Chinas Marco-Polo-Brücke Moment

Shinzo Abe hat in seiner vielbeachteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die aktuelle Situation in Ostasien mit 1914 verglichen. Seiner Aussage zufolge ähnelt das Verhältnis zwischen der VR China und Japan wohl der in Europa am Vorabend des Großen Krieges. Der Ministerpräsident Japans liegt falsch. Tatsächlich kann man die Situation eher mit der der 30er Jahre vergleichen

Marco Polo Brücke
Chinesische Truppen beim Verteidigen der Marco-Polo-Brücke.
Bild: gemeinfrei

 

Rückblick zur Zeit japanischen Hegemonialstrebens

Wenn Abe sich auf die Geschichte beruft, ist ihm vielleicht klar dass die Zeit der Julikrise und davor nicht der beste Vergleich zur aktuellen Situation in Asien ist. Vielmehr dürfte die Lage heute mit der der 1930er Jahre vergleichbar sein. Dort war allerdings Japan der Täter und China das Opfer.

Japan hatte 1894-95 einen ersten Krieg gegen China geführt, bei dem es um die Vorherrschaft über Korea ging und  in dessen Folge Japan auch die Insel Formosa, das heutige Taiwan, annektierte. Die Bedingungen des Friedensvertrags von Shimonoseki wurden anschließend durch die Triple-Intervention europäischer Mächte abgeschwächt, was Japan um Teile seiner Siegesbeute brachte. Darauf folgte 1904-05 der Russisch-Japanische Krieg mit der berühmten Schlacht von Tsushima, in der zum ersten Mal eine asiatische Macht eine Europäische besiegte.

Doch Japans Machtgier war auch mit einer Annexion Koreas noch nicht gestillt. Die Ablenkung der europäischen Mächte während des Ersten Weltkrieges ausnutzend stellte Japan 1915 an China 21 Forderungen, die die Souveränität des Landes weiter drastisch eingeschränkt hätten. Auf die zunächst erfolgende Ablehnung reagierte Japan mit 13 Forderungen, die von chinesischer Seite wegen der inneren Spaltung angenommen wurde.

1931 folgte dann die Mandschurei-Krise. Japanische Offiziere, die durch die vorherigen Verträge auf chinesischen Staatsgebiet in der Mandschurei stationiert waren, verübten einen Anschlag auf die eigene Eisenbahn, um somit die Chinesen aus dem rohstoffreichen Gebiet im Nordosten Chinas zu vertreiben. Nach nur kurzen Gefechten, die vor allem von Japan ausgingen, gaben die Chinesen klein bei und der Kriegsherr Zhang Xueliang befahl seinen Truppen sich nicht zu wehren und zog sich mit Teilen seiner Streitkräfte nach Westen in den noch chinesischen Teil des Landes zurück. Auch wenn es vereinzelten Widerstand gab, so eroberten die Japaner doch in den kommenden fünf Monaten die ganze Mandschurei ohne große Verluste.

Noch während die Japanischen Truppen in der Mandschurei auf dem Vormarsch waren, kam es Anfang 1932 zu einer etwas über einen Monat dauernden Schlacht zwischen japanischen und nationalchinesischen Truppen in Schanghai. Chiang Kai-Shek, der hier im Gegensatz zur Mandschurei tatsächliche Kontrolle ausübte und eingreifen konnte, führte Truppen heran, die sich eine harte Schlacht mit den japanischen Streitkräften lieferten. Ohne schwere Waffen gegen massive japanische Unterstützung aus der Luft und von See aus mussten sich die chinesischen Truppen jedoch geschlagen geben. Der am 5. Mai geschlossene Schanghaier Waffenstillstand war die Folge, der eine demilitarisierte Zone um Schanghai erzwang, von der zwar chinesische, nicht jedoch japanische Truppen betroffen waren.

Die nächste Stufe der Eskalation fand dann 1937 statt, als beginnend mit dem 7. Juli aus einem Missverständnis heraus ein Gefecht an der Marco-Polo-Brücke bei Peking zwischen nationalchinesischen Truppen und der japanischen Armee stattfand. Ein nach zwei Tagen geschlossener Waffenstillstand wurde in den kommenden Wochen immer wieder von beiden Seiten gebrochen, bis der Konflikt schließlich vollends eskalierte. Wie Jay Taylor in seiner hervorragenden Biographie über Chiang Kai-Shek darlegt, hatte dieser noch 1932 gesehen, dass seine Truppen noch lange nicht für eine Konfrontation mit Japan bereit waren. Auch 1937 waren sie es nicht, was Chiang bekannt war. Irgendwann ist jedoch auch für den Unterlegenen die Zeit gekommen zu kämpfen, wenn weiteres Nachgeben nur noch weitere, unverschämtere Forderungen mit sich bringen würde. Dies ist, so Taylor, die in seinen Tagebüchern festgehaltene Erkenntnis Chiangs.

 

 China ist heute der imperiale Akteur

Historische Parallelen zu ziehen ist ein Leichtes. Man hat eine Unmenge an Beispielen vorrätig und kann, vor allem wenn man großzügig ist, leicht Parallelen erkennen. Das Ergebnis muss deshalb noch lange nicht wie im historischen Beispiel aussehen.

Dennoch muss man konstatieren, dass die VR China heute die Rolle einnimmt, die das kaiserliche Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gespielt hat. Wie Japan scheint es eine Salamitaktik zu nutzen. Schon seit Jahrzehnten übt Rotchina mehr und mehr Druck auf seine Nachbarn aus um sich Gebiet anzueignen. So eroberte es 1974 die Paracel Inseln von Südvietnam, 1988 das Johnson-Riff von Vietnam und 1994 das Mischief-Riff von den Philippinen in den Spratley-Inseln. 2012 hat es die Kontrolle über das Scarborough-Riff übernommen. Während sich die Philippinen jeweils der Gewalt beugten, hatten Südvietnam und Vietnam in beiden Gefechten über 120 Gefallene zu beklagen.

Wie bei der berühmten Salami schneidet es nun weiter Scheiben ab. Kaum war die Kontrolle über das Scarborough-Riff übernommen, eskalierte China die Situation im Ostchinesischen Meer. Die nun mit Druck vertretenen Ansprüche auf die Senkaku-Inseln im Ostchinesischen Meer und 2013 die Erklärung einer ADIZ die diese Inseln umfasst, sind in diesem Kontext zu sehen. Wie schon in den Spratley-Inseln, wo auf Bojen mit Hoheitszeichen solche aus Beton folgen, auf die wiederum die Errichtung von Gebäuden folgt, versucht die VR China nun auch in den Senkakus Stück für Stück die Japanische Souveränität zu untergraben.

So flog am 13. Dezember 2012 zum ersten Mal überhaupt ein rotchinesisches Flugzeug in den japanischen Luftraum über den Inseln. Im Februar 2013 gab Japan bekannt, dass ein chinesisches Kriegsschiff im Januar sein Zielverfolgungsradar auf ein japanisches Schiff aufgeschaltet hatte. Bei nur drei Kilometern Entfernung zwischen beiden Schiffen hätte praktisch keine Vorwarnzeit im Falle eines Angriffs durch das chinesische Schiffe bestanden. Auf japanischer Seite ging man auf Gefechtsstation, ein weniger disziplinierter Kapitän hätte möglicherweise präventiv das Feuer eröffnet!

Inzwischen hat Japan die Schaffung einer amphibischen Streitkraft angekündigt, deren offensichtlicher Zweck die Rückeroberung von an China verlorenen Inseln sein soll. Die Zahl der F-15 in der Naha Air Base auf Okinawa wird verdoppelt, während die japanische Regierung angekündigt hat, in japanisches Hoheitsgebiet einfliegende Drohnen künftig abzuschießen. Dies wird u. a. damit begründet, dass Drohnen auf Warnungen nicht reagieren könnten. Dies wurde wiederum mit einer Erklärung von chinesischer Seite quittiert, wonach solch ein Abschuss als Kriegsakt gewertet werden würde.

Wie das kaiserliche Japan beschränkt sich China jedoch nicht nur auf einen Gegner. Wo das kaiserliche Japan sich zwei, im Westen weitgehend vergessene, Schlachten mit der Sowjetunion lieferte, eskaliert auch die Lage an der chinesisch-indischen Grenze in zunehmendem Maße. Entlang der „Line of actual Control“ waren Überschreitungen, vor allem von chinesischer Seite, eine Regelmäßigkeit. Die Zahl der Übertritte auf indisch kontrolliertes Territorium ist jedoch in den letzten Jahren dramatisch angestiegen, dazu kommt die Errichtung eines Biwaks durch die PLA auf indischem Gebiet, was früher undenkbar war. Indien sieht sich dadurch zu massiven Rüstungsanstrengungen und der Schaffung eines neuen Gebirgskorps mit 40.000 Mann gezwungen.

 

Wann kommt es zum Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke?

Man kann aus der Geschichte viel lernen, zwingende Schlüsse lässt sie jedoch nicht zu. Das westliche Vorgehen im Atomstreit mit dem Iran kann man als Appeasement abtun, ein wenig Appeasement hätte in der Julikrise 1914 aber wohl nicht geschadet. Entsprechend ist es alles andere als eine Gewissheit, dass Chinas Politik zwangsläufig zu einem Konflikt führt.

Anders als bei den eingangs genannten Konflikten geht es, von Taiwan abgesehen, vor allem um weitgehend oder vollständig unbesiedelte Gebiete. Der strategische Nutzen der Spratley- und Parcel-Inseln mag enorm sein, liegen dort doch die wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt. Auch die ökonomische Bedeutung ist im Bezug auf die vermuteten Öl- und Gasreserven, wie auch auf die Fischgründe, enorm. Es handelt sich dabei jedoch nicht um Kerngebiete in den Mutterländern der betroffenen Nationen und selbst der Verlust einiger Kilometer indischen Territoriums wäre angesichts der Lage im Himalaja wohl für Indien zu verkraften.

Wie das historische Beispiel aber zeigt, kommt auch bei der Salamitaktik irgendwann der Punkt, an dem die Wurst – um bei diesem Bild zu bleiben – eine weitere Scheibe nicht mehr verkraften kann und will. China zeigt mit seinem Verhalten gerade gegenüber Japan, dass selbst eine für Japan undenkbare Aufgabe der Senkaku-Inseln keine Beruhigung bewirken würde. So erhebt die Volksrepublik in zunehmendem Maße auch Ansprüche auf die ganzen Ryuku-Inseln, inklusive Okinawa!

China schafft es bislang ganz geschickt, Scheibe um Scheibe abzuschneiden. Durch meist nur mit Schiffen der Küstenwache (China Maritime Surveillance CMS) geführte Einsätze wahrt es den Anschein von juristischen und politischen Konflikten, nicht von Militärischen. Entsprechend weigern sich die USA auch weiterhin den Philippinen militärischen Beistand zu versprechen, wie es nicht nur 2012 in Bezug auf das Scarborough-Riff, sondern auch 1994 in Bezug auf die Spratley-Inseln passierte.

Es werden Regeln für die Fischerei erlassen, die jedoch fremdes Territorium betreffen und über fremdem Territorium wird eine ADIZ geschaffen. Auch wenn China bislang erklärt, die Schaffung einer solchen „Identifikationszone zur Luftverteidigung“ (Air Defense Identification Zone) sei in der Südchinesischen See bislang nicht geplant, wird deren Schaffung doch als sicher angesehen, sobald sich die bereits errichtete im Ostchinesischen Meer etabliert hat. Der Kauf von Su-35 Kampfflugzeugen aus Russland könnte dabei in einem Zusammenhang stehen, da sich diese Flugzeuge hervorragend für diesen Einsatz eignen würden.

Erschwerend kommt hinzu, dass Chinas Militär vor Kraft kaum noch zu laufen können scheint. Im Koreakrieg waren es die Soldaten der PLA, die die UN-Truppen unter amerikanischer Führung zurückschlugen, was dem heute deutlich schlragkräftigeren und moderneren Militär Selbstbewusstsein gibt. Schon 1995  ergab eine Studie des US Naval War College, dass China in einem Krieg im Südchinesischen Meer gewinnen würde. Regierungsnahe Zeitungen erklären öffentlich, dass China sechs Kriege in den nächsten Jahren führen müsse und gewinnen werde. Der Politische Kommissar der PLA National Defense University erklärte kürzlich sogar öffentlich, dass die PLA ihre territorialen Ansprüche militärisch, auch mit einem Krieg, durchsetzen solle.

Doch auch eine weitere Parallele ist frappierend: Die PLA scheint inzwischen weitgehend ein Eigenleben entwickelt zu haben. Xi Jinping konsolidiert wohl seine Macht damit, ihr zunehmend freie Hand zu geben, was die immer aggressiveren Methoden des Militärs belegen. Ein Militär mit einem Eigenleben war es letztendlich auch, das Japan 1937 in einen Krieg mit China führte. Große Opposition im eigenen Land braucht das Militär dabei nicht zu fürchten, die Mehrzahl der Chinesen hasst Japaner voller Inbrunst.

 

Die USA betreiben Appeasement

Während China heute zunehmend das Verhalten des kaiserlichen Japan imitiert, zeigt sich wenigstens eine Konstante: die USA. Wie auch in den 30er Jahren sehen sie jeder Handlung des Aggressors weitgehend tatenlos zu und erheben nur gerne mal mahnend den Zeigefinger. Statt zu erkennen, dass die Übernahme des Scarborough-Riffs nur ein weiterer Schritt ist und daher den Philippinen den Rücken zu stärken, macht die US-Regierung seinem Verbündeten gegenüber klar, dass es das Verteidigungsabkommen nicht im Bezug auf das Riff und die Spratley-Inseln geltend sieht.

In den 30er Jahren führte die fehlende Entschlossenheit der USA dazu, dass Japan 1931 die Mandschurei eroberte und dort den Marionettenstaat Mandschukuo errichtete um dann ab 1937 weite Teile Chinas zu erobern, wobei es u.a furchtbare Verbrechen wie das Massaker von Nanking begangen. Weiter und weiter ließ man Japan gewähren, während China kaum militärische Hilfe erhielt. Die logische Folge war die Besetzung von Französisch-Indochina durch Japan 1940. Erst hier, in Europa war der Zweite Weltkrieg bereits in vollem Gange und Frankreich, Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Dänemark, Polen und Norwegen waren von Deutschland erobert, reagierten die USA mit wirtschaftlichen Sanktionen. In der Folge musste sich Japan entscheiden, ob es seine mit Blut und viel Geld bezahlten Eroberungen aufgeben sollte oder aber sich selbst die notwendigen wirtschaftlichen Grundlagen für eine Fortführung des Konfliktes aneignen sollte. Wie die Entscheidung ausfiel ist bekannt. Am 7. Dezember 1941 flogen die Geschwader der Kido Butai einen Überraschungsangriff auf den amerikanischen Marinestützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii.

Vielleicht geht es dieses Mal besser aus…

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