16 Mal Auschwitz ohne Rückfahrschein

— Update 16.01. 23:17: —

Wie ich erfahre, wollen liebe „Parteifreunde“ diesen Text zu meiner Diskreditierung nutzen. Daher für alle, die schwer von Begriff sind:

Ein Gedenken der Opfer ist wertlos, wenn man die Nachkommen der Opfer zu neuen Opfern werden lässt. Nichts anderes sagt dieser Text aus.

Dergleichen wurde in der Vergangenheit auch schon von Henryk M. Broder geschrieben.

— Update Ende —

Bestätigung

 

Beim Einwerfen von Flyern im Wahlkampf habe ich in der Straße „Am Pleidenturm“ in der Würzburger Innenstadt eine Entdeckung gemacht, die ziemlich Eindruck hinterlassen hat. Jeder kennt die „Stolpersteine“ und jeder Mensch mit Herz denkt auch immer wieder an die Opfer, für die sie stehen. Dennoch war es das Erreichen einer neuen Ebene, als ich 16 Stolpersteine vor einer einzigen Haustür fand. Eine ganze Großfamilie war nach Auschwitz verbracht worden um dort ermordet zu werden.

Deportation in Würzburg

Heute ist der 9. November. Vor 75 Jahren begann die sogenannte „Reichskristallnacht“, als im ganzen deutschen Reich organisierte Pogrome gegen Juden stattfanden. Etwa 400 Menschen wurden ermordet oder in den Selbstmord getrieben, 1.400 Synagogen wurden gezielt zerstört. Mit diesem barbarischen Akt trat die Judenverfolgung in Deutschland in eine neue Phase ein.

 

Taten statt Gedenken!

Dennoch ist heute kein Tag um nur zu gedenken. Man würde es sich viel zu einfach machen, wenn man wie die Allgemeinheit an ein paar Tagen im Jahr den toten Juden gedenkt, um anschließend wieder zum Alltag überzugehen. Statt die Befreiung von Auschwitz zu feiern und der Novemberpogrome zu gedenken, sollte man lieber an die lebenden Juden denken. Tote Juden brauchen viel weniger unsere Solidarität als es die Lebenden tun!

Das iranische Regime wünscht die Durchführung eines atomaren Holocausts an Israel und die meisten Regierungen der Region vertreten die offizielle Politik, die einzige pluralistische Demokratie im Nahen Osten zu zerstören. Die Juden sollen ins Meer getrieben werden ist der Konsens unter fast allen arabischen Nachbarn.

Doch was geschieht? Wir gedenken den toten Juden der Vergangenheit um anschließend uns über ein gestiegenes Handelsvolumen mit dem Iran zu freuen. Henryk M. Broder hat es meines Wissens mal gesagt, dass die Deutschen ihre Juden lieben – vor allem wenn sie tot sind und man Ihrer gedenken kann.

 

Antisemitismus ist alltäglich in Europa

Dabei ist der Antisemitismus alltäglich und am Leben in Europa. Jeden Tag werden Juden angegriffen und beleidigt, keine Synagoge und kein Kulturzentrum kommt ohne Polizeischutz aus. In Europa (z.B. Schweden oder Frankreich), aber auch beispielsweise in Südamerika fliehen die Juden wegen des wachsenden Antisemitismus aus ihren Heimatländern.

Nun wurden Juden in Europa erstmals nach ihren Erfahrungen mit Antisemitismus befragt. Die Studie zeigt erschreckende Ergebnisse.

76% sind überzeugt, dass sich die Situation in den vergangenen fünf Jahren deutlich verschlechtert hat. 21% haben im letzten Jahr antisemitische Vorfälle wie Beschimpfungen, Belästigungen oder körperliche Angriffe erlebt. 2% wurden Opfer antisemitisch motivierter körperlicher Angriffe.

Das heißt, dass jeder fünfte letztes Jahr eine persönliche Erfahrung mit einem Antisemiten machen musste!

 

Antisemitismus ist heute links und muslimisch, aber auch rechts

Auf Seite 27 der Studie wird erläutert, von wem die Juden den Antisemitismus erfahren mussten. Als jemand, der an der Uni über Antisemitismus geforscht hat, überrascht es mich wenig, dass auch Linke und Muslime ganz vorne mit dabei sind. Dennoch sind die Zahlen mit Sicherheit überraschend für Viele:

Die ausgehende verbale Gewalt erfuhren die befragten Juden von: Linken (53%), Muslimen (51%), Rechten (39%) und Christen (19%). Körperliche Gewalt erfuhren die Juden von Muslimen (40%), „Teenagern“ (25%), unbestimmt (20%), Linken (14%) und Rechten (10%). (S. 47)

 

Augen auf, statt vor Andacht schließen!

Statt also die Augen in einer Schweigeminute auf den Boden zu richten, sollten sie lieber allzeit geöffnet sein. Nicht die vor 70 Jahren ermordeten Juden brauchen heute unsere Solidarität, sondern die, die leben! Ob es nun das Eintreten gegenüber antisemitischen und antiisraelischen Diffamierungen im Freundeskreis ist oder ob es gar das körperliche Eingreifen im Falle eines Angriffs ist: DAS wäre ein wahres Gedenken der Schandtaten, die in diesem Land vor einem dreiviertel Jahrhundert passiert sind.

Statt sich pflichtbewusst über tote Juden zu äußern sollte man lieber dafür eintreten, dass das klerikalfaschistische Regime in Teheran nicht seinerseits ansetzt, das Werk unserer Vorväter zu vollenden…

Im Zweifelsfall sollte man sich an Woody Allan halten

Writing an essay against Antisemitism? Fine. But I prefer baseball bats.

Eine Antwort auf „16 Mal Auschwitz ohne Rückfahrschein“

  1. Lieber Torsten! Als Delegierter in Aschaffenburg und Mitglied einer jüdischen Gemeinde verurteile ich infame (und anonyme?) Vorwürfe, die von „Parteifreunden“ erhoben wurden. Es ist für mich und viele andere jüdische Bürger Deutschlands klar, dass ritualisiertes Gedenken (wie es zum Beispiel Mitglieder der Linkspartei praktizieren) und gleichzeitige Verteufelung und Demonisierung Israels, Unterstützung von Hamas und Hisbollah z.B. im Rahmen der Gaza-Flotte, Verkauf von chemischen Komponenten nach Syrien und atomfähigen Zündern nach Iran nicht zusammenpassen. Dazu empfehle ich die Lektüre des Buches „Vergesst Auschwitz“ von Henryk M. Broder. Ich hoffe, dass solche „Parteifreunde“ nur eine unbedeutende Größe in der AFD darstellen. Viele Grüße aus Stuttgart!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.