Kundus ist gefallen

 

Kundus ist in die Hände der Taliban gefallen. Wo deutsche Soldaten noch vor wenigen Jahren ein gewaltiges Feldlager mit Flughafen betrieben, sind die letzten afghanischen Soldaten in wilder Flucht getürmt, sofern sie nicht gefangen genommen oder getötet wurden.

Das Ganze war absehbar. Schon 2010 hatten die internationalen Kräfte erklärt, sie würden ihre Kampftruppen 2013/14 abziehen. Zu einem Zeitpunkt, als in Afghanistan noch immer und wieder Teile des Staatsgebietes de facto von den Taliban kontrolliert wurden.

Ich habe schon damals gesagt und geschrieben, dass ein zu einem festen Termin angekündigter Abzug mitten im Krieg nichts anderes als eine mit hoher Wahrscheinlichkeit garantierte Niederlage bedeutet. Bis zu dem Zeitpunkt der Erklärung des Rückzugs hielt ich den Einsatz für richtig. Nach dieser Erklärung war mir klar, dass jeder ab sofort gefallene Soldat umsonst sein Leben lassen würde. Sun Tsu (oder Sunzi) hat gesagt:

Das Vorrücken und der Rückzug der Armee kann vom General in Übereinstimmung mit vorherrschenden Verhältnissen kontrolliert werden. Kein Übel ist größer als Befehle des Herrschers vom Hof.

Der Rückzug aus Afghanistan erfolgte nach den Befehlen des „Herrschers vom Hof“, ungeachtet der vorherrschenden Verhältnisse. Rein aus politischen Gründen. Wollte man den Krieg 2010 aber, völlig ungeachtet der Lage auf dem Boden und erst Recht ohne einen Sieg, beenden, so kannte schon George Orwell die notwendige Formel: „Am schnellsten beendet man einen Krieg, indem man ihn verliert.

Die afghanischen Streitkräfte wollen die Stadt nun zurückerobern. Vielleicht schaffen sie es. Wenn die Eroberung einer Stadt mit 300.000 Einwohnern durch die Taliban jedoch kein Weckruf ist, der auch militärische Konsequenzen der Verbündeten der afghanischen Regierung folgen lässt, so war der ganze Einsatz umsonst. Dann werden alle Gefallen der ISAF-Streitkräfte umsonst ihr Leben gegeben haben. Alle Verwundeten, ob körperlich oder seelisch, werden ihr Leiden umsonst erlitten haben.

Die Lehren, die Deutschland daraus ziehen sollte sind, keine militärischen Abenteuer zu beginnen, deren Ziele nicht realistisch sind und die nicht bis zum Ende unter dem Einsatz aller notwendigen Mittel verfolgt werden. Dies wurde nämlich ebenfalls zu keinem Zeitpunkt gemacht.

Meine Leser werden sich vielleicht daran erinnern, welches Politikum die Entsendung der Marder und PzH2000 war. Von den Tornado ganz zu schweigen. Unsere Soldaten mussten sich über viele Jahre in ihren Feldlagern beschießen lassen, weil die politische Führung ihnen nicht die natürlich vorhandenen Mittel zur Abwehr, also Artillerieaufklärungsradare und Artillerie zur Verfügung gestellt haben. Die größten Verluste an einem Tag wurden am 07.06.2003 erlitten, weil ein ungepanzerter Verkehrsbus Soldaten zum Flughafen transportierte. Zu einem Zeitpunkt, als längst Selbstmordanschläge in Afghanistan üblich waren. In typisch deutscher Arroganz glaubte wohl die Regierung, dass die Taliban aus wundersamen Gründen die Deutschen Truppen verschonen würden. Die Folge waren vier Gefallene und 31 Verwundete.

Der Ehrenhain in Kundus. Hier wurden die in der Provinz gefallenen Kameraden geehrt.
Der Ehrenhain in Kundus. Hier wurden die in der Provinz gefallenen Kameraden geehrt.

Alexej Kobelew, Markus Matthes, Martin Kadir Augustyniak, Robert Hartert, Nils Bruns, Martin Brunn, Oleg Meiling, Alexander Schleiernick, Sergej Motz, Roman Schmidt, Patrick Behlke, Mischa Meier,  Patric Sauer, Matthias Standfuß, Michael Neumann und Michael Diebel sind in der Stadt und in der Provinz gefallen. Mehrere Dutzend ihrer Kameraden ließen im Rest des Landes ihr Leben.

Sie alle haben ihr Leben gegeben, um in Erfüllung ihrer Pflicht in der Bundeswehr den Afghanen eine Zukunft ohne Taliban zu ermöglichen. Lasst uns hoffen, dass ihr Opfer nicht völlig umsonst gewesen sein wird.

2 Antworten auf „Kundus ist gefallen“

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