Dann gewinnen die Taliban eben

Update 19.08.2021:
Ich habe in diesem vorschnellen Kommentar sowohl den afghanischen Streitkräften, als auch den Afghanen selbst Unrecht getan und zu hart geurteilt. Auch wenn Kritik angemessen ist, ist das einfache abtun, sie seien alles Feiglinge und hätten nichts Besseres verdient unangemessen, ja böse und dumm. Ich lasse den Eintrag stehen, weil ich zwar Fehler mache, aber zu ihnen stehen kann.
Einen wesentlichen Anteil daran, hatte diese Rede des britischen Veteranen und Abgeordneten Tom Tugendhat, „Those who have never fought for the colors they fly should be careful to critisize those who have.“ Also: „Wer nie für seine Landesfarben gekämpft hat sollte vorsichtig mit der Kritik an denen sein, die es getan haben.“ Er hat Recht.

Hier habe ich versucht, die Gründe für den Zusammenbruch der ANA zu sammeln, der eben weit mehr als nur einfache Feigheit und „die wollen ja die Taliban“ ist.

Update Ende.

Die Taliban haben den Krieg in Afghanistan in wenigen Wochen für sich entschieden. Noch mag es einige Widerstandsnester geben, deren Fall ist jedoch eher eine Frage von Tagen, denn Wochen. Damit übernimmt die Terrororganisation wieder die Herrschaft im Land, nachdem sie 2001 von der Macht und weitgehend aus dem Land gejagt worden war.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gab es keine Alternative zu einer Militäraktion gegen die Taliban, nachdem diese dem Planer der Anschläge, Osama bin Laden, Unterschlupf gewährt hatten und seine Auslieferung verweigerten. In einer Verkehrung der Umstände kollabierten damals die Streitkräfte der Taliban unter der Offensive der Nordallianz, die mit kleinen Gruppen westlicher Spezialkräfte und umfangreichen Luftangriffen unterstützt wurden. Nachdem die Taliban de facto besiegt und das Land unter Kontrolle der neuen Regierung in Kabul war, ging der Westen an das sogenannte „Nation Building“, den Aufbau eines neuen Staatswesens.

Ursprünglich unterstützte ich diesen Einsatz ausreichend stark, dass ich mich beim Kreiswehrersatzamt nach Abschluss meines Studiums unter Nennung meiner PK (Personenkennziffer zur Identifikation von Bundeswehrangehörigen) meldete, um gemäß Ezra Pounds „Wenn ein Mann nicht bereit ist für seine Überzeugungen Risiken einzugehen, dann taugen entweder sie nichts oder er.“ meinen Anteil zu leisten. Dass ich heute nicht traurig bin, nie eine Rückmeldung erhalten zu haben, erklärt sich dabei wohl von selbst.

Während die Taliban langsam wieder an Stärke gewannen und zunächst nur einen klassischen Guerillakrieg mit kleineren Angriffen und Anschlägen und anschließendem Untertauchen führten, wandelte sich der Krieg nach einigen Jahren zunehmend dahingehend, dass die Taliban langsam, aber sicher, wieder Kontrolle über Territorium übernahmen. Trotz Gegenoffensiven, auch unter dem Einsatz zusätzlicher NATO-Soldaten, konnte dieser Trend nicht mehr dauerhaft umgekehrt werden.

Schon der US-Präsident Obama hatte 2012 angekündigt, ein weitgehender Abzug der US-Truppen sei für 2014 geplant, was den Taliban unmissverständlich mitteilte, dass seinen starken westlichen Feinden die Geduld ausgeht und man sie einfach aussitzen können würde. Gleichzeitig hätten die Afghanen damit jedoch genug Vorwarnzeit gehabt, ihre Streitkräfte ernsthaft kampffähig zu machen. Doch selbst das durch einfache Appelle lösbare Problem der sogenannten „Gespenstersoldaten”, also Soldaten, die nur auf dem Papier existieren, damit ihre Vorgesetzten ihr Gehalt kassieren können, wurde niemals adressiert. Obamas beiden Nachfolger, Donald Trump und Joe Biden, setzten diese Politik fort, indem sie den vollständigen Abzug auf den Weg brachten.

Angesichts der sich stetig verschlechternden Sicherheitslage hätte Deutschland seinen Ortskräften schon seit Jahren das Ausreisen ermöglichen sollen, wie 2015 von mir im Monatsmagazin „Liberal“ gefordert. Dass nun eine Terrororganisation mit steinzeitlichem Zivilisationsgrad die Herrschaft übernimmt, ist tragisch und die ersten Beispiele der Siegerjustiz sind wohl schon zu beobachten. Dennoch sollte man über den Sieg der Taliban nicht allzu viele Tränen vergießen.

Mein Artikel im März 2015 in „Liberal“

Ähnlich schlecht ausgerüstete und ähnlich motivierte Kämpfer des Islamischen Staates hatten 2014 den Irak an den Rand des Zusammenbruchs geführt, selbst die Hauptstadt schien im Juni 2014 von der Einnahme durch die Steinzeitislamisten bedroht. Doch als der Irak unter einem vergleichbaren Blitzkrieg wie dem der Taliban heute zu implodieren drohte, standen hunderttausende irakische Männer auf, bildeten die PMF und schlugen den IS mit Unterstützung aus dem Ausland zurück. In beiden Fällen waren gut ausgerüstete Militäreinheiten nach Jahren Ausbildung durch NATO-Soldaten angesichts von Sandalenträgern im Kaftan kollabiert und hatten ihrem weit schwächeren Feind als einzige Widerstandsleistung einen Berg an erbeuteten Waffen hinterlassen.

Anders als 2014 im Irak will in Afghanistan offensichtlich jedoch fast keiner die Taliban bekämpfen. Wo waren die Freiwilligen, die Gräben um Kabul aushuben und um Waffen betteln, damit sie die Taliban zurückschlagen können? Wo waren die Milizen, die lieber sterben, als ihr Dorf, ihr Tal oder ihre Stadt den Barbaren mit den schwarzen Turbanen zu überlassen?

Nach 20 Jahren Militärausbildung durch die besten Soldaten der Welt, nach über 100 Milliarden Militärhilfe in der Form von Waffen, Ausrüstung und Ausbildung fiel die nominell weit stärkere afghanische Armee in sich zusammen, während das Volk keine Ambition zeigte, an ihre Stelle zu treten. Zwanzig Jahre lang bereicherte sich eine Clique an den westlichen Hilfen und suhlte sich in seiner Korruption, darauf vertrauend, dass die NATO es schon richten wird, während das Volk sich seinem Schicksal offensichtlich ergeben hat. Genug junge Männer und genug Waffen für eie Levée en masse hätte es ja im Land gegeben. Sofern denn der Wille dagewesen wäre.

Wenn die Afghanen jedoch kein ausreichendes Interesse am Abwenden einer Herrschaft der Taliban zeigen, warum sollte man dann weitere Milliarden hineinpumpen und pommersche Grenadiersknochen liefern?

Wenn die Afghanen nicht einmal selbst für sich kämpfen wollen, warum sollten „wir“ es dann tun? Es bleibt folglich nur Rückzug oder die offizielle Kolonialisierung, denn wenn man die bewiesene Unwilligkeit des Kampfes gegen die Taliban betrachtet, so kann man nur konstatieren, dass sie entweder die Talibanherrschaft wollen oder unmündig sind, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen und daher weiterhin angeleitet werden müssen. Sprich, kolonialisiert werden müssen. Ein Deutsch-Ostafrika wurde schließlich auch nicht durch die Einheimischen im Ersten Weltkrieg verteidigt, sondern durch die „Schutztruppe“, nur verstärkt durch lokale Söldner.

Solange man aus politischen Gründen ignoriert, dass die Taliban vom pakistanischen Geheimdienst ISI angeleitet, unterstützt und geführt werden und Pakistan statt als Feind, als Verbündeten behandelt, so lange sind die Taliban aber ohnehin nicht vollständig zu besiegen.

Deutschland sollte seine Ortskräfte evakuieren und anschließend die Grenzen für Afghanen schließen. Wer die Taliban nicht mag, der kann sich ja im Ausland zum Soldaten ausbilden lassen und dann mit anderen die Rückeroberung beginnen.

Wenn Afghanistan nun jedoch wieder zum Hort des Terrorismus wird, muss man eben zeitgemäß darauf reagieren. Nicht durch Invasion und einen weiteren Versuch von „Nation Building“, sondern durch eine Rückkehr zu dem einst bewährten Konzept der Strafexpedition. Sollten erneut internationale Terroristen ihre Basis am Hindukusch haben, kann man sich ja an dem Bonmot von Hilaire Belloc orientieren und sagen: „Whatever happens, we have the strategic bomber and they have not.“

Das afghanische Volk hat mit seiner völligen Passivität in den letzten Wochen sein Schicksal gewählt. Wir sollten das respektieren und akzeptieren.

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