Nie wieder August 1939

Während West- und Mitteleuropa seit Jahren ihre Streitkräfte beschneiden und verkleinern, ihre Wehretats senken und abrüsten, schärft der polnische Adler seit einigen Jahren wieder seine Klauen. Grund dafür ist eine gefühlte Bedrohung durch Russland, spätestens seit Russlands Krieg mit Georgien 2008. Die Ereignisse in der Ukraine dürften unserem Nachbarn Recht geben.

Polish PT-91 Twardy
Ein polnischer PT-91 Twardy, eine in Polen entwickelte verbesserte Version des T-72,

Das historische Gedächtnis der Polen wiegt schwer

Die Erfahrungen Polens aus dem 20. und 18. Jahrhundert beeinflussen das Land noch heute. Nachdem das Land im 18. Jahrhundert in drei Teilungen vollständig unter seinen Nachbarn aufgeteilt wurde und zu existieren aufhörte, wurde unter Eindruck der Kriegsentwicklung im Ersten Weltkrieg im November 1916 von deutscher Seite ein neues Polen erschaffen, das Königreich Polen. Das unter deutsche Kontrolle stehende Land sollte einen Pufferstaat an der deutschen Ostgrenze bilden.

Als am 11. November 1918 die in Warschau stationierten deutschen Soldaten sich weigerten auf die polnischen Aufständischen zu schießen und entwaffnet wurden, begann die moderne Existenz des Staates Polen. Im Versailler Friedensvertrag anerkannt konnte sich der junge Staat in einem Krieg gegen die Sowjetunion behaupten und sein Territorium vergrößern.

Die Rache dafür folgte in den Augusttagen des Jahres 1939. Im sogenannten Hitler-Stalin-Pakt wurde Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. In der Teheran-Konferenz erfolgte dann der Beschluss Polen nach Westen zu „verschieben“. Sprich, Teile seiner Bevölkerung auf bislang deutsch besiedeltes Gebiet umzusiedeln und die Grenzen neu zu ziehen. Diese als Vierte Teilung Polens bezeichneten Ereignisse prägen das polnische Bewusstsein heute noch immer in erheblichem Maße.

Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben

Dass Russland keine Hemmungen hat offen auf fremdem Staatsgebiet einzufallen und Stücke von ihm herauszutrennen wurde 2008 im Russisch-Georgischen Krieg deutlich. Spätestens als 2009 dann noch der neu gewählte US-Präsident Barack Hussein Obama ausgerechnet am 70. Jahrestag der sowjetischen Invasion Polens die Pläne für die Raketenabwehr auf polnischem Boden einstampfte, setzte in Polen ein merkliches Umdenken ein. Doch schon 2001 war in einem Gesetz die Höhe des künftigen Wehretats auf 1,95% des BIP festgelegt worden, um die Verteidigungsfähigkeit Polens zu erhalten. Dies macht schon alleine deshalb Sinn, weil Polen als Grenzstaat der NATO direkte Außengrenzen mit Nicht-Bündnispartnern hat. Während Deutschland „von Freunden umzingelt“ ist, teilt Polen nicht nur eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine und Weißrussland, sondern über Königsberg sogar mit Russland selbst.

Polens sich hervorragend entwickelnde Wirtschaft hat dabei dazu beigetragen, dass sich das Land steigende Wehretats leisten kann, während im Rest der EU die Etats eher sinken, denn steigen. Neben der sogenannten Komorowski-Doktrin, benannt nach dem aktuellen Präsidenten, die ein zunehmendes Heraushalten aus internationalen Einsätzen bei gleichzeitiger Refokussierung auf die Landesverteidigung vorsieht, arbeitet Polen auch mit Hochdruck an der Modernisierung seiner Verteidigungsindustrie. Bei neuen Aufträgen wird auf lokale Fertigung gepocht, zudem wurden die Rüstungsunternehmen des Landes in der Polish Defense Group (Polska Grupa Zbrojeniowa PGZ) zusammengefasst um eine höhere Effizienz zu erreichen.

Massive Modernisierung der Streitkräfte

Neben einem auf 1,95% des BIP festgelegten Verteidigungsetats wird Polen dazu nach seinem „Modernisierungsplan für die Streitkräfte in den Jahren 2013-2022“ rund 25 Milliarden Euro zusätzlich für neues Material ausgeben. Auf der Einkaufsliste stehen dabei neue Kriegsschiffe und Uboote, Hubschrauber, Panzer und APCs, Kampfflugzeuge, Luftabwehr- und Raketenabwehrsysteme.

Aktuell verfügt Polen über 901 Kampfpanzer. 128 davon sind deutsche Leopard 2A4, 232 sind PT-91 Twardy (siehe Bild oben), eine im Land hergestellte modernisierte Version des sowjetischen T-72. Der Rest der Panzerstreitkraft besteht aus T-72 in vier verschiedenen Varianten, die jedoch zunehmend als veraltet gelten müssen und deshalb gerade aus dem Dienst genommen werden. 379 davon sollen allerdings bis etwa 2018 noch eingelagert und einsatzbereit gehalten werden, bis sie durch Neubeschaffungen ersetzt werden konnten. Damit unterhält Polen heute eine Panzerstreitkraft, die größer ist als die aktiven Bestände von Deutschland, Großbritannien und Frankreich zusammen! Die neueste Bestellung umfasst weitere 105 Leopard 2A5 und 14 Leopard 2A4 aus deutschen Beständen, doch damit nicht genug.

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Der polnische leichte Panzer WPB Anders mit 120mm Kanone. Foto: Pibwl via Wikimedia CC BY-SA 3.0 Lizenz

Leichte Panzer mit hoher Feuerkraft

 Zu den rund 1800 Schützenpanzern in polnischem Bestand zählen aktuell etwa 600 moderne KTO Rosomak, die eine polnische Version des finnischen Patria Radfahrzeuges sind. Der Rest besteht aus sowjetischen BMP-1, die zwar nach wie vor über eine merkliche Gefechtskraft verfügen, aber doch zunehmend den neuen Anforderungen nicht mehr gewachsen sind. Diese etwa 1.200 Schützenpanzer sollen in den kommenden Jahren ersetzt werden. Einerseits durch etwa 300 weitere KTO Rosomak, vor allem aber durch eine polnische Eigenentwicklung, den WPB Anders. Dieses Fahrzeug ist als Multifunktions-Kampfplattform (Wielozadaniowa Platforma Bojowa) ausgelegt und soll dabei neben der Besatzung je nach Konfiguration vier oder acht Infanteristen an Bord transportieren können. Die bis zu 1.000 Stück können dabei in zwei Varianten geliefert werden. Einmal die Schützenpanzerversion mit 30mm Bushmaster-BMK und acht Soldaten als Passagiere oder aber aber als leichter Kampfpanzer mit einer 120mm Ruag CTG Kanone, deren Feuerkraft je nach Munition auch zum Bekämpfen modernster Kampfpanzer geeignet sein wird. Auch diese Version wird noch vier Soldaten als Passagiere transportieren können.

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Der Prototyp des polnischen Stealthpanzers PL-01. Bild: Polnisches Verteidigungsministerium via Wikimedia Commons.

 Eine weitere Eigenentwicklung steht ebenfalls noch zur Debatte, auch wenn bislang keine Kaufentscheidung gefallen ist: Der PL-01 Panzer, der mit seinem Gewicht ebenfalls eher ein leichter Kampfpanzer, denn ein MBT sein dürfte. Als Besonderheit hat diese Entwicklung eine Stealth-Design, das seine Erfassung mit Radar und Hitzesensoren erschweren soll. Wenn sich das Design bewährt könnte der Panzer günstiger als ein schwerer Kampfpanzer sein, durch die geringere Sichtbarkeit aber dennoch seine Überlebensfähigkeit erreichen oder sogar übertreffen.

Luftwaffe und Luftabwehr als größte Baustellen

Größte Schwäche der polnischen Streitkräfte ist, im Besonderen beim Blick auf Russland, jedoch noch immer seine Luftwaffe und Luftabwehr. Während in den letzten acht Jahren drei Staffeln mit modernen F-16C Block 52 beschafft wurden und zusätzlich zu bereits vorhandenen noch von der Bundeswehr modernisierte Mig-29 übernommen wurden, muss doch die veraltete Su-22  bis etwa 2026 in Dienst bleiben. Auch so ist die Luftwaffe mit aktuell 48 F-16C/D, 31 Mig-29 und 32 Su-22 für ein Land seiner Größe ausreichend, im Falle einer Konfrontation mit Russland jedoch zu schwach. Die Su-22 müssen dringend ersetzt werden, eine Entscheidung über das zu beschaffende Gerät steht jedoch noch aus. So oder so würde sich Polen aber wohl in absehbarer Zeit keine Luftwaffe leisten können, die es für sich mit Russland aufnehmen kann. Entsprechend wichtiger wird die Luftabwehr.

Polnischer Schild zur Luftabwehr

Die Aufgabe der geplanten ABM-Systeme in Polen war wie ein Schock für die polnische Gesellschaft. Seine Luftabwehr ist nach wie vor ein größter Schwachpunkt seiner Verteidigungsfähigkeit, eine Abwehr gegen ballistische Raketen wird es nun also nicht durch die USA geben. Entsprechend strebt Polen nun eine eigenständige Modernisierung seiner Fähigkeiten zur Luftabwehr an. Während das in Polen entwickelte GROM MANPAD, eine Weiterentwicklung der sowjetischen SA-18, sich bereits im Georgienkrieg mit den Abschüssen mehrerer russischer Flugzeuge bewährt hat, reichen MANPADS jedoch nicht aus.

Die bislang in polnischem Bestand befindlichen SA-3, SA-5SA-6 und SA-8 stammen allesamt aus den 1960er bis 1970er Jahren und sind somit zwar noch brauchbar, genügen modernsten Anforderungen, gerade im Bezug auf moderne Möglichkeiten der elektronischen Kriegsführung (EW) und auf Cyber-Angriffe, nicht mehr. Entsprechend will Polen einen „Polnischen Schild“ erstellen, der die Luftabwehr auf ein neues Niveau heben wird.

Für den Objektschutz und die Nahbereichsverteidigung wird werden Systeme mit GROM-Raketen zum Einsatz kommen. Neben klassischen MANPADS können die Raketen auch in Viererstartern auf Kraftfahrzeuge montiert werden oder radargelenkten Flugabwehrgeschützen wie die im Westen gebräuchliche Stinger hinzugefügt werden.

Neben weiteren neuen Systemen für die Luftabwehr im Kurz- und Mittelstreckenbereich sollen allerdings auch eigene Mittel zur Abwehr ballistischer Raketen beschafft werden. Heiße Anwärter sind hierbei das MEADS-System, PATRIOT-Raketen und israelische Systeme (David’s Sling und SPYDER). Siehe auch hier.

Während Deutschland seine Flugabwehrkanonenpanzer Gepard, seine Roland- und Hawk-Batterien längst außer Dienst gestellt hat um diese künftig durch MEADS zu ersetzen, wurde in Deutschland die Beschaffung von MEADS nun aufgegeben. Deutschland bleibt damit nur noch die Patriot.

Polen hingegen investiert massiv in die Beschaffung moderner Systeme um seinen Luftraum auch in einem künftigen Konflikt für feindliche Kampfflugzeuge sperren zu können.

Neue Uboote und Hubschrauber

Weitere wichtige Beschaffungen werden aus drei Ubooten bestehen, auch die Transportkapazitäten des Heeres sollen mit 70 neuen Hubschraubern ausgeweitet werden, über deren Typ noch nicht entschieden ist.

Schwierigkeiten für Polens Pläne

Trotz der vernünftigen und wohl durchdachten Pläne erwarten Polen jedoch zwei Probleme in den nächsten zehn Jahren.

Die angestrebte Polonisierung der Rüstung kann zu erheblichen Verzögerungen führen, da die heimische Rüstungsindustrie noch immer nicht auf höchstem westlichen Niveau, das für sich ja nun auch immer wieder von vielen Jahren Verzögerungen geplagt ist, angekommen ist. Mit seiner Zusammenlegung seiner Rüstungsbetriebe könnte der notwendige Schritt zur Rationalisierung und Effizienzsteigerung getan sein, ob diese Maßnahme allerdings die Erwartungen erfüllt muss sich erst noch zeigen.

Mit einem Rüstungsetat von über 10 Mrd Euro 2014 legt Polen hohe finanzielle Maßstäbe an. Die zusätzlich für Beschaffungen eingeplanten 25 Mrd Euro müssen zudem auch erst noch finanziert werden, auch wenn die notwendigen Gesetze dafür unterzeichnet wurden. Sollte Polen durch die Schulden- und Eurokrise wegen des für das Land so wichtigen Absatzmarktes Deutschland und Rest-EU jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, könnten die Pläne noch durchkreuzt werden. Ist Polen jedoch in der Lage diesen beiden Problemen auszuweichen wird eine der schlagkräftigsten Armeen der NATO künftig auch Deutschlands Ostgrenze beschützen.

Polens Entscheidung für den Westen

Polen zeigt sich mit seinen neuen Entscheidungen und Vorhaben im Bereich seiner Verteidigung in bester Kontinuität seiner militärischen Traditionen. Das Land ist im Westen angekommen und hat marktwirtschaftliche Reformen genauso mit offenen Armen angenommen wie die individuelle Freiheit und die Westbindung. Als eine von nur wenigen europäischen Nationen beteiligten sich die polnischen Streitkräfte an der Befreiung des Iraks 2003 und stellten dort bis 2008 Truppen zur Sicherung des Landes zur Verfügung. Auch im Rahmen der Sicherung Afghanistans beteiligte sich Polen und konnte so wertvolle Erfahrungen sammeln.

Wie einst seine geflügelten Husaren am Kahlenberg, so sind die polnischen Streitkräfte auch heute zur Verteidigung des eigenen Landes und seiner Verbündeten entschlossen und bereit. Auch wenn Polen keine unmittelbare Invasion durch Russland zu befürchten hat, so betrachtet es doch die zunehmende Konzentration militärischer Schlagkraft in der Exklave Königsberg genauso mit Sorge, wie die russischen Einfälle in Nachbarstaaten 2008 und 2014. Die dank der ökonomischen Erfolge rasant wachsende Wirtschaft.des Landes erlaubt es ihm, seine Streitkräfte auf ein hohes Niveau zu bringen, während kluge Beschaffungsmaßnahmen seine Schlagkraft merklich ausbauen.

Mit dem zunehmenden Fokus auf die Landesverteidigung schon seit einigen Jahren hat Polen damit den europäischen Trend der Abrüstung umgekehrt und bereitet sich wieder auf konventionelle Kriege vor, die nur einen realistischen Gegner kennen können: Russland.

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