Buchrezension: Im Meer schwimmen Krokodile

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Zug nach Rom. Sie packen Ihre Laptop aus und fangen an zu arbeiten, als sich gegenüber ein junger Mann niederlässt. Seine Kleidung ist abgetragen. Er riecht so, als habe er eine Woche nicht geduscht. Seine Gesichtsform und seine Haut zeigen, dass er aus dem Nahen oder mittleren Osten kommt. Ein „Flüchtling“ also, ein illegaler Einwanderer. Dummerweise haben Sie eine Platzkarte und können sich so nicht wegsetzen, immerhin haben Sie ja für diese Karte bezahlt, damit Sie ihren Sitzplatz haben.

Sie arbeiten also so vor sich hin, als der junge Kerl auf einmal anfängt und „Rum please“ sagt. Sie schauen ihn verstört an. Will der Junge wirklich Rum von mir? fragen Sie sich. Sie sagen: „Keinen Rum!“ und arbeiten weiter. Kurz darauf verlangt er wieder nach Rum. Wieder lehnen Sie ab, doch Sie werden langsam sauer. Immer wieder verlangt der junge Mann nach Rum, bis Ihnen schließlich der Kragen platzt. Sie brüllen ihn an: „Keinen Rum!“ aber haben dann doch Mitleid und gehen zum Zugrestaurant. Sie kaufen ihm eine falsche Coca Cola und kommen zurück. Mit einem „Keinen Rum! Cocoa Cola“ stellen Sie die Flasche vor ihm ab. Es wird noch eine Weile dauern, bis Sie bemerken, dass der Junge eigentlich nur nach Rom will und nicht um Rum bittet.

Was sich nacherzählt weit weniger lustig anhört, ist eine Szene aus „Im Meer schwimmen Krokodile„, in dem Fabio Geda einen afghanischen Flüchtling seine Geschichte erzählen lässt und  abgesehen von wenigem Nachfragen ihn praktisch ungehindert erzählen lässt.

 

Die andere Seite sollte man sich auch ansehen

Mein Bruder schenkte mir das Buch zu Weihnachten, wozu er wörtlich sagte: „Ich wollte Dich ein wenig provozieren.“ Nun, es ist ihm nicht gelungen. Tatsächlich war das Buch erstaunlich flüssig zu lesen und gibt einen interessanten Einblick in die persönlichen Umstände eines Flüchtlings aus Afghanistan. Der junge Mann, der aus dem schiitischen Stamm der Hazara stammt, muss vor den sunnitischen Taliban flüchten, die bei Schiiten keine Hemmungen haben, sie zu töten.

Das Buch erzählt die Geschichte seiner jahrelangen Flucht. Von langen Monaten als Schwarzarbeiter im Iran, wo er am liebsten geblieben wäre, über die Wanderung durch das Grenzgebirge zwischen dem Iran und der Türkei bis hin zur Überfahrt von der Türkei nach Griechenland im Schlauchboot, die Geschichte seiner Reise nach Italien wird unmittelbar und nah geschildert. Er erzählt von den Gefahren, von dem Umgang der iranischen Behörden mit illegal eingereisten Afghanen, von dem Umgang der Schlepper mit den Geschleppten. Er erzählt auch, wie das Prozedere abläuft, was durchaus auch einige Fragen klären kann. So wird das Geld oft eben nicht direkt an die Schlepper gezahlt, sondern der erfolgreich Geschleppte ruft einen Vertrauensmann an, der daraufhin Kontaktleute des Schleppers bezahlt. Interessant sind auch die Geschichten, wie sich die Flüchtenden finanzieren, wie sie unterkommen. Immer wieder auch mit sehr lustigen Anekdoten.

Als jemand, der sich weiß Gott nicht bei der aktuellen Politik zurückgehalten hat, macht es nur Sinn, „audiatur et altera pars“ anzuwenden, also auch die Gegenseite anzuhören. Dieses Anhören muss nicht bedeuten, dass man deshalb seine Politik umkehrt. Deutschland hat ein Recht darauf, seine Grenzen zu kontrollieren. Die Deutschen haben ein Recht, ihre Einwanderung zu kontrollieren und ihr nationales Interesse zu formulieren und umzusetzen. Aber dass es sich bei den Ankommenden eben nicht nur um Sozialschmarotzer handelt, die zum Schmarotzen gekommen sind, ist etwas, dessen man sich bewusst sein sollte. Daran ändert es auch nichts, dass viele der Gekommenen dauerhaft im Sozialsystem enden werden.

Liest man das Buch jedoch, so könnte man beispielsweise daraus lernen, dass die schiitischen Afghanen in der Masse überhaupt nicht her kämen, wenn unsere Politik dafür sorgen würde, dass der Iran, dessen Staatsreligion sie haben, sie aufnimmt, statt sie wie Vieh zu behandeln.

Alles in allem ein wirklich lesenswertes Buch, wenn man auch mal die andere Seite hören möchte.

Das Buch können Sie hier kaufen:

 

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