Deshalb brach die Afghanische Armee zusammen

Die Gründe für den schnellen Zusammenbruch der ANA (Afghan National Army) werden zunehmend deutlicher.

  1. Massiver Fertigkeitsverlust durch den vollständigen Abzug der Amerikaner, vor allem in Bezug auf C4ISR, aber auch was Logistik und Luftunterstützung angeht.
  2. Zerrüttung der Verhältnisse, weil der Abzug aus politischen Gründen vor dem 11. September stattfinden sollte – und damit zum Höhepunkt der Kampfsaison.
  3. In der Folge eine erhebliche Demoralisierung der Streitkräfte.
  4. Essentielle Probleme: miserable Soldatenqualität, Desertion und „Gespenstersoldaten“
  5. Taliban wurden zur Alternative für viele
  6. Privat ausgehandelte Kapitulationen gegen Bezahlung
  7. Politischer Verrat und Feigheit
  8. Verselbständigter Zusammenbruch

Im Moment des völligen Zusammenbruchs lag es nahe, den praktisch nicht existierenden Widerstand der Afghanen gegen den Blitzkrieg der Taliban zu kritisieren. Auch ich habe mich daran beteiligt. Dies war kurzsichtig und damit deutlich zu eindimensional. Wie so oft ist das Problem jedoch vielschichtiger.

Die Zahlen variieren, aber es sind wohl mindestens 50-65.000 Soldaten und Polizisten der ANA und ANP (Afghan National Police) in den letzten 20 Jahren im Kampf gegen die Taliban gefallen. Hätten alle sofort aufgegeben und sich ergeben, wäre es nicht zu dieser Zahl gekommen, vollständige Feiglinge können sie also nicht sein, zumal die Taliban mehrheitlich ja ebenfalls Afghanen sind und sich als zähe und gute Kämpfer erwiesen haben. Feigheit oder völlige Unfähigkeit zu Kämpfen können also nicht der Grund für den Zusammenbruch gewesen sein. Daher lohnt es sich, den Zusammenbruch zu analysieren und die wahrscheinlichen und bekannten Gründe zusammenzutragen.

1. Massiver Fertigkeitsverlust durch den vollständigen Abzug der Amerikaner, vor allem in Bezug auf C4ISR, aber auch was Logistik und Luftunterstützung angeht.

Auch wenn die ANA über Kampfpanzer, Artillerie, Flugzeuge und Hubschrauber verfügt haben mag, so war sie doch noch immer weit davon entfernt, als eigenständige Streitmacht fungieren zu können. In allen Bereichen war die ANA auf Hilfe der USA angewiesen. Ohne ausländische „Contractor“, je nach Einsatz als Söldner oder Vertragsarbeiter zu verstehen, konnten die Flugzeuge und Hubschrauber nicht mehr gewartet werden, womit die Einsatzbereitschaft der fliegenden Einheiten der afghanischen Streitkräfte einem ständigen Verfall unterlagen. Ohne die technischen Fertigkeiten der USA waren Kommunikation und Feindaufklärung massiv erschwert, was ein zeitnahes und effektives Reagieren beeinträchtigte.

Es ist ein berechtigter Kritikpunkt, wenn man sich fragt, warum die ANA nach 20 Jahren noch nicht in der Lage war, ohne fremde Hilfe zu kämpfen, ja sogar noch immer Flugzeugmechaniker aus dem Ausland brauchte. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass es sich bei Afghanistan um ein Land mit enorm hoher Analphabetismusrate von über 50% handelt und nennenswerte Qualitäten im Schulwesen in den letzten Jahrzehnten kaum bestanden. Ein computerisiertes Waffensystem aus dem Ende des 20. Jahrhunderts zu warten ist dabei jedoch nichts mehr, was man mittels „learning by doing“ beherrschen kann. Fehlen die ausreichend gebildeten Rekruten, so ist es schlicht unmöglich, wie in Punkt vier näher erläutert wird.

Wenn dies wie eine billige Entschuldigung klingt, so sollte man sich ins Gedächtnis rufen, wie selbst die hoch entwickelten NATO-Staaten auf die USA angewiesen sind. Als Frankreich und Großbritannien sich 2011 für ein militärisches Eingreifen in Libyen entschieden, war dies keine Entscheidung, die von den USA über die Maßen erbeten wurde. Die USA mussten sich jedoch faktisch beteiligen, weil selbst die beiden Atommächte Frankreich und Großbritannien nicht über alle benötigten Fertigkeiten verfügten. Gleichfalls ist selbst das hochgerüstete Südkorea weiterhin militärisch von den US-Fertigkeiten abhängig, wie natürlich auch Deutschland. Gründe dafür sind in den exorbitanten Preisen modernster Systeme zu sehen die viele Staaten vor die Wahl stellt, auf gewisse Fertigkeiten zu verzichten oder sich in Bezug auf diese auf einen Verbündeten zu verlassen.

Der Verlust dieser Fertigkeiten schwächte damit die Kampfkraft der afghanischen Streitkräfte erheblich und demoralisierte entsprechend.

2. Zerrüttung der Verhältnisse, weil der Abzug aus politischen Gründen vor dem 11. September stattfinden sollte – und damit zum Höhepunkt der Kampfsaison.

Verloren gehende Fertigkeiten kann man ausgleichen und ersetzen, aber man braucht Zeit und Möglichkeiten dazu. Als Joe Biden ins Weiße Haus einzog, erbte er ein Abkommen mit den Taliban, wonach die USA abziehen würden und ein Kompromiss zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung vorgesehen war. Ein solches Abkommen war von Beginn an unwahrscheinlich und basierte auf einer großen Menge Optimismus, um nicht „Naivität“ zu sagen, vonseiten von Bidens Amtsvorgänger Donald Trump.

Statt auf ein Abkommen einzuwirken, das nur unter großem Druck, vor allem militärischen Druck, auf die Taliban überhaupt eine Chance gehabt hätte, erklärte Biden im April 2021, also genau zum Beginn der Kampfsaison, dass die USA zum 11. September des gleichen Jahres das Land verlassen haben würden. Zum Zeitpunkt des Beginns der Kämpfe erklärte der Präsident der USA also, während dieser einen Saison würden alle Fertigkeiten aus Afghanistan abgezogen werden. Ohne die USA zog auch der Rest seine Soldaten ab und ohne die USA flohen auch die „Contractor“ aus dem Land. Um die Lage der USA im Land zu verdeutlichen, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass der letzte US-Soldat vor 18 Monaten in Afghanistan im Gefecht fiel. Ob man dessen eingedenk wirklich jeden Soldaten so schnell abziehen musste, verdeutlicht diese rein politische und keineswegs notwendige Entscheidung.

Afghanischer Soldat

Aus politischen Gründen, des „schönen Datums wegen“ wurde den Afghanen nicht einmal die Ruhepause des Winters 2021/22 gegönnt. Zeit, die man beispielsweise zum Einführen einer Wehrpflicht, zum Wiederaufstellen von Milizen o.ä. hätte nutzen können. Kabul hatte, so indische Webseiten, militärische Hilfe aus Indien erbeten. Schon die Nordallianz sei von indischen Kampfflugzeugen aus Tadschikistan unterstützt worden. Mit mehr Zeit und demonstrierter Kampfbereitschaft hätte sich hier möglicherweise Ersatz für die USA gefunden.

Dies erinnert fatal an den Waffenstillstand des 1. Weltkriegs, als 3.000 Soldaten völlig unnötig fielen, damit die Politiker den Waffenstillstand am „11.11. um 11:11 Uhr“ in Kraft treten lassen konnten.

3. In der Folge eine erhebliche Demoralisierung der Streitkräfte.

Carl von Clausewitz schrieb in „Vom Kriege“, in Kapitel 1 über die Natur des Krieges auf Seite 6f:

Wollen wir den Gegner niederwerfen, so müssen wir unsere Anstrengung nach
seiner Widerstandskraft abmessen; diese drückt sich durch ein Produkt aus, dessen Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich: die Größe der vorhandenen
Mittel und die Stärke der Willenskraft.

Nominell waren die afghanischen Truppen zu Beginn des Jahres stärker als die Taliban, sowohl in der Mannstärke, als auch in der Ausrüstung. Der Abzug der Amerikaner führte jedoch zu einer Demoralisierung, aus den oben genannten Gründen. Nach von Clausewitz wurde es also zunehmend schwerer, den Gegner niederzuwerfen, weil die Willenskraft aufseiten der ANA fehlte, während die Taliban hoch motiviert waren. Sie wussten, dass es nach dem Abzug der Alliierten nur noch eine Frage der Zeit sein müsste, waren also siegesgewiss. Sie hatten die „Stärke der Willenskraft“, die der ANA genommen wurde.

4. Essentielle Probleme: miserable Soldatenqualität, Desertion und Gespenstersoldaten

Die „Islamische Republik Afghanistan“, also das westlich gestützte Afghanistan, hatte keine Wehrpflicht, sondern war eine Armee von Freiwilligen. Dies hatte fundamentale Auswirkungen auf die Kampfkraft und Zusammensetzung der Armee.

Im Land sind über 50% Analphabeten und die Armee kämpft seit langem einen Krieg gegen Landsleute, die behaupten, das Land verbessern zu wollen, wobei sie große Verluste erleidet. Der nicht allzu üppige Sold wurde zuletzt immer unregelmäßiger bezahlt, es gibt Berichte, wonach Soldaten und Polizisten bis zu neun Monate lang keinen Sold erhalten hatten. Unter solchen Umständen gewinnt man naturgemäß einige hochmotivierte Patrioten, die ihr Land verbessern wollen, als Rekruten, gerne mit ausreichender Schulbildung. Diese stellten Teile des Offizierskorps, der Piloten der Luftwaffe und die Kommandoeinheiten, wobei sich gerade letztere viel Respekt bei den verbündeten Streitkräften erworben hatten.

Leider war dies jedoch nicht die Masse der Rekruten, die oftmals mangels Alternativen in die Armee eintraten. Am Ende stellten Schwachsinnige, Analphabeten, Drogensüchtige und Kriminelle einen wesentlichen Teil der Mannschaftsdienstgrade. Dies wurde in zahllosen Berichten und Dokumentationen aus dem Kriegsgebiet festgehalten. Dabei verfügte die Armee noch über besseres Menschenmaterial, als die Polizei, von der gesagt wurde, dass nicht wenige Polizisten unmittelbar nach dem Erhalt ihrer Uniformen illegale Checkpoints zum Ausrauben der Passanten errichtet haben sollen.

Angesichts dieser Umstände, hoher Verluste, fallender Moral und ausbleibender Zahlungen war die ANA massiv von Desertion betroffen. Dem Vernehmen nach musste sie unfassbare 25 % der Mannstärke pro Jahr durch Desertion einbüßen. Nicht wenige davon fanden sich anschließend als Söldner bei der Gegenseite wieder – wo der Sold zuverlässig und regelmäßig floss.

Grund dafür war die im Land grassierende Korruption, die aus politischen Motiven geduldet worden sein muss. So soll mindestens 30 % der nominellen Stärke, örtlich sogar bis zu 70 % der Mannstärke aus sogenannten „Gespenster-“ oder „Geistersoldaten bestanden haben. Also Soldaten, die nur auf dem Papier existierten, damit ihre Vorgesetzten deren Sold für sich in Anspruch nehmen konnten. Wenn also die afghanische Armee 185.000 oder 300.000 Mann stark war, so ist der geneigte Leser in der Lage selbst auszurechnen, wie viele der Soldaten jeweils überhaupt nicht existierten.

Wenn also eine nominell starke Einheit mit der Bewachung einer Provinz beauftragt war, war sie in der Realität möglicherweise sogar numerisch erheblich schwächer als die Taliban, was angesichts ausbleibender Luftunterstützung bei fallender Moral die sichtbaren Folgen hatte.

5. Taliban wurden zur Alternative für viele

Zuletzt wirklich stabil war Afghanistan unter dem Shah, der auch nicht etwa durch eine Revolution eines verhassten Volkes beseitigt wurde, sondern durch den Militärputsch eines machtgierigen königlichen Verwandten. Als Monarch konnte er seine inhärente Legitimation dazu nutzen, die verschiedenen Stämme mit ausreichend Autonomie zufriedenzustellen und gleichzeitig mittels persönlicher Beziehungen die Anführer an sich zu binden. Eine zentralistische demokratische Regierung hatte in einer solch tribalen Gesellschaft erhebliche Autoritätsprobleme, gibt ein Stamm seine Unterstützung alle paar Jahre wechselnden Regierungen doch nur wegen Blutsbande oder finanzieller Unterstützung. Dies erleichterte die Korruption im ganzen Land, weil das Ermöglichen derselben faktische Bezahlung der unterschiedlichen Interessen darstellte. Es mag die Korruption geradezu erfordert haben, um alle Begehrlichkeiten zufriedenzustellen. Hier dürfte ein Grund dafür zu sehen sein, warum gegen die oben genannten „Gespenstersoldaten“ nicht nennenswert vorgegangen wurde, wäre doch ein einfacher Appell der entsprechenden Einheiten Beweis genug gewesen.

Die enorme Korruption auf allen Ebenen der afghanischen Gesellschaft, die durch das stets nachfließende Geld aus dem Ausland ermöglicht und lukrativ wurde, und dabei das Land zerfraß, hatte naturgemäß ihre Folgen im Inneren. Die generell ohnehin radikal-islamisch denkende afghanische Gesellschaft mag in wesentlichen Teilen den Methoden der Taliban nicht zugestimmt haben, die dem zugrunde liegende Ideologie ist der Gesellschaft jedoch nicht vollends fremd.

Sieht man sich den Widerstand gegen den IS im Irak an, so waren es dort vor allem andere Ethnien, die Kurden, und andere Konfessionen, die Schiiten, die einen wesentlichen Teil der Truppen und aufgestellten Freiwilligenverbände stellten, die den IS zurückschlugen. Vor dem Einschreiten der Amerikaner 2001 war der verbliebene Gegner der Taliban in Afghanistan die Nordallianz, die vor allem aus nicht-Paschtunen bestand, die gegen die paschtunischen Taliban kämpften.

Aus dem Irak sind Anekdoten bekannt, wo beispielsweise ein Taxifahrer aus Mossul zwei jezischischen Sexsklavinnen bei der Flucht geholfen haben soll. Er soll ihnen gesagt haben, er empfände den IS als Befreier von dem schiitischen Joch aus Bagdad, aber was sie mit den Jeziden machen, sei dann doch nicht in Ordnung.

Diese Beispiele zeigen einen Erklärungsansatz, warum die Herrschaft der Taliban für zu viele nicht das schlimmste gewesen sein mag, versprach es doch die Korruption zu beseitigen, räuberische ANP auszuschalten und den endlosen Krieg durch friedliche Ordnung zu ersetzen. Wenn die Alternative jedoch nicht zwingend das völlige Ende ist, sondern sogar punktuelle Verbesserungen verspricht, zersetzt es die Wehrkraft. Dies dürfte ebenfalls einen Anteil gehabt haben, auch wenn es zu einfach ist, es darauf zu schieben, ansonsten wären nicht die dramatischen Bilder von Kabul entstanden, wo sich Menschen in ihrer Verzweiflung außen an Flugzeuge klammerten.

6. Privat ausgehandelte Kapitulationen gegen Bezahlung

Das 3rd Commando Kandak der afghanischen Kommandos war in Kandahar stationiert, als ein Journalist von Vice unbeabsichtigt die Einheit begleitete, weil der militärische Zusammenbruch um ihn herum stattfand. Er berichtet eindringlich und zeigt mit Aufnahmen, wie die afghanischen Elitesoldaten begannen, sich um den Flughafen einzugraben, um dort ihr letztes Gefecht gegen die Taliban zu schlagen. Die anderen lokalen Einheiten der ANA waren desertiert, hatten kapituliert, waren übergelaufen oder untergetaucht. Anders als die normalen Einheiten der ANA waren die Kommandotruppen jedoch ernstzunehmende und gute Soldaten, mit signifikanter Kampfkraft.

Doch: statt dort kämpfend unterzugehen, erhielten die Soldaten Nachricht, dass man an höherer Stelle einen „Waffenstillstand“ ausgehandelt habe, der den Abzug der Soldaten vom Flughafen unter Zurücklassung allen schweren Geräts bedeutete. Die Aufnahmen zeigen dann Transportflugzeuge der ANA, die die Soldaten und den Journalisten ausfliegen.

Was von den Beteiligten „Waffenstillstand“ genannt wurde, war in der Realität eine Kapitulation, die weiter oben in der Befehlskette beschlossen wurde. Es könnte in diesem Fall eine militärische Logik dahinter gestanden haben, wie beispielsweise das Erhalten der Truppe zur Verteidigung Kabuls, allerdings bedeutete dieser Rückzug doch massive Verluste an Material, das weitgehend funktionstüchtig in die Hände der Taliban gefallen sein dürfte. Doch selbst wenn man in diesem Fall rationale militärische Gründe suchen mag, so wäre dies eher eine Ausnahme gewesen.

Der große Reichtum der Taliban, die wohl über ein Budget von 1,6 Mrd USD verfügten, legt in einem zutiefst korrupten Land nahe, dass im Rahmen einer allgemeinen Demoralisierung viele Kommandeure gegen einen Geldkoffer die Seiten gewechselt oder zumindest den Abzug durchgeführt haben. Auch hier hat wieder die tribale Struktur Afghanistans eine Rolle gespielt, bei der die Bindung und Verpflichtung dem eigenen Stamm gegenüber deutlich höher und wichtiger ist, als die zur Zentralregierung. Sobald die Zentralregierung dem Untergang geweiht scheint, ist ein Kämpfen um des Kämpfens willen zunehmend unsinnig, weil man sich eben nicht Präsident Ghani im fernen Kabul, sondern den eigenen Leuten verpflichtet fühlt, deren Leben geschont werden soll. Die Washington Post legt diesbezüglich nahe, dass wohl auch viele einfach lieber auf die Gewinnerseite, die durch den Abzug der USA festzustehen schien, wechseln wollten.

Oft seien Stammesälteste zu den in den Städten ausharrenden Soldaten gegangen und haben diesen im Auftrag der Taliban gesagt: „Die Ungläubigen sind besiegt und ziehen ab, jetzt besiegen wir auch Euch. Ihr könnt jetzt kapitulieren und Euch geschieht kein Leid oder wir töten Euch alle.“ Als keine Berichte von Massakern an kapitulierenden ANA-Soldaten auftauchten, fiel die Wahl allzu vielen verzweifelten Soldaten ohne Hoffnung leicht.

7. Politischer Verrat und Feigheit

US-Präsident Biden erbte die stolze Zahl von 2.500 US-Soldaten in Afghanistan, die ihren letzten Gefallen im Gefecht 18 Monate vorher erlitten hatten. Eine Notwendigkeit zum schnellen Abzug bestand also nicht. Doch um das symbolische Datum des 11. Septembers 2021 einzuhalten, entzog er der afghanischen Regierung zum Höhepunkt der Kampfsaison die Unterstützung, wohl wissend, dass dies auch alle Verbündeten und Contractor abziehen würde.

In Bagram sind die US-Truppen den Meldungen zufolge über Nacht abgezogen, ohne die afghanischen Truppen vor Ort überhaupt zu informieren. Sie schalteten den Strom ab und der afghanische Kommandeur vor Ort erfuhr zwei Stunden nach dem Abzug der US-Truppen von deren Flucht. Kann man einen Verbündeten besser demoralisieren?

Auf diesen Verrat eines Verbündeten – die Islamische Republik Afghanistan war immerhin offiziell als „major non-NATO ally“ eingestuft, folgte der Verrat in Afghanistan. An verschiedenen Stellen konnte ich lesen, dass die Regierung Ghani sich um die Entwaffnung der Milizen bemüht habe, auch wenn ich es nicht hinreichend bestätigen konnte. Erklären ließe sich dies nur mit einer völligen Fehleinschätzung, wonach Machtkämpfe innerhalb der Anti-Taliban-Front als größere Bedrohung gesehen wurde, als die Taliban selbst. Auch soll Ghanis Regierung ihr Möglichstes getan haben, um das Aufstellen von Milizen der schiitischen Hazara zu erschweren.

Als der Vormarsch der Taliban an Fahrt gewann, gab es seitens der Regierung keinerlei Versuche, die Bevölkerung zu mobilisieren, von denen mir bekannt wäre. Dem Vernehmen nach hat zumindest die Stadtbevölkerung erhebliche Angst vor den Taliban. Dass Lautsprecherwagen Freiwillige gesucht hätten, um Milizen zur Verteidigung der Städte aufzustellen, wurde nicht berichtet. Dies wäre aber eine Aufgabe der Regierung gewesen, hätte sie ernsthaft um ihr Land kämpfen wollen.

Als die Taliban Kabul erreichten flüchtete der Präsident ins Ausland und überließ dem Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi die Kontrolle – und damit das Desaster. Nicht völlig ohne Bedeutung dürfte dabei sein, dass der afghanische Präsident garantiert über die US-Staatsbürgerschaft verfügt, Multimillionär ist und nun eine glorreiche Zukunft als hoch bezahlter Redner in seiner Funktion als „letzter demokratischer Präsident Afghanistans“ erwarten darf. Als es um die Zukunft seines Landes und seine persönliche Zukunft ging, war das Hemd näher, als die Hose. Sein Argument, dass seine Flucht Blutvergießen in Kabul verhindert habe, mag valide sein, wäscht jedoch den faden Beigeschmack seines Hintergrundes nicht vollends aus.

Der zurückgelassene Mohammadi hat seinen Hintergrund im Pandschir-Tal und im Widerstand gegen die Taliban. Während diese in die Stadt einmarschierten und jeder Verteidigungswille im Zuge der Flucht des Präsidenten zusammenbrechen musste, überließ Ghani seine Verbündeten den Wölfen. Hätte Mohammadi nicht die Flucht ins Pandschir-Tal geschafft, so wäre er möglicherweise bereits hingerichtet oder auf dem Weg in den Tod. Da er jetzt dort den Widerstand organisiert, während das Tal von den Taliban eingeschlossen ist, verzögert er sein Schicksal möglicherweise nur um ein paar Monate.

8. Verselbständigter Zusammenbruch

Dieser letzte Punkt ist einfach erklärt. Wenn der Kampfeswille ausreichend fällt, „brechen“ Einheiten. Moral ist essentiell im Krieg, schließlich wird vom Soldaten erwartet, dass er sich dem Tod stellt und tötet. Beides widerspricht dem Selbsterhaltungs- und Fluchttrieb, muss also widernatürlich erzwungen werden. Eine gebrochene Einheit kann noch über Mannstärke und Material verfügen, ohne den Willen zu deren Einsatz die Schlacht jedoch vorbei.

Sieht man sich die obigen Aufzählungen an, so kann es wenig verwundern, dass sich die Entwicklung ab einem bestimmten Zeitpunkt verselbständigte. Irgendwann war alle Hoffnung vorbei und jeder Soldat, und jeder potentielle Freiwillige, musste sich fragen, ob er in den sicheren Tod gehen wollte, ohne damit wenigstens noch etwas erreichen zu können. Jetzt noch zu fallen würde noch nicht einmal mehr etwas bewirken, wieso also noch kämpfen? Schlussendlich will niemand der letzte Soldat sein, der fällt.

Zivilisten in den Städten wären möglicherweise bereit gewesen, in großer Zahl gegen die Taliban zu kämpfen, aber vonseiten einer zutiefst korrupten Regierung und völlig demoralisierten und überlaufenden Offizieren wurden keine Anstrengungen mehr unternommen, das noch zu organisieren. Dass die Stadtbevölkerung mit Bratpfannen und Nudelhölzern zum Stadtrand läuft, während die Soldaten ihre Uniform ablegen und untertauchen, ist eine unrealistische Erwartung.

Der Artikel geht dabei noch nicht einmal auf taktische Fehler ein, wie beispielsweise eine Zersplitterung der Einheiten in Gebieten, die von den Taliban eingeschlossen und damit von Luftversorgung abhängig waren.

All das erklärt den Zusammenbruch des Widerstands gegen die Taliban und zeigt, dass es keineswegs universale Feigheit war. Ein solches Urteil tut den Betroffenen Unrecht. Nicht zuletzt, weil sich nun der Widerstand im Pandschir-Tal formiert, was eben zeigt, dass sehr wohl noch Afghanen bereit sind zu kämpfen, sogar noch aus erheblich dramatischerer Situation, als vor einigen Tagen.

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