraine versichern. Anzunehmen dass Russland sich nun plötzlich aus Prinzip an sein Wort hält, wäre jedoch naiv.

Was kann die Ukraine machen?

Die Ukraine hat angekündigt, dieses Mal zu kämpfen. Dank inzwischen über einen Monat Vorwarnzeit dürfte der Bereitschaftsgrad seines Militärs inzwischen merklich gestiegen sein, dazu würde das ukrainische Militär um 40.000 Reservisten und 20.000 Nationalgardisten verstärkt sein. Die Kampfkraft dieser 60.000 Mann ist jedoch durchaus fraglich, da in der Kürze der Zeit das notwendige Training für eine Erstausbildung oder Auffrischung der Fertigkeiten und Kenntnisse kaum umfassend erfolgt sein kann.

Zwar hat die Ukraine durch die Invasion der Krim alleine 45 seiner Mig-29 Kampfflugzeuge durch die Besetzung des Flughafens Belbek verloren, nicht wenige davon waren jedoch eingemottet und ohnehin nicht kampfbereit. Laut RIAN sollen zudem nur 15% der Kampfflugzeuge einsatzbereit sein, die ersten jedoch bereits wieder der aktiven Truppe zugeführt werden. Mit seiner erheblichen Luftfahrtindustrie dürfte es im Land weder an der notwendigen Kompetenz, noch an den Ersatzteilen mangeln. Alleine die finanziellen Mittel fehlten bislang. Angesichts der russischen Bedrohung werden momentan jedoch Berge versetzt, was alleine 160 Flugoperationen nur am 04. April alleine belegen. Wenn die gleichen Anstrengungen auf Seiten des Heeres getan werden, dürfte die Ukraine keineswegs ein so leichter Gegner wie Georgien 2008 werden.

Diesen Eindruck gilt es nun zu verstärken. Neben einer möglicherweise umfassenderen Mobilisierung, einer forcierten Instandhaltung und Wiederherstellung der Kampfbereitschaft und umfangreichen Übungen könnte die Ukraine möglicherweise auch mit „verbrannter Erde“ im Bezug auf die Rüstungsunternehmen drohen (was im Falle einer Durchführung allerdings auch der Ukraine selbst drastisch schaden würde) und ankündigen die Bevölkerung für den Guerillakampf zu bewaffnen, sollten russische Truppen die Grenzen überschreiten.

Angesichts der benötigten Truppenstärke Russlands für eine Besetzung könnte dies möglicherweise ausreichend abschreckend wirken. Nach Berechnungen bräuchte Russland schon 26 bis 133.000 Soldaten nur für eine Kontrolle der Provinzen Donetsk und Luhansk, wenn es einen Guerillakrieg gibt. Für die Landbrücke von der Krim nach Transnistrien wären zwischen 46 und 92.000 Soldaten notwendig. Alle sieben südöstlichen Provinzen würden zusammen bereits zwischen 91 und 317.000 Soldaten benötigen. Für den Fall einer vollständigen Besetzung der ganzen Ukraine würden nach diesen Berechnungen stolze 667 bis 865.000 Mann benötigt werden. Nicht einberechnet sind dabei allerdings die bei der ethnischen Durchmischung zwangsläufig aufkommenden Kollaborateure, während der Widerstandswille der Ukrainer möglicherweise auch nicht mit dem von Dschihadisten zu vergleichen sein dürfte.

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